Buch
gebunden (772 Seiten)
9. Auflage
Sprache: Deutsch
Versandfertig innert 1-2 Werktagen.
Fr. 44.50
Verfügbarkeit in Ihrer Thalia- Buchhandlung prüfen
Als 1871 nachts ein entfernter Verwandter an die Tr der Meijers klopft, ahnt noch keiner in der Familie, wie radikal sich ihr Leben ndern wird. ber vier Generationen erstreckt sich ihre Geschichte voller Liebesglck und Lebenstrauer, ihr Kampf um Erfolg und Anerkennung. Charles Lewinsky erzhlt mit einer Gestaltungskraft, die den Leser unweigerlich zu einem bangenden, hoffenden und fiebernden Teil dieser Familie werden lsst.
| ISBN-10: | 3-312-00372-5 |
|---|---|
| EAN: | 9783312003723 |
| Erschienen: | 04.02.2006 |
| Verlag: | Nagel & Kimche |
| Einband: | gebunden |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Auflage: | 9. Auflage |
| Seitenzahl: | 772 |
| Länge/Breite: | 197mm/124mm |
| Gewicht: | 1008 g |
Charles Lewinsky, geb. 1946, lebt in Zürich und in der Franche-Comté. Er arbeitete als Dramaturg, Regisseur und Redaktor, seit 1980 als freier Autor. Er schreibt Romane und Theaterstücke und ist der Autor vieler erfolgreicher Fernsehsendungen.
von einer Kundin/einem Kunden, am 27.09.2006
0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
von einer Kundin/einem Kunden, am 28.06.2006
1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
von Tinkerbell, am 28.05.2006
1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Man einigte sich schließlich auf einen Kompromiss, mit dem niemand zufrieden war.
«Wenn keiner wirklich gewonnen hat», sagte Zalman hinterher zu Hinda, «dann hat auch keiner wirklich verloren.» Obwohl es nicht um eine Lohnverhandlung gegangen war, sondern um eine Liebesgeschichte, hatte er damit wahrscheinlich recht.
Die Lösung, die keine wirkliche Lösung war und deshalb von allen akzeptiert werden konnte, bestand darin, die Entscheidung aufzuschieben. Die beiden Verliebten wurden verpflichtet, sich ein ganzes Jahr lang nicht zu sehen; wenn sie sich hinterher ihrer Sache immer noch so sicher wären – «Was Gott verhüten möge!» –, dann würde man weitersehen. Schlimmstenfalls müsse man sie dann eben gewähren lassen, wenn auch zu hoffen stünde – «Sehr zu hoffen!» –, dass sie bis dahin zur Vernunft gekommen sein würden. Désirée und Alfred behaupteten, dass nichts, aber auch gar nichts, sie trennen könne? Na schön, nun würden sie Gelegenheit haben, diese Überzeugung unter Beweis zu stellen.
Solange allerdings beide in Zürich blieben, da waren sich die Meijers und die Pomeranz einig, konnte man sich nicht darauf verlassen, dass sie ein gegebenes Wort auch tatsächlich halten würden. In Heimlichkeiten waren sie geübt, und auch ohne Esther Weills Hilfe würden sie Mittel und Wege finden, jede Abmachung zu umgehen. In den letzten Monaten hatte Désirée bewiesen, dass sie ihre Eltern schamlos anzulügen verstand, vor allem ihre Mutter, die sich doch – «Tu m’as déchirée, ma petite!» – ihr ganzes Leben lang für sie aufgeopfert hatte.
Deshalb beschloss der Familienrat, dass Alfred während dieser Warte- oder Probezeit sein Studium unterbrechen und ins Ausland gehen würde. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, ihn so jung schon studieren zu lassen, und die verwöhnten reichen Söhne aus seiner Verbindung waren wohl auch nicht immer die besten Vorbilder für ihn gewesen. Eine gründliche Dosis praktischer Arbeit, so François’ Hoffnung, würde ihm die Flausen schon aus dem Kopf treiben. In Paris – das war weit genug weg – hatte François einen Geschäftsfreund, einen gewissen Monsieur Charpentier, der dort ebenfalls ein Warenhaus betrieb; mit dem wollte er sich ins Benehmen setzen und ihn bitten, seinen Sohn als Volontär bei sich aufzunehmen.
Mimi, die es gern dramatisch hatte, schlug vor, dass sich die beiden während des ausgemachten Jahres auch keine Briefe schreiben dürften, aber das empfand man dann doch als zu hart. «Aber ich werde jeden Brief lesen, der bei uns ankommt», sagte Mimi und behielt damit doch noch das letzte Wort.
Die Vereinbarung mit Monsieur Charpentier kam schnell zustande. Er sagte nicht nur zu, Alfred in den verschiedenen Abteilungen seines Warenhauses einzusetzen und ihm, wenn er sich bewähren sollte, sogar Verantwortung zu übertragen, sondern kümmerte sich auch persönlich um eine Pension, nicht luxuriös, aber mit gutem Ruf, in der der junge Mann konvenabel unterkommen konnte. In einem langen Brief voller gravitätischer französischer Höflichkeitsfloskeln versprach er Mina, ein quasi väterliches Auge auf Alfred zu haben, und in einem zweiten, bedeutend weniger förmlichen Brief, verabredete er mit François, dass er ihn diskret darüber informieren werde, wenn sein Sohn irgendwelche Dummheiten machte. Wobei sich die beiden Geschäftsleute darüber einig waren, dass eine bestimmte Art von Dummheiten in diesem speziellen Fall durchaus erwünscht war. In Paris, so François’ heimlicher Plan, waren die Frauen bei weitem nicht so zugeknöpft wie im zwinglianischen Zürich. Ein junger Mann würde dort genügend Ablenkung finden, um allen romantischen Unsinn zu vergessen.
Désirée durfte Alfred nicht einmal zum Bahnhof begleiten. Sogar den Termin seiner Abreise versuchte ihr Mimi zu verheimlichen, aber im Gegensatz zu dem Bild, das sie von sich selber hatte, besaß sie kein großes Talent zur Verstellung und plauderte beim Frühstück so unglaubhaft angeregt über irgendwelche Nebensächlichkeiten, dass Désirée ihr Besteck hinlegte und fragte: «Heute fährt er, nicht wahr?»
«Er ist schon fort», sagte Mimi und war darauf vorbereitet, eine weinende Tochter tröstend in den Arm zu nehmen. Aber Désirée nickte nur schweigend, als habe die Sache keine besondere Bedeutung für sie.
Mimi hatte sich vorgenommen, jetzt sehr viel Zeit mit ihrer Tochter zu verbringen. «Schließlich», sagte sie oft zu Pinchas, «bin ich ganz allein an allem schuld. Ich habe mich viel zu wenig um Désirée gekümmert und bin überhaupt eine ganz schlechte Mutter!» Pinchas widersprach ihr dann, und dieser tröstliche Widerspruch, das wussten sie beide, war auch der eigentliche Zweck ihrer Selbstvorwürfe.
Obwohl Mimi immer wieder betonte, dass sie, in der Güte ihres Herzens, durchaus bereit sei zu vergeben und zu vergessen, wollte sich die alte freundschaftliche Vertraulichkeit zwischen Mutter und Tochter nicht mehr einstellen. Als Désirée ihr noch jeden Tag ihre geheimen Abenteuer anvertraute, wenn es auch unter dem Vorwand geschah, das sei alles ihrer besten Freundin passiert, waren sie besser miteinander ausgekommen. Der Umgang mit Esther Weill war ihr übrigens verboten, sehr zur Verwunderung von deren Eltern. Aber wenn man nicht in der ganzen Gemeinde ins Gerede kommen wollte, durfte man niemanden in die leidige Geschichte einweihen.
Anders als Mimi das erwartet hatte, war Désirée weit davon entfernt, bei ihr Vergebung oder Trost zu suchen. Im Gegenteil: es war, als hätten sich die Rollen zwischen ihnen verkehrt und jetzt müsse Désirée, als die Erwachsenere, über manches unreife Verhalten ihrer Mutter gnädig hinwegsehen. Mimi hatte sich ihr ganzes Leben lang die Ichbezogenheit und die quengelnden Töne eines kleinen Mädchens bewahrt; Désirée war fast über Nacht erwachsen geworden.
Pinchas sah die Veränderung seiner Tochter nicht ungern. Er hatte sich Sorgen um sie gemacht und beruhigte sich jetzt gern mit dem Gedanken, dass sie mit zunehmender Reife schon einsehen würde, in was für eine aussichtslose Liebelei sie sich da verrannt hatte; man musste den Sachen nur Zeit geben. Zunächst einmal konnte man sich darüber freuen, dass sie ganz neue Interessen entwickelte und sich nicht mehr damit begnügte, nur einfach den Gesellschaftskalender einer gut bürgerlichen höheren Tochter abzuhaken.
Désirée versuchte sogar, sich im Haushalt nützlich zu machen,
was aber nur zu Schwierigkeiten führte. Mimis Dienstmädchen, soweit sie das Haus nicht bei erster Gelegenheit wieder verließen, entwickelten sehr schnell ein hohes Maß an Selbständigkeit. Ab und zu ließen sie einen Monolog der Hausfrau stoisch über sich ergehen, organisierten sich aber im Übrigen selber, und Désirées plötzliches Interesse für Haushaltsbelange wurde als lästiges Nachspionieren empfunden. Auch Mimi hielt es nicht wirklich für passend, dass eine Tochter aus besserem Hause sich in der Küche herumtrieb und sogar bei Putzarbeiten mit anpacken wollte. Sie selber klagte zwar gern, wie aufreibend die Führung eines Haushalts sei – Pinchas machte sich da keine Vorstellung! –, aber sie überließ diese Dinge doch lieber anderen. Die jetzige Inhaberin des Postens war recht tüchtig, und Mimi wollte ihr auf gar keinen Fall einen Grund zur Beschwerde geben.
So kam es, dass sich Désirée ein neues Betätigungsfeld in Pinchas’ Geschäft suchte. Er hatte nur eine einzige Angestellte, eine gewisse Frau Okun, die Zalman einmal mit der Bitte, etwas für sie zu tun, zu ihm geschickt hatte. Frau Okun, eine junge Witwe, war unter dramatischen Umständen aus Russland geflohen und berichtete gern mit bebender Stimme von den Verfolgungen, die man dort als Jude zu erdulden hatte. Sie war äußerst tüchtig, behandelte aber die Kun-den sehr unfreundlich. In einem Land aufgewachsen, in dem Mangel herrschte, war sie nicht von der Überzeugung abzubringen, dass Käufer im Grunde nur Bittsteller waren. Es gab deswegen immer mal wieder Beschwerden, und jeder andere hätte sie schon längst entlassen. Pinchas betrachtete es als Mizwe, sie erst recht weiterzubeschäftigen, ergriff jetzt aber ge