Buch
Taschenbuch (378 Seiten)
Sprache: Deutsch
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Harold Cleaver ist ein erfolgreicher Journalist. Gerade erst hat sein Interview mit dem amerikanischen Präsidenten Schlagzeilen gemacht. Doch leider nicht nur das: Sein Sohn hat ein Buch mit dem vielsagenden Titel "Im Schatten des Allmächtigen" veröffentlicht - mit vernichtenden Enthüllungen über den Vater. Grund genug für Harold, von seinem bisherigen Leben Abschied zu nehmen. Er flieht in ein entlegenes Dorf in Südtirol, in eine Hütte "über der Lärmgrenze", in die Stille. Aber reicht die äußere Stille, um die innere Unruhe zu besänftigen?
| ISBN-10: | 3-442-46222-3 |
|---|---|
| EAN: | 9783442462223 |
| Originaltitel: | Cleaver |
| Erschienen: | 08.09.2008 |
| Verlag: | Goldmann Taschenbuch |
| Einband: | Taschenbuch |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 378 |
| Länge/Breite: | 186mm/119mm |
| Gewicht: | 310 g |
| Übersetzer: | Ulrike Becker |
| Reihe: | Goldmanns Taschenbücher |
Tim Parks wurde 1954 in Manchester geboren, wuchs in London auf und studierte in Cambridge und Harvard. Seine Romane wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Somerset-Maugham-Award. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit ist er als Übersetzer (u. a. von Italo Calvino und Alberto Moravia) tätig und unterrichtet Literarisches Übersetzen an der Universität von Mailand. Tim Parks lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Verona.
von Ulrike Seine, am 16.06.2011
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Im Herbst 2004, kurz nach seinem denkwürdigen Interview mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten und dem Erscheinen der in Romanform geschriebenen Autobiografie seines älteren Sohnes, die den unbarmherzigen Titel Im Schatten des Allmächtigen trug, bestieg der Star-Journalist, Fernsehmoderator und Dokumentarfilmer Harold Cleaver in London Gatwick eine Maschine der British Airways nach Mailand-Malpensa, fuhr anschließend mit der italienischen Eisenbahn bis Bruneck in Südtirol und dann mit dem Taxi Richtung Norden in das Dorf Luttach nahe der österreichischen Grenze, von wo aus er sich eine abgelegene Bleibe in den Bergen suchen wollte, um dort die nächsten, wenn auch nicht unbedingt die letzten Jahre seines Lebens zu verbringen. Um dich aus der Verantwortung zu stehlen, war Amandas Kommentar gewesen. Sie ist die Mutter seiner Kinder. Die Verantwortung eines Mannes in meiner Lebensphase, erklärte der bedeutende und übergewichtige Harold Cleaver seiner Partnerin nach dreißig gemeinsamen Jahren, kann höchstens eine finanzielle sein, und in Umsetzung eines nur wenige Stunden alten Entschlusses überschrieb er ihr eine sehr beachtliche Geldsumme, die weder sie noch ihre drei lebenden Kinder im Augenblick dringend brauchten, außer vielleicht der jüngere Sohn Phillip, der ständig Geld brauchte, aber nie etwas annahm.
Nachdem Harold Cleaver am nächsten morgen, immer noch leicht benebelt von seinem folgenschweren Schritt, in den Zug nach Gatwick eingestiegen war, schaltete er seine beiden Handys aus. Dies ist nicht einfach eins deiner vielen Projekte, sagte er sich noch einmal. Er saß einem jungen Mann mit CD-Spieler gegenüber, dessen Lippen sich lautlos bewegten. Diesmal willst du nicht, wie bei anderen längeren Reisen, ein Buch schreiben oder einen Dokumentarfilm drehen. Der junge Mann, stellte er fest, hatte einen glasigen Blick. Gott sei Dank hat er mich nicht erkannt. Der CD-Spieler surrte. Das kulturelle Umfeld Südtirols, wie immer es sich auch darstellen würde, sagte sich Cleaver entschlossen, muss weder analysiert noch ironisiert, kritisiert oder gepriesen werden. Eine Tonbandstimme kündigte das Schließen der Türen an. Aus dem Leben in einer einsamen Berghütte musste weder eine Geschichte noch eine Serie werden. Auch kein neues Walden. Der Zug setzte sich in Bewegung. Die Themse lag plötzlich unter ihnen, dann hinter ihnen. Der vertraute Anblick von Südlondon verschwand mit wachsender Geschwindigkeit in der Ferne.
Und es geht auch nicht darum, irgendwelche Empfehlungen zu geben, überlegte Cleaver eine Stunde später immer noch, während ihn der Flughafen-Shuttle zum Terminal zwei brachte, oder angeblich gewonnene Erkenntnisse nach Hause zu berichten. Er hatte Glück und bekam ein Ticket für einen unmittelbar bevorstehenden Flug. Kein Gepäck, erklärte er. Nichts. Nichts, murmelte Cleaver noch einmal, als er seinen Sicherheitsgurt festzog, das zur öffentlichen Diskussion beitragen könnte, wird von dieser Reise mitgebracht werden. Nach all den Jahren als prominenter öffentlicher Redner würde er sich nun von dieser Rolle verabschieden. Denn das ist der außergewöhnliche Gedanke, der sich in diesen letzten, von trauriger Berühmtheit und privatem Tumult geprägten Tagen Harold Cleavers bemächtigt hat: Ich muss endlich die Klappe halten.
Im Zug von Mailand nach Verona saß Cleaver mit einer jungen Frau im Abteil, die sich in eine Lektüre vertieft hatte, die nach einer fotokopierten Marktforschungsstudie aussah. Sie enthielt Säulendiagramme, und er bemerkte den Zwischentitel Bacino di afflusso. Ihre Augen glitten über das Gedruckte und hielten hier und da zögernd inne, ehe sie mit einer schnellen, raubvogelartigen Handbewegung ein Wort oder einen Teilsatz unterstrich. Etwa alle fünf Minuten schob sie geistesabwesend ein weißes Schultertuch zurück, das immer wieder auf ihre schlanken Arme rutschte, manchmal lächelte sie gedankenverloren oder runzelte die Stirn, und mit ihrer freien Hand wickelte sie bedächtig eine dunkle Haarsträhne um die versierten Finger. Als sie in Verona eintrafen, war Cleaver mit sich zufrieden, weil er sie nicht angesprochen hatte. Erst als er aufstand, um das Abteil zu verlassen, trafen sich ihre Blicke in der beidseitigen Gewissheit, dass sie einander nie wiedersehen würden. Ein ausgezeichneter Anfang, dachte er. Mutter klagte ständig darüber, hatte sein älterer Sohn im ersten Absatz von Im Schatten des Allmächtigen geschrieben, dass mein Vater vollkommen unfähig war, die Finger von den Frauen zu lassen, ebenso wie er vollkommen und absolut unfähig war, etwas zu essen, zu trinken oder eine Zigarette abzulehnen, und erst recht unfähig, eine Gelegenheit zu einem öffentlichen Auftritt auszuschlagen, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit. Er war der Ehrgeiz und das Laster in Person - in jeder Lebenslage gierig, geil und geltungssüchtig, mit großem G. Ich habe, fiel Cleaver plötzlich beim Studieren der Abfahrtstafel am Bahnhof Porta Nuova in Verona ein, abgesehen von Tee und Toast am frühen Morgen heute noch nichts zu mir genommen.
Von Verona aus nahm er einen zweiten Zug, der sich an der Etsch entlang nach Norden durch das Valpolicella in die düsteren Berge des Trentino hineinschlängelte. An den Hängen standen nur vereinzelt Häuser. Die kahlen, formlosen Erhebungen zu beiden Seiten der Strecke wirkten unüberwindlich. Es war hochinteressant, dachte Cleaver, wie die Leute auf das Buch seines Sohnes reagiert hatten, oder vielmehr auf das Buch seines Sohnes in Verbindung mit seinem berühmten Interview mit dem amerikanischen Präsidenten. Er war solche Gedanken leid. Als in Rovereto eine Gruppe von rucksackbepackten Teenagern zustieg, tastete Cleaver in seiner Tasche nach den Ohrstöpseln. Nicht, dass er etwas zu lesen dabei gehabt hätte. Gelesen wird nicht mehr, hatte er beschlossen. Aber er wollte einfach nichts mitbekommen vom Gemeinschaftsleben der Jugendlichen, von ihrer lauten, kollektiven Identität, selbst wenn er ihre Sprache nicht verstand. Wenn ich schon die Klappe halten muss, dachte er, dann kann ich auch meine Ohren außer Betrieb setzen. Keine Stimmen mehr, in jeder Hinsicht.
Als er dann fast allein auf dem Bahnsteig in Franzensfeste stand, kurz unterhalb des Brennerpasses, war Cleaver verblüfft über die milde, beinahe süße Luft. Wonach riecht es hier? Frisch gemähtes Gras, Kuhdung, Sägespäne, Schmelzwasser, das über Felsen rinnt. Unsicher stand er da und lauschte dem durchdringenden Bimmeln der Bahnhofsglocke, das die Ankunft seines Zuges verkündete. Er hob den Kopf und erblickte einen Wasserfall, der von hoch oben herabstürzte. Ich werde keine Briefe schreiben, dachte er jetzt in dem Bewusstsein des nahen Endes seiner Reise. Er hatte keinen Laptop mitgenommen. Auch keinen Taschencomputer. Nicht mal Stift und Papier. Was auch immer mit mir oder um mich herum geschehen wird, muss weder jemandem erzählt noch sonst irgendwie zum Ausdruck gebracht werden.
Zwischen Franzensfeste und Bruneck verkehrt die Bahn nur eingleisig. Cleaver schaute aus dem Fenster, während der Zug mehrmals einen grauen Fluss überquerte, der in die entgegengesetzte Richtung floss. Außer ihm saß nur noch ein weiterer Mann im Wagen. In Ehrenburg hielten sie fast zwanzig Minuten, um auf den nach Westen fahrenden Zug zu warten. In dem tiefen Tal wurde das Dämmerlicht zunehmend fahler. Nach einem Knallen der Türen wirkte die Luft noch stiller und kälter. Lange bevor sie Bruneck erreichten, stellte sich der andere Reisende schon an die Tür und nahm immer wieder ungeduldig seine Aktentasche von einer Hand in die andere.
Luttach, sagte Cleaver zum Taxifahrer. Es war das erste Wort, das er sprach, seit er in Gatwick sein Ticket gekauft und von der Victoria station aus Amanda angerufen hatte, um sich zu verabschieden. Es war sein Reiseziel. Sag mir wenigstens, wo du hin willst, hatte sie gefordert. Alle Welt versucht dich zu erreichen. Luttach?, fragte der Fahrer nach.