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Taschenbuch (351 Seiten)
Sprache: Deutsch
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Eine Heldin wie »Amélie«, die von »Tatsächlich Liebe« träumt und Glückskekse mit Bitter-Chocolat herstellt in einer Konditorei, die in »Notting Hill« liegen könnte!
»Manche Menschen haben Glück in der Liebe. Du ganz bestimmt nicht.« - In Bitterschokolade getunkt, sind die Unglückskekse der Verkaufshit in Sophies Chocolaterie. Doch auch der Erfolg lässt das Herz der jungen Frau nicht höher schlagen, seit sie kurz vor der Hochzeit von Garrett verlassen wurde. Als Garrett eines Tages ihren Laden betritt und sie um Verzeihung bitten möchte, schlägt sie ihm einen Handel vor: Per Anzeige soll er nach dem wahren Glück suchen. Und erst wenn 100 gute Gründe, glücklich zu sein, vor ihr liegen, will sie ihn wiedersehen.
| ISBN-10: | 3-442-37706-4 |
|---|---|
| EAN: | 9783442377060 |
| Originaltitel: | Sweet Misfortune |
| Erschienen: | 14.03.2011 |
| Verlag: | Blanvalet |
| Einband: | Taschenbuch |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 351 |
| Länge/Breite: | 188mm/120mm |
| Gewicht: | 289 g |
| Übersetzer: | Christine Mössel |
| Reihe: | Blanvalet Taschenbücher |
von Corinna, am 28.10.2011
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von Lara Affuso, am 21.05.2011
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von Vera Politynski, am 17.05.2011
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von Anke Klos, am 03.05.2011
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von Nadja Weber, am 27.04.2011
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von Angelika Burger, am 11.04.2011
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von Sabrina Hermes, am 07.04.2011
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von Dagmar Kaube, am 02.04.2011
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von Tamara Elsenhans, am 31.03.2011
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von Kristin Mielke, am 29.03.2011
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von Anja Bremer, am 26.03.2011
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von Susanne Richert, am 15.03.2011
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von Doris Oberauer, am 13.03.2011
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Der Anfang vom Ende
Kapitel 1
Vorwurfsvolle Mimik. Jede Nuance ihrer Botschaft folgte in vollem Umfang und konsequent einem vielfach erprobten Muster.
Als sich die Bustür mit zischender Hydraulik öffnete, machte sich Sophie den Spaß, den bevorstehenden Wortwechsel stumm für sich vorwegzunehmen: Sie schon wieder? Was ist eigentlich Ihr Problem, Miss? Lassen Sie das Ding endlich zu Hause!
Sophie setzte ohne Hast den Fuß aufs Trittbrett, schwang sich vom Gehsteig in den Bus und klappte dabei den extragroßen schwarzen Regenschirm zu, den sie über der Schulter getragen hatte. Sie schenkte der Frau am Steuer ein schmales Lächeln, kam sich für ihren Versuch, liebenswürdig zu sein, aber sogleich dumm vor.
Das hätte sie sich sparen können, war als Reaktion darauf doch nicht einmal die Andeutung eines Lächelns zu erwarten.
Da sie nicht nur wusste, wie, sondern auch wann die Busfahrerin zu ihrer Tirade ansetzen würde, begann sie schweigend mit dem Countdown.
Drei
Die Busfahrerin verzog das Gesicht, senkte das Kinn und öffnete den Mund gerade so weit, dass sie Zähne mit blitzenden Amalgamfüllungen entblößte. Dann musterte sie Sophie und den sperrigen Schirm mit einem stechenden Blick.
Zwei.
Sie nahm beide Hände vom Lenkrad und verschränkte die Arme vor der Brust unterhalb des Namensschildes und dem Emblem des Puget-Sound-Verkehrsbundes auf ihrem gestärkten Baumwollhemd.
Eins. ^
Tiefes Ausatmen, ein Seufzer, ein enttäuschtes Kopfschütteln und dann._
Zero!
»Sie schon wieder? Was ist eigentlich Ihr Problem, Miss? Lassen Sie das Ding endlich zu Hause! Ist doch ein wunderschöner Montagmorgen!«
Sophie grinste in sich hinein, während sie ihren Schirm gegen eine Haltestange lehnte und die Fahrkarte löste. Dabei fand sie den Kommentar der Busfahrerin nicht einmal ansatzweise witzig. Es amüsierte sie lediglich, wie vorhersehbar die Frau auf sie reagierte.
»Und wenn's doch regnet?«, entgegnete Sophie.
»Sehen Sie ein Wölkchen am Himmel? Seit Wochen hat's keinen Tropfen geregnet - Gott sei Dank! Toi, toi, toi!« Sie pochte mit den Fingerknöcheln an die Lenksäule.
Sophie schüttelte den Kopf. Auch wenn sie die Vorhersagbarkeit der Busfahrerin nicht billigte - was das Wetter anging, musste sie ihr recht geben. Die Luft war zwar frisch, doch kein einziges Wölkchen trübte den azurblauen Morgenhimmel an der Pazifikküste. Der örtliche Wetterbericht hatte nur Sonne vorhergesagt. Doch Sophie kümmerte das wenig.
»Man sollte immer vom Schlimmsten ausgehen«, sagte sie nur halb im Scherz.
»O ja, Miss«, blaffte die Busfahrerin. »Und das genau ist Ihr Problem.«
Während sich Sophie auf die Suche nach einem Sitzplatz machte, legte die Busfahrerin den Gang ein und murmelte
noch etwas vor sich hin, aber das Motorengeräusch verschluckte ihre Bemerkung, und selbst an einem guten Tag hätte Sophie ihr kein weiteres Gehör geschenkt.
Und ein guter Tag war es mitnichten.
Für Sophie war es der mit Abstand schlimmste Tag des Jahres, ein alljährlich unabwendbar wiederkehrender Albtraum. Hätte sie ihren Laden nicht, hätte sie zu Hause, ohne mit der Wimper zu zucken, die Jalousien dichtgemacht, das Handy ausgeschaltet, sich ins Bett gelegt und den Tag in Selbstvergessenheit verschlafen.
Wenn und hätte, dachte Sophie, während sie durch den Mittelgang zu ihrem Lieblingsplatz im Heck des Busses wanderte. Nur wenige Pendler aus Gig Harbor machten sich die Mühe, sich eine Sitzgelegenheit in der rückwärtigen Hälfte des Busses zu suchen. Auf diese Weise hatte Sophie die erhöhte Rückbank meistens ganz für sich allein. Sie verbrachte diese frühmorgendlichen Fahrten gern schweigend und in Gedanken versunken. Der höhere Sitz im Heck des Busses verschaffte ihr genügend Distanz zu den morgendlichen Plauderrunden, auf die sich viele andere so bereitwillig einließen.
Während der Bus holpernd und schwankend seine Fahrt fortsetzte, starrte sie auf die vorbeiziehende, üppig grüne Landschaft und die Schiffe, die mit Kurs auf den Sund aus dem Hafen ausliefen. Wie immer betrachtete sie prüfend die Kabel und hohen Pylonen der Tacoma-Narrows-Brücke, die Gig Harbor und die Olympic-Halbinsel mit dem Festland des Staates Washington verband.
An den meisten Tagen genügte diese Aussicht durchaus, um sie von den bitteren Realitäten des Lebens abzulenken. An diesem Tag gelang dies nicht.
Für Sophie war es ein Tag voller Reuegefühle, und nichts vermochte die Trauer und den Kummer zu vertreiben, die dieses besondere Datum alljährlich von Neuem in ihr weckte. Nicht die Natur, nicht die Segelschiffe, nicht die Brückenkonstruktion vor den fast blinden Busfenstern konnte die Vergangenheit vergessen machen. Mein Tag der Selbstgeißelung, sagte sie sich, als sie ihren Schirm in den Zwischenraum zwischen Sitz und Heizung schob. Meine ganz persönliche Inszenierung des Selbstmitleids. Ich kann mich so elend fühlen, wie ich will, an meinem. ^
»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Sophie!«
Sophie zuckte zusammen. Die lauten Worte rissen sie abrupt aus den Gedanken. »Was zum Teufel.«, entfuhr es ihr. Dann erst erkannte sie die Frauenstimme. »Gütiger Himmel, Evi! Musst du mich derart erschrecken? Was machst du denn hier?« Sophie ignorierte die neugierigen Blicke einiger Pendler, die ihre Hälse reckten und sich zu den beiden Frauen umdrehten.
»Überraschung! Und die ist mir offensichtlich gelungen.« Evi lächelte entwaffnend, zwinkerte ihr zu und ließ sich eine Reihe vor ihr auf einen freien Platz fallen.
Sophie musterte sie mit gespielter Missbilligung. »Prima Idee«, sagte sie trocken. »Meine beste Freundin überfällt mich hinterrücks und noch dazu in aller Öffentlichkeit mit Glückwünschen. Du hättest mir genauso gut auflauern und mich umbringen können! Und alles nur, um mich an ein bestimmtes Datum zu erinnern.«
Evi strahlte unverdrossen. »Als ob ich dich daran erinnern müsste«, stichelte sie. »Und hinterrücks war das schon gar nicht. Ich bin zwei Haltestellen vor dir eingestiegen. Du hast mich in deinem morgendlichen Tran einfach übersehen. Ich habe vergeblich versucht, mich bemerkbar zu machen.« Evi wurde ernst. »Ach, Schwamm drüber. Du hast Geburtstag, und deshalb verzeihe ich dir.«
»Mein Geburtstag . ^ der schlimmste Tag des Jahres.«
»Blödsinn«, entgegnete Evi fröhlich. »Wir wissen beide, dass der schlimmste Tag schon eine Ewigkeit her ist. Heute ist eine Art Neubeginn! Das Gute ist nah!«
Evi war eine kleine Brünette mit ansteckendem Lächeln, lebhaftem Humor und einem wunderbar bronzefarbenen Teint, dem auch der strengste Winter nichts anhaben konnte. Haarfarbe und Lächeln hatte sie von ihrer Mutter geerbt, die Hautfarbe von ihrem lateinamerikanischen Vater, den sie jedoch nie kennengelernt hatte. Ihr Humor half ihr durch alle Stürme des Lebens hindurch, und sie gehörte zu dem kleinen Personenkreis, dem Sophie bedingungslos vertraute.
Zu Sophies Kummer war aus ihrer Freundin Evalynn Marion Mason vor Kurzem Evalynn Marion Mason-Mack geworden. Das sechs Monate alte Anhängsel an ihrem Namen war das Resultat ihrer Eheschließung mit Justin Mack, ihrem Freund aus Collegezeiten. Sophie hatte nichts gegen Justin, im Gegenteil: Sie freute sich für ihre Freunde. Doch das Glück der beiden weckte in ihr zunehmend das Gefühl, ihr eigenes Leben verpasst zu haben; ein Gefühl, das geradezu beklemmend geworden war, seit Evalynn vor zwei Monaten ihre Schwangerschaft bekannt gegeben hatte.
Rein äußerlich waren Evi und Sophie so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Evi war klein. Sophie war groß. Evi hatte glattes braunes Haar und trug einen kurzen Bob, während Sophies goldblonde Locken ihr unbändig über die Schultern fielen. Evi war der kontaktfreudige, Sophie der eher zurückhaltende Typ. Wer die beiden kannte, musste einfach davon ausgehen, dass ihre Freundschaft auf dem Prinzip »Gegensätze ziehen sich an« beruhte. Doch sowohl Sophie als auch Evalynn wusste, dass dies den Kern ihrer Beziehung bei Weitem nicht traf. In Wirklichkeit fühlten sie sich wie Schwestern. Was sie verband, konnte kaum jemand verstehen, der in normalen Familienverhältnissen groß geworden war. Denn so unterschiedlich sie äußerlich auch wirkten, hatten sie doch zweierlei gemeinsam, und das hielt sie zusammen wie Pech und Schwefel: ein tragisches Schicksal und ihre Pflegemutter.
Sophie seufzte hörbar. »Ich hasse meinen Geburtstag. Das weißt du.«
»Stimmt.«
»Du hättest heute Morgen einfach mit deinem Mann im Bett bleiben und mich in meinem Schmollwinkel allein lassen sollen.«
»Weiß ich.«
Sophie zog eine Grimasse. »Was willst du dann hier? Und sag jetzt bloß nicht so etwas wie:>weil niemand mit seinem
Schmerz gern allein ist Evalynn verfiel in den dreisten Ton der Busfahrerin, um Sophie aufzuheitern: »Wo liegt dein Problem, Miss? Du weißt genau, dass ich dich an deinem neunundzwanzigsten Geburtstag nicht allein lasse! Geht's noch? Nächstes Jahr bist du eine alte Jungfer. Genieß das Leben unter dreißig, solange noch Zeit ist, Miss!«
»Hör auf! Du machst dich lächerlich.«
Evi entfuhr ein kurzes, leises Lachen. Sie grinste amüsiert. »Nein, ich mache nur deutlich, wie lächerlich du dich verhältst. Das kann ich am besten.« Über den Sitz hinweg versetzte sie der Freundin einen sanften Stoß an die Schulter. »Komm schon! Lach endlich, Soph! Sei kein Spielverderber! Schmoll nicht den ganzen Tag! Das ertrage ich nicht.«
Sophie zog fragend die Augenbrauen hoch. Ansonsten blieb ihre Miene ausdruckslos. »Den ganzen Tag? Was soll das heißen?«
»Ich habe diese Busfahrt nicht auf mich genommen, nur um dir zu gratulieren und dann wieder zu verschwinden. Meine Chefin hat versprochen, heute mit einer Rechtsgehilfin weniger auszukommen. Ich hab mir also freigenommen. Ich helfe dir mit deinen Pralinen und dem ganzen Kram. Heute lasse ich dich nicht allein.«
»Augenblick! Hilfst du mir bei der Zubereitung oder beim Probieren der Pralinen? Das letzte Mal war der Zweck deiner Hilfe nicht ganz eindeutig.«
»Du weißt, dass ich deinen Erdnussbuttertrüffeln nicht widerstehen kann. Gib mir einfach eine Aufgabe, bei der ich damit nicht in Berührung komme. Außerdem habe ich noch andere Pläne mit dir. Abgesehen davon, Förmchen zu füllen und Kirschen in Schokolade zu dippen, habe ich für den Nachmittag noch etwas Spezielles arrangiert. Vielleicht vergisst du darüber deinen Geburtstag.«
»Arrangiert? Etwas Spezielles? Gefällt mir irgendwie nicht. Was hast du vor, Ev?«
Evalynn zwinkerte ihr zu. »Sorry! Es ist eine Überraschung. Ich schweige wie ein Grab. Wart's ab!«
Die nächste Haltestelle war der Park-and-ride-Parkplatz am Kinball Drive. Einige Passagiere stiegen dort aus und um, und ein gutes Dutzend neuer Fahrgäste drängte in den Bus.
Unter den Neuzugängen entdeckte Sophie ein ihr fremdes Gesicht. Der Mann trug einen marineblauen Blazer über einer Khakihose und war fast einen Meter neunzig groß. Er musste sich bücken, um beim Einsteigen nicht an die Decke zu stoßen. Sein welliges braunes Haar kringelte sich leicht im Nacken, und seine strahlend blauen Augen blitzten übermütig im Morgenlicht.
Das Thema Männer ist für mich ein für alle Mal erledigt, dachte Sophie bei sich, aber wäre es das nicht. ^
Die meisten neuen Passagiere setzten sich auf die erstbesten freien Sitze. Der Fremde hingegen ließ seinen Blick auf der Suche nach einem geeigneten Platz auch dann noch prüfend durch den Bus schweifen, als sich das Fahrzeug längst wieder in Bewegung gesetzt hatte. Er tat so, als bemerkte er nicht, wie schuldbewusst Sophie an ihm vorbeizusehen versuchte.
Mit der Laptoptasche in der einen Hand und einem Streckenplan des Verkehrsverbundes in der anderen näherte er sich dem Heck des Busses. Geschickt balancierte er die sanften Schlingerbewegungen des Fahrzeugs aus.
Sophie wandte den Kopf ab und starrte unbewegt aus dem Fenster.
»Ist hier noch frei?«, erkundigte sich der Fremde einige Sekunden später höflich und deutete auf den leeren Sitzplatz neben ihr.
Sophie stellte sich taub und starrte unbeirrt weiter aus dem Fenster, während Evalynn die Szene amüsiert beobachtete.
Er räusperte sich. »Entschuldigung! Darf ich?«
Evalynn schnaubte durch die Nase, als Sophie sich unvermittelt umwandte und den Mann ins Visier nahm. »Dies hier ist ein öffentliches Verkehrsmittel«, erklärte sie kühl. »Was passt Ihnen nicht an den zahlreichen freien Plätzen weiter vorne?« Sie nickte in Richtung der leeren Sitzreihen, die der Mann auf dem Weg in den Rückteil des Busses passiert hatte.
Der Mann lächelte charmant, setzte sich, legte die Laptoptasche auf die Knie und entfaltete den Streckennetzplan. »Die Aussicht von hier oben ist definitiv besser.« Dabei sah er Sophie direkt in die Augen.
Sophie richtete sich steif auf. Der Typ neben ihr war ein angenehmer Anblick, entschied sie. Groß. Gut aussehend. Selbstsicher. Aber dem Vergleich mit Garrett hielt er trotzdem nicht stand.
Garrett, ihr Exverlobter.
»Machen Sie's sich ruhig bequem. Ich steige eh an der nächsten Haltestelle aus.«
Der Mann lächelte unbeirrt. »Können Sie mir helfen? Ich bin neu hier. Bin am Wochenende aus Oregon hergezogen. Versuche, mich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln anzufreunden. Wie viele Haltestellen sind es noch bis ins Zentrum von Seattle?«
»Eine ganze Menge«, erwiderte Sophie und gestattete sich endlich ein Lächeln, allerdings nur, weil der Fremde sich so offensichtlich auf dem Holzweg befand. »Sie haben die falsche Linie erwischt. Dieser Bus verkehrt nur zwischen Gig Harbor und Tacoma. Sie hätten an Ihrer Haltestelle auf den nächsten Bus warten müssen.«
»Verstehe.« Er nickte mit fragender Miene. »Dann bin ich hier also verkehrt?«
»Ziemlich verkehrt.«
Der Fremde ließ sich nicht aus der Fassung bringen. »Wie gut, dass ich wenigstens Sie getroffen habe. Ich meine, wenn ich mich schon an meinem ersten Tag verfahre und zu spät ins Büro komme.«
Sophie war im ersten Moment perplex. »Was soll das? Ist das Ihre Masche, Frauen aufzureißen? Mit einem Streckennetzplan im Bus den Ahnungslosen zu mimen?«
Er grinste. »Und wenn ja - hat es denn funktioniert?«
»Nein!«
»War nur ein Scherz«, sagte er lachend. »Ich bin kein Aufreißertyp.« Er verstummte. »Nicht dass ich Sie für die Art Frau halte, die . ^ Na, Sie verstehen schon.«
Sophie schwieg. Was soll's, dachte sie. Soll er doch flirten, was das Zeug hält. Bei mir ist er an der falschen Adresse. Mit Männern bin ich durch.
Ein weiterer flüchtiger Gedanke an Garrett, den sie schnell wieder verbannte.
Der Mann sprach munter weiter. »Mein neuer Chef hat mir geraten, den Bus zu nehmen. Er meinte, das sei besser, als im Berufsverkehr im Stau stecken zu bleiben. Inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher, ob das eine gute Idee war.«
Sophie zog den Regenschirm aus der Ritze neben dem Sitz. »Sind Sie wirklich aus Oregon?«
Er nickte. »Aus Astoria. Von der Küste.«
»Willkommen in Washington«, sagte Sophie betont höflich. »Ich muss aussteigen. Lassen Sie mich bitte raus?« Und an Evalynn gewandt: »Kommst du?«
Evalynn nickte. Die beiden Frauen standen auf.
Der Mann zog die Knie an den Sitz heran, um Sophie Platz zu machen. »Warten Sie«, sagte er noch, als sie sich schon in Richtung Bustür gewandt hatten. »Können Sie mir wenigstens noch sagen, wie ich nach Seattle komme?«
Sophie beugte sich zu ihm und sagte leise, sodass nur er es hören konnte: »Hier im Bus sitzen so viele Frauen. Hier ist Hilfe nah. Und vielleicht beißt sogar eine an.«
Der Fremde schwieg betreten.
»Bist du verrückt geworden? Der Typ war gut!«
Sophie schüttelte den Kopf. »Auf Männer kann ich im Augenblick sehr gut verzichten. Du weißt ganz genau, dass ich auch ohne Kerl verdammt glücklich bin.«
»Den Bären kannst du mir nicht aufbinden«, murmelte Evalynn leise.
Sophie rollte die Augen. »Meinst du? Geht's dir denn jetzt mit Justin so viel besser als früher?«
»Ich bin glücklich mit Justin«, erklärte Evalynn mit Nachdruck. Dann hielt sie inne und legte sich die Hand auf den Bauch. »Nur auf sein Geschenk hier könnte ich gut verzichten.«
Sophie lachte, fragte sich aber unwillkürlich, ob Eva- lynn die Bemerkung tatsächlich ernst meinte. Es war nicht das erste Mal, dass Sophie etwas Derartiges von Evalynn zu hören bekam. Allmählich machte ihr das Sorgen. Offenbar hatte ihre Freundin Probleme, sich mit ihrer Mutterschaft abzufinden. Sophie beschloss, das Thema nicht weiter zu verfolgen. Früher oder später würde Evalynn es von selbst anschneiden.
Auf dem Weg zu Sophies Laden plauderte Evalynn munter weiter, während Sophie, den Schirm geschultert, ihr mehr oder weniger aufmerksam zuhörte. In Gedanken war sie längst woanders - eingetaucht in die Erinnerung an längst vergangene Geburtstage, an den alles entscheidenden Geburtstag vor genau zwanzig Jahren, ein einschneidendes Erlebnis mit tragischem Ausgang. Ein Tag, der ihr Leben drastisch verändert hatte.
Für Sophie der Tag, an dem ihr Leben zerbrach.
Kapitel 2
Schlechte Erinnerungen schärfen das Erinnerungsvermögen. Du hast ein gutes Gedächtnis.
21. September 1989
JACOB BARNES FUHR sich mit dem Ärmel seines Jacketts übers Gesicht. Es nützte nichts. Der Schleier vor seinen Augen wollte einfach nicht weichen, und er fühlte sich, als würde er jeden Moment wieder ohnmächtig werden. Ihm schwirrte der Kopf. Dennoch versuchte er, die bruchstückhaften Erinnerungen an die letzte Viertelstunde zu einem logischen Ganzen zusammenzufügen. Das half ihm, einen erneuten Schwindelanfall abzuwehren.
Jacob hatte keine Ahnung, wie er hier an den Straßenrand gekommen war. Er lehnte sich vorsichtig gegen die Straßenlaterne und zerrte an seiner Seidenkrawatte. Sie hatte sich wie eine Schlinge um seinen Hals gezogen. Die Vorderseite seines italienischen Anzugs war völlig durchnässt, aber er schob das auf den Dauerregen, der auf ihn niederprasselte - typisch für Seattle, ein wahrhaftes Feuchtbiotop.
»Großer Gott«, entfuhr es ihm laut, als sich sein Blick etwas aufklarte und er die Welt um sich herum wieder einigermaßen deutlich wahrnehmen konnte.
Er sah sich heftig blinzelnd um. Er war für seinen schwachen Magen bekannt, und das, was er sah und was sich allmählich aus seinen nebulösen Erinnerungen hervorschob, verursachte ihm Übelkeit. Tapfer kämpfte er den Drang nieder, sich zu übergeben.
»Es ist meine Schuld«, flüsterte jemand kleinlaut und mit Panik in der Stimme ganz in seiner Nähe.
Mit weit aufgerissenen Augen suchte Jacob nach dem Besitzer der Stimme. Nur wenige Schritte von ihm entfernt saß neben einem gelben Hydranten allein auf der Bordsteinkante ein kleines Mädchen. Es wischte sich ebenfalls mit dem Ärmel übers Gesicht. Die Kleine versuchte vergeblich, ihre Tränen zu trocknen - angesichts des Dauerregens ein sinnloses Unterfangen. Ihre Nase und Lippen waren blutig und geschwollen. Aus einer klaffenden Wunde an der Wange floss ein rotes Rinnsal über Kinn und Hals auf ihre weiße Bluse.
Das Mädchen schlang die Arme um die Knie, um sich gegen den Regen und den ungewöhnlich kalten Septemberwind zu schützen. »Ich . _ ich wollte doch nur ein S-Stück Schokolade«, schluchzte es. »Nur e-ein Stück.«
Jacob war noch immer benebelt. Er verlagerte seine Position an der Straßenlaterne in der Hoffnung, nicht wieder ohnmächtig zu werden.
»Du hast das angerichtet?«, fragte er verwirrt. »Was hat denn Schokolade mit all dem zu tun?«
Das Mädchen antwortete auf seine erste Frage mit einem Nicken. Dann wiegte es den Oberkörper langsam vor und zurück und sah hinüber zu dem Chaos am Ende der Straße. Jacob folgte seinem Blick - vorbeifahrende Autos, flackerndes, zuckendes Blaulicht, glutrot aufsteigende Flammen, kreuz und quer laufende Polizisten, die versuchten, den Verkehr zu regeln, Feuerwehrleute, die Befehle schrien, Ambulanzfahrzeuge, Glasscherben, verbogene Metallteile und Blut - sehr viel Blut. Der Anblick und die Geräusche, ja selbst die Gerüche des Horrorszenarios drohten seine Sinne zu überwältigen.
Das Mädchen wandte sich wieder um, sah ihn an, sagte jedoch nichts.
In diesem Augenblick liefen eine Polizistin und ein Rettungssanitäter über die Straße auf sie zu. Einen Augenblick lang befürchtete Jacob, weil er und das Mädchen so weit vom Unfallgeschehen entfernt waren, mochten die beiden sie fälschlicherweise für Gaffer und nicht für Unfallopfer halten. Doch dann rief der Rettungssanitäter ihm zu: »Ich helfe Ihnen, Sir. Setzen Sie sich bitte.«
Hastig stellte der Sanitäter seinen Erste-Hilfe-Koffer auf den Boden, schlang einen muskulösen Arm um Jacobs Taille und schob ihn behutsam auf den Bordstein nieder. »Tun Sie mir einen Gefallen? Heben Sie Ihre linke Hand über den Kopf, und halten Sie den Arm so, bis ich das Verbandsmaterial ausgepackt habe. Schaffen Sie das?«
Die seltsame Bitte des Rettungssanitäters verwirrte Jacob weit mehr als das junge Mädchen und seine Behauptung, ein Stück Schokolade habe den Unfall verursacht. »Weshalb? Mit mir ist alles in Ordnung. Sehen Sie das nicht? Helfen Sie dem Kind - die Kleine sieht ziemlich mitgenommen aus.«
»Sir, würden Sie .«
»Ich heiße Jacob.«
»Also gut, Jacob. Sie haben einen Schock. Und Sie haben vermutlich viel Blut verloren. Ich möchte verhindern, dass Sie noch mehr .«
»Blut? Wo denn? Wieso ich?«