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Vor fast siebzig Jahren begann im Sommer 1941 das Unternehmen Barbarossa, der deutsche Angriff auf die Sowjetunion. Stefan Scheil zeichnet in seiner Studie über die Eskalation des Zweiten Weltkriegs die internationale Politik im Jahr vor diesem Angriff und seine Ursachen nach. Die britische, deutsche, amerikanische und sowjetische Kriegspolitik und ihre jeweils zugrunde liegenden Interessen stehen im Mittelpunkt seiner Darstellung. Der Autor zeigt detailliert auf, wie sehr sich die Bedrohungsszenarien und Ziele der damals aktuellen und potentiellen Kriegsparteien auf verschiedenen Schauplätzen gegenseitig beeinflussten und zur Eskalation des Krieges führten, so etwa auf dem Balkan. Er geht auf die sowjetischen Angriffspläne der Jahre 1940/41 ein und weist anhand von Archivmaterial nach, daß die deutsche Entscheidung für den Angriff auf die UdSSR durch die sowjetische Angriffsdrohung wesentlich mit verursacht wurde.
| ISBN-10: | 3-428-53377-1 |
|---|---|
| EAN: | 9783428533770 |
| Erschienen: | 01.01.2011 |
| Verlag: | Duncker & Humblot GmbH |
| Einband: | |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Auflage: | 2 |
| Seitenzahl: | 478 |
| Erschienen bei: | Duncker & Humblot GmbH |
| Spieldauer: | 3170 KB |
| Kapitel: | 0 |
| Medium: |
X. Hegemonie oder Untergang (S. 365-366)
1. Die Entwicklung in Hitlers Rußlandbild
Vom Kolonialgebiet zur Supermacht "Meine Zwangsvorstellung im Lauf der letzten Wochen war, daß Stalin mir zuvorkommen könnte."
Adolf Hitler
Die Diskussion um die Präventivkriegsthese konzentrierte sich seit den 1980er Jahren weitgehend auf die Sowjetunion und ihre möglichen Angriffsabsichten auf Deutschland. Dies war eine Folge des Umbruchs in Rußland, der Auflösung der Sowjetunion und der damit verbundenen teilweisen Öffnung der russischen Archive.
So wurde es zum ersten Mal möglich, die Planungen der russischen Führung anhand von Quellenmaterial einigermaßen nachzuvollziehen und damit einen Klärungsvorgang zu wiederholen, der für den Entscheidungsprozeß in NS-Deutschland als abgeschlossen galt. Durch diesen Vorgang ist eine merkwürdige Schieflage in der Diskussion entstanden, auf die gerade von den Kritikern der Präventivkriegsthese gern hingewiesen wird.
Denn so wichtig die Klärung der russischen Entscheidungsfindung im Jahr 1941 ist, so wenig kann daraus der präventive Charakter des deutschen Angriffs abgeleitet werden. Auch wenn die sowjetische Führung und Stalin selbst die Absicht gehabt haben sollten, Deutschland zu überfallen, müßte immer noch nachgewiesen werden, daß man dies in Deutschland wußte und deswegen den Angriff für den Sommer 1941 befohlen hat. Nur dann könnte der "Fall Barbarossa" als Präventivkrieg bezeichnet werden.
Dieser Nachweis ist oben erbracht worden. Im folgenden gehe ich kurz auf die Planungen innerhalb der deutschen Führung ein, was im Fall eines Sieges über die Rote Armee auf dem Territorium der UdSSR geschehen solle. Ein Krieg aus Anlaß der aktuellen sowjetischen Politik schloß einen Eroberungsfeldzug nicht aus, stellte Victor Cavendish-Bentinck fest, der Vertreter des englischen Außenministeriums im Geheimdienstausschuß:
"Die Russen können einem doch furchtbar auf die Nerven gehen, und Hitler muß bei seinem rachsüchtigen und boshaften Charakter eine Menge Rechnungen mit ihnen zu begleichen haben, so schikanös und hinterhältig haben die Russen ihn seit August 1939 behandelt, da sie die Deutschen im Nachteil glaubten. Außerdem hat Hitler die Tendenz, früher oder später die in ‚Mein Kampf' genannten Ziele wieder aufzunehmen: Irgendwann kehrt doch jeder zu seiner ersten Liebe zurück!"