Die Gefangenen

von Guido Knopp

Buch

Taschenbuch (411 Seiten)

Sprache: Deutsch

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Sibirien wurde zum Synonym für das Elend von elf Millionen deutschen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg. Doch nicht nur in Stalins Lagern wurde ums Überleben gekämpft. Guido Knopp und sein Team verfolgen die Schicksale von deutschen Soldaten in Russland, England, Amerika und Frankreich: ihre Todesmärsche, ihre Überlebensstrategien, ihre Träume und Fluchtversuche. Sie erzählen aber auch die Geschichte von englischen und russischen Kriegsgefangenen im deutschen Machtbereich und beleuchten die Lage von Frauen und Kindern zu Hause. Viele Heimkehrer haben das Erlebte verdrängt und brechen erst jetzt, mehr als ein halbes Jahrhundert später, ihr Schweigen. Deutsche und alliierte Zeitzeugen berichten von Kälte, Hunger, Krankheit und Sterben, aber auch von vorbildlicher Behandlung und von der Hilfsbereitschaft ehemaliger Feinde. Eine umfassende Dokumentation des Lebens hinter Stacheldraht.

Pressestimmen:

»Zeitgeschichte kann spannender sein als jeder Krimi.« Guido Knopp
»Er hat das geniale Gespür für die Themen der Zeit. Bücher verkaufen sich mit seinem Namen.« Michael Jürgs
»Meisterhaft recherchiert, unpathetisch und doch voller Anteilnahme.« Öberöstereichische Nachrichten

Produktdetails

ISBN-10: 3-442-15323-9
EAN: 9783442153237
Erschienen: 01.04.2005
Verlag: Goldmann Taschenbuch
Einband: Taschenbuch
Sprache(n): Deutsch
Seitenzahl: 411
Länge/Breite: 183mm/126mm
Gewicht: 485 g
Reihe: Goldmanns Taschenbücher
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Guido Knopp

Prof. Dr. Guido Knopp war nach seinem Studium zunächst Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und anschließend Auslandschef der Welt am Sonntag. Seit 1984 leitet er die ZDF- Redaktion Zeitgeschichte. Guido Knopp hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter den Jakob-Kaiser-Preis, den Europäischen Fernsehpreis, den Telestar, den Goldenen Löwen, den Bayerischen Fernsehpreis und das Bundesverdienstkreuz.

Stefan Brauburger

Stefan Brauburger ist stellvertretender Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte und seit 1990 Autor und Redakteur für zeitgeschichtliche Dokumentarreihen und Magazine. Zusammen mit Guido Knopp entstanden zahlreiche preisgekrönte Sendungen. Außerdem ist er Lehrbeauftragter für Internationale Politik und Journalistik und Autor zahlreicher Buch- und Zeitschriftenbeiträge.

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Am Ende eines Krieges, der von deutschem Boden ausging, waren elf Millionen deutsche Soldaten in Gefangenschaft der Anti-Hitler-Koalition. Und hunderttausende Zivilisten: Frauen, Kinder, alte Menschen, die als Zivilverschleppte in den Weiten der Sowjetunion Fronarbeiten leisten mussten. Der Großteil einer ganzen Generation weiß aus eigenem Erleben, was es hieß, Gefangener zu sein. Von ihnen kehrten über zehn Millionen heim. Die ersten - ganz alte, sehr junge oder todkranke Gefangene - kamen oft schon in den Wochen nach der Kapitulation nach Hause,- die letzten erst elf Jahre später - nach einer Zeit des Hungers, der Entbehrungen, der Zwangsarbeit. Über eine Million Gefangene sind gestorben. Ihre Spuren haben sich verloren - wie die von ungezählten Soldaten, die bis heute vermisst sind.
Die Heimkehrer haben das Erlebte oft verdrängt. Zu sehr lasteten Erfahrungen auf ihnen, die sie gern vergessen wollten. Heute, sechs Jahrzehnte nach all dem, brechen viele ihr Schweigen, erzählen uns in diesem Buch ihr Schicksal: von der Gefangennahme, dem Weg ins Lager, den Überlebensstrategien, dem alltäglichen Daseinskampf. Sie berichten von Ängsten, Träumen, Fluchtversuchen, Hoffnungen - und von der Heimkehr. Dabei waren ihre Erlebnisse ganz unterschiedlich, ja sogar höchst gegensätzlich. Der Autor weiß etwa aus den Erzählungen seines Vaters, der im Mai 1943 in Tunesien in amerikanische Gefangenschaft geriet und diese bis zum Mai 1946 in so unwirtlichen Gegenden wie Texas, Florida und Kalifornien zu verbringen hatte, was es hieß, dort »Prisoner of War« zu sein: gut bestückte Lagerbibliotheken, samstags neue Filme, täglich Weißbrot, morgens Corn Flakes, mittags Schweinebraten, abends Steaks. Der dünne Junge nahm zwölf Kilogramm zu - was der Heimkehrer im Hungerwinter 1946/47 ganz rasch wieder revidierte. Ganz andere Erinnerungen hat ein Onkel des Autors zu bieten, der als »prisonnier de guerre« in einem französischen Bergwerk knapp dem Hungertod entging.
Die ersten deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkriegs waren in britischem Gewahrsam: meist U-Boot-Männer oder Flieger. Doch nur wenige blieben auf der Insel - und nur dann, wenn sie über kriegswichtige Kenntnisse verfügten, die für die Geheimdienste von Interesse waren. In diesem Buch ist erstmals dokumentiert, dass dies mitunter Informationen waren, die unfreiwillig preisgegeben wurden: Der britische Geheimdienst belauschte etwa die Privatgespräche gefangener deutscher Generale - und hörte unter anderem erstaunliche Debatten über deren Wissen und Nichtwissen-Wollen, was den Judenmord betraf. Die britische Regierung sah die deutschen Kriegsgefangenen in England als Gefahr für die eigene Sicherheit. Bis 1944 gab es in ganz Großbritannien nicht mehr als 2000 Kriegsgefangene,- die Mehrzahl war nach Kanada, Kenia, Südafrika oder gar Australien verfrachtet worden. Erst in den letzten Monaten des Krieges, nach der Landung der Alliierten in der französischen Normandie, füllten sich die Lager auch auf der britischen Insel. Briten und Deutsche hielten sich bei der Behandlung der Gefangenen der jeweils anderen Seite in der Regel an die Genfer Konvention. Und konsequenter als jede andere Macht betrieben die Briten, was sie »Reeducation« nannten: Umerziehung oder Demokratisierung »ihrer« Deutschen. Ein prominentes Beispiel war hier unter anderen der spätere Verleger Wolf Jobst Siedler.
Mit ganz anderen Problemen konfrontiert sahen sich die deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion. Waren bis zur Schlacht um Stalingrad nur wenige zehntausend Soldaten der Wehrmacht in sowjetischem Gewahrsam, so stiegen die Zahlen nach dem Zusammenbruch der Sechsten Armee rasch an. Als General Paulus kapitulierte, waren schon 150 000 seiner Soldaten den Kämpfen, der Kälte und dem Hunger zum Opfer gefallen. 92 000 Mann traten den qualvollen Weg in die Gefangenschaft an. Nur 6000 von ihnen sollten die Heimat wiedersehen. Was sich beide Völker, Deutsche und Russen, während des Krieges antaten, setzte sich in der Gefangenschaft fort. Hitler führte den Vernichtungskrieg im Osten ganz bewusst jenseits des Völkerrechts. Von den 5,75 Millionen sowjetischen Gefangenen in deutschem Gewahrsam starben 3,3 Millionen - mehr als die Hälfte.
Umgekehrt war Stalin trotz des Drucks der Westalliierten nicht bereit, sich zur Haager Landkriegsordnung zu bekennen. Auch die Genfer Konvention hatte die Sowjetunion nicht unterzeichnet.
Die meisten der oft riesigen sowjetischen Gefangenenlager lagen weit hinter der Front. Viele der über drei Millionen deutschen Soldaten, die im
Osten bis Kriegsende gefangen genommen wurden, überlebten schon den Marsch in die Lager nicht. Hunderttausende bezahlten die Todesmärsche bis zur nächsten Bahnstation, die Transporte im offenen Güterwagen, den quälenden Hunger, die absehbaren Seuchen mit dem Leben.
Die Erinnerung der Überlebenden berührt noch heute - zumal sie in den allermeisten Fällen nicht von Hass geprägt ist. Immer wieder ist in den Berichten die Rede davon, wie, bei aller offiziellen Unbarmherzigkeit, die russische Zivilbevölkerung, die selbst oft Hunger litt, den abgerissenen Gefangenen Lebensmittel zusteckte - und das, obwohl die Wehrmacht auf dem Rückzug Richtung Westen Tausende von Bauerndörfern in Brand gesetzt hatte.
Die Rache der Sieger traf Hunderttausende deutscher Zivilisten, die in den letzten Kriegs- und ersten Friedenstagen von sowjetischen Sonderkommandos aufgegriffen wurden. Alter und Geschlecht spielten in der Regel keine Rolle. Viele überlebten die Strapazen des Transports nicht. Erst nach wochenlanger Fahrt erreichten die Verschleppten ihre Bestimmungsorte: Arbeitslager in der Ukraine, in Stalingrad, im Kaukasus und im Ural, am Kaspischen und Weißen Meer, in Sibirien, in Kasachstan und Usbekistan. Viele der Verschleppten waren junge Frauen und Mädchen. Gleichsam als lebende Reparationsleistungen mussten sie für jene Verbrechen büßen, die von Deutschen und in deutschem Namen in der Sowjetunion begangen worden waren.
In den Arbeitslagern war der Tod allgegenwärtig - ob durch Hunger, Krankheit und Verzweiflung. Wohl die meisten der Verschleppten kehrten nicht zurück. Noch immer gilt eine große Anzahl von ihnen als vermisst. Manche wurden anonym bei irgendeinem Lager in den Weiten der Sowjetunion verscharrt, andere fanden noch als kleine Kinder Aufnahme in einer russischen Familie und vergaßen ihre Herkunft - dann wurde aus Paul Pawel, aus Liesabeth Maria. Ihr Schicksal zählt zu den verdrängten und traumatischen Kapiteln des 20. Jahrhunderts.
Den Überlebenden geht es nach eigenem Bekunden nicht um Aufrechnung von Schuld. Wenn frühere deutsche Zwangsarbeiter über ihre tragischen Erfahrungen zu reden beginnen, ist es für viele wohl der erste Schritt auch zur Bewältigung einer Zeit, die manche der Frauen in ihren Träumen noch bis heute heimsucht. Lange wurde dieser Opfer nicht gedacht. Jetzt ist es Zeit, dass sie sprechen.
Alles andere als traumatisch waren in der Regel die Erfahrungen der Deutschen, die ab 1942 in amerikanische Gefangenschaft gerieten. Eingesetzt als Hilfskräfte in militärischen Einrichtungen oder in der Landwirtschaft, ging es diesen Gefangenen so gut wie in keinem anderen Gewahrsam: Es gab Sportveranstaltungen, ja regelrechte Fußballmeisterschaften mit US-Wachen als Fans, es gab Lageruniversitäten, Fernkurse, Konzerte und Theateraufführungen. Die Genfer Konvention, derzufolge die Kriegsgefangenen genauso unterzubringen und zu ernähren waren wie die eigene Truppe, wurde in den USA so exakt eingehalten, dass manche amerikanische Zivilisten protestierten, den Deutschen ginge es besser als ihnen selbst. Erst gegen Ende des Krieges, mit der Entdeckung der Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Bergen-Belsen, änderte sich die Situation. Als die Gefangenen die Todesbilder aus den Lagern vorgeführt bekamen, taten viele dies zunächst als »alliierte Propaganda« ab, weil sie es nicht glauben wollten.

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