Buch
Taschenbuch (332 Seiten)
Sprache: Deutsch
Versandfertig innert 1-2 Werktagen.
Fr. 14.90
Verfügbarkeit in Ihrer Thalia- Buchhandlung prüfen
von Ulf Blanck
von Jana Frey
von Doris Rübel
von P. C. Cast
Die atemberaubende Fantasy-Saga über den Kampf zwischen Gut und Böse - Der zweite Teil der Saga
Auf der Flucht vor den Männern, die ihm die Briefe seines Vaters rauben wollten, gerät Will mitten in Oxford in eine andere Welt. Gemeinsam mit Lyra wird er in einen erbitterten Kampf zwischen Gut und Böse verwickelt, bei dem es um die Zukunft der Welten geht.
Philip Pullman wurde 2005 mit dem Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis ausgezeichnet.
| Verkaufsrang: | 14.898 |
|---|---|
| ISBN-10: | 3-453-50321-X |
| EAN: | 9783453503212 |
| Originaltitel: | His dark materials 2: The Subtle Knife |
| Erschienen: | 03.09.2007 |
| Verlag: | Heyne Taschenbuch |
| Einband: | Taschenbuch |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 332 |
| Gewicht: | 300 g |
| Altersempfehlung: | 13 - 15 |
| Übersetzer: | Wolfram Ströle |
| Reihe: | Heyne-Bücher Allgemeine Reihe |
Philip Pullman wurde am 19. Oktober 1946 in Norwich, England, geboren. Er wuchs in Rhodesien, Australien, London und Wales auf. Nach der Schule besuchte er das Exeter College in Oxford, wo er Englisch studierte und unterrichtete danach an verschiedenen Middle Schools. Jetzt lebt er mit seiner Frau in Oxford und arbeitet nebenberuflich als Literaturdozent am Westminster College. Pullman hat Bilderbücher, Theaterstücke und Thriller geschrieben. Philip Pullman zählt zu den angelsächsischen Autoren, die sich über die Grenzen zwischen literarischen Gattungen ebenso souverän hinwegsetzen wie über die Verteilung der Literatur auf verschiedene Altersschubladen. Er will seine Leser geistreich unterhalten und bedient sich dazu des historischen, des Abenteuer- und des Kriminalromans ebenso wie der Fantasy. Nicht selten vermischt er deren Elemente, wie in seinen historischen Abenteuerromanen und in seiner Fantasy-Trilogie, die auch Freunde eiskalter Thriller für sich entdeckt haben. Für sein Gesamtwerk erhielt Philip Pullman den Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis 2005.
von Asti, am 25.07.2009
1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
von S. Windhaus, am 22.10.2008
0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
von Barbara, am 21.10.2008
0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
von Annika, am 07.10.2008
0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
von Torsten, am 02.08.2008
3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
von einer Kundin/einem Kunden, am 24.01.2008
0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Eins
Die Katze unter den Bäumen
Will zog seine Mutter an der Hand und sagte: »Komm weiter, bitte …«
Aber seine Mutter zögerte. Sie hatte noch immer Angst. Will sah die im Abendlicht liegende schmale Strasse hinauf und hinunter, musterte die Häuser hinter den kleinen Vorgärten und den Buchsbaumhecken. Auf der einen Seite funkelten die Fenster noch im Sonnenlicht, die andere Seite lag bereits im Schatten.
Sie hatten nicht viel Zeit. Jetzt sassen die Leute beim Essen, aber bald würden Kinder auf der Strasse sein und sie bemerken und neugierig anstarren. Es war gefährlich zu warten, aber er konnte seine Mutter nur überreden, nicht zwingen.
»Mum, lass uns Mrs. Cooper besuchen«, sagte er. »Wir sind doch schon fast da.«
»Mrs. Cooper?« fragte sie unsicher.
Aber da klingelte er schon. Er musste dazu die Tasche abstellen, weil er immer noch die Hand seiner Mutter hielt. Es hätte Will mit zwölf Jahren peinlich sein können, Hand in Hand mit seiner Mutter gesehen zu werden, aber er wusste, was geschah, wenn er sie losliess.
Die Tür ging auf, und eine gebeugte, ältere Frau erschien, seine Klavierlehrerin, umgeben von dem Lavendelduft, an den er sich noch so gut erinnerte.
»Wer ist da?« fragte die Frau. »William? Ich habe dich über ein Jahr nicht gesehen. Was willst du denn, mein Lieber?«
»Ich möchte bitte reinkommen und meine Mutter mitbringen«, sagte er fest.
Mrs. Cooper musterte die Frau mit den ungekämmten Haaren und dem abwesenden, unbestimmten Lächeln, dann den Jungen, der ihren Blick entschlossen und unglücklich, mit zusammengepressten Lippen und vorgeschobenem Kinn erwiderte. Mrs. Parry, Wills Mutter, hatte nur ein Auge geschminkt, offenbar ohne es zu bemerken. Und auch Will war es nicht aufgefallen. Etwas war nicht in Ordnung.
»Gut…«, sagte sie und trat zur Seite, um in dem engen Flur Platz zu machen.
Will spähte noch einmal in beiden Richtungen die Strasse entlang, dann schloss er die Tür. Mrs. Cooper sah, wie fest Mrs. Parry sich an die Hand ihres Sohnes klammerte und wie liebevoll er sie ins Wohnzimmer führte, in dem das Klavier stand (richtig, er kannte ja nur dieses Zimmer); sie bemerkte auch, dass Mrs. Parrys Kleider leicht muffig rochen, als ob sie vor dem Trocknen zu lange in der Waschmaschine gelegen hätten, und wie ähnlich die beiden einander sahen, als sie auf dem Sofa sassen, das volle Licht der Abendsonne auf ihren Gesichtern, mit ihren breiten Wangenknochen, den grossen Augen und den geraden, schwarzen Augenbrauen.
»Was ist los, William?« fragte die alte Frau. »Was ist passiert?«
»Meine Mutter braucht einen Ort, an dem sie ein paar Tage lang bleiben kann«, sagte der Junge. »Es ist im Augenblick zu schwierig, sie zu Hause zu versorgen. Das heisst nicht, dass sie krank ist. Sie ist nur etwas durcheinander und macht sich Sorgen, aber sie wird Ihnen keine Mühe machen. Sie braucht nur jemanden, der nett zu ihr ist, und das könnten Sie doch wahrscheinlich leicht tun.«
Die Frau starrte ihren Sohn an, offenbar ohne ihn zu verstehen, und Mrs. Cooper sah einen blauen Fleck auf ihrer Wange. Will hatte die Augen nicht von Mrs. Cooper gewandt, und auf seinem Gesicht lag Verzweiflung.
»Sie kostet nicht viel«, fuhr er fort. »Ich habe etwas zu essen mitgebracht, das müsste eigentlich reichen. Sie können sich auch davon nehmen. Es macht ihr nichts, zu teilen.«
»Aber … ich weiss nicht, ob ich … Braucht sie nicht einen Arzt?«
»Nein! Sie ist nicht krank.«
»Aber es muss doch jemanden geben, der …ich meine, einen Nachbarn oder jemanden aus der Familie …«
»Wir haben keine Verwandten, nur uns. Und die Nachbarn sind zu beschäftigt.«
»Und eine Haushaltshilfe? Ich will dich ja nicht enttäuschen, aber …«
»Nein! Nein, sie braucht nur ein wenig Hilfe. Ich kann in der nächsten Zeit nicht, aber es ist nicht für lange. Ich muss … ich muss etwas erledigen. Aber ich bin bald zurück und nehme sie dann wieder mit nach Hause, das verspreche ich Ihnen. Es ist nicht für lange.«
Die Mutter sah ihren Sohn so vertrauensvoll an, und er erwiderte ihren Blick mit einem so liebevollen Lächeln, dass Mrs. Cooper nicht nein sagen konnte.
»Also gut«, sagte sie, an Mrs. Parry gerichtet, »für einen Tag oder so geht es sicher. Sie können das Zimmer meiner Tochter haben, sie ist in Australien und braucht es nicht mehr.«
»Danke«, sagte Will und stand auf, als habe er es eilig.
»Aber wo wohnst du denn jetzt?« fragte Mrs. Cooper.
»Bei einem Freund«, sagte er. »Ich rufe an, so oft ich kann. Ihre Nummer habe ich. Keine Sorge.«
Seine Mutter sah ihn verwirrt an. Er beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie ungeschickt.
»Mach dir keine Sorgen«, sagte er. »Mrs. Cooper versorgt dich besser als ich, wirklich. Und ich rufe dich morgen an.«
Sie umarmten sich fest, dann küsste Will sie noch einmal, befreite sich sanft aus ihren Armen, die sie um seinen Hals geschlungen hatte, und ging zur Haustür. Mrs. Cooper merkte, wie aufgewühlt er war, seine Augen schimmerten feucht. Dann fiel Will ein, dass er sich gar nicht von ihr verabschiedet hatte, und er wandte sich um und hielt ihr die Hand entgegen.
»Auf Wiedersehen«, sagte er, »und vielen Dank.«
»William«, sagte sie, »willst du mir nicht doch sagen, was passiert ist …«
»Es ist ziemlich kompliziert«, erwiderte er, »aber meine Mutter macht keine Umstände, bestimmt nicht.«
Das hatte Mrs. Cooper nicht gemeint, und sie wussten es beide, aber offenbar hatte Will eine Entscheidung getroffen, welche das auch sein mochte. Noch nie hatte die alte Frau ein so entschlossenes Kind gesehen.
Er wandte sich zum Gehen, in Gedanken schon bei dem leeren Haus.
Die Siedlung, in der Will und seine Mutter wohnten, lag in einem Strassenbogen und bestand aus einem Dutzend identischer Häuser, von denen ihres das bei weitem schäbigste war. Im Vorgartenwuchs kaum mehr als Gras und Unkraut. Seine Mutter hatte zwar im Frühjahr einige Büsche gepflanzt, aber sie waren vertrocknet und verdorrt, weil niemand sie gegossen hatte. Als Will um die Ecke bog, stand seine Katze Moxie von ihrem Lieblingsplatz unter der noch lebenden Hortensie auf und streckte sich. Dann begrüsste sie ihn mit einem leisen Miauen und rieb den Kopf an seinem Bein.
Er nahm sie hoch und flüsterte: »Sind sie wiedergekommen, Moxie? Hast du sie gesehen?«
Stumm lag das Haus da. Der Mann von gegenüber wusch im letzten Abendlicht sein Auto, aber er bemerkte Will nicht, und Will sah nicht zu ihm hinüber. Je weniger man ihn beachtete, desto besser.
Moxie fest an die Brust gedrückt, schloss er die Tür auf und ging schnell hinein. Drinnen lauschte er angespannt, bevor er die Katze absetzte. Es war nichts zu hören; das Haus war leer.
Will öffnete eine Konserve für Moxie und liess sie in der Küche fressen. Wann würden die Männer wiederkommen? Er hatte keine Ahnung, also machte er sich besser gleich an die Arbeit. Er ging nach oben und begann mit der Suche.
Er musste die abgewetzte Schreibmappe aus grünem Leder finden. Auch in einem ganz gewöhnlichen Haus wie diesem gab es für einen Gegenstand dieser Grösse eine überraschende Vielzahl von Verstecken; wer etwas verstecken will, braucht dazu keine Geheimfächer in der Wandverkleidung oder grosse Keller. Will durchkämmte zuerst das Schlafzimmer seiner Mutter. Als er an die Schubladen kam, in denen sie ihre Unterwäsche aufbewahrte, schämte er sich etwas. Dann arbeitete er sich systematisch durch die restlichen Zimmer im Obergeschoss, darunter auch sein eigenes. Moxie kam, um zu sehen, was er tat, und leistete ihm Gesellschaft, indem sie sich in seine Nähe setzte und sich putzte.
Aber er fand die Mappe nicht.
Inzwischen war es dunkel, und er hatte Hunger. Er machte sich Baked Beans und Toast, setzte sich an den Küchentisch und überlegte, in welcher Reihenfolge er die Zimmer im Erdgeschoss durchsuchen sollte.
Gerade als er mit dem Essen fertig war, klingelte das Telefon.
Er blieb regungslos sitzen, und sein Herz raste. Er zählte mit; sechsundzwanzigmal klingelte es, dann hörte es auf. Er stellte seinen Teller in das Spülbecken und setzte die Suche fort.
Vier Stunden später hatte er die grünlederne Mappe immer noch nicht gefunden. Es war halb zwei Uhr nachts, und er war erschöpft. Angezogen legte er sich auf sein Bett und schlief sofort ein. Er träumte wirres Zeug und sah die ganze Zeit, knapp ausser Reichweite, das unglückliche, verängstigte Gesicht seiner Mutter vor sich.
Schon im nächsten Augenblick, so schien es ihm – obwohl er fast drei Stunden geschlafen hatte –, wachte Will wieder auf und wusste sofort zwei Dinge.
Er wusste, wo die Mappe war, und er wusste, dass die Männer da waren und unten gerade die Küchentür öffneten.
Er hob Moxie vom Bett herunter und beruhigte sie leise, als sie schläfrig protestierte. Dann schwang er die Beine über die Bettkante und zog die Schuhe an; dabei lauschte er angestrengt auf die leisen Geräusche, die von unten kamen: das Scharren eines Stuhles, der hochgehoben und wieder hingestellt wurde, ein kurzes Flüstern, das Knarren einer Diele.
Mit noch leiseren Bewegungen als die Männer verliess er sein Schlafzimmer und schlich auf Zehenspitzen zum Gästezimmer am Treppenaufgang. Es war keine ganz dunkle Nacht, und im gespenstischen Grau der frühen Stunde konnte er die alte, mit einem Pedal angetriebene Nähmaschine erkennen. Zwar hatte er das Zimmer erst vor wenigen Stunden gründlich durchsucht, aber er hatte das Fach an der Seite der Nähmaschine vergessen, in dem seine Mutter die Schnittmuster und Garne aufbewahrte.
Vorsichtig tastete er danach, die ganze Zeit angestrengt lauschend. Unten bewegten sich die Männer, und einmal sah Will im Türspalt schwach etwas aufleuchten, vielleicht eine Taschenlampe.
Dann hatte er den Haken gefunden, der das Fach verschloss. Er schob ihn zurück, und da lag, genau wie er es gewusst hatte, die lederne Schreibmappe.
Und jetzt?
Mit klopfendem Herzen kauerte er sich hin und lauschte.
Die beiden Männer waren im Flur. Er hörte einen von ihnen leise sagen:»Beeil dich. Ich höre auf der Strasse schon den Milchmann.«
»Aber hier ist sie nicht«, sagte die andere Stimme. »Wir müssen oben suchen.«
»Dann los. Steh nicht rum.«
Will musste sich zusammenreissen, als er die oberste Treppenstufe leise knarren hörte. Der Mann verursachte keinerlei Geräusche, aber das Knarren der Stufe hatte er nicht verhindern können, weil er es nicht gewusst hatte. Es folgte eine Pause. Dann sah Will durch den Spalt, wie draussen der dünne Strahl einer Taschenlampe über den Boden wanderte.
Die Tür bewegte sich. Will wartete, bis er den Mann in der offenen Tür vor sich hatte, dann stürzte er aus dem Dunkel und warf sich mit voller Wucht gegen den Bauch des Eindringlings.
Aber keiner von ihnen hatte die Katze gesehen.
Moxie war, als der Mann die oberste Stufe erreicht hatte, lautlos aus dem Schlafzimmer gekommen und stand jetzt mit erhobenem Schwanz hinter ihm, um sich im nächsten Augenblick an seinen Beinen zu reiben. Mit Will wäre der Mann fertig geworden, denn er war durchtrainiert und stark, aber die Katze war im Weg, und als er zurücktreten wollte, stolperte er über sie. Er gab einen erschrockenen Laut von sich, dann fiel er rückwärts die Treppe hinunter und schlug mit dem Kopf hart gegen den Tisch im Flur.
Will hörte ein hässliches Krachen, dachte aber nicht weiter darüber nach. Er sauste auf dem Geländer hinunter, sprang über den Körper des Mannes, der zuckend und merkwürdig verdreht am Fuss der Treppe lag, riss die zerschlissene Einkaufstasche vom Tisch und war durch die Vordertür verschwunden, noch bevor der andere Mann etwas anderes hatte tun können, als aus dem Wohnzimmer zu kommen und ihm nachzustarren.
Trotz seiner Angst und Eile wunderte Will sich, warum der andere Mann nicht hinter ihm herrief oder ihn verfolgte. Aber sie würden mit ihren Autos und Mobiltelefonen sowieso bald hinter ihm her sein. Er musste weg.
Er sah den Milchmann in die Strasse zu ihrem Haus einbiegen; die Lichter seines elektrischen Wägelchens schimmerten schwach in der bereits am Himmel aufziehenden Morgendämmerung. Will sprang über den Zaun in den Nachbargarten, rannte den Weg am Haus entlang, sprang über eine Gartenmauer, rannte über einen taunassen Rasen, durch eine Hecke und in das Gebüsch zwischen der Siedlung und der Hauptstrasse. Er kroch unter einen Busch und blieb dort keuchend und zitternd liegen. Es war noch zu früh, um auf der Strasse zu sein; er musste warten, bis der morgendliche Berufsverkehr einsetzte.
Er konnte das hässliche Geräusch nicht vergessen, mit dem der Kopf des Mannes gegen den Tisch geschlagen war, und den Hals des Mannes, der so schief und verdreht war, und das schreckliche Zucken seiner Glieder. Der Mann war tot. Er hatte ihn umgebracht.
Er konnte es nicht vergessen, aber er musste. Es gab genug andere Dinge zu bedenken. Seine Mutter. War sie dort, wo sie war, wirklich sicher? Würde Mrs. Cooper stillhalten? Auch wenn Will nicht wiederkam, wie er gesagt hatte? Denn zurück konnte er nicht mehr, jetzt, wo er jemanden getötet hatte.
Und Moxie. Wer würde Moxiezu fressen geben? Würde Moxie sie beide vermissen? Würde sie versuchen, ihnen zu folgen?
Es wurde jetzt von Minute zu Minute heller. Will hatte schon genug Licht, um den Inhalt der Einkaufstasche durchzusehen: die Geldbörse seiner Mutter, der letzte Brief des Anwalts, eine Strassenkarte von Südengland, Schokoladenriegel, Zahnbürste, einige Socken und Unterhosen zum Wechseln. Und die Mappe aus grünem Leder.
Alles war da. Alles verlief plangemäss.
Nur dass er jemanden umgebracht hatte.
Als Will zum erstenmal bemerkt hatte, dass seine Mutter anders war als andere Menschen und dass er sich um sie kümmern musste, war er sieben Jahre alt gewesen. Sie hatten im Supermarkt eingekauft und ein Spiel gespielt: Man durfte nur dann einen Artikel in den Einkaufswagen legen, wenn niemand zusah. Will musste sich umsehen und ›jetzt‹ flüstern, und seine Mutter holte dann schnell eine Konserve oder etwas anderes aus dem Regal und legte es leise in den Wagen. Was dort lag, war in Sicherheit, weil es unsichtbar wurde.
Es war ein schönes Spiel, und es dauerte lange, weil es Samstag morgen war, und der Supermarkt war voll, aber sie spielten es gut und arbeiteten gut zusammen. Sie vertrauten einander. Will hatte seine Mutter sehr lieb und sagte ihr das oft, und sie sagte ihm dasselbe.
Als sie sich der Kasse näherten, war Will aufgeregt und glücklich, weil sie schon fast gewonnen hatten. Und als seine Mutter dann ihre Geldbörse nicht finden konnte, gehörte das zum Spiel, auch als sie sagte, die Feinde müssten sie gestohlen haben. Doch dann wurde Will allmählich müde und hungrig, und auch seine Mutter lachte nicht mehr. Sie hatte auf einmal wirklich Angst. Gemeinsam gingen sie wieder durch die Regale und legten ihre Einkäufe zurück, und jetzt mussten sie besonders vorsichtig sein, weil die Feinde sie mit Hilfe der Kreditkartennummern seiner Mutter aufspüren konnten, die sie wussten, weil sie ja die Geldbörse hatten…
Will bekam immer mehr Angst. Er merkte, wie klug seine Mutter gewesen war, als sie aus dieser wirklichen Gefahr ein Spiel gemacht hatte, um ihn nicht zu beunruhigen, und er wusste, dass er jetzt, da er die Wahrheit kannte, so tun musste, als habe er keine Angst, um sie nicht zu beunruhigen.
Der kleine Junge verhielt sich also so, als sei alles nach wie vor ein Spiel, damit sich seine Mutter keine Sorgen um ihn zu machen brauchte. So kehrten sie nach Hause zurück, ohne ihre Einkäufe, aber in Sicherheit vor den Feinden, und schliesslich hatte Will die Geldbörse ja dann auf dem Flurtisch gefunden. Zur Sicherheit waren sie am Montag noch auf die Bank gegangen und hatten das Konto geschlossen und anderswo ein neues eröffnet. Damit war die Gefahr überstanden.
Doch im Lauf der folgenden Monate hatte Will widerstrebend erkennen müssen, dass die Feinde seiner Mutter nicht in der Welt, sondern nur in ihrem Kopf existierten. Das machte sie allerdings nicht weniger wirklich, furchteinflössend und gefährlich, es bedeutete nur, dass er seine Mutter noch sorgfältiger beschützen musste. Und seit dem Moment im Supermarkt, als Will gemerkt hatte, dass er etwas vortäuschen musste, um seiner Mutter keine Sorgen zu machen, war er immer darauf gefasst, dass ihre Ängste erneut aufbrechen würden. Er liebte sie so sehr, dass er sein Leben gegeben hätte, um sie zu beschützen.
Sein Vater war verschwunden, lange bevor Wills Erinnerung einsetzte. Will war schrecklich neugierig, was seinen Vater betraf, und er quälte seine Mutter oft mit Fragen, von denen sie die meisten allerdings nicht beantworten konnte.
»War er reich?«
»Wohin ist er gegangen?«
»Warum ist er weggegangen?«
»Ist er tot?«
»Kommt er eines Tages zurück?«
»Wie war er?«
Helfen konnte sie ihm nur bei der letzten Frage. John Parry war ein schöner Mann gewesen, ein tapferer und kluger Offizier der Marineinfanterie, der aus der Armee ausgeschieden war, um Forschungsreisender zu werden und Expeditionen in entlegene Gegenden der Welt zu führen. Will war fasziniert. Kein Vater konnte aufregender sein als ein Forscher. Von da an hatte er bei all seinen Spielen einen unsichtbaren Gefährten: Er und sein Vater kämpften sich durch den Dschungel, spähten vom Deck ihres Schoners über die stürmische See, versuchten im Schein einer Fackel eine geheimnisvolle Inschrift in einer von Fledermäusen bevölkerten Höhle zu entziffern …Sie waren die dicksten Freunde, retteten einander unzählige Male das Leben und sassen lachend und redend bis tief in die Nacht am Lagerfeuer.
Aber je älter Will wurde, desto mehr Fragen quälten ihn. Warum gab es keine Bilder, die seinen Vater zusammen mit Männern mit vereisten Bärten auf Schlitten in der Arktis oder bei der Untersuchung überwucherter Ruinen im Dschungel zeigten? Wo waren die exotischen Andenken, die er nach Hause mitgebracht haben musste? Und stand in keinem Buch etwas über ihn?
Seine Mutter wusste es nicht. Aber einmal hatte sie etwas gesagt, das ihm im Gedächtnis haften geblieben war.
»Eines Tages«, hatte sie gesagt, »wirst du in die Fussstapfen deines Vaters treten. Auch du wirst ein bedeutender Mann werden. Du wirst sein Werk fortsetzen…«
Und obwohl Will nicht wusste, was das genau hiess, verstand er doch die Bedeutung der Worte, und Stolz und Hoffnung erfüllten ihn. Alle seine Spiele würden eines Tages Wirklichkeit werden. Sein Vater lebte noch, irgendwo verloren in der Wildnis, und er würde ihn retten und sein Werk fortsetzen …Ein so grosses Ziel lohnte jede Mühe.
Er erzählte niemandem von den Ängsten seiner Mutter. Es gab Zeiten, zu denen sie ruhiger und in ihren Gedanken klarer war, und er passte auf, dass er dann von ihr lernte, wie man einkaufte, kochte und das Haus putzte, damit er es tun konnte, wenn sie verwirrt war und Angst hatte.
von Nicholas Sparks
von Michael Chabon
von Bernd-Lutz Lange
von John Berger