NATO-Kollateralschaden Jugoslawien
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NATO-Kollateralschaden Jugoslawien

78 Tage zwischen Hof und Keller

von Berthold W. Knabe

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NATO-Kollateralschaden Jugoslawien

NATO-Kollateralschaden Jugoslawien

von Berthold W. Knabe

EAN: 9783862686728

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"NATO-Bomben. Jugoslawien - 78 Tage zwischen Hof und Keller" ist ein Tagebuchroman für die Menschen, die Interesse an den Geschehnissen rund um den Kosovo-Krieg haben. Für diejenigen, die fern jeder Propaganda erfahren möchten, wie die Menschen in Novi Sad während der 78 Tage andauernden Bombardierungen im Jahre 1999 ihren Alltag erlebten. Für jene, die immer schon wussten, dass Kriege wie der im Kosovo vor allem die Zivilbevölkerung treffen und gewiss auch für die, die in dem Glauben sind, dass alle Serben Anhänger des Milosevic-Regimes waren. Begründet durch meine über zehn Jahre währende Verbundenheit mit dem Land, aus dem meine Frau stammt, beruht dieser Roman auf den Aufzeichnungen meines dort lebenden Neffen, der während des Krieges einen täglichen Bericht für die Zivilschutzbehörde anzufertigen hatte, sowie auf Gesprächen mit Augenzeugen, die ich ein Jahr nach dem Krieg vor Ort geführt habe. Der gebürtige Kroate Goran ist als Schweißer bei den staatlichen Heizkraftwerken der Stadt Novi Sad angestellt. Mit seiner als Krankenschwester arbeitenden Frau Sandra bewohnt er in einem Hinterhof im Zentrum der Stadt eine kleine Wohnung. Zusammen seinem Bruder Ivan, dessen Frau Slavica und anderen Hofmitbewohnern, die sich aus den verschiedensten ethnischen Minderheiten der einstmaligen autonomen Provinz Vojvodina zusammensetzen, leben sie in der 300.000 Einwohner zählenden Stadt, in der die Opposition gegen das Milosevic-Regime ein starkes Gehör hat, wie in einer Großfamilie. Nach einem Besuch bei seinem Angelfreund Milo, der mit seinem Vater in Klisa, einem Vorort von Novi Sad, unweit einer Polizeikaserne und der Gasraffinerie lebt, die die halbe Vojvodina versorgt, stellt Goran beunruhigt fest, dass die Polizei die Kaserne geräumt hat. Auf dem Heimweg gerät Goran in einen Stau, ausgelöst von Polizei- und Armeeangehörigen, die ebenfalls die Stadt verlassen. In den Nachrichten wird von Verhandlungen in Rambouillet berichtet, doch um was es sich dabei konkret handelt, darüber schweigen sich die Medien aus. Ein paar Tage später fährt Goran in das Naherholungsgebiet der Fruska Gora und besucht seine dort lebenden Verwandten. Auch hier stellt er fest, dass alle militärischen Einrichtungen verwaist sind. Die Menschen um ihn herum werden immer nervöser und sie vermuten, dass es zum Krieg mit den NATO-Staaten kommen wird. Goran allerdings ist anderer Meinung. Er glaubt an die Werte der demokratischen Regierungen des Westens und an den Auftrag der NATO als Verteidigungsbündnis. Für ihn ist es undenkbar, dass Länder wie Deutschland ihre eigene Verfassung missachten und an einen Angriffskrieg teilnehmen könnten. Am 24. März 1999 um 20.03 Uhr geschieht das Unglaubliche. Novi Sad wird ohne Warnung von NATO-Flugzeugen angegriffen und bombardiert. Goran und seine Hofmitbewohner flüchten in den Keller, der von nun an als Luftschutzraum dient und dem er wenige Tage später als Verantwortlicher vorsteht. Mit den detonierenden Bomben und Raketen zerplatzen auch Gorans Hoffnungen, die er in die Opposition gegen das Milosevic-Regime gesetzt hat. Auch sein Glaube an die demokratischen Werte der westlichen Nationen geht verloren in diesem Krieg, der 78 Tage dauert und Restjugoslawien in die vorindustrielle Zeit zurückversetzt.

Produktdetails

ISBN-10: 3-86268-672-8
EAN: 9783862686728
Erschienen: 12.2011
Verlag: Engelsdorfer Verlag
Einband: EPUB
Sprache(n): Deutsch
Auflage: 1
Seitenzahl: 315
Erschienen bei: Engelsdorfer Verlag
Spieldauer: 377 KB
Kapitel: 0
Ausstattung: zahlreiche farbige Abbildungen
Medium: EPUB
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Mittwoch, 24. März 1999 (S. 16-17)
Völlig übermüdet wachte ich um 5.30 Uhr auf. Ich wusch mich, setzte Kaffee auf und weckte Sandra. Wir nahmen uns vor, in Zukunft früher zu Bett zu gehen. Lange Diskussionsabende wie der gestrige führten, außer dass man am nächsten Morgen mit verquollenen Augen und einem langen Gesicht herumlief, doch zu nichts. Gestern, nach den Nachrichten, hatten sich Goja, Laza und seine Frau Jovanka zu uns gesellt. Etwas später waren noch Slobodan und Biljana dazugekommen.
Alle hatten die Nachrichten verfolgt und jeder wusste etwas anderes daraus zu deuten. Vor allem rätselten wir darüber, was es mit dem Vertrag von Rambouillet auf sich hatte. Warum unterschrieb Milosevic nicht? Warum nahmen nur die Albaner den Vertrag an? Fragen über Fragen. Und die Antworten darauf blieb man uns schuldig. Die Frauen vertraten – wie sollte es auch anders sein – die negativsten Meinungen. Sie glaubten, die NATO würde im Kosovo eingreifen.
Slobodan, Ivan und ich glaubten eher an ein Drohen und an vereinzelte Überflüge der NATO-Flugzeuge über dem Kosovo. Goja und Laza schlossen sich unserer Meinung an. Aber in einem Punkt waren wir uns alle einig: Dass es gut war, in der Vojvodina mit seinen vielen ethnischen Volksgruppen zu leben. Denn hier hatte es noch nie Schwierigkeiten gegeben, und Nationalisten wie Seselj hätten auch keine Chance, bei uns Stimmung zu machen. Nein, wir hier in der Vojvodina fühlten uns multikulturell. So manches ging hier auch etwas langsamer und bedächtiger vonstatten als anderswo.
Dafür aber mit mehr Toleranz. Sandra verließ das Haus wie gewohnt um 6.00 Uhr. Ich machte mich eine halbe Stunde später auf den Weg. Um 15.00 Uhr war mein Dienst beendet und ich unterhielt mich noch eine Weile mit meinen Arbeitskollegen. Auch hier vertrat man die gleiche Meinung wie bei uns auf dem Hof. Es schien völlig ausgeschlossen, dass man uns hier in der Vojvodina, und vor allem in Novi Sad, in die "Sache mit dem Kosovo" hineinziehen würde. Gegen 18.00 Uhr kam ich nach Hause. Sandra war noch nicht da. Sie musste heute länger arbeiten, weil eine Kollegin wegen Krankheit ausgefallen war.
Nachdem ich mir ein paar Spiegeleier gegönnt hatte, legte ich mich auf die Couch. Ich war wohl eingenickt, denn ich erschrak, als sich jemand über mich beugte und mir einen Kuss auf den Mund gab. Natürlich war es Sandra. "Wie lange bist du schon hier?", fragte ich. "Bin gerade erst gekommen." Noch vom Schlaf benommen, schielte ich auf die Uhr, die im Regal neben dem Plattenspieler stand. Es war 19.45 Uhr. Wenige Minuten vor 20.00 Uhr vernahm ich Biljanas Stimme, die von ihrer Wohnung im dritten Stock ihren im Hof Fußball spielenden Zwillingen zurief, dass es nun Zeit sei, hochzukommen.

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