Buch
Taschenbuch (183 Seiten)
Sprache: Deutsch
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Sechs Erwachsene fahren auf eine Skihütte, nur fünf kommen wieder zurück: ein Wochenende, das in der Katastrophe endet. Der Erzähler und sein Freund sind eigentlich nicht gesellschaftsfähig. Die anderen versuchen den Schein von Urlaubsglück zu wahren. Da muss ja jemand auf der Strecke bleiben ...
| ISBN-10: | 3-453-40629-X |
|---|---|
| EAN: | 9783453406292 |
| Originaltitel: | Wer Wem Wen |
| Erschienen: | 02.03.2009 |
| Verlag: | Heyne Taschenbuch |
| Einband: | Taschenbuch |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 183 |
| Gewicht: | 160 g |
| Reihe: | Heyne-Bücher Allgemeine Reihe |
Simon Borowiak, geboren 1964, war sieben Jahre Redakteur bei dem Satireblatt Titanic und ist Autor des bis heute lieferbaren Bestsellers Frau Rettich, die Czerni und ich. 2006 erscheint ALK - fast ein medizinisches Sachbuch, laut Spiegel ?ein Wunder an Komik, Recherche und Weisheit?, 2007 folgte Wer wem wen. Eine Sommerbeichte.
Simon Borowiak lebt und arbeitet in Hamburg.
Auszeichnungen:
2007 Belletristikpreis der LITERA (Internationale Buchmesse in Linz), gemeinsam mit Margit Schreiner
Draußen herrscht gerade ein besonders heftiger Stadtsommer. Auf den Bürgersteigen laufen sich die Passanten die Gesichter rot und die T-Shirts fleckig. Auf den Balkonen wuchern Kübelpflanzen, die im Frühjahr - noch dürr und nackig - aus den Gartencentern in die Häuser getragen wurden, und jetzt sitzen sich ihre Besitzer gegenüber in dem grünen Rahmen, der etwas Mediterranes hat. Wahlweise auch etwas Klaustrophobes. Je nach Beschaffenheit des darin sitzenden Pärchens. Wer keinen Balkon hat, lungert in Park oder Straßencafe. Ich habe weder Balkon, Park noch Straßencafe. Ich sitze in einem Zimmer und kann nur die hellen Lichtstreifen an der Decke zählen. Ich kann nicht raus, ich habe Wichtigeres zu tun, denn ich muß eine Beichte ablegen. Eines vorab: Trotz aller Beichtwilligkeit bin ich nicht gläubig. Als Kind war ich gläubig, später Humanist, aber auch das ist mir unterwegs abhandengekommen. Ich tue manchmal zwar noch so, als wäre ich ein Fulltime-Humanist, aber dennoch bin ich weit davon entfernt, jeden Morgen gleich nach einem vitalen Aufreißen der Augen aus dem Bett springen zu müssen, beseelt von dem Gefühl, vor brennender Lebenslust und Menschenliebe nicht länger einhalten zu können. Das Gegenteil ist der Fall. Manchmal wage ich gar nicht - obwohl bereits wach -, die Augen zu öffnen. Für solche Momente gibt es Tabletten; dann kann ich wenigstens noch bis Mittag schlafen. Der Schlaf ist die letzte Religion, die mir geblieben ist. Beichten dagegen ist ein Hobby, das mir vor Eintritt des Schlafes die nötige Gewissenserleichterung verschaffen soll. Nach dem Motto: Wer jetzt noch mal muß, tut es bitte gleich! Dann also: Beichte ab.
DER ERSTE TAG
Im Winter vergangenen Jahres reiste ich in die Berge. Ich wollte nicht, aber Cromwell befahl es mir. Seine Begründung: Ich sei besonders in diesem zähen Winter so ein Ausbund an Blässe und Bettgenässe, daß ich mich einer Reise an Licht und Luft nicht verschließen könne. Zumal mich das Ganze gar nichts kosten würde, es handle sich nämlich um eine Einladung in ein Landhaus. Und Cromwell persönlich würde mich hinfahren. Dann folgte der Haken der Geschichte: Cromwell würde seine neue Freundin (Alexandra) mitnehmen. Besser gesagt: Das Haus gehöre der Familie von Alexandras Cousine. Besagte Cousine (Susanne) würde auch zugegen sein sowie deren Gatte (Wido). Dies Durcheinander aus Namen, Familien-und Besitzverhältnissen betäubte mich, machte mich nahezu willenlos, und Cromwell hatte leichtes Spiel: An einem matschigen Tag, als das Licht bereits um acht Uhr morgens von abendlicher Konsistenz war, klingelte er so lange an meiner Tür, bis ich widerwillig öffnete. Cromwell packte meine Tasche, schob mich aus dem Haus und auf den Rücksitz seines Autos. Auf dem Vordersitz saß schon jemand: Alexandra, die Neue.
Wenn Cromwell sagt, er habe etwas Neues, wünsche ich ihm von ganzem Herzen eine Mordsperson. Einen Menschen, der eines Cromwell würdig wäre, eine Person von atemberaubender Schönheit, brachialem Humor und verwegener Lebensphilosophie; jeder Satz ein Bonmot und jede Bewegung ganz, ganz großes Bolschoi.
Die real existierende Alexandra war - wie alle Alexandras und Gabis vor ihr - etwa das Gegenteil davon. Eine sehr jung wirkende, sehr schlanke Person, die ihren Körper in allerlei schicken Boutiquenkram gesteckt hatte; eine enge Hose mit etwas Schlag, darüber einige bunt zusammengewürfelte, knapp sitzende Leibchen und Jäckchen, an deren Säumen und Bündchen sie ununterbrochen herumzupfte und herumzog, als wollte sie aus ihrer Pelle. Die Augen in Alexandras schmalem Gesicht waren etwas zu klein, und so, wie sie an ihrer Kleidung herumzerrte, um sie zu weiten, so riß sie ständig in Vergrößerungsabsicht die Augen auf. Als Cromwell mich auf den Rücksitz geschoben hatte, drehte sich Alexandra um und musterte mich. Mit derart flackernden und aufgerissenen Augen, daß ich auf ihrer Netzhaut noch die Abdrücke der vorangegangenen Szene erkennen konnte: »Aber ich wäre viel lieber alleine mit DIR!« Trotzdem lächelte sie; anscheinend wollte sie es sich nicht schon während der ersten zwei Wochen mit Cromwell verscherzen und nahm dafür auch seinen Freund in Kauf. Außerdem neigen Frischverliebte zu Großzügigkeit.
Als fünftes Rad hat man es leicht. Man muß weder agieren noch Position beziehen; man reagiert bloß und geht konform. Erwartet wird nichts, außer einem zustimmenden Gesichtsausdruck, der je nach Lage begeistert, betroffen oder bestürzt sein sollte. Man reflektiert das Gemüt des Gegenübers, und das Leben als Reflektor ist bequem. Das nenne ich auch »situatives Grimassieren« und beherrsche es inzwischen sehr gut. Also lächelte ich begeistert zurück, und wir fuhren los in das suppige Licht eines pampigen Tages.
Frischverliebte kann man offenbar mit Panorama jeder Art belästigen, jedenfalls schien Alexandra immun gegen die tristen Mauern, die an unserem Auto vorbeiglitten, und sie versuchte, Cromwell in ein geistreiches Wortgefecht zu verstricken. Doch solange wir noch in der Stadt waren, konnte Cromwell nicht sprechen. Er fuhr konzentriert und mit hartem Mund.
Den »harten Mund« haben wir uns gemeinsam antrainiert und die Nuancen immer feiner herausgearbeitet: Es gibt einen harten Mund für Konzentration und diverse andere harten Münder für Situationen wie Schlangestehen, schlechte Gespräche, stoisches Abwarten oder das Modell »Statt Wutausbruch«. Dagegen tritt das Modell »geschürzte Lippen« bei Zustimmung, Vorfreude oder Antäuschen amouröser Zustände in Kraft. Die eigene Tagesform läßt sich leicht daran bemessen, wie lange ein harter Mund oder geschürzte Lippen vorhalten. Meinen Rekord in hartem Mund stellte ich auf, als ich krank war. Vier Monate am Stück quälte ich mich Tag für Tag mit verkniffener Miene aus dem Klinikbett; das gesamte Antlitz in Schutt und Asche, von früh bis spät. Selbst die Besuche von Cromwell änderten nichts daran. Ich blieb schweigend zerquält, das Hirn hing verhärmt in der Schale, die Kraft hatte den Restkörper schon längst verlassen. Ich wundere mich noch heute darüber, daß ich in dieser Epoche nicht ergraut bin. Daß ich nicht eines Morgens erwachte und mir aus dem Spiegel ein später Greis entgegenfurchte, verurteilt zu einem lebenslänglich harten Mund. Seit diesen Zeiten hasse ich energiegeladene Menschen, die wissen, was sie wollen. Ebenso wie energielose Menschen, die nicht wissen, was sie wollen. Und wenn das private Feindbild ein so breites Spektrum vom Dynamo bis zur Hängematte abdeckt, kommt es zwangsläufig zu Ungerechtigkeiten. Zumal gegen Personen wie Alexandra. Die offenbar mit einem Turbo im Sprechzentrum ausgestattet war, Cromwells harten Mund ignorierte und so viel erzählte, als wüsste sie, was sie erzählen wollte.
Ich legte meinen Kopf auf die Reisetasche und sah wandernde Häuserfronten, belichtete Räume, kahle Balkone. Einmal sah ich durch den Spalt zwischen den Vordersitzen, wie Alexandra ihre Hand auf Cromwells Lenkerhand legte. Erst tat sie mir leid, dann tat er mir leid, und dann schlief ich ein.
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