Buch
Taschenbuch (477 Seiten)
Sprache: Deutsch
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Ein gemeiner Mord macht Schlagzeilen
Sechs Jahre sind es nun, seit Jack Reacher als Spitzenermittler aus dem Militärdienst ausgeschieden ist. Seitdem ist er unterwegs. Ohne Familie, ohne offizielle Adresse, ohne Telefon, ohne Bankkonto. Bis er eines Abends in Boston zufällig einem Mann begegnet, der eigentlich tot sein müsste. Ein Schatten aus seiner Vergangenheit. Und Jack Reacher hasst unerledigte Geschäfte. Er will wissen, wem der Cadillac gehört, in den Quinn eingestiegen ist - der Mann mit den unverwechselbaren Narben auf der Stirn. Die Anfrage bei seiner alten Dienststelle beschert ihm den Besuch zweier Agenten. Ihr Interesse gilt Zachary Beck, einem Top-Rauschgiftdealer, in dessen Haus Quinn lebt. Und schon findet sich Reacher mitten in einer hochriskanten Ermittlung wieder - als Leibwächter in Becks Haus, das einer Festung gleicht. In einem mörderischen Showdown...Das Ende scheint klar. Alles scheint offensichtlich in diesem Fall - nichts ist es. Denn Lee Child ist ein Meister unerwarteter Wendungen, wenn man sie am wenigsten erwartet - bis zur letzten Seite.
Pressestimmen:
"Es gibt Autoren, die mich süchtig machen. Lee Child ist einer von ihnen." Tobias Gohlis, Die Zeit
| Verkaufsrang: | 6.943 |
|---|---|
| ISBN-10: | 3-442-36616-X |
| EAN: | 9783442366163 |
| Originaltitel: | Persuader (Reacher 07) |
| Erschienen: | 11.12.2006 |
| Verlag: | Blanvalet |
| Einband: | Taschenbuch |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 477 |
| Länge/Breite: | 183mm/118mm |
| Gewicht: | 367 g |
| Übersetzer: | Wulf Bergner |
| Reihe: | Blanvalet Taschenbücher |
Lee Child wurde in den englischen Midlands geboren, studierte Jura und arbeitete dann zwanzig Jahre lang beim Fernsehen, wo er u.a. so hochklassige Thrillerserien wie 'Prime Suspect' ('Heißer Verdacht') oder 'Cracker' ('Für alle Fälle Fitz') betreute. 1995 kehrte er der Fernsehwelt und England den Rücken, zog in die USA und landete bereits mit seinem ersten Jack-Reacher-Thriller einen internationalen Bestseller. Seither fesselt er seine Fans mit immer neuen atemberaubenden Reacher-Romanen. Er wurde mit mehreren hoch dotierten Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem 'Anthony Award', dem renommiertesten Preis für Spannungsliteratur.
von einer Kundin/einem Kunden, am 15.06.2011
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von Wolfgang B., am 28.08.2010
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von CaWa - die Leseratte, am 30.03.2008
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von Polar, am 12.09.2007
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von Chris, am 10.07.2007
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von einer Kundin/einem Kunden, am 26.10.2006
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1
Genau vier Minuten, bevor er erschossen wurde, stieg der Cop aus seinem Wagen. Er bewegte sich, als kenne er sein Schicksal bereits. Er stieß die Fahrertür gegen den Widerstand schlecht geölter Scharniere auf, rutschte auf dem abgewetzten Kunstledersitz langsam nach links und stellte beide Füße flach auf den Asphalt. Dann packte er den Türrahmen mit beiden Händen und hievte sich nach oben und aus dem Wagen. Er blieb einige Sekunden in der kalten, klaren Luft stehen, bevor er sich umdrehte und die Tür hinter sich abschloss. Verharrte noch einen Augenblick, ging nach vorn und lehnte sich in der Nähe des linken Scheinwerfers an den Kotflügel.
Der Wagen war ein sieben Jahre alter Chevy Caprice. Ein schwarzes Fahrzeug ohne Polizeikennzeichnung. Aber es verfügte über drei Antennen und hatte einfache verchromte Radkappen. Die meisten Cops, mit denen man redete, waren davon überzeugt, dass der Caprice das beste jemals gebaute Polizeifahrzeug sei. Dieser Kerl, der aussah wie ein altgedienter Kriminalbeamter, dem der gesamte Fuhrpark zur Verfügung steht, schien derselben Meinung zu sein. Ich konnte diese Art dickköpfiger Oldtimerpersönlichkeit daran erkennen, wie er sich hielt. Er war groß und massig und trug einen schlichten dunklen Anzug aus einem schweren Wollstoff. Ein alter Mann. Er bewegte den Kopf, schaute zuerst die Straße entlang und dann über die Schulter zum Collegetor. Er stand dreißig Meter von mir entfernt.
Das Collegetor selbst hatte lediglich symbolische Funktion.
Zwei hohe gemauerte Klinkerpfeiler ragten einfach aus der weiten gepflegten Rasenfläche jenseits des Gehsteigs auf. Zwischen ihnen hing ein zweiflügliges Tor aus zu Fantasiegebilden gebogenen, abgewinkelten und verdrehten Eisenstangen. Das Tor glänzte schwarz, wie frisch gestrichen. Wer es nicht benutzen wollte, fuhr einfach über den Rasen. Es stand ohnehin weit offen. Hinter ihm lag eine Zufahrt mit kniehohen kleinen Eisenpollern an beiden Seiten, an denen jeweils ein Torflügel befestigt war. Die Zufahrt führte leicht abfallend zu einer etwa hundert Meter entfernten Ansammlung von Klinkergebäuden mit Moos bewachsenen Steildächern unter überhängenden Bäumen. Die Zufahrt war mit Bäumen gesäumt, ebenso der Gehsteig. Überall standen Bäume. Ihre Blätter waren noch klein, zusammengerollt und lindgrün. In einem halben Jahr würden sie groß, rot und golden sein und den Fotografen Motive für den Collegeprospekt liefern.
Zwanzig Meter jenseits des Tors parkte auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Pick-up. Er stand in fünfzig Meter Entfernung mir zugekehrt dicht am Randstein. Irgendwie passte er nicht hierher. Sein roter Lack war verblasst, und vorn hatte er einen wuchtigen Rammbügel, der aussah, als wäre er schon mehrmals verbogen und wieder ausgerichtet worden. Im Fahrerhaus saßen zwei Männer, jung, groß, blond, mit klar geschnittenen Gesichtszügen. Sie saßen völlig unbeweglich da und blickten nach vorn, ohne etwas Bestimmtes anzuvisieren.
Ich war im Süden stationiert und parkte mit einem anonymen braunen Lieferwagen vor einem Musikgeschäft - ein Laden, den man in der Nähe eines Collegetors zu finden erwartet. Draußen auf dem Gehsteig standen Tische mit gebrauchten CDs, und in den Schaufenstern dahinter hingen Poster, die für Bands warben, welche kein Mensch kannte. Ich hatte die Hecktüren des Lieferwagens geöffnet. Auf der Ladefläche waren Pappkartons gestapelt. Ich hielt einen Packen Lieferscheine in der Hand, und weil es an diesem Aprilmorgen kalt war, trug ich einen kurzen Mantel. Ich hatte auch Handschuhe an, weil an den bereits aufgerissenen Kartons im Laderaum lose Klammern hingen. Ich trug eine Waffe, weil ich das oft tat. Sie steckte hinten im Hosenbund. Die Waffe war ein Colt Anaconda: ein riesiger Revolver aus rostfreiem Stahl, der 44er-Magnum-Patronen verschoss. Er war fünfunddreißig Zentimeter lang und wog über anderthalb Kilo. Als Waffe nicht gerade meine erste Wahl. Der Colt fühlte sich hart, schwer und kalt an, und ich war mir seiner Gegenwart ständig bewusst.
Ich blieb mitten auf dem Gehsteig stehen, schaute von meinen Lieferscheinen auf und hörte den Motor des weit entfernten Pick-ups anspringen. Er fuhr jedoch nicht los, sondern blieb mit laufendem Motor stehen. Es war früh und die Straße noch menschenleer. Ich trat hinter meinen Lieferwagen und blickte die Fassade des Musikgeschäfts entlang zu den Collegegebäuden. Sah vor einem davon einen schwarzen Lincoln Town Car warten, neben dem zwei Männer standen. Sie sahen auch aus hundert Metern Entfernung nicht gerade wie Chauffeure aus. Chauffeure treten nicht paarweise auf, sind meist auch nicht jung und muskulös und wirken nicht angespannt und wachsam. Diese Kerle waren wohl eher Leibwächter.
Das Gebäude, vor dem der Lincoln parkte, schien irgendein kleines Studentenwohnheim zu sein. Über seiner massiven Holztür standen griechische Buchstaben. Während ich die Szene beobachtete, ging die schwere Tür auf, und ein hagerer Junge trat ins Freie. Er hatte langes, fettiges Haar, war mager und wie ein Obdachloser gekleidet, führte aber eine Reisetasche bei sich, deren teures Leder glänzte. Einer der Leibwächter passte auf, während der andere die Autotür aufhielt. Der Junge warf seine Reisetasche auf den Rücksitz und rutschte ebenfalls ins Wageninnere. Er schloss die Tür selbst. Der Knall, mit dem sie zufiel, kam schwach und gedämpft bei mir an. Die Leibwächter blickten sich kurz um und stiegen dann beide vorn ein. Im nächsten Augenblick fuhr der Wagen an. Dreißig Meter dahinter rollte ein Fahrzeug des College-Sicherheitsdienstes langsam hinter ihm her - nicht etwa, um eine Kolonne zu bilden, sondern nur zufällig in dieselbe Richtung unterwegs. Es war mit zwei Security-Leuten besetzt. Die beiden hockten tief in ihren Sitzen und wirkten gelangweilt.
Ich zog die Handschuhe aus, warf sie hinten in meinen Lieferwagen und trat auf die Straße hinaus, um alles besser beobachten zu können. Ich sah den Lincoln mit mäßiger Geschwindigkeit die Zufahrt entlangkommen. Er war schwarz, makellos gepflegt und verfügte über reichlich Chrom. Die Collegecops befanden sich weit dahinter. Der Wagen hielt kurz an dem mit Ornamenten geschmückten Tor, dann bog er links ab und fuhr nach Süden auf den schwarzen Caprice des Kriminalbeamten zu. Auf mich zu.
Was dann geschah, dauerte acht Sekunden, die mir jedoch nur wie ein Wimpernschlag erschienen.
Der blassrote Pick-up fuhr zwanzig Meter hinter dem Caprice an. Er beschleunigte stark, schloss zu dem Lincoln auf, zog nach links und holte ihn genau auf Höhe des schwarzen Dienstwagens ein. Dann beschleunigte er noch etwas, und sein Fahrer riss das Lenkrad so nach rechts, dass die Ecke des Rammbügels den Kotflügel des Lincoln genau in der Mitte traf. Der Fahrer des Pick-ups ließ das Lenkrad eingeschlagen und den Fuß auf dem Gaspedal und drängte den Lincoln von der Fahrbahn aufs Bankett ab. Der Lincoln wurde abrupt langsamer und knallte dann frontal an einen Baum. Metall verbog sich kreischend, Scheinwerferglas zersplitterte, und aus dem Kühler stieg eine riesige Dampfwolke auf.
Die beiden Männer stürmten aus ihrem Pick-up. Sie hatten schwarze Maschinenpistolen, mit denen sie den Lincoln unter Feuer nahmen. Ihr Hämmern war ohrenbetäubend laut, und ich sah die Messinghülsen verschossener Patronen in weitem Bogen auf den Asphalt regnen. Dann erreichten die Kerle die Türen des Lincoln. Rissen sie auf. Einer von ihnen begann den Jungen herauszuzerren. Der andere gab noch einen Feuerstoß auf die Vordersitze ab, griff anschließend mit der linken Hand in seine Tasche und holte so etwas wie eine Handgranate heraus. Warf sie in den Lincoln, knallte die Türen zu, packte seinen Kumpel und den Jungen an den Schultern, drehte sie weg und zwang sie mit sich in die Hocke. Im Wageninneren blitzte eine gleißend helle Detonation auf. Alle Fenster zersplitterten. Obwohl ich über zwanzig Meter entfernt war, nahm ich den Explosionsdruck ganz deutlich wahr. Glassplitter spritzten nach allen Seiten. Dann rappelte sich der Kerl, der die Handgranate geworfen hatte, auf und spurtete zur Beifahrertür des Pick-ups. Der andere stieß den Jungen vor sich her ins Fahrerhaus und zwängte sich hinter ihm hinein. Die Türen wurden zugeknallt, und ich sah den Jungen zwischen den Kerlen eingezwängt auf dem Mittelsitz hocken. Auf seinem Gesicht zeichnete sich Entsetzen ab. Er war vor Schock leichenblass, und trotz der schmutzigen Windschutzscheibe konnte ich erkennen, wie er den Mund zu einem stummen Schrei aufriss. Ich hörte den Motor aufheulen und die Reifen quietschen, und dann kam der Pick-up direkt auf mich zu.
Der Wagen war ein Toyota. Ich konnte das Wort TOYOTA hinter dem Rammbügel auf der Motorhaube lesen. Er war hochbeinig, und ich sah das große schwarze Differenzial in der Vorderachse. Es hatte die Größe eines Fußballs. Allradantrieb. Riesige Breitreifen. Beulen und verblasster Lack, der seit der Auslieferung nicht mehr gewaschen worden war. Er kam genau auf mich zu.
Mir blieb weniger als eine Sekunde, um mich zu entscheiden.
Ich schlug meinen Mantel zurück und zog den Colt. Zielte sehr sorgfältig und schoss ein Mal auf den Kühlergrill des Toyota. Der große Revolver blitzte und knallte. Das riesige Geschoss Kaliber 44 zerschmetterte den Kühler. Ich schoss wieder - diesmal auf den linken Vorderreifen. Ließ ihn in einer spektakulären Detonation aus schwarzen Gummiteilen hochgehen. Meterlange Gummistreifen wirbelten durch die Luft. Der Pick-up geriet ins Schleudern und kam so zum Stehen, dass die Fahrerseite mir zugewandt war. Zehn Meter entfernt. Ich verschwand hinter meinem Wagen, knallte die Hecktüren zu, tauchte auf dem Gehsteig auf und schoss diesmal auf den linken Hinterreifen. Mit demselben Ergebnis. Überall flog Gummi herum. Der Pick-up krachte auf die linken Felgen herunter und blieb stark geneigt stehen. Der Fahrer stieß die Tür auf, sprang auf die Straße und richtete sich auf einem Knie auf. Er hielt seine MP in der falschen Hand, wechselte sie rasch in die andere. Ich wartete, bis ich ziemlich sicher war, dass er damit auf mich zielen würde. Dann benutzte ich die linke Hand, um meinen rechten Unterarm mit dem schweren Colt zu stabilisieren, und zielte sorgfältig auf die Körpermitte, wie ich's vor langer Zeit gelernt hatte, und drückte ab. Der Brustkorb des Kerls schien in einer riesigen Blutwolke zu explodieren. Der magere Junge hockte schreckensbleich im Fahrerhaus. Starrte nur entsetzt nach vorn. Doch der zweite Kerl war aus dem Pick-up gesprungen und kam um die Motorhaube herum auf mich zugehastet. Seine MP schwenkte in meine Richtung. Ich wandte mich ihm zu, wartete einen Herzschlag lang und zielte auf seine Brust. Schoss. Mit demselben Ergebnis. Er ging in einer Wolke aus aufspritzendem Blut neben dem Kotflügel zu Boden und blieb auf dem Rücken liegen.
Der magere Junge im Fahrerhaus bewegte sich jetzt. Ich rannte zu ihm und zerrte ihn direkt über die Leiche des ersten Kerls heraus. Schleppte ihn zu meinem Lieferwagen. Stieß ihn auf den Beifahrersitz, schlug die Tür zu, warf mich herum und wollte zur Fahrertür rennen. Aus dem Augenwinkel heraus bemerkte ich einen dritten Mann auf mich zukommen. Er griff in seine Jacke. Ein großer, schwerer Kerl in dunkler Kleidung. Ich schoss und sah seine Brust in einer Blutwolke zerplatzen - in genau der Zehntelsekunde, in der mir klar wurde, dass dies der alte Cop aus dem Caprice war, der in seine Jacke gegriffen hatte, um seine Plakette herauszuholen. Sie war ein goldenes Schild in einem abgewetzten Lederetui, das ihm jetzt aus der Hand flog, sich mehrmals überschlug und dicht vor meinem Wagen am Randstein landete.
Die Zeit stand still.
Ich starrte den Cop an. Er lag im Rinnstein auf dem Rücken. Seine Brust war eine einzige rote Masse. Alles war voller Blut. Aber es quoll nicht, wurde nicht herausgepumpt. Kein sichtbarer Herzschlag. Sein Oberhemd wies ein großes gezacktes Loch auf. Er lag völlig still. Sein Kopf war so zur Seite gedreht, dass eine Wange auf dem Asphalt lag. Seine Arme waren ausgebreitet, und ich konnte die Venen auf den Handrücken erkennen. Die Schwärze des Asphalts, das lebhafte Grün des Grases und das leuchtende Blau des Himmels waren mir sehr bewusst. Während das Echo der Schüsse noch in meinen Ohren dröhnte, konnte ich das Rascheln der von einer Brise bewegten jungen Blätter hören. Ich sah, wie der magere Junge durch die Windschutzscheibe meines Lieferwagens erst den niedergeschossenen Cop und dann mich anstarrte. Ich sah den Streifenwagen des College-Sicherheitsdienstes durchs Tor rollen und nach links abbiegen. Er fuhr langsamer, als er hätte fahren sollen. Hier waren unzählige Schüsse gefallen. Vielleicht machten sie sich Sorgen darüber, wo ihr Zuständigkeitsbereich begann und wo er endete. Vielleicht hatten sie einfach nur Angst. Ich sah ihre blassen Gesichter hinter der Windschutzscheibe. Ihr Wagen kam mit weniger als fünfzehn Meilen auf mich zugekrochen. Ich blickte auf die goldene Plakette im Rinnstein hinab. Das Metall war durch lebenslanges Tragen blank gewetzt. Ich blieb unbeweglich stehen. Schon vor langem hatte ich eines gelernt: dass es ganz einfach ist, einen Mann zu erschießen, aber völlig unmöglich, ihn wieder lebendig zu machen.
Ich hörte, wie der Wagen der Collegecops langsam auf mich zurollte, hörte, wie seine Reifen über Splitt knirschten. Sonst war alles still. Dann begann die Zeit wieder zu laufen, und eine Stimme in meinem Kopf kreischte Los, los, los!, und ich rannte los. Ich hechtete in den Lieferwagen, warf den Colt auf den Mittelsitz, ließ den Motor an und wendete so scharf, dass die äußeren Räder die Bodenhaftung verloren. Der magere Junge wurde dabei durchs Fahrerhaus geschleudert. Ich stellte das Lenkrad wieder gerade, gab Vollgas und raste nach Süden davon. Mein Blickfeld im Rückspiegel war beschränkt, aber ich sah, dass die Collegecops sofort ihre Blinkleuchten einschalteten und die Verfolgung aufnahmen. Der Junge neben mir gab keinen Laut von sich. Sein Mund stand offen. Er konzentrierte sich darauf, auf seinem Sitz zu bleiben. Ich konzentrierte mich darauf, noch weiter zu beschleunigen. Zum Glück herrschte nur wenig Verkehr. Dies war eine verschlafene Kleinstadt in New England - und das am frühen Morgen. Ich brachte die Geschwindigkeit auf ungefähr siebzig, umklammerte das Lenkrad, bis meine Fingerknöchel weiß hervortraten, und stierte verbissen nach vorn.
»Wie weit sind sie zurück?«, fragte ich den Jungen.
Er gab keine Antwort, lehnte nur zusammengekrümmt in seiner Ecke und starrte den schmutzig grauen Wagenhimmel an. Mit der rechten Hand stützte er sich von der Tür ab. Blasse Haut, lange Finger.
»Wie weit zurück?«, wiederholte ich. Der Motor röhrte.
»Sie haben einen Cop erschossen«, sagte er. »Dieser alte Mann war ein Cop, müssen Sie wissen.«
»Ich weiß.«
»Sie haben ihn erschossen.«
»Unfall«, sagte ich. »Wie weit sind die anderen zurück?«
»Er wollte Ihnen seine Plakette zeigen.«
»Wie weit sind die anderen zurück?«
Er raffte sich auf, drehte sich um und versuchte, durch die kleinen Fenster in den Hecktüren zu sehen.
»Dreißig Meter«, sagte er dann. Seine Stimme klang vage und ängstlich. »Verdammt nah. Der Beifahrer hängt mit einer Waffe in der Hand aus dem Fenster.«
Wie auf ein Stichwort hin hörte ich den Schussknall einer Handfeuerwaffe, der das Röhren des Motors und das Quietschen der Reifen übertönte. Ich griff nach dem Colt neben mir. Ließ ihn wieder fallen. Er war leer geschossen. Ich hatte bereits sechsmal gefeuert. Ein Autokühler, zwei Reifen, zwei Kerle. Und ein Cop.
»Handschuhfach«, sagte ich.
»Sie sollten anhalten«, sagte er. »Ihnen alles erklären. Sie haben mir geholfen. Das mit dem Cop war ein Irrtum.« Er sah mich nicht an, starrte weiter aus den Heckfenstern.
»Ich habe einen Cop erschossen«, erwiderte ich mit einer völlig neutral klingenden Stimme. »Das ist alles, was sie wissen, was sie wissen wollen. Wie oder warum ist ihnen scheißegal.«
Der Junge schwieg.
»Handschuhfach«, wiederholte ich.
Er drehte sich wieder um und öffnete die Klappe. Im Handschuhfach lag eine zweite Anaconda. Identisch. Glänzender rostfreier Stahl, voll geladen. Ich nahm dem Jungen den Colt aus der Hand und kurbelte das Fenster herunter. Kalte Luft wehte wie ein Sturmwind herein und brachte das stetige Knallen einer Handfeuerwaffe mit.
»Scheiße«, sagte ich.
Der Junge schwieg. Die Schüsse knallten weiter. Wie können sie uns nur verfehlen?
»Runter auf den Boden«, befahl ich.
Ich rutschte seitlich tiefer, bis meine linke Schulter am Türrahmen anlag, und streckte den angewinkelten rechten Arm so weit aus dem Fenster, dass der Revolver nach hinten zeigte. Als ich den ersten Schuss abgab, starrte der Junge mich entsetzt an, rutschte nach vorn und verkroch sich mit schützend über den Kopf gelegten Händen im Fußraum vor dem Beifahrersitz. Sekunden später explodierte drei Meter hinter der Stelle, an der sein Kopf sich befunden hatte, das Fenster in der Hecktür.
»Scheiße«, sagte ich wieder und lenkte nach links, um meinen Schusswinkel zu verbessern. Schoss erneut nach hinten.
»Ich brauche Sie als Aufpasser«, sagte ich. »Aber bleiben Sie so tief wie möglich unten.«
Der Junge rührte sich nicht.
»Los, kommen Sie rauf!«, sagte ich. »Sofort!«
Er stemmte sich ein wenig hoch und drehte den Oberkörper, bis er gerade so eben nach hinten blicken konnte. Ich bemerkte, wie er das zerschossene Heckfenster registrierte, und erkannte, dass sein Kopf sich in gerader Linie mit dem Fenster befunden hatte.
»Ich fahre jetzt etwas langsamer«, erklärte ich. »Und weiter rechts, damit sie zum Überholen ansetzen können.«
»Tun Sie's nicht«, warnte mich der Junge. »Sie können diese Sache noch in Ordnung bringen.«
Ich ignorierte ihn. Verringerte mein Tempo auf ungefähr fünfzig und fuhr scharf rechts, sodass der Streifenwagen der Collegecops instinktiv nach links zog, um sich neben mich zu setzen. Ich schoss meine drei letzten Patronen auf ihn ab. Seine Windschutzscheibe zersplitterte, und er schleuderte wild über die gesamte Straßenbreite, als sei der Fahrer getroffen oder wenigstens einer der Reifen. Er geriet aufs gegenüberliegende Bankett, pflügte mit dem Kühler durch die sich dort befindliche niedrige Hecke und verschwand außer Sichtweite. Ich warf den leeren Revolver auf den Sitz neben mich, kurbelte das Fenster hoch und gab wieder Vollgas. Der Junge sagte nichts, starrte nur nach hinten in den Lieferwagen.