Erdbeerträume. Blanvalet Taschenbücher, Band 36739

Roman. Deutsche Erstausgabe

von Cathy Kelly

Buch

Taschenbuch (573 Seiten)

Sprache: Deutsch

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Weitere Artikelinformationen

Glück ist ein zerbrechliches Geschenk: Seit Jahren wohnen Faye Reid und Maggie Maguire in der idyllischen Summer Street. Man kennt sich gut, doch die blitzblanken Fensterscheiben verbergen viele Geheimnisse. Fayes Tochter Amber steht kurz davor, wegen der Liebe ihre Zukunft aufs Spiel zu setzen; Maggie fürchtet zu ihrer pflegebedürftigen Mutter ziehen zu müssen. Streit, Misstrauen und Schweigen ziehen in die Summer Street ein - nur die warmherzige Christie Devlin blickt weiterhin ihren Mitmenschen bis ins Herz. Aber erst als sie selbst Hilfe braucht, entdecken die drei so unterschiedlichen Frauen, was wirklich zum wahren Glück zählt: Freundschaft, Vertrauen - und die Liebe ...


Produktdetails

ISBN-10: 3-442-36739-5
EAN: 9783442367399
Originaltitel: Past Secrets
Erschienen: 08.05.2007
Verlag: Blanvalet
Einband: Taschenbuch
Sprache(n): Deutsch
Seitenzahl: 573
Gewicht: 440 g
Übersetzer: Uta Hege
Reihe: Blanvalet Taschenbücher
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Cathy Kelly

Cathy Kelly arbeitete als Redakteurin, Filmkritikerin und 'Kummerkastentante' bei der Dubliner 'Sunday World'. Ihre Romane dominierten wochenlang die irischen und englischen Bestsellerlisten und sorgen inzwischen auch in Deutschland für Furore. Cathy Kelly ist seit 2005 UNICEF-Botschafterin in Irland. Sie lebt mit ihrem Lebensgefährten und ihren Zwillingssöhnen in Wicklow, Irland.

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  • Erdbeerträume Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von Rebecca Bäumer, am 04.08.2010

    0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.

    In einem irischen Städtchen wohnt das Glück. Doch das Glück ist ein zerbrechliches Geschenk. Summer Street ist ein idyllisches Plätzchen, man kennt sich und lebt in guter Nachbarschaft. Doch hinter den Fassaden verbirgt sich so manches Geheimnis. Die vernünftige Faye Reid zum Beispiel, die als allein erziehende Mutter steht's zu viel arbeitet, verschweigt ihrer fast erwachsenen Tochter Amber seit Jahren die Wahrheit. Auch die attraktive Maggie Maguire würde niemals erzählen, welche Ängste sie wirklich plagen. Als aber die temperamentvolle, lebenslustige Amber plant, ihre Zukunft in den Wind zu schlagen, weil sie sich verliebt hat, und als Maggie zurück nach Hause zu ihrer pflegebedürftigen Mutter ziehen muss kommen die vielen Geheimnisse ans Licht. Tränen, bittere Vorwürfe und Schweigen sind die Folge. Zum Glück gibt es Christie Devlin. Sie hilft immer bei den vielen großen und kleinen Kümmernissen. Aber dann bricht Christies Welt zusammen und nun entdecken die Frauen das sie sich gegenseitig helfen können.
    Wieder einmal eine wunderbare Cathy Kelly. Ich kann nicht oft genug sagen wie toll sie schreibt.

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Wenn eine Straße einen hätte aktiv willkommen heißen können, hätte die irische Summer Street beide Arme ausgebreitet und allzeit den Kessel mit dem Teewasser in froher Erwartung auf dem Herd stehen gehabt.
Das kleine, aber wunderschöne rote Backsteinhaus, in dem Christie Devlin auf den Tag genau seit dreißig Jahren lebte, reihte sich wie ein glitzerndes Juwel in eine Kette voller herrlicher, bunter Steine ein.
Die etwa eine halbe Meile lange, leicht gebogene Summer Street begann an einer Kreuzung mit einem Café und gegenüber einem Haus, dessen ursprünglich leuchtend pinkfarbener Erdbeereis-Anstrich inzwischen zu einem gedämpften Rosaton verblichen war.
In dem Augenblick, in dem Christie die elegant geschwungene Straße, entlang der sich großblättrige Ahornbäume wie freundliche ältere Tanten über den Gehweg beugten, zum ersten Mal gesehen hatte, hatte sie gewusst: Dies war der Ort, an dem James und sie ihre Kinder aufwachsen lassen könnten. Hier würden sie glücklich sein.
Die letzten dreißig Jahre waren wie im Flug vergangen, dachte sie an diesem hellen, stillen Vormittag Ende April, während sie Ordnung schuf, Staub wischte, die Fußböden fegte und mit einem feuchten Lappen über die Fliesen in der Küche fuhr.
Das Licht der Sonne strömte durch die Fenster, es herrschte wohltuende Ruhe, und vor allem hatte Christie heute frei. Sie liebte ihre Arbeit als Kunstlehrerin an der Gesamtschule St. Ursula, aber sie hatte ihre Stundenzahl vor kurzem reduziert und genoss die zusätzliche freie Zeit.
Tilly und Rocket, ihre beiden Zwergdackel, die in ihrem vorherigen Leben eindeutig zwei Hoheiten gewesen waren, ruhten sich auf den kühlen Bodenfliesen von ihrem Morgenspaziergang aus. Im Hintergrund erklang leise Radiomusik, und die alte Kaffeemaschine machte die röchelnden Geräusche, die ihr signalisierten, dass das Wasser beinahe durchgelaufen war. Sie hätte also rundum glücklich sein können.
Das wäre sie auch gewesen – hätte sie nicht die ganze Zeit eine nagende Unruhe verspürt. Sie machte ihr bereits zu schaffen, seit sie um sechs zum Zwitschern der Vögel vor dem Schlafzimmerfenster die Augen geöffnet hatte.
»Gratuliere zu unserem Jubiläum«, hatte James schläfrig gemurmelt, als eine Viertelstunde später der Wecker geklingelt hatte, hatte sich zu ihr herumgerollt und festgestellt, dass Tilly zwischen ihnen lag. Eigentlich sollten die beiden Hunde auf den dicken cordbezogenen Kissen auf dem Boden schlafen. Tilly aber zog die kleine Kuhle in der Decke zwischen Herrchen und Frauchen ihrem eigenen Bett definitiv vor. James hatte sich den empört strampelnden Hund geschnappt, ihn auf der anderen Seite wieder abgesetzt und sich an seine Frau geschmiegt. »Jetzt leben wir seit dreißig Jahren hier, und ich habe auf dem Speicher noch immer keinen anständigen Fußboden verlegt.«
Obwohl Christie bereits hellwach gewesen war und sich des Gefühls nicht hatte erwehren können, dass irgendetwas irgendwo nicht stimmte, hatte sie gelacht. Alles war so wunderbar normal. Sicher bildete sie sich die drohende Gefahr nur ein.
»Ich erwarte, dass der Boden noch an diesem Wochenende fertig wird«, hatte sie in dem Ton erklärt, der selbst die ungestümste Klasse in St. Ursula vor Schreck erstarren ließ. Nicht dass sie allzu oft Probleme mit ungezogenen Schülerinnen hätte. Sie konnte sich derart für Kunst begeistern, dass sich ihr Enthusiasmus auf die meisten Kinder übertrug.
»Bitte nicht, Mrs. Devlin«, hatte ihr Mann gebettelt und dabei trefflich die Stimme eines quengeligen Schülers nachgeahmt. »Ich habe einfach nicht die Energie dazu. Außerdem frisst ständig der Hund die Hausaufgaben auf.«
Hechelnd hatte Tilly erneut das Bett geentert und war über ihn hinweggeklettert. So schnell gab sie die heimelige Kuhle zwischen ihnen gewiss nicht auf.
»Dieser Hund würde die Hausaufgaben garantiert fressen«, hatte James hinzugefügt.
Christie hatte eine Hand nach Tilly ausgestreckt und dabei gurrende Töne von sich gegeben.
»Ich glaube, du liebst diese beiden Hunde mehr als mich«, hatte sich James beschwert.
»Natürlich«, hatte sie ihn aufgezogen. Sie wusste nämlich genau, wie liebevoll ihr Mann mit Tilly und Rocket sprach, wenn er dachte, dass es niemand hörte. Auch wenn James groß, stattlich und sehr männlich war, hatte er ein extrem weiches Herz.
»Kinder werden groß und wollen dann kaum mehr geknuddelt werden, aber Hunde bleiben in dieser Hinsicht immer Welpen«, hatte sie hinzugefügt und Tilly sanft am Bäuchlein gekrault. »Und du hüpfst schließlich nicht vor Freude an mir hoch, wenn ich von der Arbeit komme, oder?«
»Mir war nicht klar, dass du das gerne hättest.« Er hatte ein paar Probe-Beller ausgestoßen. »Gesetzt den Fall, ich tue das, flüsterst du mir dann ebenfalls irgendwelche süßen Nichtigkeiten ins Ohr?«
Christie hatte ihren Mann betrachtet. Sein einst so dichtes weizenblondes Haar war inzwischen etwas schütter und wies die ersten grauen Strähnen auf. Und genau wie sie hatte er inzwischen viele kleine Falten im Gesicht. Immer noch aber rief sein Anblick ein Gefühl zärtlicher Liebe in ihr wach.
»Vielleicht.«
Rocket hatte fiepend zu ihnen aufgeschaut, weil er von dem gemeinsamen Vergnügen ausgeschlossen war.
James war aufgestanden, hatte das Hündchen neben Christie auf die Bettdecke gesetzt, und Rocket hatte sie mit begeisterten feuchten Hunde-Küssen belohnt.
»Ich hoffe, in meinem nächsten Leben komme ich als einer deiner Hunde auf die Welt«, hatte er auf dem Weg unter die Dusche gescherzt.
Christie hatte es geschaudert. »Ich mag es nicht, wenn du so redest«, hatte sie – zu der bereits wieder geschlossenen Badezimmertür – gesagt.
Dreißig Jahre hier in diesem Haus. Wie hatte die Zeit nur derart schnell vergehen können?
»Es ist einfach wunderbar«, hatte sie zu James an jenem ersten Tag gesagt, als sie, schwanger mit ihrem zweiten Jungen Shane, vor dem Haus mit der Nummer 34 gestanden hatte, das sie sich nur deshalb hatten leisten können, weil es, wie es der Makler dezent umschrieben hatte, »leicht renovierungsbedürftig« gewesen war.
»Bist du sicher, dass dir der Pseudo-Tudor-Kasten sieben Straßen weiter nicht doch besser gefällt?«, hatte James gefragt und dabei den kleinen Ethan fest an der Hand gehalten. Mit seinen dreieinviertel Jahren war Ethan mit Vorliebe auf seinem Bett herumgesprungen und/oder seinen Eltern entwischt, um irgendwelche möglichst gefährlichen Abenteuer zu bestehen.
Christie hatte ihren Mann mit hochgezogenen dunklen Brauen angesehen.
Der Vorgarten des Kastens hatte aus einem geteerten Quadrat bestanden, und hinter dem Haus hatten zwei riesengroße Hunde laut bellend ihr Revier verteidigt und auf Christies ausgestreckte Hand nicht gerade freundlich reagiert. Eine der Fensterscheiben in der oberen Etage hatte ein wenig einladendes, backsteingroßes Loch gehabt, und als James den Immobilienmakler beiläufig gefragt hatte, wo denn das mit einer AK47 bestückte Turmgeschütz geblieben sei, hätte sie beinahe losgeprustet.
»Auch wenn du mich vielleicht altmodisch findest«, hatte sie zu James gesagt, »sind mir die Summer Street und dieses Häuschen weitaus lieber.«
Trotz seines jämmerlichen Zustands hatte das Haus mit dem zierlichen Buntglas-Erkerfenster über der bogenförmigen Haustür mit der aufgemalten Nummer 34 warm und einladend gewirkt.
Von diesem Standort aus hatten die Devlins direkt auf das Summer Street Café mit seiner blau-weiß gestreiften Markise und dem blau-weißen Anstrich blicken können. Auf dem Gehweg hatten weiße Bistrostühle an drei zierlichen Tischen gestanden, und die leuchtend blau geblümten Decken auf den Tischen hatten ausgesehen, als stammten sie direkt von einem italienischen Balkon.
Auf derselben Straßenseite wie das Café gab es ein paar Reihenhäuser, zwischen die sich ein paar schlanke, freistehende Häuschen quetschten, acht kleine Eisenbahnerhäuschen, deren klassische Bordüren mit zartem Schnitzwerk versehen waren, dann eine Reihe roter Backsteinhäuser, einschließlich ihrem, und fünf Bungalows aus den Dreißigern, bevor die Straße mit ein paar zweigeschossigen Gebäuden ihren Abschluss fand. Auf der anderen Seite gab es ebenfalls ein paar Reihen-und Eisenbahnerhäuschen und dazwischen einen kleinen Park: ein sorgsam gepflegtes grünes Viereck mit einem säulenverzierten Musik-und einem Eisenbahnpavillon sowie einem winzigen Brunnen, den die Tauben derart liebten, dass kaum je eine ihr Geschäft anderswo verrichtete als an diesem einladenden Ort.
Die Ahornbäume, die die Straße säumten, wurden von farbenfrohen Randsteinbepflanzungen gesäumt, und die Türen der vielen verschiedenen Häuser waren himmelblau, weihnachtssternrot oder bernsteingelb lackiert.
Christie würde nie vergessen, dass James auf ihre Feststellung, das Häuschen wäre ideal, ihre Hand genommen und gesagt hatte: »Dann müssen wir es haben.« Ohne dass er vorher einen Blick ins Innere geworfen hätte.
Jedes Mal, wenn Christie den Leuten hinterher erzählte, sie hätten sich entschlossen, das Haus in der Summer Street zu kaufen, ohne dass sie es gründlich inspiziert hatten, hatte sie hinzugefügt, dass man eindeutig wüsste, wann man zu Hause angekommen war. Ein Zuhause bedeutete schließlich mehr als vier Wände und ein Dach.
»Mit einem solide gebauten Backsteinhaus liegt man nie verkehrt«, hatte James’ Bruder, der mit all diesem Gerede über Empfindungen nichts anzufangen wusste, weise festgestellt.
Tatsächlich war das Haus zwar ziemlich heruntergekommen gewesen, hatte dafür aber einen wunderbaren Schnitt. Wie eine vornehme Dame, die wirtschaftlich in Not geraten war und es sich kaum leisten konnte, Milch in ihren Tee zu geben, aber trotzdem darauf achtete, dass sie nie ungepflegt aussah.
James und Christie war bewusst gewesen, dass nicht nur die Proportionen oder die einladende Breite der kupferroten Haustür sie dazu bewogen hatten, dieses Haus zu kaufen. Christie hatte schlichtweg gewusst, dass dies für die Familie ein wirkliches Zuhause wäre. James wiederum hatte gelernt, ihren Instinkten zu vertrauen.
Als sie, James und Ethan einen Monat später eingezogen waren, waren sie die stolzen Besitzer eines leicht baufälligen Häuschens mit vier Schlafzimmern, einem Bad, einer nicht funktionstüchtigen Küche und einem Garten gewesen, in dem man im Sommer Hunderte von Schmetterlingen flattern sah.
Damals hatte es noch keinen dreigeschossigen Apartmentblock am Anfang der Straße gegeben und kein Schimpfen über wild geparkte Autos, denn die meisten Familien hatten Glück gehabt, wenn sie überhaupt einen Wagen besaßen. Allerdings hatte es in dem Park auch noch keine bunten Spiel- und Klettergeräte gegeben, von denen von früh bis spät – je nachdem, wie der Streit über die Benutzung der Rutsche ausgegangen war – fröhliches Juchzen oder aber lautes Schreien auf die Straße drang.
Auch Christie war mit Ethan und Shane zum Spielen in den Park gegangen. Jetzt führte sie ihre Hunde auf den stets ordentlich geharkten Wegen aus. Sie schob auch ihre beiden geliebten Enkelinnen, Sasha und Fifi, in ihren Buggys in den Park. Wobei Sasha mit ihren gerade mal zweieinhalb Jahren stets so begeistert auf den Brunnen zuhüpfte, dass Christie die Befürchtung hatte, eines Tages fiele sie kopfüber hinein. Ganz der Vater, dachte Christie dann.
Ethan hatte jede Menge Energie gehabt. Er hatte sich seit seinem ersten Atemzug temperamentvoll ins Leben gestürzt. Und er hatte die Summer Street geliebt.
»Am besten holen wir als Erstes den Rasenmäher raus«, hatte James am Tag nach ihrem Einzug gesagt, als Ethan jubelnd durch das hohe Gras hinter dem Haus gelaufen war und man ihn kaum noch zwischen all den Riesenhalmen sah. Dem Möbelwagen, den sie gemietet hatten, hatten sie schon vor der Tür geparkt. Da jedoch die Freunde, die ihnen beim Tragen und Aufbauen hatten helfen wollen, noch nicht da gewesen waren, hatten sie ein paar Minuten für sich allein gehabt. »Da draußen sieht es aus wie in einem Dschungel.«
»Hier drinnen auch«, hatte Christie trocken festgestellt. Sie hatte sich gerade in der Küche umgesehen, wo es auf der abblätternden, grässlich gelben Farbe besonders viele widerliche, schwarze Flecken gab. »Bitte sag mir, dass dieser Schimmel noch nicht an den Wänden war, als wir das Haus besichtigt haben. Vielleicht sollten wir keinen Architekten, sondern eher den Kammerjäger holen.«
»Glaubst du, dass uns heute Nacht, wenn wir in unseren Betten liegen, irgendein giftiger Hauspilz frisst?«
Christie hatte ihren Mann, der die gleichen blonden Haare und das gleiche sonnige Gemüt wie Ethan hatte, lächelnd angesehen. Ungeachtet schimmeliger Wände und wuchernder Pilze in den Ecken, hatten seine Augen vor Stolz darüber geleuchtet, dass er endlich Besitzer eines eigenen Hauses war.
»Wahrscheinlich. Also, wirst du Ethan retten oder muss ich meine Fünf-Monats-Wampe durch die Gegend hieven, um zu prüfen, was er treibt?« Sie war eine große, normalerweise schlanke Frau. Während ihrer Schwangerschaft mit Ethan hatte sie nur einen sanft gerundeten, straffen Basketball als Bauch gehabt, der von hinten überhaupt nicht aufgefallen war. Bei der zweiten Schwangerschaft jedoch war ihre schlanke Figur nur eine entfernte Erinnerung gewesen, und sie war sich wie ein riesiger, mit Schwangerschaftsstreifen übersäter Wackelpudding vorgekommen, von vorne, von der Seite und von hinten gleichermaßen fett.
Ihre Schwester Ana äußerte die Vermutung, dass bei der zweiten Schwangerschaft die Muskeln womöglich ihren Geist aufgeben hatten. Christie allerdings hatte gewusst, dass ihr unerklärlicher Heißhunger auf doppelte Portionen Eis mit frittierten Bananen gewiss nicht ganz unschuldig gewesen war.
»Ich werde ihn retten, meine Kräftige«, hatte James erklärt, lachend eine Hand auf ihren dicken Bauch gelegt und sie grinsend angezwinkert. »Schließlich sollst du nachher nicht zu müde sein, um das Haus mit mir zu taufen.«
Christie hatte amüsiert gelacht. Die Anstrengung der Schwangerschaft ließ sie abends meistens spätestens um neun in die Federn sinken, und nicht einmal ein ganzes Fass voll Aphrodisiakum hätte sie dann noch erregt. Als sie jedoch die hoffnungsvolle Miene ihres Mannes gesehen hatte, hatte sie ihm erklärt: »Nur, wenn du mir erst den Rücken massierst.«
Sie hatte keine Ahnung, weshalb gerade ihr Rücken eine ihrer erogenen Zonen war. Doch sie wusste, dass sie, wenn James sie mit seinen festen Händen knetete, um die Verspannungen zu lösen, garantiert in Stimmung kam.
»Abgemacht.«
Der Vorteil des Lebens in so einem heruntergekommenen Haus war, dass Christie sich keine Gedanken darüber hatte machen müssen, ob Ethan mit seinen Buntstiften die Wände bekritzelte oder ob das Mobiliar aus zweiter Hand, das sie sich nur hatten leisten können, bei seinen vielen Turnübungen Verschleißerscheinungen abbekam. Der Nachteil ihres Hauses war gewesen, dass sie das Gefühl hatte, es würde Jahre dauern, bis die Feuchtigkeit daraus vertrieben wäre. Und bis sie etwas würden essen können, ohne dass dabei ein Teil der Decke in ihre Teller rieselte.
Jetzt, ein ganzes Leben später, war Ethan dreiunddreißig, Shane beinahe dreißig, und ihre beiden Enkeltöchter hatten Christies Glück perfekt gemacht.
Inzwischen fiel ihr damals langes, dunkles Haar, das sie so oft zu einem losen Pferdeschwanz gebunden hatte, in kinnlangen Wellen weich um ihr Gesicht, und die Wärme ihrer olivfarbenen Haut und ihre dunklen, fein geschwungenen Brauen wurden durch den kühlen Silberton vorteilhaft betont.
Nach wie vor trug sie morgens einen Hauch Eyeliner um ihre schräg stehenden grünen Augen auf, hatte jedoch den schwarzen Kajalstift, mit dem sie sich früher geschminkt hatte, gegen einen modernen, schlanken Pinsel getauscht. Sie probierte gerne neue Dinge aus, denn sie war der festen Überzeugung, dass älteren Menschen, die zu sehr an der Vergangenheit klebten, ihr Alter überdeutlich anzusehen war.
Auch die Küche sah lange nicht so alt aus, wie sie tatsächlich war. Nach der ersten bunten Phase und der Phase, in der sämtliche Fronten aus Kiefernholz gewesen waren, machte sie jetzt die dritte – die relativ moderne Ahornphase – durch.
Christie blickte aus dem Fenster in den Garten. Unzählige Arbeitsstunden hatten neben einem Schmetterlings- ein Paradies für Bienen aus ihm gemacht. Die zahllosen verschiedenen Lavendelsorten, die den ganzen Sommer über blühten, zogen die Nektarsammler magisch an.
Jetzt, Ende April, verströmten die ersten kräftigen weißen Blüten der alten französischen Rose, die Christie jahrelang gehätschelt hatte, bis sie sich über die gesamte Pergola erstreckte, ihren moschusartigen Duft. Der Garten lag derart geschützt, dass die Rosen bereits einen Monat, bevor sie ihre Knospen hätten öffnen sollen, blühten. Und während sie das Geschirr vom Frühstück spülte, trug die milde Frühlingsbrise ihren Duft durch das offene Fenster zu ihr herein.
Christie kratzte ein paar hartnäckige Krümel eines Toastbrots von einem weißen Teller und suchte nach einer Erklärung für die bohrende Angst in ihrem Kopf.
Bei Jubiläen schwappten vermutlich automatisch alte Erinnerungen hoch. Das war sicher alles.
Sie hatte in den letzten dreißig Jahren großes Glück gehabt. Während ihres gesamten Ehelebens hatte es nur einmal eine Zeit gegeben, in der beinahe alles schiefgegangen wäre. Doch hatte sie – ähnlich wie man gerade noch zur rechten Zeit ein herunterfallendes Glas auffängt, bevor es auf den Boden kracht – die Katastrophe im letzten Augenblick verhindern können. Ihre Beziehung hatte einen winzigen Riss aus jener Zeit zurückbehalten, den jedoch außer ihr selbst wahrscheinlich niemand bemerkte. Das konnte also unmöglich der Grund für ihre Sorge sein, oder?
Nein, sagte sie sich streng, während sie den gespülten Teller in das Trockengestell stellte. Das alles war vergangen, aus und vorbei.
Sie wusste, dass sie reich gesegnet war. James war ihr noch derselbe gute Mann wie zu Anfang ihrer Ehe. Vielleicht sogar noch besser. Sie waren mit zunehmendem Alter stärker zusammengewachsen, statt sich einander – wie so viele andere – zu entfremden. Christie kannte viele Leute ihres Alters, die verheiratet geblieben waren, obwohl es außer Groll und alten Hochzeitsfotos keine Gemeinsamkeiten mehr gab. Sie hackten nur noch aufeinander herum, sodass man ihre Gesellschaft nicht mehr gerne suchte. Weshalb trennten sich solche Paare nicht?, überlegte Christie.

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