Buch
Taschenbuch (797 Seiten)
Sprache: Deutsch
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In London werden drei farbige Jugendliche ermordet, doch die Polizei reagiert verhalten. Aus Rassismus ? glauben die Medien. Als man Thomas Lynley und Barbara Havers von New Scotland Yard den Fall überträgt, hat der brutale Serienmörder bereits sein viertes Opfer gefunden: Es ist diesmal weiß, und alles deutet auf einen Ritualmord hin. Während Havers eine erste heiße Spur verfolgt, trifft Lynley die schlimmste persönliche Tragödie seines Lebens ? "Die gefährlichste Herausforderung, die Lynley und Havers je gemeinsam zu bestehen hatten ? ein herausragender, explosiver Kriminalroman!" Publishers Weekly "Der 13. Fall von Lynley und Havers besticht nicht nur durch eine außerordentlich fesselnde Krimi-Handlung, auch die Geschichten um die Hauptakteure sind wie immer ein Roman für sich, der Bestnoten verdient." Bild am Sonntag "Ein Duo wie Spreng und Stoff." Frankfurter Rundschau
Pressestimmen:
"Die gefährlichste Herausforderung, die Lynley und Havers je gemeinsam zu bestehen hatten ein herausragender, explosiver Kriminalroman!" Publishers Weekly
| Verkaufsrang: | 3.970 |
|---|---|
| ISBN-10: | 3-442-46869-8 |
| EAN: | 9783442468690 |
| Originaltitel: | With No One As Witness |
| Erschienen: | 03.11.2008 |
| Verlag: | Goldmann Taschenbuch |
| Einband: | Taschenbuch |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 797 |
| Länge/Breite: | 189mm/126mm |
| Gewicht: | 535 g |
| Übersetzer: | Michael J. Müschen |
| Reihe: | Goldmanns Taschenbücher |
Die Amerikanerin Elizabeth George hatte von Jugend an ein ausgeprägtes Faible für die britische Krimitradition. Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren ihre Bücher. Ausgezeichnet mit dem Anthony Award, dem Agatha Award und dem Grand Prix de Litérature Policière. Die Autorin lebt in Huntington Beach/Kalifornien.
von Brigitte Bouman-Mengering, am 09.08.2010
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von einer Kundin/einem Kunden, am 17.09.2009
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von Maria Elena, am 05.08.2009
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von Blacky, am 18.04.2009
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Die Dietrich war Kimmo Thorne von allen die Liebste: das Haar, die Beine, die Zigarettenspitze, der Zylinder und der Frack. Sie war das, was er »das Komplettpaket« nannte, und seiner Ansicht nach konnte keine ihr das Wasser reichen. Ach, natürlich konnte er auch die Garland darstellen, wenn's sein musste. Die Minnelli war einfach, und er wurde eindeutig immer besser bei der Streisand, aber wenn er die Wahl hatte - und die hatte er in der Regel, nicht wahr? -, dann entschied er sich für die Dietrich. Die kesse Marlene. Seine Nummer eins. Marlene konnte die Krümel aus dem Toaster singen, das war keine Frage.
Er hielt also die Pose am Ende des Lieds nicht deshalb, weil es für die Darbietung erforderlich war, sondern weil er sie so liebte. Das Ende von »Falling in Love Again« verklang, und er verharrte wie eine Marlene-Statue: der eine Fuß im hochhackigen Pumps auf dem Stuhl, die Zigarettenspitze zwischen den Fingern. Der letzte Ton verhallte, und er stand immer noch reglos da, zählte bis fünf - ergötzte sich an Marlene und an sich selbst, denn sie war gut, und er war gut, er war sogar verdammt gut, wenn man's genau nahm -, ehe er sich rührte und das Karaokegerät abschaltete. Er lupfte den Zylinder, schlug die Frackschöße zurück und verneigte sich tief vor seinem zweiköpfigen Publikum. Tante Sal und seine Großmutter - seine treuesten Fans - reagierten genau, wie er erwartet hatte: »Großartig! Einfach großartig, Junge«, rief Tante Sally. Und Gran sagte: »Das ist unser Junge, wie wir ihn kennen. Durch und durch talentiert,
unser Kimmo. Was werden deine Eltern nur sagen, wenn ich ihnen die Fotos schicke!«
Das würde sie bestimmt schnellstens hierher bringen, dachte Kimmo sarkastisch. Aber er stellte den Fuß noch einmal auf den Stuhl, denn er wusste, Gran meinte es gut, auch wenn sie nicht die Allerhellste war, was ihre Ansichten über seine Eltern betraf.
Gran wies Tante Sally an: »Weiter nach rechts, fang seine Schokoladenseite ein.« Nach wenigen Minuten war das Foto gemacht und die Show für den heutigen Abend vorüber.
»Wo soll's denn hingehen heute Abend?«, fragte Tante Sally, als Kimmo in sein Zimmer ging. »Hast du eine neue Flamme, mein Junge?«
Hatte er nicht, aber das musste sie ja nicht wissen. »Ich geh zu Blinker«, erwiderte er munter.
»Nun, dann treibt keinen Unsinn, dein Freund und du.«
Er zwinkerte ihr zu. »Würden wir doch nie tun, Tantchen«, log er im Hinausgehen. Er zog die Tür hinter sich zu und schloss ab. Zuerst kümmerte er sich um das Marlene-Kostüm. Kimmo zog es aus und hängte es auf, ehe er sich an seine Frisierkommode setzte. Er betrachtete sein Gesicht im Spiegel und erwog einen Moment, das Make-up teilweise zu entfernen. Aber schließlich verwarf er den Gedanken mit einem Schulterzucken und durchwühlte seinen Schrank nach zweckdienlicher Kleidung. Er wählte ein Sweatshirt mit Kapuze, seine bevorzugten Leggings und die knöchelhohen Wildlederstiefel mit den flachen Sohlen. Die Zweideutigkeit seiner Erscheinung gefiel ihm. Mann oder Frau?, mochte ein Beobachter sich fragen. Aber nur wenn Kimmo sprach, war die Antwort eindeutig. Denn er war endlich in den Stimmbruch gekommen, und wenn er den Mund aufmachte, war das Spielchen vorbei.
Er zog sich die Kapuze des Sweatshirts über den Kopf und schlenderte die Treppe hinab. »Ich bin dann weg!«, rief er seiner Großmutter und Tante zu, während er seine Jacke vom Haken neben der Tür nahm.
»Wiedersehen, mein Liebling!«, antwortete Gran.
»Bleib anständig!«, fügte Tante Sally hinzu.
Er warf ihnen eine Kusshand zu. Sie erwiderten die Geste. »Hab dich lieb«, sagten alle gleichzeitig.
Draußen zog er den Reißverschluss seiner Jacke hoch und löste die Kette, mit der sein Fahrrad am Treppengeländer gesichert war. Er schob es zum Aufzug, drückte auf die Ruftaste, und während er wartete, überprüfte er, ob die Satteltaschen auch alles enthielten, was er brauchen würde. Er hatte eine geistige Checkliste, deren einzelne Punkte er nun abhakte: Nothammer, Handschuhe, Schraubenzieher, Brecheisen, Taschenlampe, Kopfkissenbezug, eine rote Rose. Letztere ließ er gern als Visitenkarte zurück. Man durfte schließlich nicht nehmen, ohne auch etwas zu geben.
Draußen auf der Straße schlug ihm die eisige Nachtluft entgegen, und Kimmo freute sich nicht gerade auf die lange Fahrt. Er hasste es, mit dem Rad fahren zu müssen, vor allem dann, wenn die Temperatur so nah dem Gefrierpunkt war. Da aber weder Gran noch Tante Sally ein Auto besaßen und er selbst keinen Führerschein hatte, den er einem Polizisten bei einer Kontrolle mit einem einnehmenden Lächeln hätte unter die Nase halten können, blieb ihm nichts anderes übrig, als zu radeln. Den Bus zu nehmen stand mehr oder minder außer Frage.
Seine Route führte die Southwark Street entlang, dann durch den dichteren Verkehr der Blackfriars Road, bis er nach mehrmaligem Abbiegen Kennington Park erreichte. Von dort - Verkehr oder nicht - ging es praktisch schnurgerade nach Clapham Common und zu seinem Ziel: Ein frei stehendes, zweigeschossiges Wohnhaus aus rotem Backstein, das für seine Zwecke günstig gelegen war und das er in den vergangenen Monaten sorgfältig ausgekundschaftet hatte.
Inzwischen kannte er den Tagesablauf der Familienmitglieder so genau, als lebte er selbst dort. Er wusste, die Leute hatten zwei Kinder. Mum hielt sich fit, indem sie jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr, Dad nahm den Zug von der Clapham Station. Sie hatten ein Aupair-Mädchen, das an zwei festgelegten Wochentagen seine freien Abende hatte, und an einem dieser Abende - immer am gleichen - verließen Mum, Dad und die Kinder das Haus gemeinsam und fuhren zu... Kimmo hatte keine Ahnung. Zum Abendessen bei der Großmutter, nahm Kimmo an, aber es konnte genauso gut ein langer Gottesdienst sein, eine Familientherapie oder Yogaunterricht. Entscheidend war, dass sie den Abend nicht zu Hause verbrachten und lange wegblieben. Wenn sie heimkamen, mussten die Eltern die Kleinen jedes Mal ins Haus tragen, weil sie im Auto eingeschlafen waren. Und das Aupair-Mädchen verbrachte den Abend mit zwei anderen Mädchen. Sie verließen zusammen das Haus und schnatterten auf Bulgarisch, oder was immer sie sprachen, und falls sie je vor Sonnenaufgang zurückkamen, so weit nach Mitternacht.
Die Vorzeichen schienen günstig bei diesem Haus. Die Familienkutsche war der größte Wagen aus der Range-Rover-Reihe, ein Mal in der Woche kam ein Gärtner. Sie benutzten auch einen Wäschereiservice, der ihre Laken und Kissenbezüge gewaschen und gebügelt zurückbrachte. Dieses Haus, hatte Kimmo gedacht, war reif und wartete förmlich auf ihn.
Das Sahnehäubchen war das Haus nebenan, vor dem ein einsames »Zu vermieten«-Schild an einem Pfosten im Wind schaukelte. Und um das Ganze perfekt zu machen, gab es auch noch einen einfachen Zugang von der Rückseite. Da erstreckte sich nämlich eine Ziegelmauer, die den Garten von einer unbebauten Wildnis trennte.
Dorthin radelte Kimmo, nachdem er die Vorderseite des Hauses passiert hatte, um sich zu vergewissern, dass die Familie sich auch an ihren strikten Tagesablauf hielt. Dann fuhr er durch die Wildnis und lehnte sein Rad gegen die Mauer. Er benutzte den Kissenbezug, um seine Ausrüstung und die Rose zu transportieren, stieg auf den Fahrradsattel und kletterte mühelos über die Mauer.
Der rückwärtige Garten war schwärzer als die Zunge des Teufels, aber Kimmo hatte früher schon einmal über die Mauer gespäht und wusste, was vor ihm lag. Gleich unterhalb der Mauer war ein Komposthaufen, dahinter stand eine Gruppe von Obstbäumen, die sich in dekorativer Unordnung über einen gepflegten Rasen verteilten. Breite Blumenbeete links und rechts davon bildeten die Rabatte. Eins der Beete zog sich um einen Pavillon, das andere zierte ein Gartenhäuschen. Vor dem Haus drüben gab es eine Terrasse mit ungleichmäßigen Pflastersteinen, auf welcher der Regen des letzten Gewitters Pfützen gebildet hatte, dann kam ein Vordach, an dem die Gartenbeleuchtung hing.
Sie schaltete sich automatisch ein, als Kimmo näher trat. Er nickte ihr dankbar zu.