Die Kosmonauten

Roman

von Richard David Precht

Buch

Taschenbuch (413 Seiten)

Sprache: Deutsch

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Weitere Artikelinformationen

Richard David Prechts wunderbarer Liebesroman


In einer Kölner Straßenbahn erobert Georg das Herz einer Unbekannten - Rosalie. Schon bald zieht es die beiden jungen Liebenden aus dem Westen nach Berlin, wo nach Wende und Wiedervereinigung für einen kurzen Moment alles möglich scheint. Während weit oben im All ein letzter sowjetischer Kosmonaut in der letzten sowjetischen Raumkapsel seine Bahnen zieht, erkunden Georg und Rosalie die Stadt wie einen fremden Planeten und lassen sich treiben. Doch die Schwerelosigkeit währt nicht ewig, und schon bald müssen sich die beiden Sternenzähler der neuen Zeit stellen.


Ein humorvoll erzähltes, zärtliches Buch über Liebe, Freiheit und Aufbruch.


Produktdetails

Verkaufsrang: 54.502
ISBN-10: 3-442-47221-0
EAN: 9783442472215
Erschienen: 07.09.2009
Verlag: Goldmann Taschenbuch
Einband: Taschenbuch
Sprache(n): Deutsch
Seitenzahl: 413
Länge/Breite: 189mm/118mm
Gewicht: 335 g
Reihe: Goldmanns Taschenbücher
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Richard David Precht

Richard David Precht ist ein deutscher Publizist und Essayist, der vor allem als Autor erfolgreicher populärwissenschaftlicher Bücher zu philosophischen Themen bekannt geworden ist. Der als Alltag- und Pop- Philosoph bekannte Autor wurde im Dezember 1964 in Solingen geboren. Als Kind von linksalternativen, unkonventionell- bürgerlichen Eltern wuchs Richard David Precht mit zwei vietnamesischen Adoptivgeschwistern auf, die seine Eltern aus Solidarität zu Vietnam aufgenommen hatten. Seine Mutter war Hausfrau und engagierte sich bei "terre des hommes", sein Vater Industriedesigner, der sich sehr mit Literatur beschäftigte. 1986 begann er in Köln Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte zu studieren und promovierte 1994 in Germanistik. Danach arbeitete Richard David Precht mehrere Jahre als Journalist und freier Autor und schrieb 1999 seinen ersten Roman, der 2009 erneut unter dem Titel "Die Instrumente des Herrn Jörgensen" erschien. Sein Durchbruch kam mit dem Buch "Wer bin ich", das eine spannende und aufregende Reise durch die Philosophie bietet. Heute lebt Richard David Precht mit seiner Frau, einem Sohn und drei Stiefkindern in Köln.

Meinung der Redaktion
Richard David Precht ist aus dem Medienalltag nicht mehr weg zu denken! Mit seiner Art, nach den Hintergründen zu fragen begeistert er sowohl Leser als auch Zuschauer. Dabei stets anschaulich und leicht verständlich zu erklären und gut zu unterhalten ist die Kunst, die Precht perfekt beherrscht!

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Östlich des Aralsees, am westlichen Rand der Hungersteppe, etwa vierhundert Kilometer südwestlich von Baikonur, liegt Tjuratam. Die Sommer sind heiß und trocken, die Winter kalt und trocken und stürmisch. Hier, inmitten der endlosen Einöde Kasachstans, befindet sich das Kosmodrom Baikonur, das größte Forschungs-, Entwicklungs- und Startzentrum der Welt. Dieser Standort des Weltraumbahnhofs der Sowjetunion war lange Zeit ein wohlgehütetes Geheimnis.
Das Städtchen Tjuratam war einst eine Eisenbahnstation auf der Strecke Taschkent-Aralsk-Orenburg, doch dann kamen die Ingenieure und ihre Arbeiter und sperrten das Gebiet mit einem vierfachen Gürtel ab, errichteten Industriekombinate und Montagehallen und eine eigene Fabrik für die Herstellung von flüssigem Sauerstoff. Die alte Eisenbahnstation ist nun eine riesige Verschiebestelle und zugleich Hauptbahnhof der Stadt Leninsk. Etwa zehn bis zwölf lange Güterzüge versorgen Tag für Tag zehntausende Menschen in den kleinen verfallenenen Baracken der 50er Jahre, den stolzen graublauen Silos der 60er und 70er. Hochgeschossige Wohngebäude, Schulen und Verwaltungsbauten; irdische Zeichen himmlischen Strebens, ragen die Termitenbauten des Sowjetmenschen in die kalte kasachische Wüstennacht.
Im elften Stock wälzt sich Sergej Krikaljow in seiner blasskarierten Bettwäsche. Es geht ihm gut, weil er schon mal im All war und noch am Leben ist und weil er heute wieder in den Kosmos fliegen wird, auch wenn er die Nacht zuvor ein bisschen unregelmäßig atmet in seiner kleinen Wohnung, was Elena, seine Frau, ein wenig stört, aber sie versteht es.
Scharren. Kratzen.
Krikaljow schnauft, und Elena im rosa Nachthemd geht zum Fenster und macht es auf. Kurze Ruhe.
Dann wieder das Kratzen: Sandflughühner, die nichts in den Kosmos zieht. Immer wieder kommen sie in der Morgendämmerung auf das Blechdach zurück und lassen sich von der schräg stehenden Sonne wärmen.
Sie schließt das Fenster und öffnet den Mund:
"Es ist Zeit, Serjoscha."
Im Sommer bewachen violettblaue Stiefmütterchen die Beete. "Studentinnen der Arbeiterfakultät", wie Genosse Ilja gesagt hat, aber jetzt ist Winter, und Krikaljow hat nicht einmal einen Blick für den Park, wo kalt und riesig ein Mann steht, breitbeinig auf der grünen Wiese vor den Hochhäusern, als wolle er den vielen Wassersprinklern ringsum zeigen, wie man einen Rasen nässt. Darunter steht: Jurij Gagarin. Sowjetbürger und Kommunist. Krikaljow fragt sich nicht, ob irgendwo viele tausend Meilen entfernt ein anderer kalter Riese mit einer Unterschrift steht: Neil Armstrong. US-Bürger und Kapitalist. Er denkt an Elena, dass sie sich eine neue Küche wünscht und dass er sie fast ein halbes Jahr nicht sehen wird, weshalb es ein schwerer Abschied war, so wie schon beim letzten Mal. Aber er diskutiert nicht über seinen Beruf, auch nicht mit Elena. Es ist ein langer Weg zu den Startanlagen in der Mitte des Geländes, achtunddreißig Kilometer nördlich des Hauptbahnhofs. Es ist ein längerer Weg durch die Schleusen und Kammern, durch Umkleidekabinen und anderes bis an Bord der Rakete. Und es ist ein noch viel längerer Weg der Mission SOJUS TM 12 zur Raumstation MIR, die alte Stammbesatzung abzulösen. Kollege Arzebarskij steht schon da, müde und blass, man könnte ihn unmöglich mit einem der Kosmonauten verwechseln, die in den Schulbüchern lächeln. Auch diese Engländerin ist da, die heute das erste Mal mitkommt, selbst wenn Elena tobt. Als wenn sie sich dadurch abhalten ließen, die bleibt sowieso nur eine Woche. Nicht mal an derselben Tube würde sie lutschen, und auch die Außenbordarbeiten zur Reparatur der Antenne oder des Annäherungssystems KURS am QUANT-Modul blieben streng einsam.
Stunden später sitzen sie zu dritt in der Sojus-Kapsel, erst nebeln die dichten Atmosphärenschichten, dann überfliegen sie einen der breiten sibirischen Ströme. Krikaljow unterscheidet deutlich die kleinen, von der Morgensonne beschienenen waldigen Inseln und die Ufer, und der Brechreiz ist nahezu unerträglich, wie schon beim letzten Mal. Nur nicht in die Kapsel kotzen. Auch der Druck auf die Augen wächst weiter, Arzebarskijs Gesicht ist nur noch Teig. In zwei Tagen, vier Myriaden Kilometer über der freien Erde, werden sie es eingeholt haben, dieses winzige schnelle Licht im Sternenmeer. Krikaljow trinkt kalten Tee, wartet ab, wartet weiter, bis Arzebarskij nicht mehr hinter seinem Rücken in das winzige Klo pinkelt, denkt nicht an Arzebarskij, denkt auch nicht an die Engländerin, lieber an Elena, an ihr rosa Nachthemd, und blickt, sein Gesicht ist bleich wie Kreide, in die unendliche Freiheit.
Mit dem Himmel fängt es an, dem hellen Grau, das über der Straße liegt. Zu erwähnen sind: die herkömmliche Nässe des Herbstes, der dichte vierspurige Verkehr zwischen den verchromten Häusern der Banken und Versicherungen, die große Betonbrücke über die Straße mit den Bahngleisen in der Mitte und schließlich vereinzelt dunkle Punkte, die gefrorene, stillgestellte Unruhe der Menschen an einer Straßenbahnhaltestelle.
Es war nichts Feierliches in diesem Tag, eher etwas Schwermütiges, der dritte Oktober hatte kein gutes Wetter beschert. Georg war früh aufgestanden an diesem Morgen, so wie jeden Morgen, aber ein Morgen wie jeder andere war das nicht. Er hatte soeben seine Arbeit gekündigt.
Nun stand er in schwarzen Jeans und schwarzem Wollpullover an der Haltestelle in die Stadt, lehnte an einer Tafel mit Leuchtreklame, die Arme verschränkt, und fragte sich, wie es ist, wenn man ein altes Leben beendet und ein neues anfängt. Leicht zu sagen war es nicht. Auf der Leuchtreklame zogen Rentiere durch glitzerndes Wasser. Benzindunst lag in der Luft, und die Straßen sahen aus, als wenn sie sich langweilten. Auf den Amseln perlten Tropfen; nass wie Regenschirme hockten sie auf der Laterne, bevor sie fortfahren würden zu singen oder zu sterben. Unentwegt zischten die Autos durch die Pfützen, in gleichem Abstand, wie auf einem Rollband.
Er dachte: immerhin hat diese Strömung mich vorwärts gespült, also war es nicht nur vertane Zeit. Wie gut, dass es vorbei ist, dass es tatsächlich vorbei ist. Er dachte an die Passfotogesichter seiner Kollegen im Büro, wie sie jetzt ihre Rechner anstellten, ihre Kaffeetassen füllten, in Telefonhörer redeten, bis die graue Straße wieder zurückkam, die Autos, die Leuchtreklame, die Menschen und diese junge Frau wenige Schritte entfernt; ihr rotbraunes Haar flatterte ein bisschen. Die große Zeichenmappe unter ihrem Arm hielt sie fest und zusammen, der Oktoberwind konnte ihr wenig anhaben, sie war ernst und ruhig.

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