Buch
Taschenbuch (381 Seiten)
Sprache: Deutsch
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Die besten Reportagen neu herausgegeben
Die besten Reportagen aus der Feder des großen Journalisten Tiziano Terzani, der Jahrzehnte in Asien verbrachte und von dort für den SPIEGEL berichtete. Wunderbar anschaulich schildert er die großen Umbrüche der Politik ebenso wie die Freuden und Nöte des Alltags, das Leben der Mächtigen wie der einfachen Leute. Seine Frau Angela Terzani und sein ehemaliger Kollege Dieter Wild haben die Auswahl getroffen und führen in die Texte ein.
Pressestimmen:
"Tiziano Terzani war einer der großen Reporter des 20. Jahrhunderts, ein vor Vitalität berstender Geschichtenerzähler, der Details zu einem Epos verdichten konnte und wie kein anderer den Europäern den Fernen Osten zu erklären verstand." Die Zeit
| Verkaufsrang: | 9.082 |
|---|---|
| ISBN-10: | 3-442-12996-6 |
| EAN: | 9783442129966 |
| Erschienen: | 11.01.2010 |
| Verlag: | Goldmann Taschenbuch |
| Einband: | Taschenbuch |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 381 |
| Länge/Breite: | 183mm/125mm |
| Gewicht: | 340 g |
| Reihe: | Goldmanns Taschenbücher |
Tiziano Terzani, 1938 in Florenz geboren, in Europa und den USA ausgebildet, kannte Asien wie kaum ein anderer westlicher Journalist. Von 1972 bis 1997 war er dort Korrespondent des SPIEGEL - anfangs in Singapur, dann in Hongkong, Peking, Tokio und Bangkok. 1995 war er einer der wenigen westlichen Reporter, die in Saigon blieben, als Kommunisten die Stadt übernahmen. Terzani lebte bereits fünf Jahre in China, als er 1984 plötzlich verhaftet, antirevolutionärer Aktivitäten beschuldigt, einen Monat umerzogen und schließlich ausgewiesen wurde. Nach mehrjährigen Aufenthalten in Japan und Thailand ging Terzani 1994 nach Indien. Er starb in Juli 2004.
von Ulrike Seine, am 06.09.2010
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Als wir Anfang 1972 nach Asien aufbrachen, war die Welt voller Hoffnungen. Den Zweiten Weltkrieg hatten die Alliierten gewonnen. Hitler und Mussolini, die beiden kriegerischen Diktatoren, waren tot. Die 1945 gegründeten Vereinten Nationen sollten dazu beitragen, den Frieden zwischen den Völkern zu sichern. Neue Verfassungen versprachen Demokratie, Gleichheit und Menschenrechte für alle. In diesem Geiste hatte auch die Entkolonialisierung in Afrika und Asien begonnen. Die sogenannte Dritte Welt wurde zu einer neuen, vielversprechenden politischen Kraft. Tiziano, der wie so viele Studenten seiner Generation für die Menschenrechte auf die Straße gegangen war, wollte sich als Journalist in den Dienst der neuen Ideale stellen.
Das große Vorbild war für ihn Mao Tsetung, doch China war hermetisch abgeriegelt, ein Arbeitsvisum zu bekommen unmöglich. Das andere große Ideal war Gandhi mit seinem Pazifismus, aber zunächst hatte Tiziano anderes im Kopf: Er wollte nach Vietnam, wollte über diesen Krieg schreiben, den seine Generation als zutiefst ungerecht empfand. Die Amerikaner kämpften dort, um, wie sie behaupteten, die weltweite Ausbreitung des Kommunismus einzudämmen, doch Ho Chi Minhs Kommunisten im Norden des Landes und die mit ihnen verbündeten Vietcong im Süden leisteten seit Jahren heroisch Widerstand, um ihr Recht auf Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zu verteidigen.
Ansonsten gab es in der westlichen Welt damals kaum Interesse für Asien. Nicht einmal große Blätter wie DER SPIEGEL hatten dort Büros. Als in seiner Hamburger Redaktion aber plötzlich ein junger Journalist aus Florenz in der Tür stand, zwei Universitätsabschlüsse in der Tasche und fünf Sprachen im
Kopf, darunter Chinesisch und Deutsch, und sich als Mitarbeiter für Südostasien anbot, stellte ihn das nach der Strauß-Affäre euphorisch gewordene Blatt ohne zu zögern ein. Er wurde freier Mitarbeiter auf Probe, bekam aber schon Ende des Jahres einen festen Vertrag als Auslandskorrespondent. In den 25 folgenden Jahren machte Tiziano jedes neue SPIEGEL-Büro in Asien auf: erst in Singapur, dann in Hongkong, Peking, Tokio, Bangkok und schließlich in Delhi.
Mit vier Koffern und zwei winzigen Kindern brachen wir 1972 nach Singapur auf. Bis wenige Jahre zuvor war die Äquatorinsel eine britische Kolonie gewesen. Wir fanden einen weißen Bungalow im Alexandra Park, dem Park, in dem die Familien der letzten britischen Offiziere gewohnt hatten, und richteten uns mit den Möbeln ein, die sie zurückgelassen hatten. In den mächtigen, orange oder violett blühenden Bäumen waren die Schreie seltsamer Vögel zu vernehmen, und die ewige Hitze, die täglich von plötzlichen Sturzregen unterbrochen wurde, legte uns einen langsamen, ruhigen Lebensrhythmus auf, der uns neu war.
Die Kontakte zu Hamburg waren eher sporadisch. Es gab damals ja noch keine Computer, Faxgeräte oder Handys, und Telefonverbindungen mit dem Ausland waren noch sehr umständlich. Der SPIEGEL schickte seine Marschgenehmigungen also per Telex an die Nachrichtenagentur Reuters in Singapur, von wo Tiziano dann angerufen wurde: "Meldung für dich aus Hamburg: Flieg sofort nach Saigon, schick Story bis Donnerstagabend."
Tiziano sprang vor Freude in die Luft und brach nach Bangkok auf, im Gepäck seine alte Olivetti-Schreibmaschine Lettera 22, einen Stapel weißes Papier und eine Nikon mit zwei Objektiven, denn von Anfang an hatte er sich vorgenommen, wenn irgend möglich auch die Fotos für seine Artikel selbst zu machen. Unweigerlich in Weiß gekleidet, da er sich - schon sicherheitshalber - von den amerikanischen GIs in ihren kakifarbenen Uniformen unterscheiden wollte. In Bangkok besorgte er sich die nötigen Visa, bestieg eine klapprige Caravelle-Maschine der Air France und flog seinem Ziel entgegen.
Es waren seine glücklichsten Jahre. Er entdeckte Vietnam, Laos und Kambodscha, die drei Kolonien des ehemaligen Französisch-Indochina, und verlor sein Herz an sie. Er wurde Kriegskorrespondent, sah die Schlachten, die Toten, die Gefahren der Front und eines Bürgerkriegs. Und traf sich insgeheim auch mit den "Anderen", den in den Dörfern des Mekong-Deltas versteckten Vietcong. Als diese "Anderen", die vietnamesischen Kommunisten, schließlich den Sieg über den amerikanischen Giganten davontrugen, fesselte ihn dieses historische Ereignis - die erste Niederlage, die den Vereinigten Staaten in ihrer gesamten Geschichte zugefügt wurde, und zudem noch von einem kleinen, bitterarmen kommunistischen Volk - dermaßen, dass er beschloss, das Land nicht fluchtartig zu verlassen wie die meisten Journalisten. Vielmehr ging er das Risiko ein, in Saigon zu bleiben, um den Einmarsch der Kommunisten in die Stadt und die ersten Schritte des neuen Regimes mitzuerleben: eines Regimes, das sich auf die Werte des Sozialismus berief, von denen auch er so glühend überzeugt war. Er blieb zwei Monate und schrieb sein erstes Buch, das in zahlreichen Sprachen erschien und in den kommunistischen Kaderschulen Vietnams sogar als Lehrbuch über die letzten Kriegstage und die Zeit des Umbruchs benutzt wurde. Der "Geschichte" beizuwohnen, während sie sich erfüllte, sagte Tiziano Jahre später, gab ihm das Gefühl, an etwas Epischem, Großem teilzuhaben, das ihn zutiefst berührte.
So begann sein Leben als Journalist. Zwei oder drei Mal pro Monat fuhr er fort, für fünf, sechs Tage oder länger. An den verschiedenen Kriegsfronten traf er auf die großen Korrespondenten seiner Zeit und lernte von ihnen sein Metier. Manchmal ließ er mich nachkommen, manchmal reiste ich für mich allein, während er zu Hause im Park blieb, neue Geschichten suchte, und die Kinder zu Drachentänzen und Tempelfesten mitnahm.
Noch war Asien etwas ganz Unbekanntes für uns, voller Zauber und Geheimnisse.
Gelegentlich verschwand Tiziano wochenlang, ohne Kontakt zu mir aufnehmen zu können. Doch ich war überzeugt, dass jeder Mensch sein eigenes Schicksal hat, ein Schicksal, das du nicht ändern kannst, selbst wenn du ihn zu Hause einsperrst. Und ich hatte Vertrauen in seines. Tatsächlich ist er immer wiedergekommen. Nicht ein einziges Mal hat ihn eine Kugel gestreift, nicht ein einziges Mal hat er sich eine Dysenterie oder sonstige Tropenkrankheit zugezogen. Sein Schicksal, jetzt wissen wir es, war ein anderes.
1975, nachdem der Krieg gewonnen war, verschanzten sich Vietnam, Laos und Kambodscha hinter ihren Grenzen, und wir zogen nach Hongkong. Tizianos großer Traum war China, aber noch immer war die Einreise unmöglich. So blieb ihm keine andere Wahl, als sich zu der kleinen Schar der Indochina watchers zu schlagen, die zwischen Hongkong und Bangkok hin- und herpendelten und zu verstehen suchten, was hinter den versiegelten Grenzen der drei indochinesischen Staaten vor sich ging.