Buch
Taschenbuch (348 Seiten)
Sprache: Deutsch
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von Joseph Stiglitz
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Globalisierung bedeutet zunächst nur das stärkere Zusammenwachsen der Volkswirtschaften. Die Klagen wenden sich dagegen, wie dieser Prozess vollzogen wird, besonders von Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF). Joseph Stiglitz zeigt, wie sehr die Ideologie freier Märkte und die Interessen der Finanzbranche und multinationaler Unternehmen dominieren, wie wenig die Politik es vermag, diesen Prozess zu steuern. Dieses Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer dafür, die Weltwirtschaft nicht dem freien Spiel der Kräfte zu überlassen, aber auch eine schonungslose Analyse, wie die staatlichen oder institutionellen Eingriffe scheitern, weil sie so vor allem auf die Entwicklungsländer nicht anwendbar sind. Als Beispiele wählt der ehemalige Chefökonom der Weltbank Osteuropa und Russland. Alle sagten, wenn diese Länder ihr ineffizientes Wirtschaftssystem abschaffen würden, käme der Wohlstand. Dann lenkte der IWF den Prozess und der Wohlstand kam nicht. Das Bruttosozialprodukt sankt um 40 Prozent, mehr als die Hälfte der Kinder leben in Armut, die Lebens erwartung ist gesunken, auch wenn es währungspolitische Erfolge gibt. Was sind die Ursachen, was die Folgen jenes Prozesses weltweiter wirtschaftlicher Verflechtung? Die Deregulierung der internationalen Finanzmärkte war ein wesentlicher Grund für die Asienkrise Ende der neunziger Jahre. Joseph Stiglitz nimmt die Welthandelsorganisation in Augenschein, deren Agenda vom Norden beherrscht ist, während die Länder des Südens immer mehr in Armut versinken. Er führt uns nach Argentinien und zeigt die tiefgreifende wirtschaftliche Krise eines Landes, das mit seiner enormen Arbeitsflexibilität und seinem Lohnrückgang als Musterknabe der Weltwirtschaft galt. Stiglitz legt die Funktionsweisen von Institutionen wie der Weltbank ebenso offen wie die operativen Geschäfte der Weltkonzerne. Er deutet den offenen und massiven Protest gegen die Weltwirtschaftsgip fel von seiner Wurzel her.
Dieses Buch ist ein Plädoyer für einen dritten Weg zwischen Laisser-faire und Sozialismus. Das Ziel, so Joseph Stiglitz, darf nicht die Deregulierung der Märkte sein, sondern der Aufbau des richtigen regulatorischen Rahmens.
| Verkaufsrang: | 25.176 |
|---|---|
| ISBN-10: | 3-442-15284-4 |
| EAN: | 9783442152841 |
| Originaltitel: | Globalization and Its Discontents |
| Erschienen: | 01.08.2004 |
| Verlag: | Goldmann Taschenbuch |
| Einband: | Taschenbuch |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 348 |
| Gewicht: | 293 g |
| Übersetzer: | Thorsten Schmidt |
| Reihe: | Goldmanns Taschenbücher |
Joseph E. Stiglitz , 1943 in den USA geboren, war Professor für Volkswirtschaft in Yale, Princeton, Oxford und Stanford, bevor er 1993 in den Sachverständigenrat für Wirtschaftsfragen Bill Clintons wechselte, den er die ganze Amtszeit hindurch beriet. Anschließend ging er als Chefvolkswirt zur Weltbank. 2001 wurde er mit dem Nobelpreis für Wirtschaft ausgezeichnet. Stiglitz lehrt heute an der Columbia University in New York.
von linuxexpert, am 29.07.2005
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Vorwort
Im Jahr 1993 beendete ich vorläufig meine akademische Karriere, um Mitglied des Sachverständigenrats von Präsident Clinton zu werden, der sämtlichen Dienststellen der US-Regierung mit kompetentem wirtschaftswissenschaftlichem Rat zur Seite stehen sollte. Nach einer mehrjährigen Tätigkeit in Forschung und Lehre war dies mein erster größerer Ausflug in die politische Praxis, genauer: in die Praxis politischer Winkelzüge. Im Jahr 1997 trat ich dann in die Weltbank ein, in der ich fast drei Jahre lang - bis Januar 2000 - die Position des Chefvolkswirts und Senior Vice President bekleidete. Ich hätte mir keinen faszinierenderen Zeitpunkt für den Einstieg in die Politik auswählen können. Die sieben Jahre in Washington verschafften mir einzigartige, umfassende Einblicke in die Umwandlung der russischen Planwirtschaft in eine Marktwirtschaft, Einblick vor allem auch in die Finanzkrise, die 1997 in Ostasien begann und schließlich auf die ganze Welt übergriff. Fragen der wirtschaftlichen Entwicklung interessierten mich von jeher, und meine Erfahrungen führten dazu, dass sich meine Sichtweise von Globalisierung und Entwicklung grundlegend wandelte. Ich schreibe dieses Buch, weil ich während meiner Zeit bei der Weltbank die verheerenden Folgen sah, die die Globalisierung für Entwicklungsländer haben kann, und besonders für die Armen in diesen Ländern. Die Globalisierung - die Beseitigung von Hemmnissen für den freien Handel und die Integration der nationalen Volkswirtschaften durch vielfältige Institutionen, die Wirtschaftswachstum für alle schaffen sollen kann eine segensreiche Kraft sein, und sie birgt das Potenzial in sich, den Wohlstand aller Menschen auf dem Planeten zu steigern. Aber ich bin auch der Meinung, dass eine gerechte Verteilung des Wachstums voraussetzt, dass viele der wirtschaftspolitischen Maßnahmen, zu denen Entwicklungsländer verpflichtet wurden, radikal überdacht werden.
Als Volkswirt habe ich mein Leben der Forschung und der sorgfältigen Analyse jener ökonomischen und sozialen Probleme gewidmet, mit denen ich während meiner sieben Jahre bei der Weltbank konfrontiert war. Es ist wichtig, Probleme nüchtern zu betrachten, frei von ideologischer Voreingenommenheit, und die empirischen Daten zu prüfen, bevor man sich für eine bestimmte Vorgehensweise entscheidet. Leider musste ich während meiner Tätigkeit im Weißen Haus als Mitglied und später Vorsitzender des Sachverständigenrats und danach bei der Weltbank feststellen, dass viele Entscheidungen ideologisch oder interessenpolitisch motiviert sind. Das führt zu vielen Fehlschlüssen, die das vorliegende Problem nicht lösen, sondern schlicht den Interessen oder Überzeugungen der maßgeblichen Personen entsprechen. Der französische Intellektuelle Pierre Bourdieu hat gefordert, Politiker sollten sich bei ihren Debatten von wissenschaftlicher Rationalität leiten lassen und sich an solide Fakten und empirische Befunde halten. Leider ist allzu oft das Gegenteil der Fall: Wissenschaftler, die an politischen Willensbildungen mitwirken, übernehmen politische Gesichtspunkte und beginnen, die Fakten umzudeuten, bis sie den Überzeugungen der Verantwortlichen entsprechen.
Auch wenn mich meine wissenschaftliche Laufbahn nicht auf alle Dinge vorbereitete, mit denen ich in Washington Bekanntschaft machen sollte, so gab sie mir doch das Rüstzeug an die Hand, sie zu analysieren. Bevor ich in den Dienst des Weißen Hauses trat, hatte ich mich in meiner Forschungs- und Publikationstätigkeit einerseits mit abstrakter mathematischer Volkswirtschaftstheorie (ich gehörte zu den Mitbegründern der später in der Volkswirtschaftslehre so genannten »Informationsökonomik«) und andererseits mit der praktischeren volkswirtschaftlichen Analyse des staatlichen Sektors, mit Entwicklung und Geldpolitik befasst. Ich schrieb über 25 Jahre lang über Themen wie Konkurs, corporate governance und den offenen Zugang zu Information (»Transparenz«, wie die Volkswirte sagen). Dies waren wichtige Fragen, als 1997 die globale Finanzkrise begann. Ich beteilige mich auch seit fast zwanzig Jahren an Diskussionen, die sich mit der Umwandlung von der Planwirtschaft in die Marktwirtschaft befassen. Die ersten Erfahrungen mit der Gestaltung solcher Übergangsprozesse sammelte ich 1980, als ich diese Probleme mit Regierungsvertretern in China erörterte, das damals erste Öffnungsschritte in Richtung Marktwirtschaft unternahm. Ich war ein entschiedener Befürworter der von den Chinesen betriebenen »Politik des sanften Wandels«, die sich in den letzten zwanzig Jahren für sie ausgezahlt hat. Aus dem gleichen Grund übte ich heftige Kritik an einigen der radikalen Reformstrategien, wie etwa der »Schocktherapie«, die in Russland und einigen anderen Ländern der vormaligen Sowjetunion so jämmerlich scheiterte.
Mein Interesse an Entwicklungsproblemen geht auf meine Zeit als Gastdozent in Kenia (1969-1971) zurück, kurz nach der Entlassung des Landes in die Unabhängigkeit 1963. Meine dortigen Erfahrungen gaben den Anstoß zu einigen meiner wichtigsten Werke. Kenia stand damals vor großen Herausforderungen, und der Gedanke beflügelte mich, dass es möglich sein sollte, die Lebensbedingungen von Milliarden von Menschen, die wie die Kenianer in extremer Armut leben, zu verbessern. Die Volkswirtschaftslehre mag manch einem als eine trockene, esoterische Disziplin erscheinen, doch eine gute Wirtschaftspolitik kann die Lebensbedingungen dieser armen Menschen grundlegend verändern. Meines Erachtens sollen - und können - Regierungen eine Politik verfolgen, die das Wirtschaftswachstum in den Ländern fördert, die aber zugleich dafür sorgt, dass die Früchte dieses
Wachstums gleichmäßiger verteilt werden. Um nur einen Punkt herauszugreifen: Ich halte viel von Privatisierung (etwa dem Verkauf staatlicher Monopolbetriebe an Privatunternehmen), aber nur wenn sie Unternehmen hilft, effizienter zu werden, und wenn die Verbraucher durch Preissenkungen davon profitieren. Dies geschieht eher, wenn auf Märkten Wettbewerb herrscht, und unter anderem deshalb befürworte ich eine starke Wettbewerbspolitik. Einer meiner Forschungsschwerpunkte - Informationsökonomik - berührt den Kern des Wettbewerbs und eines effizienten Funktionierens von Märkten. In Washington musste ich jedoch feststellen, dass es bei der Ausarbeitung des politischen Gestaltungsrahmens der Globalisierung viel zu wenig Transparenz gibt.
Sowohl bei der Weltbank als auch im Weißen Haus besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Wirtschaftspolitik, für die ich mich einsetzte, und meinen früheren, weitgehend theoretischen Arbeiten, die sich überwiegend mit unvollkommenen Märkten befassten - mit Märkten, die nicht effizient funktionieren, anders als es grob vereinfachende Modelle postulieren, die von perfekter Konkurrenz und vollkommener Information ausgehen. Auch meine Arbeiten zur Informationsökonomik, insbesondere über Asymmetrien, also Informationsunterschiede etwa zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer, zwischen Versicherungsgesellschaft und Versichertem, habe ich in meine politische Tätigkeit eingebracht. Derartige Asymmetrien sind in allen Volkswirtschaften weit verbreitet. Diese Arbeit legte die Grundlagen für wirklichkeitsgetreuere Theorien der Arbeits- und Finanzmärkte, und sie erklärt beispielsweise, wie Arbeitslosigkeit entsteht und weshalb das Angebot an Krediten oftmals ausgerechnet dann knapp ist, wenn sie am dringlichsten benötigt werden. Die volkswirtschaftlichen Standardmodelle erwiesen sich als unzureichend für die Erklärung zentraler Probleme wie Rezession und Depression. So habe ich viele Jahre lang mit Kollegen in der ganzen Welt an der Entwicklung makroökonomischer Modelle gearbeitet, um die Schwankungen zu erklären, die das marktwirtschaftliche System seit seinen Anfängen begleiten. Aus diesen Theorien lassen sich eindeutige wirtschaftspolitische Handlungsempfehlungen ableiten - von denen einige für fast alle, die in der Praxis stehen, auf der Hand liegen -, wie etwa, dass hoch verschuldete Firmen bei allzu starker Anhebung der Zinssätze leicht in den Konkurs getrieben werden, was schlecht für die Wirtschaft insgesamt ist. Während ich diese wirtschaftspolitischen Verordnungen für selbstverständlich erachtete, liefen sie den Auflagen zuwider, auf denen der Internationale Währungsfonds (IWF) bei seinen Hilfszusagen oftmals bestand.
Die Programme des IWF, die an die markteigene Effizienz glaubten, zogen wünschenswerte staatliche Eingriffe, die das Wirtschaftswachstum ankurbeln und alle besser stellen können, gar nicht erst in Erwägung. Bei vielen der Kontroversen, die ich auf den folgenden Seiten beschreibe, ging es daher um Ideen und Konzeptionen von der Rolle des Staates, die sich von diesen Ideen herleiten.
Meine Ideen schlugen sich nicht nur in konkreten wirtschaftspolitischen Empfehlungen nieder - in den Bereichen Entwicklung, Krisenmanagement und ökonomische Systemübergänge -, sondern sie prägten auch meine Reformvorschläge der internationalen Institutionen, die die wirtschaftliche Entwicklung fördern, Krisen bewältigen und Transformationsprozesse erleichtern sollen. Aus diesem Grund betone ich die Notwendigkeit von mehr Transparenz, damit die Bürger besser über die Aktivitäten dieser Institutionen informiert sind und damit diejenigen, die von den Maßnahmen betroffen sind, auch stärker Einfluss auf sie nehmen können. Es geht darum, welche Rolle Informationen in politischen Institutionen spielen.
Der Reiz an meinem Wechsel nach Washington bestand darin, die Regierungspraxis von innen heraus betrachten zu können, aber auch einige Ansätze meiner Forschung zur Geltung zu bringen. So bemühte ich mich etwa als Vorsitzender des Sachverständigenrats von Präsident Clinton darum, eine Wirtschaftspolitik und -philosophie zu erarbeiten, die von einem komplementären und partnerschaftlichen Verhältnis zwischen Staat und Märkten ausgeht und erkannte, dass die Märkte zwar im Zentrum einer Volkswirtschaft stehen, dem Staat aber eine wichtige, wenn auch begrenzte Rolle zukommt. Ich hatte mich sowohl mit Markt- als auch mit Staatsversagen beschäftigt, und ich war nicht so naiv zu glauben, der Staat könne jedes Marktversagen beheben. Und ich war auch nicht so töricht davon auszugehen, dass Märkte von sich aus jedes soziale Problem lösen können. Ungleichheit, Arbeitslosigkeit, Umweltverschmutzung - dies alles sind Probleme, bei deren Lösung dem Staat eine wichtige Rolle zufällt. Ich hatte an der Clintonschen Initiative »Die Regierung neu erfinden« mitgearbeitet, die die Staatsverwaltung effizienter und schneller machen sollte; ich hatte gesehen, wo im Verwaltungsapparat beides fehlte; ich hatte erfahren, wie schwierig eine Reform ist, aber ich hatte auch gesehen, dass Verbesserungen, mochten sie auch noch so bescheiden sein, möglich waren. Als ich zur Weltbank wechselte, hoffte ich, diese ausgewogene Sicht und die Lektionen, die ich gelernt hatte, für die Lösung der sehr viel schwierigeren Probleme der Entwicklungsländer nutzbar machen zu können.
An der Clinton-Administration gefiel mir die heftig geführte politische Debatte; einige Schlachten habe ich gewonnen, andere verloren. Ideen zählten ebenso wie Interessen, und eine meiner Aufgaben bestand darin, andere davon zu überzeugen, dass das, wofür ich eintrat, nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch sinnvoll war. Doch als ich auf die internationale Bühne wechselte, stellte ich fest, dass es bei der Konzipierung von Politik, insbesondere beim Internationalen Währungsfonds, weder auf ökonomische noch auf politische Rationalität ankommt. Entscheidungen wurden auf der Grundlage einer sonderbaren Mixtur aus Ideologie und schlechter Ökonomie gefasst, eines Dogmas, das manchmal nur hauchdünn eigene Interessen zu verschleiern schien.
Wenn Krisen auftraten, verordnete der IWF überholte, ungeeignete »Standardlösungen«, ohne sich um die Auswirkungen auf die Menschen in den Ländern zu scheren, die diese Vorgaben umsetzen sollten. Nirgends sah ich Prognosen darüber, wie sich die IWF-Programme auf die Armut auswirken würden. Nirgends entdeckte ich fundierte Diskussionen und Analysen der Folgen alternativer Politikansätze. Es gab ein einziges Rezept. Alternative Meinungen waren unerwünscht. Es gab kein Forum für offene, freie Diskussion, ja, sie wurde sogar unterbunden. Ideologische Erwägungen bestimmten die wirtschaftspolitischen Auflagen, und von den um Beistand ersuchenden Ländern erwartete man, dass sie die Vorgaben des IWF ohne Diskussion umsetzten.
Diese bedenkliche Einstellung brachte nicht nur häufig dürftige Ergebnisse, sie war zudem undemokratisch. In unserem Privatleben würden wir niemals blindlings Ideen folgen, ohne alternative Optionen zu erwägen. Doch Staaten auf der ganzen Welt wurden angewiesen, genau dies zu tun. Entwicklungsländer sehen sich oftmals mit gravierenden Problemen konfrontiert und ersuchen den IWF oft erst dann um Beistand, wenn sich die Lage in einem Land krisenhaft zuspitzt. Doch die Medizin des IWF versagte mindestens ebenso oft, wie sie anschlug. Die Strukturanpassungspolitik - die wirtschaftspolitischen Maßnahmen, die einem Land helfen sollen, sich an Krisen und längerfristige Ungleichgewichte anzupassen - führte in vielen Ländern zu Hunger und Ausschreitungen; und selbst wenn die Folgen nicht so dramatisch waren, selbst wenn sich die Länder eine Zeit lang ein bescheidenes Wachstum abtrotzten, kamen die Früchte dieser Mühen überproportional den Begüterten in den Entwicklungsländern zugute, während es den Bedürftigen manchmal noch schlechter ging. Verblüfft nahm ich zur Kenntnis, dass diese Politik von vielen in der Führungsetage des IWF und der Weltbank, die die entscheidenden Beschlüsse trafen, nicht angezweifelt wurde. Das taten die Verantwortlichen in den Entwicklungsländern, aber viele von ihnen hatten so große Angst, dass ihnen die Fördergelder vom IWF und anderen gesperrt würden, dass sie ihre Zweifel, wenn überhaupt, nur überaus vorsichtig im kleinen Kreis formulierten. Aber während niemand über das Ungemach glücklich war, das die Umsetzung der Programme des IWF bedeutete, setzte der Währungsfonds einfach voraus, dass dieses Ungemach von diesen Ländern als notwendiges Übel angesehen werden müsse auf dem Weg, eine erfolgreiche Marktwirtschaft zu werden. Die Maßnahmen würden auf lange Sicht, so schmerzlich sie im Augenblick auch waren, das Leiden in den jeweiligen Ländern vermindern.
Die heftige Reaktion gegen die Globalisierung zieht ihre Kraft nicht nur aus dem sichtbaren Schaden, den eine ideologisch verbohrte Politik den Entwicklungsländern zufügt, sondern auch aus den gravierenden Ungerechtigkeiten im Welthandelssystem. Heute verteidigen - abgesehen von den Besitzstandswahrern, die davon profitieren, dass die von ärmeren Ländern produzierten Güter vom inländischen Markt fern gehalten werden - nur noch wenige die Heuchelei, so zu tun, als wolle man den Entwicklungsländern helfen, während man gleichzeitig eine Politik betreibt, die die Reichen noch reicher und die Armen noch ärmer - und immer zorniger - macht.
Der barbarische Anschlag vom II. September hat mit großer Eindringlichkeit vor Augen geführt, dass wir alle Bewohner desselben Planeten sind und dass das, was in einer Region dieses Planeten geschieht, andere Regionen in Mitleidenschaft ziehen kann. Wir sind eine globale Schicksalsgemeinschaft, und wie alle Gemeinschaften müssen wir einige Regeln befolgen, ohne die ein gedeihliches Miteinander unmöglich ist. Diese Regeln müssen fair und gerecht sein - und als solche wahrgenommen werden -, damit nicht nur den Reichen, sondern auch den Armen die ihnen gebührende Beachtung geschenkt und damit ein Mindestmaß an ethischer Verantwortung und sozialer Gerechtigkeit gewahrt wird. In der heutigen Welt müssen diese Regeln in demokratischen Prozessen erarbeitet werden; die Regeln, die die Arbeitsweise von Entscheidungsgremien und Behörden festlegen, müssen die Wünsche und Bedürfnisse all jener berücksichtigen, die von in der Ferne getroffenen Maßnahmen und Entscheidungen betroffen sind.
In diesem Buch gebe ich meine Erfahrungen wieder. Es finden sich darin nicht annähernd so viele Anmerkungen und Zitate wie in einer wissenschaftlichen Abhandlung. Stattdessen beschreibe ich die Ereignisse, die ich selbst erlebt habe, und erzähle einige der Geschichten, von denen ich gehört habe. Ich präsentiere keine unwiderlegbaren Beweise. Der Leser wird keine schlagenden Belege für eine furchtbare Verschwörung von Wall Street und IWF finden, die die Weltherrschaft zu übernehmen trachten. Ich glaube nicht an eine solche Verschwörung. Die Wahrheit ist subtiler. Oftmals wurde der Ausgang der Diskussionen, an denen ich beteiligt war, durch einen bestimmten Tonfall, eine Sitzung hinter verschlossenen Türen oder eine Notiz entschieden. Viele der Menschen, die ich kritisiere, werden sagen, ich sei Missverständnissen aufgesessen, vielleicht werden sie sogar Beweise vorlegen, die meiner Sicht der Ereignisse widersprechen. Aber jede Geschichte hat viele Facetten, und ich kann nur meine Interpretation dessen vorlegen, was ich sah.
Als ich zur Weltbank kam, hatte ich vor, mich überwiegend mit Fragen der Entwicklung, der globalen Finanzkrise und den Problemen der Schwellenländer zu befassen, doch die Debatten über eine Reform der Weltwirtschaftsordnung - des Regimes, das das internationale Wirtschafts- und Finanzsystem reglementiert - mit dem Ziel, die Globalisierung humaner, effektiver und gerechter zu gestalten, beanspruchte einen Großteil meiner Zeit. Ich besuchte Dutzende von Ländern auf der ganzen Welt, sprach mit Tausenden von Regierungsvertretern, Finanzministern, Notenbankpräsidenten, Wissenschaftlern, Entwicklungshelfern, Mitgliedern von Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Bankern, Geschäftsleuten, Studenten, politischen Aktivisten und Landwirten. Ich traf auf Mindanao (der Insel der Philippinen, die seit langem von Rebellen unsicher gemacht wird) mit islamischen Guerillakämpfern zusammen, unternahm lange Fußmärsche im Himalaya, um entlegene Schulen in Bhutan oder ein dörfliches Bewässerungsprojekt in Nepal zu besichtigen, sah die Auswirkungen von ländlichen Kleinkreditprojekten und Programmen zur Mobilisierung von Frauen in Bangladesch und konnte mich mit eigenen Augen von dem Erfolg von Programmen zur Armutsbekämpfung in Dörfern, die in einigen der ärmsten Gebirgsregionen Chinas liegen, überzeugen. Ich sah, wie Geschichte gemacht wurde, und ich lernte eine Menge. Ich habe mich bemüht, das Wesentliche an meinen Beobachtungen und Erfahrungen herauszudestillieren und in diesem Buch darzustellen.
mit Monica Vitti
von Reinhold Messner
von Angela Lenz
von Peter Ochs