Jahre der Politik

Die Erinnerungen

von Roman Herzog

Buch

Taschenbuch (416 Seiten)

Sprache: Deutsch

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Ein großer Staatsmann blickt zurück


Roman Herzog, der überaus populäre, in allen politischen Lagern hoch angesehene siebte Bundespräsident, gehört zum politischen Urgestein unseres Landes. Sein Blick hinter die Kulissen der Macht und seine Erinnerungen an Begegnungen mit politischen Größen im In- und Ausland sind Pflichtlektüre für jeden politisch Interessierten.


Die Erinnerungen des ehemaligen Bundespräsidenten zeichnen eine ebenso ungewöhnliche wie beeindruckende Laufbahn nach, die den 1934 in Landshut geborenen Roman Herzog von einer glänzenden Hochschulkarriere als Staatsrechtler über Stationen in Bonn und Baden-Württemberg bis ins höchste Staatsamt führte.
Als Präsident des Bundesverfassungsgerichts begleitete und prägte er in der ersten Hälfte der 1990er Jahre die deutsche Politik mit bedeutsamen und wegweisenden Urteilen. Im Mai 1994 wurde Herzog als Nachfolger Richard von Weizsäckers zum Bundespräsidenten gewählt. Zu seinen bis heute unvergessenen Amtshandlungen zählen die Einführung des Tags des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus und jene berühmte »Ruck«-Rede, mit der er ein Aufbrechen der verkrusteten Strukturen in der Bundesrepublik anmahnte.
Roman Herzog, der in seiner Person Weltoffenheit und nüchterne Analyse mit dem Sinn fürs Machbare verbindet, verdankt das Land wesentliche politische Anregungen und intellektuelle Anstöße. Die Bilanz seiner politischen Jahre zeigt eine Persönlichkeit, der alle Aufgeregtheit und jedes nationale Pathos fremd sind und die bei aller bodenständigen Gelassenheit ein hintergründiger Humor und zugleich die Fähigkeit zu scharfer Kritik auszeichnet.


Produktdetails

ISBN-10: 3-570-55058-3
EAN: 9783570550588
Erschienen: 15.09.2008
Verlag: Pantheon
Einband: Taschenbuch
Sprache(n): Deutsch
Seitenzahl: 416
Gewicht: 502 g
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Roman Herzog

Roman Herzog, Jahrgang 1934, ist Jurist und Politiker. Von 1966 bis 1969 war er Professor an der FU Berlin, danach an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer; von 1978 bis 1980 war er Kultusminister und von 1980 bis 1983 Innenminister in Baden-Württemberg. 1983 wurde er Vizepräsident und 1987 Präsident des Bundesverfassungsgerichts, von 1994 bis 1999 bekleidete er das Amt des Bundespräsidenten. Herzog veröffentlichte zahlreiche staatsrechtliche, politische und historische Bücher, u. a. "Vision Europa. Antworten auf globale Herausforderungen" (1996) und "Wider den Kampf der Kulturen. Eine Friedensstrategie für das 21. Jahrhundert" (2000).

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Lange habe ich mich standhaft geweigert, so etwas wie Memoiren zu schreiben, denn von Lebenserinnerungen, die sich teils wie Familiengeschichten und teils wie Bildungsromane lesen, halte ich nicht viel. Wenn dann noch hinzukommt, dass der Autor viele Jahre lang Ämter ausgeübt hat, die ihn in den interessantesten Fragen zur Vertraulichkeit verpflichten, besteht zudem die Gefahr, dass seine Berichte steril wirken.
Als mich der Siedler Verlag einlud, meine Erinnerungen zu schreiben, habe ich alle diese Argumente noch einmal vorgebracht. Ich sähe, so sagte ich, bisher keine Art von Literatur, in der man all diese Schwierigkeiten überwinden und dabei vielleicht auch noch die eine oder andere komische Erinnerung einflechten könne. Mein Gesprächspartner hat mir im Prinzip Recht gegeben. Dann sagte er aber, er könne sich vorstellen, dass ich anders verfahren könnte, das heißt, über die Probleme schreiben, mit denen ich mich in meinem politischen Leben herumzuschlagen hatte, und das Persönliche darum herum drapieren, soweit es eben zu den Problemen passe.
Das hat mich dann doch gereizt, und das Ergebnis dieses Versuchs liegt hier vor. Die frühen Ämter - Landesbevollmächtigter, Landesminister, Verfassungsrichter - sind eher historisch-chronologisch dargestellt, das ergibt sich aus der Natur der Sache. Die vielfältigen Themen, die ich als Bundespräsident verfolgt habe, werden hingegen zugunsten der Übersichtlichkeit und Verständlichkeit eher systematisch abgehandelt. Zwischen die Kapitel sind kurze Geschichten eingestreut, die dem Leser zeigen sollen, wie viel Menschliches, oft sogar Komisches man auch in hohen Ämtern erleben kann, sofern man Sinn dafür hat.


AUFTAKT


Meine Vorfahren


Wahrscheinlich hat mich das Milieu, aus dem ich stamme, doch mehr geprägt, als ich es selbst lange Zeit angenommen habe.
Meine Großeltern kamen aus verschiedenen Gegenden Deutschlands, überwiegend aus dem süddeutschen Raum, und stammten aus ähnlichen sozialen Milieus.
Mein Großvater Georg Herzog kam aus einer Familie bayerischer Schwaben, deren Mitglieder vor allem als Maurer, später als Baumeister, sowie auch als Heimweber ihr Dasein fristeten. Seine Frau Katharina Frankl stammte vom Lechrain, der sich nördlich von Schongau zu beiden Seiten des Lechs erstreckt. Zu ihren Vorfahren gehörten sowohl kleine Landwirte als auch Flößer, die auf Lech und Donau wahrscheinlich bis nach Wien, Budapest oder Belgrad kamen. Durch sie bin ich auch mit vielen der berühmten Wessobrunner Stuckatoren des 18. Jahrhunderts verwandt. In Südwestdeutschland und in der angrenzenden Schweiz gibt es kaum eine Barockkirche, in der nicht Verwandte von mir oder zumindest ihre Mitarbeiter Zeugnisse ihres Könnens hinterlassen haben; genannt seien nur Sankt Gallen, Lindau, Isny, Sankt Blasien, Sankt Georgen und Sankt Peter im Schwarzwald.
Ernst Schulze, der Vater meiner Mutter, war gelernter Elektrotechniker und kam aus einer völlig anderen Gegend. Er wurde zwar in Angermünde in der Uckermark geboren, wo sein Vater ein Steinmetzgeschäft betrieb, seine Familie stammte jedoch aus der Oberlausitz, und seine Frau Luise Graf (von meinen Großeltern lernte ich nur sie kennen) stammte von Winzerfamilien aus der Würzburger Gegend ab, die hohenzollerisch-ansbachische Untertanen und deshalb, trotz der Nähe der Bischofsstadt, evangelisch waren.
Mein Vater war katholisch, meine Mutter evangelisch und ich daher das Produkt einer so genannten Mischehe. Bei meinen Eltern hat allerdings die konfessionelle Frage nie eine Rolle gespielt. Aus ihrer Ehe habe ich möglicherweise früh gelernt, dass es auf wichtige Fragen zwei verschiedene Antworten geben und dass jeder seine Überzeugung aufrechterhalten kann und man trotzdem friedlich miteinander zu leben vermag.
Fast alle Vorfahren meiner Großeltern haben dem Bauernstand angehört; nur wenige waren, meist neben einer kleinen Landwirtschaft, Handwerker, übrigens auch die erwähnten Stuckatoren, die ihren Beruf, der Zeit entsprechend, als Handwerk ausübten. In meiner Ahnentafel finden sich Landwirte aller denkbaren Größenordnungen - vom geldstrotzenden Großbauern bis zu kleinsten »Söldnern«, die vom Ertrag ihrer Anwesen nicht leben konnten und sich daher bei größeren Bauern oder Adelsherren als Tagelöhner verdingen mussten. Der erste Vorfahre meines Namens, der sich ermitteln ließ wanderte beispielsweise um 1638 aus Bayern in das damals aufgrund des Krieges fast menschenleere Schwaben ein. Er brachte zwar eine junge Frau mit, aber kein Geld; die kleine Sölde, die er erwarb, bezahlte er ausschließlich mit geliehenem Geld, und selbstverständlich war er dann sein ganzes Leben auf den jammervollen Nebenverdienst angewiesen, den das Tagelöhnern ihm einbrachte. So blieb es nach ihm noch fünf Generationen lang, erst die sechste hatte dann ein festes Handwerk als Nebenverdienst, eben das des Maurers, wie ich bereits erwähnt habe.
Bei dieser Ausgangslage mag es überraschen, dass die meisten von meinen Vorfahren aus verhältnismäßig großen und wohlhabenden Bauernfamilien stammen. Das Rätsel lässt sich aber schnell lösen, wenn man weiß, dass alle diese Familien, als sie in die Familie Herzog einheirateten, schon einen nachhaltigen Abstieg hinter sich hatten. Meist war der Ernährer in zwei aufeinanderfolgenden Generationen sehr jung verstorben, und das hatte entweder den Niedergang des Hofes oder dessen Übergang an den zweiten Mann der Frau und dessen Familie zur Folge gehabt.
Die beruflichen Laufbahnen meiner Vorfahren geben noch zu anderen Überlegungen Anlass. Man könnte ja vermuten, dass die verwandtschaftlichen Beziehungen zu den Wessobrunner Baumeistern, Innenarchitekten, Stuckatoren und Orgelbauern bei meinem Bruder und mir irgendwie durchgeschlagen wären, und tatsächlich hat es in meiner Familie zu allen Zeiten beachtliche Beispiele für künstlerische Begabungen gegeben. Eine solche Neigung brachte ich allerdings kaum auf, abgesehen vielleicht von einem passiven Interesse an Musik und Malerei. Mein Blick war stets eher der Politik und der Gestaltung des Gemeinwohls zugewandt.
Ich weiß nicht, ob auch ein solches Interesse durch Gene vererbt wird. Wenn es sich so verhielte, böte meine Ahnentafel ein treffliches Anschauungsmaterial dafür. Mit Ministern, Hofratspräsidenten und Konsistorialräten kann ich freilich nicht aufwarten, denn dafür lebten meine Vorfahren in zu kleinen Verhältnissen. Aber eine fast nicht abreißende Kette von Ortsvorstehern, Bürgermeistern, Vögten, Gerichtsmitgliedern, Zunftmeistern hat es unter meinen Vorfahren sehr wohl gegeben. Auch die Wirte sollte man dabei nicht völlig vergessen: Ihre Gaststuben waren oft genug Umschlagplätze für Informationen sowie für Parolen. Ich könnte mindestens zwei nachweisbare Fälle aufzählen, bei denen ein solcher Wirt in wichtigen Fragen offenbar das große Wort führte und dadurch in Schwierigkeiten geriet. Ein Schwerpunkt politischer Mandatsträger waren übrigens die Ahnen meiner unterfränkischen Großmutter, also die besagten Winzerfamilien.

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