Buch
Taschenbuch (316 Seiten)
Sprache: Deutsch
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Was SIE schon immer über Sex wissen wollte: So tickt der Mann!
Die meisten Sexwünsche der Männer bleiben unerfüllt - weil ihre Partnerinnen keine Ahnung haben, was ihm gefällt. Damit ist jetzt Schluss, denn Ian Kerner - Autor des Bestsellers "She comes first" - verrät, was Männer antörnt und wie frau für ihren Partner die aufregendste Geliebte der Welt wird!
Pressestimmen:
"Bei 'Mehr Lust für ihn' bleibt nur eine Frage offen: Wie bringe ich eine Frau dazu, dieses wichtige, offene Buch zu lesen." (Best Life)
| Verkaufsrang: | 10.156 |
|---|---|
| ISBN-10: | 3-442-16871-6 |
| EAN: | 9783442168712 |
| Originaltitel: | He Comes Next |
| Erschienen: | 08.01.2007 |
| Verlag: | Goldmann Taschenbuch |
| Einband: | Taschenbuch |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 316 |
| Länge/Breite: | 184mm/125mm |
| Gewicht: | 303 g |
| Übersetzer: | Christiane Burkhardt |
| Illustrator: | Naomi Pitcairn |
| Reihe: | Goldmanns Taschenbücher |
Ph. D. Ian Kerner erwarb seinen Doktortitel der Klinischen Sexologie an der American Academy of Clinical Sexologists, wo er heute lehrt. Der Sexualtherapeut lebt mit seiner Familie in seiner Geburtsstadt New York.
Warnung: Dieses Buch ist nichts für Frauen mit Höhenangst!
Bitte lassen Sie mich das kurz erklären.
Falls Sie einmal zufällig den Capilano River in North Vancouver, Kanada, überqueren sollten, haben Sie dort zwei Brücken zur Auswahl. Die erste ist definitiv nichts für Leute mit schwachen Nerven: Die Capilano Canyon Suspension Bridge ist eine gerade mal anderthalb Meter breite und 140 Meter lange Fußgängerhängebrücke. Sie besteht lediglich aus ein paar Brettern und Seilen, die in 75 Meter Höhe über gefährlichen Stromschnellen hin- und herschwanken - das Ganze könnte gut in Alfred Hitchcocks Vertigo passen. Und was ist die Alternative? Eine solide, fest verankerte Brücke, die gerade mal dreieinhalb Meter über dem Wasserspiegel verläuft.
Im Jahr 1974 benutzten die zwei renommierten Psychologen Arthur Aron und Donald Dutton beide Brücken für ein geniales Experiment - eines, das dem Rätsel der sexuellen Anziehungskraft auf die Spur kommen sollte. Ihre Studie heißt im allgemeinen Sprachgebrauch das Brückenexperiment, aber ich nenne sie lieber den »Falls-er-Lust-hat«-Test.
Das zweiteilige Experiment funktionierte folgendermaßen: Sobald sich am ersten Tag ein Mann ohne Begleitung auf die wackelige Brücke wagte, wurde er auf halber Strecke von einer schönen jungen Frau angesprochen. Sie stellte sich als Psychologin vor und fragte, ob er an einer kurzen Umfrage teilnehmen wolle.
Am zweiten Tag tat dieselbe Frau genau das Gleiche, allerdings auf der stabilen Brücke.
Das klingt relativ unspektakulär, nicht wahr? Aber das war noch nicht alles: Nachdem jeder Einzelne befragt worden war, gab ihm die Frau ihre Telefonnummer und sagte, dass er sie am späteren Abend gern anrufen dürfe, um sich nach dem Ergebnis zu erkundigen... falls er Lust hätte.
Ohne dass die Männer das wussten, bestand das eigentliche Experiment nicht in der Umfrage, sondern in dem, was danach geschah. Aron und Dutton wollten herausfinden, welche Männer die hübsche Psychologin anriefen und, was noch viel wichtiger war, warum. Mit anderen Worten: Sie erforschten nicht nur, was auf der Brücke geschah, sondern auch, wie sich das anschließend auswirkte. Sie wollten die Wurzeln des sexuellen Verlangens erkunden - nicht nur das Interesse, das kurzzeitig aufflammt, wenn man mit einem hübschen Mädchen spricht, sondern auch, inwiefern diese erste Begegnung den Wunsch nach weiterem Kontakt wachrief. Würde das aufregende Gefühl, auf einer schwankenden Brücke zu stehen, im Vergleich zu der banaleren Erfahrung auf der stabilen Brücke eine romantische Anziehung begünstigen?
Der wissenschaftliche Fachbegriff für das, was Aron und Dutton untersuchten, lautet »Fehlattribution« oder »Erregungstransfer-Theorie«.
Sie besagt, dass die abklingende Erregung, die durch eine bestimmte Situation ausgelöst wurde - beispielsweise weil man keine stabile, sondern eine schwankende Brücke überquert hat -, den darauffolgenden emotionalen Zustand intensiviert (und in diesem Fall die Erinnerung an die Begegnung mit der schönen »Psychologin« vertieft). Oder einfacher gesagt: Fördert ein Adrenalinschub das Verlieben?
Die Antwort auf diese Frage lautet tatsächlich: Ja.
Aron und Dutton fanden heraus, dass die Männer auf der schwankenden Brücke die Frau nicht nur mit einer größeren Wahrscheinlichkeit als jene auf der stabilen Brücke anriefen, um die Umfrageergebnisse zu erfahren, sondern sie auch mit einer erheblich größeren Wahrscheinlichkeit um eine Verabredung baten!
Wir werden später noch einmal auf dieses Experiment zurückkommen, wenn es darum geht, welche Rolle Erregung und der Reiz des Neuen für unsere »Sex-Schaltkreise« im Gehirn spielen. Dann werde ich meine »Schwankende-Brücke«-Methode für großartigen Sex erklären. (Keine Angst: Das heißt nicht, dass sie Bungee springen müssen, um auf Touren zu kommen - obwohl das trotz der damit verbundenen Unfallgefahr sicherlich auch keine schlechte Idee wäre.)
Aufgrund meiner Erfahrungen als Paartherapeut bin ich fest davon überzeugt, dass sich unter der Decke so manchen Ehebetts bildlich gesprochen ebenfalls eine wild schwankende Brücke befindet, die nur darauf wartet, dass es jemand wagt, sie zu betreten. Trotzdem spielt sich das Liebesleben der meisten Menschen auf einer verlässlichen, stabilen Brücke ab - ohne dass sie es überhaupt bemerken. Als Ihr freundlicher Sexualtherapeut von nebenan möchte ich Ihnen helfen, einen Riesensatz zu machen, um die Brücke des Verlangens hoch über den tosenden Stromschnellen zu erreichen.
Doch bevor es richtig zur Sache geht, noch ein paar schwärmerische Worte über die Frau auf der schwankenden Brücke:
Sie ist Dantes Beatrice und Gatsbys Daisy, sie ist Königin Guinevere, Julia, Helena und Eurydike, um nur ein paar Namen zu nennen. Oder wer's etwas moderner mag: Sie ist Billy Bob Thorntons Angelina Jolie, Tom Cruises Nicole Kidman und Katie Holmes in Personalunion. Sie ist Brad Pitts Jennifer Aniston, besser gesagt Angelina Jolie - na gut, wenn ich so recht darüber nachdenke, sollte ich wohl doch eher bei den Klassikern bleiben.
Trotzdem, Sie wissen, was ich meine: Die Frau auf der schwankenden Brücke ist der Stoff, aus dem die Träume sind. Sie ist attraktiv und sexy - die Verkörperung des Verlangens, der Inbegriff der Anziehungskraft.
Doch ob Sie es glauben oder nicht: Der größte Vorzug der Frau auf der schwankenden Brücke ist weder ihre Schönheit noch ihr Körper, es ist ihr Gehirn. Es ist ihr sexualpsychologisches Wissen und ihre Fähigkeit, es einzusetzen - und vor allem ihr Wissen, welche Brücke man betreten muss.
Ich will Ihnen mit diesem Buch nicht nur eine Zusammenstellung heißer Sextipps und ebensolcher Techniken an die Hand geben. Ich will Ihnen mehr geben als eine bloße Anleitung, sondern Ihnen eine andere Sichtweise aufzeigen - eine Art zu denken und zu sein.
Egal, wie Sie aussehen oder wie alt Sie sind, egal, ob Sie Single oder verheiratet sind, egal, ob Sie Ihre dritte oder ihre dreitausendste Beziehung eingehen wollen: Ich will, dass Sie sich in die Frau auf der schwankenden Brücke verwandeln.
Einleitung
Die Idee zu dem Buch Mehr Lust für ihn kam mir, als ich gerade unterwegs war, um Mehr Lust für sie zu promoten. Auf jeder Station meiner Lesereise wandten sich Frauen mit ihren Fragen und Kommentaren an mich.
Vielen ging es um die Philosophie hinter Mehr Lust für sie. Gleichzeitig wollten sie wissen, wie sie ihre Männer dazu bringen könnten, das Buch zu lesen, ohne sie zu verletzen oder zu verärgern - ein Thema, auf das ich später noch zurückkommen werde: Wie geht man mit sexuellen Besserwissern um, die eigentlich nicht sehr viel Ahnung haben? Andere dankten mir für zahlreiche fantastische Orgasmen und wollten wissen, wann sie mit einem Ratgeber rechnen konnten, der es ihnen ermöglichen würde, sich zu revanchieren.
Ehrlich gesagt war ich von diesem Interesse etwas überrascht. Schließlich herrscht auf dem Buchmarkt nicht gerade ein Mangel an Literatur zu diesem Thema. Wenn überhaupt waren die vielen Ständer - man verzeihe mir dieses Wortspiel - mit Büchern, wie man Männer befriedigt, überhaupt erst der Grund, warum ich beschloss, Mehr Lust für sie zu schreiben und auf diese Weise für einen gewissen Ausgleich auf der Spielwiese der Sexualität zu sorgen. Aber anscheinend herrscht da immer noch Nachholbedarf. Als ich wissen wollte, was sich die Frauen von einem Sex-Ratgeber zum Thema, wie man Männer befriedigt, eigentlich erwarteten, sagten sie alle mehr oder weniger dasselbe: »Einen Sex-Guide für intelligente Frauen - ein Buch, das weder uns noch unsere Partner wie Idioten behandelt.«
Immer wieder hörte ich, dass Sex-Ratgeber die männliche Sexualität meist recht primitiv darstellen. Sie reduzieren die Kunst, einen Mann zu verführen, auf ein paar wenige simple Tricks: Strapse, Sex-Spielzeug, eine ausgefeilte Blow-Job-Technik oder eine pikante neue Stellung sind anscheinend alles, was man braucht, um einen Kerl bei Laune zu halten und ihn sexuell zu befriedigen. Doch in Wahrheit sind Männer, genauso wie Frauen, äußerst komplexe, undurchschaubare und unbegreifliche Wesen. In der Realität ist unser Liebesleben alles andere als einfach und von unterschwelligen Botschaften, Missverständnissen, Doppeldeutigkeiten, aber auch von unausgesprochenen Bedürfnissen und heimlichen Sehnsüchten geprägt.
Eine Frau Anfang dreißig hat das wunderbar zusammengefasst: »Das Klischee, dass Männer mit dem Schwanz denken bzw. zwei Köpfe haben, könnte gar nicht weiter von der Wirklichkeit entfernt sein. Letztendlich gibt es nur einen Kopf, und wer seinen Penis wirklich verstehen möchte, muss erst einmal einen Blick hineinwerfen.«
Ich kann ihr da nur beipflichten.
Zum Glück lieben es die Männer, (mit mir) über Sex zu reden. Und zwar nicht nur in meiner Praxis, sondern wirklich überall. Ich kann kaum auf die Straße gehen, ohne dass ich auf dieses Thema angesprochen werde - vom UPS-Boten, vom Fitnesstrainer, von meinem Nachbarn über mir. So gesehen weiß ich besser Bescheid, was den Mann hinter der Feinkosttheke antörnt, als seine eigene Frau (was logischerweise ein Teil des Problems ist).
Vor allem ein Mann namens Charlie bringt mich immer wieder zum Lachen. Er ist Pharmareferent, und da wir uns ein Büro teilen, begegne ich ihm immer wieder am Kaffeeautomaten. Da er vom Aussehen her locker mit George Clooney mithalten kann, hat Charlie ein Liebesleben, um das ihn die meisten Männer beneiden werden. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, beugt er sich vor und flüstert mir begeistert ins Ohr: »Meine Güte, Doc, letzte Nacht hatte ich den besten Sex meines Lebens. Sie war einfach unglaublich. Wenn Sie kurz Zeit haben, würde ich Ihnen gern erzählen...«
Dann muss ich ihn jedes Mal abwürgen und unter irgendeinem Vorwand das Weite suchen. Ich habe schließlich noch anderes zu tun! Ich habe Patienten, Termine, eine Frau und einen Sohn - wenn ich mich auf jeden einlasse, der mit mir über Sex reden will, würde ich gar nichts mehr geregelt bekommen.
Aber als ich beschloss, Mehr Lust für ihn zu schreiben, tat ich genau das: Ich blieb stehen und hörte jedem Mann zu, der mit mir über Sex reden wollte. Ich riss mich regelrecht darum: In jeder Stadt, in die mich meine Lesereise führte, sprach ich mit allen möglichen Männern. Und jedes Mal stellte ich dieselbe Einführungsfrage: »Erzählen Sie mir vom besten Sex, den Sie je hatten.«
Daraufhin bekam ich tatsächlich so allerhand zu hören. Ich erfuhr nicht nur alles über den besten Sex, den sie jemals gehabt, sondern auch über den besten Sex, den sie niemals gehabt hatten - über jene unerfüllten Wünsche und Sehnsüchte, die sie ihren Partnerinnen, aus lauter Angst, sie zu verstören, niemals anvertraut hatten. Ich habe die Frage »Bin ich normal?« so oft gehört, dass ich zur Überzeugung gelangt bin, das einzig Normale in Sachen Sex besteht darin, dass jeder anders ist.
Um einen Mann wirklich kennen zu lernen, muss man im Grunde in seine Haut schlüpfen, sich in ihn hineinversetzen. Nur so kann man herausfinden, wie es sich anfühlt, einen Penis zu haben und alle damit verbundenen Phantasien, Sehnsüchte, Ängste und Unsicherheiten. So gesehen ist Teil I von Mehr Lust für ihn Ihre persönliche Variante der Body-Switch-Komödie Ein voll verrückter Freitag: eine prima Gelegenheit, mal in die Haut eines Kerls zu schlüpfen und zu begreifen, wie er wirklich »tickt«.
Fantastischer Sex bedeutet mehr, als irgendeine Technik zu beherrschen oder zu wissen, welche Knöpfe man drücken muss. Stattdessen sollte man wissen, warum man welche Knöpfe drücken muss. Angefangen von den neuesten Erkenntnissen über die Hirnchemie des Verlangens über die Physiologie des Kuschelns bis hin zur Erläuterung der drei verschiedenen Erektionstypen, die alle Männer kennen, nehme ich Sie mit diesem Buch mit auf eine geführte Tour in seinen Körper und seinen Kopf und bringe Licht ins Dunkel.
Was Teil II anbelangt, erinnern Sie sich bestimmt noch an meine Warnung, dass dieses Buch nichts für Frauen mit Höhenangst ist. Wie Sie sicherlich ahnen, meine ich damit keine konkrete Höhen- oder Flugangst, sondern eher so etwas wie Erica Jong in ihrem Bestseller Angst vorm Fliegen, nämlich die Angst davor, neue Gipfel der Lust zu erklimmen. Die Angst vor mehr Nähe und erotischer Experimentierlust. Also bereiten Sie sich bitte seelisch darauf vor, die schwankende Brücke zu betreten und richtig zur Sache zu kommen, denn in diesem Abschnitt geht es um Taktiken, Techniken und Tipps.
Eines möchte ich jedoch vorausschicken: Mehr Lust für ihn ist kein Nachschlagewerk zu Sex-Stellungen und auch keine bloße Auflistung von Techniken und Tipps. Ich habe nicht die Absicht, Ihnen einen detailverliebten Ratgeber an die Hand zu geben, sondern möchte Ihnen eher eine klar umrissene, realistische Vorstellung einer lustvollen Sexualität vermitteln, bei der jede erläuterte Technik zum großen Ganzen beiträgt, das mehr ist als nur die Summe seiner Teile. (Und ja, liebe Frauen, keine Sorge: Das Buch enthält auch eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für den perfekten Blow-Job.)
Doch die Kunst der Fellatio ist nur eine Station auf dem Weg zu wirklicher Befriedigung. Eine lustvolle Sexualität ist weitaus mehr als nur Technik und Taktik. Das lustvolle Ausleben und Entwickeln einer eigenen sexuellen Identität sind für unsere körperliche und seelische Gesundheit, aber auch für eine funktionierende Partnerschaft unabdingbar. In einer Welt, in der der beste Sex, den wir jemals hatten, der Sex ist, den wir niemals hatten, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn sexueller Frust mit der Hauptgrund für Scheidungen ist.
Im Grunde ist Mehr Lust für ihn nur die natürliche Weiterentwicklung der feministischen Philosophie von Mehr Lust für sie, mit der ich die Männer ermutigt habe, einmal von dem bloßen Rein-Raus abzusehen und nicht nur mit ihrem Penis, sondern mit ihrer gesamten Persönlichkeit Liebe zu machen.
Während die männlichen Genitalien ganz klar den Mittelpunkt des sexuellen Empfindens des Mannes bilden, können sie sich auch negativ darauf auswirken. Mit dem Penis sind nämlich alle möglichen sexuellen Ängste verbunden, überwiegend was seine Größe, Ausdauer und Leistung betrifft. »Ist er groß genug? Ist er zu groß? Werde ich ihn hochkriegen? Und wird er steif bleiben? Was, wenn ich zu früh komme? Was, wenn es zu lange dauert?« Diese Reihe ließe sich endlos fortsetzen.
Sexualtherapeuten nennen diese übertriebene Form von Selbstbeobachtung beim Sex »Spectatoring«. Männer, die davon betroffen sind, beurteilen und kritisieren ihre Performance, während sie eigentlich noch voll bei der Sache sind. Manche Therapeuten halten das Spectatoring sogar für die Hauptursache von Sexualproblemen bei Männern. Wie schrieb der Anthropologe Lionel Tiger in seinem Buch Auslaufmodell Mann noch so schön: »Intimität wird zu einer Art künstlerischer Performance.«
Damit will ich nicht sagen, dass der Mann eine derart extreme Selbstbeobachtung betreibt, dass er zum Versager wird. Trotzdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass die meisten Männer bis zu einem gewissen Ausmaß davon betroffen sind. So wie auch einer Frau der Orgasmus versagt bleibt, weil sie sich ständig Gedanken darüber macht, wie sie beim Sex aussieht - ob sie feucht genug, eng genug, zu langsam, zu laut oder nicht laut genug ist -, kann auch die Fähigkeit des Mannes, seine Sexualität lustvoll auszuleben, dadurch beeinträchtigt werden, dass er ständig das Gefühl hat, beobachtet zu werden - vor allem dann, wenn der Beobachter der schärfste Kritiker ist, nämlich er selbst.
Die männliche Sexualität steht zurzeit sehr im Mittelpunkt, was viel mit der aggressiven Verbreitung von Pornos über das Internet und ihr Einsickern in die Popkultur zu tun hat. Heute, wo jede Menge Bücher mit Anleitungen zum Supersex auf dem Markt sind oder Titel wie Die Geheimnisse der Pornostars, sollten Sie Ihren Partner beruhigen und ihm sagen, dass er sie nicht gleich lieben muss wie ein Pornostar, um Sie zu befriedigen. Heute müssen die Frauen mehr denn je dazu beitragen, die Männer von ihren erdrückend hohen, unrealistischen Erwartungen zu befreien. Unter anderem auch deshalb, weil neben der Pornoindustrie nun auch noch die Pharmaindustrie zunehmend jüngere Männer mit potenzfördernden Mitteln wie Viagra, Levitra und Cialis umwirbt und sie außerdem mit Marketingbotschaften bombardiert, die eine rein penisfixierte, Rein-Raus-Vorstellung von Sex verbreiten, sich die Versagensängste zunutze machen und das Spectatoring eher befördern.
Wie ein Artikel in der New York Times neulich beschrieb, »nehmen viele Männer Viagra, um dem Erwartungsdruck gerecht zu werden, in unserer übersexualisierten Zeit stets perfekt im Bett sein zu müssen«. Schon bald wird der Geldbeutel eines hoffnungsfrohen Teenagers nicht nur ein Kondom, sondern ein Kondom und eine kleine blaue Pille enthalten. (Jedes Mal, wenn ich einen Vortrag an einer Universität halte, bin ich entsetzt darüber, wie viele von meinen Zuhörern regelmäßig Viagra einnehmen. Nicht etwa, weil sie das bräuchten, sondern weil sie auf diese Weise schneller einen hochkriegen, wie sie mir stolz verkünden. Und ist das nicht genau das, was Frauen wollen?)
Doch viele Frauen werden mir bestimmt beipflichten, wenn ich sage, dass einen hochkriegen noch lange nicht bedeutet, dass man auch weiß, was man damit anfangen soll. Mit dem »Aufstieg« von Viagra scheinen dem weiblichen Orgasmus »harte Zeiten« bevorzustehen - außer Sie bringen Ihren Partner zur Räson und befreien ihn von seiner Erektionsfixiertheit.
Obwohl es in diesem Buch hauptsächlich darum geht, wie man einen Mann befriedigt, haben auch Sie selbstverständlich ein Anrecht auf eine befriedigende Sexualität. Er mag zwar »als Nächster drankommen«, aber bitte vergessen Sie nicht, dass Sie zuerst und dann immer wieder aufs Neue kommen sollten! Die Natur hat Sie schließlich aus einem bestimmten Grund mit einer Klitoris ausgestattet - machen Sie daraus mehrere Gründe! Wie schreibt der Bestseller-Autor und Zoologe Desmond Morris in seiner Hommage an den weiblichen Körper Die nackte Eva so schön? »Jede Frau hat einen schönen Körper - das großartige Endergebnis einer Jahrmillionen währenden Evolution. Dieser Körper ist reich an erstaunlichen Anpassungen und subtilen Verfeinerungen, die ihn zum bemerkenswertesten Organismus auf unserem Planeten machen.« So gesehen kommt das Orgasmusvortäuschen einfach nicht in Frage. Dieses Verhalten mündet automatisch in einen Teufelskreis aus gegenseitiger Abneigung, Vorwürfen und Wut - und auf keinen Fall in fantastischen Sex. Ihre Lust ist für seine unabdingbar.
Der Sex, den Sie geben, ist nur so gut wie der Sex, den Sie bekommen. In diesem Sinne geht es in Mehr Lust für ihn genauso sehr um Ihre Lust beim Sex wie um seine. Denken Sie daran: Das Aufregendste, was eine Frau für einen Mann (und sich selbst) tun kann, besteht darin, Sex ehrlich und in vollen Zügen zu genießen.
Die Feministinnen der 1960er- und 1970er-Jahre haben hart für das Recht der Frau auf sexuelle Befriedigung gekämpft und den Feminismus zu einem Synonym für sexuelle Freiheit und Gleichberechtigung gemacht. Zum Glück sind heute viele Frauen mit diesem Bewusstsein groß geworden und kennen es gar nicht anders. Ihnen geht es nicht mehr um ein Anrecht auf Sexualität, sondern darum, was man damit anfängt. Die Frauen von heute haben alle Freiheiten, aber wie sie diese nutzen, steht auf einem ganz anderen Blatt.
Die Männer von heute dagegen suchen nach Antworten. Angesichts der vielen unabhängigen, sexuell befreiten Frauen ist ihr Bild von Männlichkeit ständigen Veränderungen unterworfen und muss bitte schön stets abrufbereit sein. Und genau das ist es, was die Pornoindustrie und Viagra so verführerisch, aber auch so gefährlich macht.