Nur eine Ohrfeige
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Nur eine Ohrfeige

von Christos Tsiolkas

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Weitere Artikelinformationen

Ein heißer Sommertag, ein Barbecue mit Freunden und Familie - es hätte ein perfektes Fest werden können, doch dann verliert Harry die Beherrschung. Er verpasst dem dreijährigen Hugo eine Ohrfeige. Dieser Vorfall hat ein folgenreiches Nachspiel für alle, die seine Zeugen wurden ... Aus einer scheinbar banalen Begebenheit entwickelt sich eine packende Erzählung über Liebe, Sex und die verschiedenen Auffassungen von Ehe, Erziehung und Freundschaft. Die Ohrfeige zwingt alle Beteiligten dazu, ihr eigenes Familienleben, all ihre Erwartungen, Überzeugungen und Wünsche infrage zu stellen. Aus acht Perspektiven schildert Tsiolkas eindrücklich das innere Erleben der Gäste. Ein großer Gesellschaftsroman - ein Roman über die moderne Familie. - Monatelang auf den Bestsellerlisten in Großbritannien und Australien - Ausgezeichnet mit dem »Commonwealth Writers' Prize« - Nominiert für den »Man Booker Prize« - Verfilmt als Fernsehserie

Produktdetails

ISBN-10: 3-608-10305-8
EAN: 9783608103052
Originaltitel: The Slap
Erschienen: 02.2012
Verlag: Klett Cotta
Einband: EPUB
Sprache(n): Deutsch
Auflage: 1
Seitenzahl: 510
Übersetzer: Nicolai Schweder-Schreiner
Erschienen bei: Klett Cotta
Übersetzt von: Nicolai Schweder-Schreiner
Spieldauer: 4555 KB
Kapitel: 0
Medium: EPUB
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Christos Tsiolkas

Christos Tsiolkas, geboren 1965 im australischen Melbourne als Sohn griechischer Immigranten, arbeitet u.a. fürs Theater und Fernsehen. Tsiolkas lebt in Melbourne.

Nicolai Schweder-Schreiner

Nicolai von Schweder-Schreiner, geboren in Lissabon, lebt in Hamburg. Er übersetzt aus dem Englischen und dem Portugiesischen. Außerdem arbeitet er als Komponist und Musiker.

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Kundenrezensionen

  • Für ihren E-Reader! Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von Annegrit Fehringer, am 24.04.2012

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    Anhand einer nicht ganz harmlosen Geschichte entspinnt sich ein ganzer Reigen von Charakteren der Melbourner Gesellschaft. Eine tolle australische Familiengeschichte mit Tiefgang! Aufregend und spannend geschrieben! Klasse Neuentdeckung! Unbedingt downloaden!

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  • Sehr beeindruckend Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von Heidi Wosnitza, am 11.04.2012

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    Die Ohrfeige, die Harry dem verzogenen, nervenden Dreijährigen auf einer großen Grillparty in Melbourne gibt, ist Anlass, daß sich Paare und Familien in zwei Lager spalten.Die einen finden die Reaktion verständlich, die anderen wollen sogar vor Gericht ziehen. Der Roman vermittelt informative und spannende Einblicke in die australische Mittelschicht, wobei die meisten Romanfiguren griechischer Abstammung sind. Alkoholismus, Sexsucht, Drogenkonsum, aber auch liebevolle Beziehungen gibt es in diesem Roman, der in Australien Bestseller ist.Es ist auch von einer Verfilmung die Rede. Rund machen dieses Buch auch die verschiedenen Wertvorstellungen konservativer und liberaler Menschen. Ich bin immer noch beeindruckt, bitte lesen!

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  • Australiens Jonathan Franzen! Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von Chariklia Agelidou, am 25.03.2012

    0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.

    Lesen, lesen, lesen und ein richtig gutes Buch genießen! Und ja, im Nachhinein kann jeder sich selber prüfen, ob er Hugo auch eine Ohrfeige verpasst hätte. Besonders gefallen hat mir wie Tsiolkas nebenher das Thema Multikulti-Gesellschaft abhandelt. Mein absolutes Highlight dieses Frühjahr und eine tolle Vorlage für einen Film!

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  • Fünf Sterne für acht Perspektiven Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von Katinka Engels, am 13.03.2012

    0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.

    Alles beginnt auf einem Familienfest. Eingeladen sind Freunde und Verwandte, Eltern und Kinder. Eines dieser Kinder ist Hugo. Als er sich zunehmend aufmüpfig benimmt, gibt einer der Erwachsenen ihm eine Ohrfeige.
    Doch diese Ohrfeige verändert alles. Denn hier prallen nun Generationen, Emotionen und verschiedene Kulturen aufeinander, die eine Versöhnung nicht mehr möglich erscheinen lassen.

    Das wirklich beeindruckende an diesem Gesellschafts-Roman ist nicht nur die Geschichte, sondern der Aufbau. Nach diesem Vorfall erzählen acht Personen, die bei dem Fest anwesend waren, was sie in den Tagen und Wochen danach erleben. Jeder schaut aus seiner Sicht in die Gesellschaft hinaus und in sein eigenes Leben hinein, immer überschattet von dieser einen Ohrfeige. Dabei tun sich in der scheinbar heilen Welt tiefste Abgründe auf: Verrat, Lügen, Betrug, Drogen und Alkohol sind ganz vorne mit dabei.
    Ein wahnsinnig gutes Buch. Auch als ebook erhältlich. Bitte lesen Sie es.

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HECTOR Hector hatte die Augen noch geschlossen, als er aus einem Traum erwachte, an den er sich schon nicht mehr erinnern konnte. Müde streckte er die Hand aus. Ah, gut. Aisha war schon auf. Er ließ genüsslich einen fahren und vergrub das Gesicht im Kissen, um nicht den modrigen Gestank einatmen zu müssen. Ich habe keine Lust, in einer Männerumkleide zu schlafen, beschwerte Aisha sich jedes Mal, wenn er sich versehentlich in ihrer Gegenwart vergaß. Was allerdings nur selten vorkam. Im Laufe der Jahre hatte er gelernt, sich nur noch gehenzulassen, wenn er allein war. Dann furzte und pinkelte er unter der Dusche, rülpste im Auto und genoss es, wenn sie auf einer Tagung war, sich das ganze Wochenende lang weder zu waschen noch die Zähne zu putzen. Nicht dass seine Frau besonders prüde war, sie ertrug nur offenbar die Ausdünstungen des männlichen Körpers nicht. Er selbst hätte kein Problem damit, in einer Mädchenumkleide einzuschlafen, umgeben vom feuchten, berauschenden Duft süßer junger Mösen. Noch im Halbschlaf drehte er sich auf den Rücken und schob das Laken beiseite. Süße junge Mösen. Er hatte es laut ausgesprochen. Connie. Bei dem Gedanken an sie war er endgültig wach. Aisha würde ihn für pervers halten. Doch das war er nicht. Er liebte Frauen ganz einfach. Egal ob jung oder alt, ob sie gerade erst erblühten oder schon anfingen zu verwelken. Er kam sich dabei so eitel vor, dass es ihm schon fast peinlich war, aber er wusste nun mal, dass die Frauen auch ihn liebten. Frauen liebten ihn. Aufstehen, Hector, sagte er sich. Zeit, den Tag zu beginnen. Der Tag begann mit einer Reihe von Übungen, die er jeden Morgen absolvierte. Das Ganze dauerte nicht länger als zwanzig Minuten. Manchmal, wenn er mit Kopfschmerzen oder einem Kater aufwachte, oder beidem zusammen, oder einer Unlust, die offenbar tief aus seinem Inneren kam, war er schon nach zehn Minuten fertig. Es ging ihm nicht so sehr um das strenge Einhalten eines Ablaufs, sondern eigentlich nur darum, überhaupt zu trainieren – selbst wenn er krank war, zwang er sich dazu. Er stand auf, schnappte sich eine Jogginghose, schlüpfte in das T-Shirt, das er am Tag zuvor getragen hatte, und fing mit neun verschiedenen Dehnübungen an, bei denen er jeweils bis dreißig zählte. Dann legte er sich auf den Teppich und machte hundertfünfzig Sit-ups und fünfzig Liegestütze. Am Ende dann nochmal drei Dehnübungen. Danach ging er in die Küche, stellte die Kaffeemaschine an, lief zu dem kleinen Laden am Ende der Straße und kaufte die Zeitung und eine Schachtel Zigaretten. Zurück zu Hause goss er sich einen Kaffee ein, ging nach draußen auf die Veranda, zündete sich eine Zigarette an, schlug den Sportteil auf und begann zu lesen. In diesem Moment, die Zeitung vor sich aufgeschlagen, mit dem bitteren Kaffeegeruch in der Nase und dem ersten Zug von der Zigarette, waren ihm alle Nöte, die blöden Nichtigkeiten, der Stress und die Sorgen des vorigen oder kommenden Tages egal. In diesen Momenten, vielleicht sogar nur dann, war er glücklich. Hector hatte schon als Kind festgestellt, dass die einzige Methode, gegen das erdrückend wohlige Gefühl des Schlafes anzukommen, darin bestand, mit Vollgas hindurchzupreschen, die Augen aufzureißen und aus dem Bett zu springen. Aber diesmal blieb er liegen und ließ sich sanft von den Geräuschen seiner Familie wecken. Aisha hatte in der Küche einen Klassiksender eingestellt, und Beethovens Neunte drang durchs ganze Haus. Aus dem Wohnzimmer hörte er das elektronische Piepen und blecherne Nachhallen eines Computerspiels. Einen Augenblick lang lag er regungslos da, warf dann das Laken zurück und blickte auf seinen nackten Körper. Er hob das rechte Bein und ließ es zurück aufs Bett fallen. Heute ist es so weit, Hector, sagte er sich, heute ist es so weit. Er sprang hoch, zog sich einen roten Sportslip und ein Unterhemd an, ging ins Bad, pinkelte lange und laut und stürmte in die Küche. Es roch nach Kaffee. Aisha schlug gerade ein paar Eier in die Pfanne. Er küsste ihren Nacken. Mitten im Crescendo schaltete er das Radio aus. »He, ich wollte das hören.« Hector ging einen Stapel CDs durch, die neben dem CD-Player lagen. Er nahm eine von ihnen aus der Hülle, legte sie ein und spielte einen Titel nach dem anderen an, bis er das richtige Stück gefunden hatte. Als die ersten Töne aus Louis Armstrongs Trompete erklangen, lächelte er. Er küsste seine Frau noch einmal in den Nacken. »Heute muss ich Satchmo hören«, flüsterte er ihr zu. »Und zwar den ?West End Blues?.« Er führte seine Übungen langsam aus, atmete dabei gleichmäßig und zählte bis dreißig. Nach jedem Durchgang lauschte er der Musik, der sich langsam steigernden Sinnlichkeit. Bei den Sit-ups konzentrierte er sich auf die Spannung der Bauchmuskeln, und während der Liegestütze auf das Ziehen in seinen Trizepsen und Brustmuskeln. Er wollte seinen Körper spüren, wollte sich lebendig, stark und sicher fühlen. Als er fertig war, wischte er sich den Schweiß von den Brauen, hob das Hemd, das er am Abend zuvor einfach hingeworfen hatte, vom Boden auf und schlüpfte in seine Sandalen. »Willst du was vom Laden?« Aisha lachte. »Du siehst aus wie ein Penner.« Sie ging nie ohne Make-up und ordentliche Kleidung aus dem Haus. Nicht dass sie sich auffällig schminkte, das hatte sie nicht nötig – es war einer der Punkte, der ihn von vornherein an ihr angezogen hatte. Für Mädchen, die viel Make-up, Puder und Lippenstift trugen, hatte er nie etwas übriggehabt. Er fand das nuttig, und obwohl er wusste, wie lächerlich seine konservative Einstellung war, konnte er sich doch nicht dazu durchringen, eine stark geschminkte Frau gut zu finden. Egal, wie schön sie in Wirklichkeit war. Aisha brauchte kein Make-up. Ihre dunkle Haut war makellos und geschmeidig, und die großen, tief liegenden, schräg abfallenden Augen leuchteten in ihrem schmalen, perfekt geformten Gesicht. Hector sah auf seine Latschen runter und lächelte. »Und, darf der Penner dir etwas mitbringen?« Sie schüttelte den Kopf. »Nee. Aber du wolltest noch einkaufen fahren, oder ?« »Hatte ich wahrscheinlich gesagt.« Sie sah auf die Küchenuhr. »Dann solltest du dich beeilen.« Er antwortete nicht. Ihr Kommentar ärgerte ihn, er wollte sich an diesem Morgen nicht beeilen. Er wollte ihn ganz ruhig angehen lassen. Er schnappte sich die Samstagsausgabe der Zeitung und warf einen Zehn-Dollar-Schein auf den Ladentisch. Mr. Ling griff nach der goldenen Packung Peter Jackson Super Mild, aber Hector stoppteihn. »Nein, heute nicht. Heute nehme ich eine Schachtel rote Stuyvesant. Im Softpack. Geben Sie mir am besten gleich zwei.« Hector steckte den Zehner wieder ein und legte einen Zwanziger hin. »Sie wechseln Marke?« »Das ist mein letzter Tag, Mr. Ling. Ab morgen höre ich auf.« »Sehr gut.« Der alte Mann lächelte. »Ich rauche nur drei an Tag. Eine Morgen, eine nach Essen und eine, wenn ich fertig mit Arbeit.« »Ich wünschte, das könnte ich auch.« Die letzten fünf Jahre waren wie ein Karussell gewesen, zigmal hatte er aufgehört und wieder angefangen, sich eingeredet, ruhig fünf am Tag rauchen zu können, warum auch nicht, fünf am Tag waren ja nicht so schlimm, aber dann hatte er sich doch nicht beherrschen können und die ganze Schachtel leergemacht. Jedes Mal. Er beneidete den alten Chinesen. Wie gern würde er bloß vier oder fünf am Tag rauchen. Aber das schaffte er nicht. Zigaretten waren so etwas wie eine teuflische Geliebte für ihn. Oft schon hatte er die Packung unter dem Wasserhahn aufweichen lassen und sie dann in den Müll geschmissen, fest entschlossen, nie wieder zu rauchen. Er hatte es mit kaltem Entzug probiert, mit Hypnose, Pflastern, Kaugummis. Ein paar Tage vielleicht, eine Woche, einmal hatte er es sogar einen ganzen Monat lang geschafft, der Versuchung zu widerstehen. Aber dann schnorrte er eine bei der Arbeit, in der Kneipe oder nach dem Essen, und schon lag er wieder in den Armen seiner verschmähten Geliebten. Und deren Rache folgte prompt. Er war ihr ergeben und außerstande, ohne sie durch den Morgen zu kommen. Sie war zu verlockend. Eines Sonntagmorgens, als die Kinder bei seinen Eltern waren und Aisha und er wunderbaren, entspannten Sex hatten, schlang er seine Arme um sie und flüsterte: »Ich liebe dich, du bist für mich das Schönste auf Erden, du bist mein Ein und Alles.« Und sie drehte sich mit einem höhnischen Grinsen im Gesicht zu ihm um und sagte: »Nein, bin ich nicht, deine eigentliche Liebe sind die Zigaretten.« Es folgte ein schlimmer Streit, der sie beide an den Rand der Erschöpfung brachte – stundenlang schrien sie sich an. Sie hatte ihn tief getroffen, ihn in seinem Stolz verletzt, vor allem, als er beschämt feststellen musste, dass er fieberhaft eine nach der anderen rauchte, um auch nur einigermaßen die Kontrolle zu bewahren. Er hatte ihr vorgehalten, selbstgerecht und außerdem eine kleinbürgerliche Moralpredigerin zu sein, und sie hatte mit einer Litanei seiner Schwächen gekontert: Er sei eitel und faul, passiv und selbstsüchtig und habe keinerlei Willenskraft. Ihre Anschuldigungen schmerzten ihn, weil er wusste, dass sie recht hatte. Also beschloss er aufzuhören. Ein für alle Mal. Und zwar ohne Ankündigung, sonst musste er sich nur wieder ihre Zweifel anhören. Aber er würde aufhören. Es war ein warmer Morgen, er setzte sich im Unterhemd mit seinem Kaffee auf die Veranda. Kaum hatte er die Zigarette angezündet, kam Melissa rausgeschossen und lief schreiend in seine Arme. »Adam lässt mich nicht spielen«, heulte sie. Er nahm sie auf den Schoß, streichelte ihr übers Gesicht und ließ sie weinen, bis sie nicht mehr konnte. Das war das Letzte, was er jetzt brauchte. Ausgerechnet an diesem Morgen. Er wollte die Zigarette ganz entspannt rauchen. Aber man hatte nirgends seine Ruhe. Also spielte er mit ihrem Haar, küsste seine Tochter auf die Stirn und wartete, dass die Tränen verflossen. Melissa sah zu, wie er seine Zigarette ausdrückte und der Rauch verflog. »Du sollst doch nicht rauchen, Daddy. Davon kriegt man Krebs.« Sie plapperte nach, was sie in der Schule hörte. Seine Kinder kamen kaum mit dem Einmaleins zurecht, wussten aber, dass Rauchen Lungenkrebs verursachte und man durch ungeschützten Sex Geschlechtskrankheiten bekam. Statt mit ihr zu schimpfen, nahm er sie auf den Arm und trug sie ins Wohnzimmer. Adam war mit seinem Computerspiel beschäftigt und sah nicht mal hoch. Hector holte tief Luft. Er hätte dem faulen kleinen Mistkerl am liebsten einen Tritt verpasst, setzte seine Tochter dann aber nur neben ihm ab und nahm ihm die Konsole weg. »Deine Schwester ist dran.« »Sie ist noch ein Baby. Sie kann das nicht.« Adam hatte die Arme verschränkt und warf seinem Vater einen rebellischen Blick zu. Sein schwabbeliger Bauch schaute über der Jeans hervor. Aisha behauptete, der Babyspeck würde mit der Pubertät verschwinden, aber da war sich Hector nicht so sicher. Der Junge war besessen von Bildschirmen, er saß entweder vor dem Computer, vor dem Fernseher oder vor seiner Playstation. Seine Trägheit ging Hector auf die Nerven. Er war immer stolz auf sein eigenes gutes Aussehen und seinen durchtrainierten Körper gewesen. Als Teenager hatte er einen ziemlich guten Footballspieler und noch besseren Schwimmer abgegeben. Dass sein Sohn so dick war, empfand er als Beleidigung. Manchmal schämte er sich, mit Adam in der Öffentlichkeit gesehen zu werden. Ihm war bewusst, wie schlimm dieser Gedanke war, deswegen hatte er es nie jemandem gegenüber erwähnt. Trotzdem war er enttäuscht und wies Adam deswegen ständig zurecht. Musst du den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen? Draußen ist es herrlich, warum gehst du nicht raus? Adam reagierte meistens mit Schweigen und Schmollen, und das ärgerte Hector nur noch mehr. Er musste sich auf die Lippen beißen, um ihn nicht zu beleidigen. Hin und wieder sah Adam ihn dann aber wieder derartig verwirrt und verletzt an, dass Hector vor Scham fast im Erdboden versank. »Komm schon, lass sie auch mal.« »Die kriegt das eh nicht hin.« »Los jetzt.« Der Junge warf die Konsole zu Boden, stand schwankend auf, stürmte in sein Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Melissa fasste nach der Hand ihres Vaters und sah ihrem Bruder nach. »Ich will spielen.« Sie weinte schon wieder. »Spiel doch allein.« »Ich will mit Adam spielen.« Hector griff nach den Zigaretten in seiner Tasche. »Du hast genauso ein Recht darauf wie er. Das war unfair von Adam. Er kommt bestimmt gleich und spielt mir dir, warte nur ab.« Er sprach bewusst ruhig, leierte die Plattitüden in einem fast kindlichen Singsang runter, aber Melissa ließ sich nicht besänftigen. »Ich will mit Adam spielen«, jammerte sie und drückte seine Hand fester. Sein erster Instinkt war, sie wegzuschieben. Schuldbewusst streichelte er ihr übers Haar und küsste sie auf den Kopf. »Hast du Lust, mit mir einkaufen zu fahren?« Melissa heulte zwar nicht mehr, wollte sich aber noch nicht geschlagen geben. Sie starrte traurig auf Adams Tür. Hector schüttelte seine Hand frei. »Es ist deine Entscheidung, Schatz. Du kannst hierbleiben und alleine Videospiele spielen oder mit mir einkaufen kommen. Was möchtest du lieber?« Das Mädchen antwortete nicht. »Okay.« Hector zuckte mit den Schultern und steckte sich eine Zigarette in den Mund. »Wie du willst.« Auf dem Weg in die Küche hörte er sie wieder weinen. Aisha trocknete sich die Hände ab. Sie zeigte auf die Uhr. »Ich weiß, ich weiß. Ich will doch nur verdammt nochmal in Ruhe eine einzige Zigarette rauchen.« Er hatte erwartet, dass Aisha in den Chor einstimmte, der ihm an diesem Morgen entgegenschlug, aber sie fing an zu grinsen und küsste ihn auf die Wange. »Okay, wer von beiden hat Schuld?« »Adam. Auf jeden Fall Adam.« Er setzte sich auf die Veranda und rauchte seine Zigarette. Drinnen hörte er Aisha ruhig auf seine Tochter einreden. Wahrscheinlich kniete sie schon neben Melissa und spielte mit ihr das Videospiel. Gleich würde Adam aus seinem Zimmer kommen, sich aufs Sofa setzen und den beiden zugucken. Bis schließlich irgendwann nur noch die Kinder vor der Konsole saßen und Aisha sich in die Küche zurückgeschlichen hatte. Er staunte, wie viel Geduld seine Frau hatte und wie wenig er selbst. Manchmal fragte er sich, wie seine Kinder Respekt vor ihm haben sollten, wenn sie älter waren – und ob sie ihn überhaupt je lieben würden. Connie liebte ihn. Sie hatte es ihm gesagt. Er wusste, dass es ihr fast körperliche Schmerzen bereitet hatte, die Worte auszusprechen, dass sie fast daran erstickt wäre. Aisha hatte ihm natürlich auch oft gesagt, dass sie ihn liebte, aber immer ganz ruhig und unbekümmert, als wäre sie von Anfang an sicher gewesen, dass er sie genauso liebte. Jemandem zu sagen, dass man ihn liebt, sollte nie ohne Leidenschaft sein. Connie hatte die Worte panikartig hervorgestoßen, ohne sich über die Konsequenzen im Klaren zu sein. Sie hatte sich nicht getraut, ihn dabei anzusehen, und sich im selben Moment eine Locke in den Mund gesteckt, die er dann beiseitegestrichen hatte, um sie auf den Mund zu küssen. »Ich liebe dich auch«, hatte er geantwortet. Und das tat er wirklich. Monatelang hatte er kaum an etwas anderes denken können. Aber er hatte sich nicht getraut, es Connie zu sagen. Sie hatte die Worte zuerst ausgesprochen. »Hast du noch Valium?« »Nein.« Er hörte den Vorwurf in Aishas Stimme und sah, wie sie zur Küchenuhr schaute. »Ich habe jede Menge Zeit.« »Wofür brauchst du Valium?« »Ich brauche es nicht. Ich will es einfach. Damit ich nachher beim Barbecue lockerer bin.« Aisha lächelte plötzlich, ihre Augen funkelten schelmisch. Er drückte seine Zigarette im Aschenbecher aus, ging hinein und zog seine Frau in die Arme. »Ich habe jede Menge Zeit, ich habe jede Menge Zeit«, sang er. Er küsste die Finger ihrer linken Hand, roch den süßen Geruch von Kümmel und Limonensaft. Sie küsste ihn zurück und schob ihn dann sanft weg. »Ist es so schlimm?« »Nein, überhaupt nicht.« Natürlich hätte er an einem Samstagabend lieber etwas anderes gemacht, als sich um Familie, Freunde und Arbeitskollegen zu kümmern. Ganz bestimmt hätte er den letzten Tag seines Lebens als Raucher gern für sich gehabt. Aber Aisha wollte sich mit ihrer kleinen Feier für zahllose Einladungen zu Abendessen und Partys revanchieren. Sie hatte das Gefühl, dass sie es ihrem Bekanntenkreis schuldig waren. Hector empfand das nicht so. Aber er war ein großartiger Gastgeber und verstand, wie wichtig dieser Abend für seine Frau war. »Schlimm ist es nicht, aber ein bisschen Valium könnte nicht schaden. Nur für den Fall, dass meine Mutter mir heute Abend wieder auf die Nerven geht.« »Normalerweise bist nicht du es, dem sie auf die Nerven geht.« Aishas Blick wanderte zurück zur Uhr. »Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, in die Praxis zu fahren und welches zu besorgen.« »Kein Problem, ich fahre nach dem Einkaufen einfach dort vorbei.« Unter der Dusche, während der warme Wasserstrahl auf Kopf und Schultern fiel und um ihn herum der Dampf aufstieg, sah er an seinem schlanken Körper herunter. Sein Blick fiel auf seinen schlaffen Schwanz, und er verfluchte sich. Du bist so ein Arschloch, so ein verdammter Lügner. Er hatte die Worte laut ausgesprochen. Beschämt drehte er mit einem Ruck den Warmwasserhahn zu. Das eiskalte Wasser konnte ihm sein schlechtes Gewissen nicht nehmen. Schon als Kind hatte Hector wenig von Ausflüchten gehalten. Er wusste, dass er das Valium nicht brauchte und dass es ihm eigentlich nur darum ging, Connie zu sehen. Warum fuhr er nicht einfach an Aishas Praxis vorbei und ließ die Pillen Pillen sein? Nein, das schaffte er nicht. Während er sich mit dem feuchten Handtuch abtrocknete, das nach Seife, nach ihm selbst und nach seiner Frau roch, sah er kein einziges Mal in den Spiegel. Erst im Schlafzimmer, als er etwas Wachs im Haar verteilte, riskierte er einen Blick. Er bemerkte die grauen Schläfen, das unrasierte Kinn, die Falten in den Mundwinkeln. Sein Kinn war noch straff, das Haar noch voll. Er sah jünger aus als dreiundvierzig. Fröhlich pfeifend küsste er seine Frau und nahm die Einkaufsliste und den Autoschlüssel vom Küchentisch. Als er den Motor anließ, dröhnte ein grausam quäkender Popsong durch den Wagen. Er wechselte schnell den Sender, kein Jazz, dafür irgendein angenehmes Gedudel. Aisha hatte die Kinder am Tag zuvor von der Schule abgeholt und sie das Musikprogramm auswählen lassen. Er selbst ließ sich nie vorschreiben, was im Auto gehört wurde, worüber Aisha sich oft lustig machte. »Nein«, wehrte er sich. »Das können sie tun, wenn sie einen besseren Geschmack haben.« »Um Gottes willen, Hector, das sind Kinder, die haben keinen Geschmack.« »Jedenfalls lasse ich sie nicht irgendeinen Top-Forty-Scheiß hören. Ich tue ihnen damit einen Gefallen.« Da musste Aisha jedes Mal lachen. Der Parkplatz am Markt war gerammelt voll, Hector schlängelte sich durch die zugeparkten Reihen, bis er endlich einen Platz fand. Der Commodore – zuverlässig, komfortabel und langweilig – war ein Kompromiss gewesen. Davor waren sie unter anderem einen verrosteten Peugeot ohne Handbremse aus den Sechzigern gefahren, von dem sie sich kurz nach Adams Geburt getrennt hatten, einen robusten Datsun 200B aus den Siebzigern, der irgendwo zwischen Coffs Harbour und Byron Bay den Geist aufgegeben hatte, als Adam sechs gewesen war und Melissa noch ein Baby, und einen monströsen Chrysler Valiant, ein spätes, offenbar unverwüstliches Modell, der die gesamte Familie ein paarmal quer durchs Land befördert hatte, wenn sie Aishas Familie in Perth besucht hatten. Der Wagen wurde von zwei jungen Männern gestohlen, die komplett high waren, damit in Lalor gegen eine Telefonzelle krachten und ihn daraufhin mit Benzin übergossen und anzündeten. Hector hatte fast geweint, als die Polizei anrief. Aisha hatte erklärt, an keinem Auto mehr interessiert zu sein, das älter als zehn Jahre war. Hauptsache, es war sicher und verbrauchte nicht so viel. Hector hatte widerstrebend eingewilligt, träumte aber immer noch von einem Valiant – oder vielleicht einem Pick-up oder einem alten EJ Holden. Er machte es sich auf dem Sitz bequem, drehte das Fenster runter, zündete sich eine Zigarette an und zog den Einkaufszettel aus der Tasche. Wie üblich hatte Aisha alles peinlich genau notiert, inklusive präziser Mengenangaben. Fünfundzwanzig Gramm grünen Kardamom (sie kaufte Gewürze nie in größeren Mengen, weil sie dann nicht mehr frisch waren). Neunhundert Gramm Tintenfisch (Hector hätte ein Kilo bestellt, er rundete immer auf). Vier Auberginen (und zwar europäische, nicht asiatische, wie dahinter in Klammern und unterstrichen zu lesen war). Hector lächelte, als er die Liste durchging. Die Ordnungsliebe seiner Frau frustrierte ihn manchmal, andererseits bewunderte er sie auch dafür, wie effektiv und besonnen sie alles anging. Wäre er allein für das Barbecue zuständig gewesen, hätte es am Ende nur Panik und Chaos gegeben. Aisha dagegen war ein sagenhaftes Organisationstalent, und dafür war er dankbar. Ohne sie bekäme er sein Leben nicht geregelt. Aishas Zuverlässigkeit und Intelligenz hatten einen positiven Einfluss auf ihn, das war ganz klar. Mit ihrer Ruhe glich sie sein impulsives Wesen aus. Selbst seine Mutter – die anfangs strikt gegen seine Beziehung mit einer Inderin gewesen war – musste das zugeben. »Du kannst von Glück reden, dass du sie hast«, ermahnte sie ihn auf Griechisch. »Weiß der Himmel, was für eine Zigeunerin du dir sonst noch angelacht hättest. Du hast dich kein bisschen unter Kontrolle. Nie hattest du irgendetwas unter Kontrolle.« Die Worte seiner Mutter fielen ihm ein, nachdem er die Kiste mit dem Obst und dem Gemüse in den Kofferraum geladen hatte und zurück zu den Delikatessen schlenderte. Die junge Frau vor ihm trug enge Jeans, in denen runde, verführerisch kleine Pobacken steckten. Sie hatte lange schwarze Haare, Hector nahm an, dass sie Vietnamesin war. Er ging langsam hinter ihr her. Den Lärm und das Geschrei vom Markt nahm er nicht mehr wahr, es gab nur noch den perfekt schwingenden Arsch vor ihm. Als die Frau in einer Bäckerei verschwand, erwachte Hector aus seinem Tagtraum. Er musste pissen. Beim Händewaschen auf der Toilette sah er in den verdreckten Spiegel und schüttelte den Kopf. »Du hast dich kein bisschen unter Kontrolle.« Er saß im Wagen vor der Praxis, rauchte und hörte Art Blakey and the Messengers. Die scharfen, disharmonischen Bläser bei »A Night in Tunisia« waren gleichzeitig sinnlich und beruhigend. Als er instinktiv nach einer dritten Zigarette griff, drehte er abrupt die Musik aus, sprang aus dem Wagen und ging über die Straße. Das Wartezimmer war voll. Eine dünne ältere Dame hielt eine Katzenkiste umklammert, aus der in regelmäßigen Abständen klägliche Schreie drangen. Zwei junge Frauen saßen auf einer Couch und blätterten Zeitschriften durch, zu ihren Füßen ein traurig guckender schwarzer Zwergspitz. Connie telefonierte. Als er reinkam, warf sie ihm ein verkniffenes Lächeln zu, dann sah sie weg. Sie vertröstete einen zweiten Anrufer in die Warteschleife und nahm ihr Gespräch wieder auf. »Ich gehe durch«, flüsterte er ihr zu und zeigte in Richtung Korridor. Sie nickte. Als er am Sprechzimmer vorbei in die Behandlungsräume ging, rang er nach Luft. Connie machte ihm Angst. Sie zu sehen, war nie ganz einfach, es verwirrte ihn jedes Mal, und er fühlte sich wieder wie der schüchterne, verschlossene Junge, der er in der Schule gewesen war. Gleichzeitig verspürte er ein tiefes, befriedigendes Wohlbehagen, ein warmes Gefühl, das seinen ganzen Körper durchströmte. In ihrer Gegenwart fühlte er sich, als trete er aus dem Schatten hinaus in die Sonne. Die Welt kam ihm kälter vor, wenn Connie nicht da war. Ihr nahe zu sein, machte ihn glücklich. »Was machst du hier?« In ihrer Stimme lag nichts Bedrohliches. Sie hatte die Arme verschränkt, das blonde Haar war zu einem dicken Pferdeschwanz zusammengebunden. »Scheint viel los zu sein bei euch.« »Das ist samstags immer so.« Sie ging zum Röntgentisch rüber und zupfte ein paar Fussel von dem blauen Abdecktuch. Aus dem Sprechzimmer hörte er einen Hund knurren. Sie weigerte sich, ihn anzusehen. Sie hatte keine Ahnung, wie sie sich ihm gegenüber in der Öffentlichkeit verhalten sollte, und das machte ihm jedes Mal bewusst, wie jung sie war: die Pickelchen links unter der Lippe, die Sommersprossen auf ihrer Nase, und wie sie plump die Schultern hängen ließ. Steh gerade, wollte er ihr sagen, du brauchst dich nicht dafür schämen, dass du groß bist. »Aish hat mich gebeten, ein paar Valium zu holen.« Als er den Namen seiner Frau erwähnte, sah Connie ihn an und schien plötzlich zum Leben zu erwachen. »Die sind im Sprechzimmer.« »Ich warte, bis Brendan mit seinem Patienten fertig ist.« »Ist okay, ich hol sie.« Sie stürmte durch den Korridor und kam mit fünf Tabletten in einer kleinen Plastiktüte wieder. »Reicht das ?« »Klar.« Er nahm die Tüte und strich dabei mit dem Finger über ihr Handgelenk. Sie schaute zur Seite, zog den Arm aber nicht weg. »Hast du eine Zigarette für mich?« Sie sah ihm jetzt direkt ins Gesicht, ihre stechend blauen Augen blickten ihn fordernd an. Brendan war überzeugter Nichtraucher und würde es sicher missbilligen, wenn Hector einem Teenager eine Zigarette gab. Nein, kein Teenager, Connie war eine junge Frau. Sie schien ihn provozieren zu wollen. Ihr eindringlicher Blick erregte ihn. Er gab ihr eine Zigarette. Als Connie die Tür zur Veranda öffnete, machte er Anstalten, ihr zu folgen. »Pass auf Brendan auf, ja? Oder falls jemand reinkommt.« Manchmal klang sie immer noch wie eine Londonerin. Er nickte, und sie warf die Fliegengittertür hinter sich zu. Durchs Fenster sah er Connie rauchen und saugte ihren Anblick in sich auf. Das dichte blonde Haar, der dralle Hintern und die langen, kräftigen Beine in den zu engen schwarzen Jeans. Ihr anmutig geschwungener Hals. Das Telefon klingelte, sie warf die Zigarette auf den Boden, trat sie aus, nahm den Stummel und schnippte ihn in die Mülltonne. Dann eilte sie an ihm vorbei und ging ans Telefon. »Guten Tag, Sie sprechen mit der Tierärztlichen Praxis Hogarth Road, Connie am Apparat. Einen Augenblick, bitte.« Sie wandte sich ihm zu. »War sonst noch was?« Er schüttelte den Kopf. »Wir sehen uns heute Nachmittag.« Verwirrt sah sie ihn an, und wieder war er beeindruckt von ihrer Jugend, der Naivität, die sie selbst so an sich hasste. Er wollte sie dafür loben, dass sie den Zigarettenstummel in den Müll geworfen hatte, tat es dann aber doch nicht, weil sie es sicher als überheblich empfunden hätte. Was es zum Teil auch war. »Das Barbecue bei uns«, erinnerte er sie. Ohne ein Wort wandte sie ihm den Rücken zu. »So, da bin ich wieder, was kann ich für Sie tun?« Zu Hause half er Aisha, die Einkäufe auszupacken, ging dann ins Bad und masturbierte heftig über der Kloschüssel. Er dachte dabei aber nicht an Connie. Stattdessen stellte er sich den knackigen Hintern der Vietnamesin vom Markt vor. Er kam nach nicht mal einer Minute, wischte das Sperma vom Rand, warf das Toilettenpapier ins Klo, pinkelte und spülte alles weg. Während er sich die Hände wusch, sah er in den Spiegel und entdeckte zwischen den schwarzen Bartstoppeln an seinem Kinn wieder ein paar graue. Am liebsten hätte er seinem Spiegelbild mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Kurz bevor die Gäste eintreffen sollten, fingen Adam und Melissa an zu streiten. Aisha hatte auf dem Küchentisch ein Festessen angerichtet: ein Linsen-Dal, Samosas und Curry-Auberginen, einen Kartoffelsalat und einen Salat mit schwarzen Bohnen und Dill. Er stand vor dem Herd und wartete darauf, die Calamari in die Pfanne zu werfen, als er seine Tochter wütend schreien hörte. Bevor er losbrüllen konnte, kam Aisha aus dem Bad gerannt. Sie versuchte zu schlichten, aber Melissa drehte immer mehr auf, und jetzt hörte er auch Adam weinen. Aishas Stimme ging bei dem Geschrei vollkommen unter. Hector warf die Hälfte der CalamariRinge in die Pfanne, schaltete die Hitze runter und ging nach dem Rechten sehen. Melissa hatte die Arme um den Hals ihrer Mutter geschlungen, und Adam saß auf dem Bett und schmollte. »Was ist los?« Das war die falsche Frage. Beide Kinder fingen gleichzeitig an zu brüllen. Hector hob die Hand. »Ruhe!« Melissa war sofort still, bis auf ein paar tiefe, traurige Seufzer. Ihr liefen immer noch die Tränen übers Gesicht. Er sah seinen Sohn an. »Was ist los?« »Sie hat mich ein fettes Schwein genannt.« Womit sie nicht ganz unrecht hatte. »Was hast du ihr getan?« Aisha schaltete sich ein. »Hört zu, ihr beiden, ich will, dass ihr euch heute benehmt. Es ist mir egal, wer angefangen hat. Ihr setzt euch jetzt ins Wohnzimmer und seht fern, bis die Gäste kommen. Abgemacht ?« Melissa nickte, aber Adam guckte immer noch mürrisch. »Da brennt irgendwas an«, brummelte er. »Scheiße!«, Hector raste in die Küche und drehte schnell die Ringe um. Öl spritzte auf sein Hemd. Er fluchte. Aisha stand in der Tür und lachte. »Was ist daran so komisch? Ich habe das Hemd gerade frisch angezogen.« »Vielleicht hättest du dich erst umziehen sollen, nachdem du die Calamari gemacht hast.« Für einen kurzen Moment stellte er sich vor, die Pfanne nach ihr zu werfen. Sie kam auf ihn zu und ließ die Hand unter sein Hemd gleiten, ihre Finger waren angenehm kühl. »Lass mich das machen«, flüsterte sie. »Geh du hoch und zieh dich um.« Es kitzelte, wo sie ihn berührt hatte. Seine Eltern waren die Ersten. Durchs Schlafzimmerfenster sah er sie Taschen und Behälter aus dem Kofferraum laden. Er ging hinaus, um sie zu begrüßen. »Wozu habt ihr das alles mitgebracht?« Sein Vater hielt eine Schale mit Koteletts und Steaks in den Händen. »Ich habe heute Morgen auf dem Markt genug Fleisch gekauft.« »Ist schon gut, Ecttora«, antwortete seine Mutter auf Griechisch und küsste ihn auf beide Wangen, in den Händen zwei große Schüsseln Salat. »Wir sind schließlich weder Barbaren noch Engländer. Wir bringen etwas mit, wenn wir zum Barbecue eingeladen sind. Was wir heute nicht schaffen, können die Kinder und du ja morgen essen.« Morgen ? Sie würden die ganze Woche davon essen können. Die Eltern stellten ihre Tabletts und Schüsseln auf den Küchentresen. Seine Mutter tätschelte Aisha kurz die Wange und lief dann weiter ins Wohnzimmer, um den Kindern Hallo zu sagen. Sein Vater umarmte Aisha. »Ich hole den Rest vom Essen aus dem Auto.« »Ihr habt noch mehr dabei?« Aishas Stimme klang warm und herzlich, aber Hector bemerkte die Anspannung um ihre Mundwinkel. »Nur ein paar Dips und so, oder?«, fragte Hector. »Ja«, erwiderte sein Vater. »Ein paar Dips, Getränke und etwas Käse und Obst.« »Wir haben viel zu viel«, flüsterte Aisha. Lass sie, wollte er sagen, sie waren schon immer so. Das wird sich auch nicht mehr ändern. Warum überrascht dich das überhaupt noch ? »Ist schon in Ordnung«, flüsterte er zurück. »Was heute nicht wegkommt, essen wir in den nächsten Tagen.« Innerhalb einer Stunde war das Haus voll. Seine Schwester Elisavet kam mit ihren beiden Kindern Sava und Angeliki. Aisha legte Toy Story in den DVD-Player, der Film kam immer wieder gut an. Hector hatte eine Menge übrig für seinen Neffen Sava, der ein Jahr jünger war als Adam, aber schon selbstbewusster und gebildeter wirkte, und auch mutiger als sein eigener Sohn. Sava war schlank und agil, körperbewusst. Er hatte direkt vor dem Bildschirm Platz genommen, sprach die Dialoge unhörbar mit und tat so, als sei er Buzz Lightyear. Adam saß im Schneidersitz neben ihm. Die Mädchen, Melissa und Angeliki, hatten es sich auf der Couch gemütlich gemacht, sahen sich den Film an und flüsterten miteinander. »Es ist so schön draußen, ihr solltet rausgehen und spielen.« Die vier ignorierten ihre Großmutter. »Schon gut, Koula, lass sie den Film sehen.« Seine Mutter ignorierte wiederum Aisha und sagte auf Griechisch zu Hector: »Immer sitzen sie vor diesem verdammten Fernseher.« »Genau wie wir damals, Mutter.« »Das stimmt nicht.« Mit diesen Worten schob sie ihn beiseite und marschierte in die Küche. Sie nahm Aisha das Messer aus der Hand. »Lass mich das machen, Liebes.« Der Rücken seiner Frau verspannte sich. Das Wetter war perfekt, ein tropischer Spätsommernachmittag unter blauem Himmel. Sein Cousin Harry kam mit seiner Frau Sandi und ihrem Sohn, dem achtjährigen Rocco, und kurz darauf erschienen Bilal und Shamira mit ihren beiden Kindern. Der kleine Ibby rannte sofort ins Wohnzimmer und ließ sich neben Adam und Sava fallen, wobei er sie kaum zur Kenntnis nahm und die Augen auf den Bildschirm heftete. Sonja, die Kleinste, klammerte sich ängstlich an den Knien ihrer Mutter fest, aber dann lockte sie das Lachen aus dem Wohnzimmer doch allmählich aus der Küche weg und sie setzte sich schweigend zu den anderen. Aisha stellte ein Tablett mit Hacktörtchen und Würstchen im Teigmantel auf den Couchtisch, und die Kinder machten sich sofort darüber her. Hector ging mit Bilal nach hinten in den Garte

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