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Taschenbuch (536 Seiten)
Sprache: Deutsch
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Frhmorgens in einer New Yorker Bibliothek: Beinahe zu spt bemerkt die sechzehnjhrige Geneva Settle den unheimlichen Fremden in den Augen des Mannes steht die nackte Mordlust! Nur mit einem Trick kann die Schlerin aus Harlem ihrem Angreifer entkommen Die Spuren, die Lincoln Rhyme und Amelia Sachs am Tatort entdecken, deuten zunchst auf eine versuchte Vergewaltigung hin. Doch Ryhme ist berzeugt: Das junge Mdchen ist in das Visier eines gerissenen Profikillers geraten dessen Motive mglicherweise 140 Jahre alt sind. Und tat schlich geht das Teufelsspiel schon bald in seine zweite, tdliche Runde Der neue, atemberaubend spannende Fall fr Lincoln Rhyme und seine Partnerin Amelia Sachs. "Das Teufelsspiel ist ein fintenreiches, gnadenlos spannendes Katz-und-Maus-Spiel. Realistisch, brutal, intelligent. Eine Reise ins dunkle Herz New Yorks." Klner Express "Ein feingesponnener Thriller, der immer mehr an Fahrt gewinnt." Bild am Sonntag "Mit ′Das Teufelsspiel′ legt Deaver einen weiteren spannenden und hervorragend aufgebauten Psychothriller vor." Luxemburger Tageblatt
Pressestimmen:
"Das Teufelsspiel ist ein fintenreiches, gnadenlos spannendes Katz-und-Maus-Spiel. Realistisch, brutal, intelligent. Eine Reise ins dunkle Herz New Yorks." Kölner Express
| Verkaufsrang: | 54.922 |
|---|---|
| ISBN-10: | 3-442-36829-4 |
| EAN: | 9783442368297 |
| Originaltitel: | The Twelfth Card |
| Erschienen: | 09.10.2007 |
| Verlag: | Blanvalet |
| Einband: | Taschenbuch |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 536 |
| Länge/Breite: | 183mm/118mm |
| Gewicht: | 462 g |
| Übersetzer: | Thomas Haufschild |
| Reihe: | Blanvalet Taschenbücher |
Jeffery Deaver gilt als einer der weltweit besten Autoren intelligenter psychologischer Thriller. Seit seinem ersten großen Erfolg als Schriftsteller hat er sich aus seinem Beruf als Rechtsanwalt zurückgezogen und lebt nun abwechselnd in Virginia und Kalifornien. Seine Bücher wurden in 12 Sprachen übersetzt und haben ihm bereits zahlreiche renommierte Auszeichnungen eingetragen.Die kongeniale Verfilmung seines Romans 'Die Assistentin' unter dem Titel 'Der Knochenjäger' (mit Denzel Washington und Angelina Jolie in den Hauptrollen) war weltweit ein sensationeller Kinoerfolg und hat dem faszinierenden Ermittler- und Liebespaar Lincoln Rhyme und Amelia Sachs eine riesige Fangemeinde erobert.
von Stefan Heidsiek, am 26.04.2010
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von Andy, am 27.01.2008
1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Dienstag, 9. Oktober
Sein Gesicht ist nass von Schweiß und Tränen. Der Mann befindet sich auf der Flucht, er rennt um sein Leben.
»Da! Da ist er!«
Der einstige Sklave kann nicht genau ausmachen, woher die Stimme kommt. Von irgendwo hinter ihm? Von rechts oder links? Vom Dach eines der baufälligen Wohnhäuser, die beidseits der schmutzigen Kopfsteinpflastergassen aufragen?
Die Juliluft ist heiß und zäh wie flüssiges Paraffin. Der schlanke Mann springt über einen Haufen Pferdemist. Kein Straßenkehrer kommt jemals in diesen Teil der Stadt. Neben einer Palette, auf der sich zahlreiche Fässer türmen, hält Charles Singleton inne und ringt nach Atem.
Ein Pistolenschuss peitscht auf. Die Kugel geht fehl. Der laute Knall der Waffe lässt ihn unwillkürlich an den Krieg denken, an jene unfassbare, wahnwitzige Zeit, während der er in staubiger blauer Uniform mit einer schweren Muskete auf Männer in staubigem Grau gezielt hatte, deren Waffen wiederum auf ihn gerichtet gewesen waren.
Er läuft nun schneller. Die Häscher feuern erneut. Auch diese Schüsse verfehlen ihn.
»Haltet ihn! Fünf Dollar in Gold für seine Ergreifung!«
Aber die wenigen Leute, die sich so früh am Morgen auf der Straße befinden - zumeist irische Lumpensammler und Tagelöhner, die mit ihren geschulterten Tragekörben oder Spitzhacken zur Arbeit stapfen -, verspüren kaum Lust, sich dem Neger in den Weg zu stellen, denn er ist von muskulöser Statur, und sein grimmiger Blick verrät wilde Entschlossenheit. Da die Belohnung zudem von einem Stadtpolizisten ausgelobt wurde, wird sie ohnehin nur ein leeres Versprechen sein.
An der Farbenfabrik Ecke Dreiundzwanzigste Straße biegt Charles nach Westen ab, rutscht jedoch auf den glatten Pflastersteinen aus und stürzt schwer. Ein berittener Polizist trabt herbei, hebt den Schlagstock und nähert sich dem Gestrauchelten. Und dann...
Und?, dachte das Mädchen.
Und?
Was ist dann mit ihm geschehen?
Die sechzehnjährige Geneva Settle drehte noch einmal den Knauf des Lesegeräts, doch der Mikrofiche bewegte sich nicht weiter; sie hatte das Ende dieser Karte erreicht. Sie nahm den Metallrahmen heraus. Er enthielt die Titelseite einer Ausgabe der Coloreds' Weekly Illustrated mit dem Datum 23. Juli 1868. Geneva blätterte die anderen Rahmen in dem verstaubten Kasten durch. Ihre Befürchtung wuchs, dass die übrigen Seiten des Artikels fehlten und sie daher niemals herausfinden würde, was aus ihrem Vorfahren Charles Singleton geworden war. Sie hatte gehört, dass die Geschichte der Schwarzen in den Archiven oft nur unvollständig dokumentiert war, sofern überhaupt noch Unterlagen existierten.
Wo steckte bloß der Rest des Artikels?
Ah... Sie wurde schließlich doch noch fündig und setzte den Rahmen behutsam in das abgenutzte graue Lesegerät ein. Dann drehte sie ungeduldig den Knauf, um die Fortsetzung der Geschichte von Charles' Flucht auf den Bildschirm zu bekommen.
Dank ihrer ausgeprägten Fantasie - geschult durch die unzähligen Bücher, die sie im Laufe der Jahre verschlungen hatte - war Geneva in der Lage gewesen, dem nüchternen Zeitungsbericht eine Fülle von Eindrücken abzugewinnen. Sie fühlte sich beinahe, als wäre sie zurück ins neunzehnte Jahrhundert gereist und würde höchstpersönlich an der Verfolgung des ehemaligen Sklaven durch die heißen, stinkenden Straßen New Yorks teilnehmen. In Wahrheit befand sie sich fast hundertvierzig Jahre später in einer menschenleeren Bibliothek, gelegen im vierten Stock des Museums für afroamerikanische Kultur und Geschichte an der Fünfundfünfzigsten Straße in Midtown Manhattan.
Geneva drehte den Knauf und ließ die Seiten auf dem grobkörnigen Bildschirm an sich vorbeiziehen. Dann fand sie die Fortsetzung des Artikels, versehen mit der Überschrift:
SCHANDE
Bericht über das Verbrechen eines Freigelassenen
Charles Singleton, ein Veteran des Kriegs zwischen den Staaten, begeht offenen Verrat an der Sache unseres Volkes
Ein Foto zeigte den achtundzwanzigjährigen Charles Singleton in seiner Armeeuniform. Er war hochgewachsen, hatte große Hände. Die Uniformjacke spannte an Brust und Armen und ließ auf kräftige Muskeln schließen. Breite Lippen, hohe Wangenknochen, runder Kopf, ziemlich dunkle Haut.
Das Mädchen betrachtete das ernste Antlitz, den ruhigen, durchdringenden Blick und glaubte eine gewisse Ähnlichkeit festzustellen - sie hatte den Kopf und das Gesicht ihres Vorfahren, die runde Physiognomie, den satten Teint. Bei Singletons Körperbau hörte die Übereinstimmung allerdings auf. Geneva Settle war hager wie ein kleiner Junge, worauf die Mädchen, die im Delano Project wohnten, sie immer wieder gern hinwiesen.
Sie wollte weiterlesen, aber ein Geräusch lenkte sie ab.
Ein Klicken irgendwo im Raum. Ein Türschloss? Dann hörte sie Schritte. Sie hielten inne. Dann noch ein Schritt. Schließlich Stille. Geneva schaute sich um, sah jedoch niemanden.
Sie erschauderte, ermahnte sich aber, nicht den Kopf zu verlieren. Ihr Argwohn ging auf üble Erfahrungen zurück: die Delano-Mädchen, die sie auf dem Schulhof der Langston Hughes Highschool in die Mangel nahmen, und das eine Mal, als Tonya Brown und ihre Bande aus den St. Nicholas Houses sie in eine Gasse zerrten und dermaßen verprügelten, dass sie einen Backenzahn verlor. Jungen grapschten, Jungen lästerten, Jungen demütigten. Aber die Mädchen ließen dich bluten.
Auf den Boden mit ihr, gebt's ihr, zeigt's dem Miststück...
Wieder Schritte. Wieder blieben sie stehen.
Stille.
Die Atmosphäre hier war nicht unbedingt vertrauenerweckend. Gedämpftes Licht, schale Luft, absolute Ruhe. Und es hielt sich niemand sonst hier auf, nicht um Viertel nach acht an einem Dienstagmorgen. Das Museum war noch geschlossen - die Touristen schliefen um diese Zeit oder saßen gerade beim Frühstück -, doch die Bibliothek öffnete um acht. Geneva hatte schon vor der Tür gewartet, so sehr hatte es sie gedrängt, diesen Artikel zu lesen. Nun saß sie in einer Nische am Ende einer großen Ausstellungshalle, in der gesichtslose Modepuppen Kleidung aus dem neunzehnten Jahrhundert trugen und an deren Wänden Gemälde von Männern mit bizarren Hüten hingen, von Frauen mit Hauben auf dem Kopf und von Pferden mit seltsam dünnen Beinen.
Ein weiterer Schritt, ein weiteres Innehalten.
Sollte sie lieber aufstehen und sich zu Dr. Barry, dem Bibliothekar, gesellen, bis dieser unheimliche Kerl verschwand?
Und dann lachte der andere Besucher.
Es klang nicht merkwürdig, sondern fröhlich.
Und er sagte: »Okay. Ich rufe später zurück.«
Sie hörte, wie ein Mobiltelefon zusammengeklappt wurde. Deshalb war er immer wieder stehen geblieben: Er hatte einfach nur der Person am anderen Ende der Leitung zugehört.
Ich hab dir doch gleich gesagt, es besteht kein Grund zur Sorge, Mädchen. Leute, die lachen und beim Telefonieren freundliche Sachen sagen, sind nicht gefährlich. Er ist langsam gegangen, weil jemand, der redet, nun mal eben langsam geht - obwohl es genau genommen ziemlich rücksichtslos ist, in einer Bibliothek zu telefonieren.
Geneva wandte sich wieder dem Bildschirm des Lesegeräts zu. Hast du es geschafft zu entkommen, Charles?, dachte sie. Mann, ich drück dir die Daumen.
Doch er kam wieder auf die Beine und setzte die feige Flucht fort, anstatt sich wie ein mutiger Mann für seine Tat zu verantworten.
So viel zum Thema objektive Berichterstattung, dachte sie verärgert.
Eine Weile gelang es ihm noch, sich den Verfolgern zu entziehen, doch die Flucht war nicht von langer Dauer. Ein Negerkaufmann, der auf der Veranda seines Ladens stand, sah den Freigelassenen und beschwor ihn im Namen der Gerechtigkeit, sich zu stellen. Er sagte, er habe von Mr. Singletons Verbrechen gehört und werfe ihm vor, dadurch Schande über alle Farbigen des Landes gebracht zu haben. Dieser Bürger, ein gewisser Walker Loakes, warf daraufhin einen Ziegelstein nach Mr. Singleton, um ihn zu Fall zu bringen.
Charles kann dem schweren Stein ausweichen. »Ich bin unschuldig«, ruft er dem Mann zu. »Ich habe nicht getan, was die Polizei mir zur Last legt.«
Genevas Vorstellungskraft hatte erneut dafür gesorgt, dass sie völlig in der Geschichte aufging.
Aber Loakes ignoriert die Behauptung des Freigelassenen, läuft auf die Straße und ruft den Polizisten zu, der Gesuchte sei zum Hafen unterwegs.
Dem früheren Sklaven ist schwer ums Herz, und er muss immer wieder an Violet und ihren gemeinsamen Sohn Joshua denken. Verzweifelt setzt er seine Flucht fort.
Er rennt und rennt...
Hinter ihm ertönt das Hufgetrappel der Polizeipferde. Vor ihm tauchen weitere Reiter auf, angeführt von einem behelmten Beamten, der drohend eine Pistole schwingt. »Halt, Charles Singleton! Keine Bewegung! Ich bin Detective Captain William Simms und seit zwei Tagen auf der Suche nach dir.«
Der Freigelassene gehorcht. Er lässt die breiten Schultern hängen, senkt die starken Arme und saugt mit tiefen Atemzügen die feuchte, faulige Luft am Ufer des Hudson River ein. In der Nähe steht das Frachtbüro der Hafenschlepper, und überall auf dem Fluss sieht Charles die Masten der Segelschiffe emporragen, als wollten sie ihn vielhundertmal mit ihrer Verheißung der Freiheit verhöhnen. Keuchend lehnt er sich gegen das große Schild der Swiftsure Express Company und blickt dem Beamten entgegen. Die Hufschläge des Pferdes hallen laut von den Pflastersteinen wider.
»Charles Singleton, du bist hiermit wegen Einbruchdiebstahls verhaftet. Ergib dich freiwillig, oder wir werden dich zwingen. Du wirst in Ketten gelegt, aber es liegt ganz bei dir, ob es für dich dabei ohne Schmerzen oder mit Blutvergießen abgeht.«
»Man wirft mir ein Verbrechen vor, das ich nicht begangen habe!«
»Ich wiederhole: Ergib dich oder stirb. Eine andere Wahl hast du nicht.«
»Doch, Sir, die habe ich«, ruft Charles und rennt wieder los - genau auf den Kai zu.
»Stehen bleiben oder wir schießen!«, ruft Detective Simms.
Aber der Freigelassene springt mit einem Satz über die Brüstung des Kais wie ein Pferd über ein Hindernis. Einen Moment lang scheint er zu schweben, dann stürzt er mit rudernden Armen neun Meter hinab in das trübe Wasser des Hudson River. Dabei murmelt er ein paar Worte, vielleicht ein Stoßgebet, vielleicht eine Liebeserklärung an Frau und Kind, doch was auch immer es sein mag, keiner der Verfolger kann es hören.
Der einundvierzigjährige Thompson Boyd war noch fünfzehn Meter von dem Mädchen entfernt und kam langsam näher.
Er trug bereits Latexhandschuhe, zog sich nun die Skimaske über das Gesicht, rückte die Sehschlitze zurecht und öffnete kurz die Trommel seines Revolvers, um sicherzugehen, dass nichts klemmte. Zwar hatte er das zuvor schon überprüft, aber in seiner Branche konnte man nicht vorsichtig genug sein. Er steckte die Waffe in die Tasche des dunklen Regenmantels und holte einen Schlagstock hervor.
Boyd befand sich in der Ausstellungshalle zwischen den Bücherregalen, hinter denen die Tische mit den Mikrofilmlesegeräten standen. Seine Augen brannten an jenem Morgen ausgesprochen heftig. Er rieb sie sich mit zwei Fingern und musste vor Schmerz blinzeln.
Dann vergewisserte er sich abermals, dass niemand sonst sich im Raum aufhielt.
Es gab weder hier noch unten im Gebäude irgendwelche Wachleute. Auch keine Überwachungskameras oder Besucherlisten, in die man sich eintragen musste. Alles bestens. Dennoch blieben ein paar logistische Probleme. In dem großen Saal war es absolut still, und Thompson konnte sich nicht unbemerkt anschleichen. Das Mädchen würde demnach wissen, dass jemand anders zugegen war, und womöglich nervös oder zumindest hellhörig werden.
Daher hatte er diesen Flügel der Bibliothek betreten, die Tür hinter sich verriegelt und dann ein leises Lachen von sich gegeben. Thompson Boyd lachte schon seit vielen Jahren nicht mehr. Doch er war ein Profi und wusste um die Macht der guten Laune - und wie er sie sich für seine Arbeit zunutze machen konnte. Ein Lachen - verbunden mit einem heiteren Abschiedsgruß und dem Geräusch eines zusammenklappenden Mobiltelefons - würde das Mädchen in Sicherheit wiegen, schätzte er.
Der Trick schien zu funktionieren. Boyd warf einen schnellen Blick um das Regalende herum und sah das Mädchen, das auf den Bildschirm des Lesegeräts starrte. Ihre Hände hingen zu beiden Seiten herab, ballten sich fortwährend zu Fäusten und öffneten sich wieder. Offenbar war sie in eine aufregende Lektüre vertieft.
Boyd ging los.
Und hielt im selben Moment inne. Das Mädchen stand vom Tisch auf. Er hörte ihren Stuhl über das Linoleum scharren. Wollte sie etwa den Raum verlassen? Nein. Er vernahm das Geräusch des Trinkbrunnens und ein paar gierige Schlucke. Dann hörte er sie Bücher aus dem Regal ziehen und neben dem Lesegerät stapeln. Es herrschte kurz Stille, dann holte sie noch mehr Bücher und legte sie mit dumpfem Laut auf dem Tisch ab. Schließlich folgte das Quietschen des Stuhls, als sie sich wieder hinsetzte. Dann war alles ruhig.
Thompson schaute erneut. Sie saß an ihrem Platz und las in einem der zehn oder zwölf Bücher, die sich vor ihr auftürmten.
Er ging wieder los, in der Rechten den Schlagstock, in der Linken die Tüte mit den Kondomen, dem Teppichmesser und dem Isolierband.
Nun kam er direkt auf sie zu, war noch sieben Meter hinter ihr, dann fünf. Er hielt den Atem an.
Drei Meter. Auch falls sie nun aufsprang, würde er sie mit einem Satz zu fassen bekommen - um ihr das Knie zu zertrümmern oder sie mit einem Schlag auf den Kopf zu betäuben.
Noch zwei Meter, anderthalb...
Er blieb stehen und legte die Tüte lautlos auf einem Regal ab.
Dann umfasste er den lackierten Eichenholzknüppel mit beiden Händen, trat vor und holte aus.
Das Mädchen blieb gänzlich in den Text versunken und merkte nicht, dass der Angreifer nur eine Armeslänge hinter ihr stand. Thompson ließ den Schlagstock mit aller Kraft auf die Wollmütze des Mädchens niedersausen.
Knack...
Als der Knüppel mit hohlem Knall ihren Kopf traf, schickte der Aufprall eine schmerzhafte Vibration durch Boyds Hände.
Irgendetwas stimmte nicht. Das Geräusch war falsch, und das Gefühl passte auch nicht. Was ging hier vor?
Thompson Boyd wich zurück, denn der Körper fiel zu Boden.
Und zwar in zwei Teilen.
Der Torso der Puppe kippte in eine Richtung, der Kopf in eine andere. Im ersten Moment war Thompson völlig verblüfft. Dann blickte er zur Seite und entdeckte die untere Hälfte der Figur. Sie steckte nach wie vor in einem Ballkleid und stand neben mehreren anderen Puppen, die allesamt Frauenkleidung aus dem Amerika des neunzehnten Jahrhunderts trugen.
Nein...
Das Mädchen hatte irgendwie erkannt, dass er eine Bedrohung darstellte. Daraufhin war sie aufgestanden und hatte ein paar Bücher aus den Regalen geholt, um zu kaschieren, dass sie im Anschluss eine der Puppen auseinander nahm. Sie hatte der Figur ihr Sweatshirt und die Wollmütze übergestreift und sie dann auf dem Stuhl platziert.
Aber wo war das Mädchen?
Das Geräusch hastiger Schritte beantwortete die Frage. Thompson Boyd hörte sie auf den Notausgang zurennen. Er verstaute den Schlagstock unter seinem Mantel, zog die Pistole und lief hinterher.
...Zwei
Geneva Settle rannte.
Sie floh. Wie ihr Vorfahr Charles Singleton.
Sie keuchte. Wie Charles vor hundertvierzig Jahren auf der Flucht vor der Polizei.
Aber im Gegensatz zu ihm ließ Geneva nun jegliche Würde vermissen, davon war sie überzeugt. Sie schluchzte, schrie um Hilfe, geriet vor lauter Panik ins Stolpern und prallte hart gegen eine Wand, wobei sie sich den Handrücken aufschürfte.
Da ist sie, da ist sie, die dürre kleine Rotznase... Packt sie!
Der Gedanke an die Aufzugkabine erschreckte sie. Sie würde praktisch in der Falle stecken. Also entschied sie sich für die Feuertreppe. Sie stieß die Tür aus vollem Lauf auf, was ihr einen Moment lang den Atem raubte, und wurde von dem grellgelben Licht geblendet, doch sie hielt nicht inne. Mit großen Schritten hastete sie zur dritten Etage hinunter und zerrte an dem Türknauf, aber die Brandschutztüren ließen sich von dieser Seite nicht öffnen. Geneva musste es bis ins Erdgeschoss schaffen.
Sie lief weiter nach unten und rang nach Luft. Warum? Was wollte dieser Mann?, grübelte sie.
Mit Leuten wie uns gibt das dürre kleine Miststück sich nicht ab...
Die Pistole... Deshalb hatte sie Verdacht geschöpft. Geneva Settle gehörte keiner Gang an, aber als Schülerin der mitten in Harlem gelegenen Langston Hughes Highschool hatte sie im Laufe der Zeit zwangsläufig ein paar Waffen zu Gesicht bekommen. Als ein charakteristisches Klicken an ihre Ohren gedrungen war - das ganz eindeutig nicht von einem Mobiltelefon stammen konnte -, hatte sie sich gefragt, ob der lachende Mann womöglich bloß freundlich getan hatte und in Wahrheit Böses im Schilde führte. Dann war sie scheinbar arglos aufgestanden, hatte einen Schluck Wasser getrunken und eigentlich sofort die Flucht ergreifen wollen, wäre ihr nicht bei einem verstohlenen Blick zu den Regalen die Skimaske aufgefallen. Ihr wurde klar, dass sie unmöglich an dem Fremden vorbeikommen konnte, solange seine Aufmerksamkeit nicht auf den Tisch gerichtet blieb. Daher hatte sie geräuschvoll einige Bücher aufgestapelt, die nächstbeste Modepuppe geholt, ihr Mütze und Sweatshirt übergezogen und sie auf den Stuhl vor dem Lesegerät gestellt. Dann hatte sie abgewartet, bis er sich dem Tisch näherte, und war hinter ihm vorbeigeschlichen.
Macht sie fertig, macht das Miststück fertig...
Nun lief Geneva die nächste Treppe hinunter.
Über ihr ertönten Schritte. Herrje, er folgte ihr tatsächlich! Er hatte ebenfalls das Treppenhaus betreten und war nur noch ein Stockwerk hinter ihr. Halb rennend, halb stolpernd stürmte sie nach unten und hielt sich dabei die verletzte Hand. Die Schritte kamen immer näher.
Die letzten vier Stufen nahm Geneva mit einem Sprung. Auf dem harten Betonboden knickten ihre Beine ein, und sie prallte gegen die rau verputzte Wand. Mit schmerzverzerrtem Gesicht rappelte sie sich auf, hörte seine Schritte, sah seinen Schatten an der Wand.
Sie schaute zu der Stahltür. Ihr Atem stockte. Um den Griff war eine Kette gewickelt.
Nein, nein, nein... Es war mit Sicherheit nicht legal, die Tür am Ende der Feuertreppe mit einer Kette verschlossen zu halten. Was die Betreiber des Museums offenbar nicht davon abhielt, sich auf diese Weise vor Einbrechern zu schützen. Vielleicht hatte auch der Fremde die Kette dort angebracht, um vorsorglich den Fluchtweg zu versperren. Hier stand sie also nun, gefangen in einem düsteren Betonschacht. Aber wurde die Tür überhaupt durch die Kette blockiert?
Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Los, Mädchen!
Geneva warf sich mit aller Kraft gegen den Griff.
Die Tür schwang auf.