BuchhändlerInnen im Portrait
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Im Schatten der VernunftRezension vom 16.10.2010Im Zentrum dieses hochgelobten Mammutwerks steht die These, dass Okkultismus nichts Rückständiges und Altertümliches ist, sondern ein typisches Phänomen der Neuzeit. Erst das Licht der Aufklärung hat den irrationalen Schatten hervorgerufen, und die neuzeitlichen Informationstechnologien haben ihn marktgerecht popularisiert. Die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Vernunft und Irrationalität, Wissenschaft und Pseudo-Wissenschaft, Ökonomie und Betrug, technischer Reproduktion und Aberglauben stellt Doering-Manteuffel als ein Stück verdrängter Mediengeschichte dar. Heute, so erklärt die Autorin, sei das Internet das okkulte Medium schlechthin. Eine gewagte These, die natürlich ihre Gegenthese nicht ausschliesst. Die muss man sich allerdings selber zurechtlegen. -
ZivilisationsfluchtRezension vom 15.10.2010Dass die inneren Motive des Zivilisationsflüchtlings Christopher McCandless undurchsichtig und letztlich unverständlich bleiben, ist sicher beabsichtigt. Seine Radikalität hat etwas Mysteriöses, lässt Spielraum für Deutungen. Allenfalls könnte man kritisieren, dass das alles so postkartenmässig daherkommt. Das emphatisch beschworene Outdoorfeeling hält zur subtilen biografischen Rekonstruktion, die Sean Penn von Krakauer übernommen hat, zu wenig Distanz ein, was den Film zeitweilig in die Nähe einer Marlboro-Reklame rückt. Schade. Dennoch liegen 5 glattpolierte Sterne drin. Derart wuchtig und elementar wie hier ist der grundmenschliche Drang nach Freiheit selten je zelebriert worden. -
Hoch hinausRezension vom 14.10.2010"Der erste Schweizer Science Fiction-Film" ist sicher nicht der grosse Knüller, den uns die Medien angekündigt haben. Vieles ist abgekupfert (Alien, Matrix, Blade Runner), die Story greift zu hoch, und mit den konturlosen Figuren identifiziert man sich kaum. Andererseits ist es erstaunlich und grenzt fast an ein Wunder, was Ivan Engler und sein Team hier auf die Beine gestellt haben - und dies mit einem Budget von 5 Millionen Franken! (Ein Zehntel dessen, was eine vergleichbare Hollywood-Produktion verschlingt). Es lohnt sich, das Making-of anzuschauen. Ein paar gute Noten (wenn auch hauptsächlich Fleissnoten) haben Engler und Co. gewiss verdient: der Film ist visuell grossartig inszeniert, und die Story ist sehr durchdacht. Allerdings bleibt bei mir dann doch das Gefühl zurück, dass das Drehbuch - eben typisch schweizerisch - mit zu viel Ernsthaftigkeit und Goodwill befrachtet ist: diese ganze Problematik mit der Öko-Katastrophe, dem Terrorismus und der virtuellen Realität ist wie eine aufgeschminkte Sorgenfalte. Zum Gähnen.
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BüchernarrenRezension vom 13.10.2010Wird das gedruckte Buch verschwinden? Der Medienwissenschaftler und Schriftsteller Umberto Eco und der Drehbuchautor Jean-Claude Carrière, beide Buchkenner und Bibliophile ersten Ranges, machen sich darüber nicht die geringsten Sorgen. Das Buch als Printmedium, sagt Umberto Eco, wird genauso wenig verschwinden wie das Rad. Einmal erfunden, sind Rad und Buch durch nichts zu ersetzen. Die Gelassenheit, die die beiden älteren Herren im Umgang mit der digitalen Revolution an den Tag legen, ist beeindruckend und inspirierend. Eine solche Haltung setzt voraus, dass man mit allen kulturgeschichtlichen Wassern gewaschen ist und die Tagesaktualitäten relativieren kann. Im Gespräch mit Jean-Philippe de Tonnac breiten Eco und Carrière ein immenses Wissen aus, philosophieren über das Lesen, die Schriftkultur, das Gedächtnis, die Bibliophilie und ganz persönliche Lektürevorlieben. Die Statements, Erörterungen, Überlegungen und Abschweifungen der beiden Büchernarren (durchaus wörtlich zu nehmen) habe ich mit Hochgenuss gelesen. -
Murphys Gesetz auf dem FilmsetRezension vom 12.10.2010In der Filmbranche ist Murphys Gesetz sehr mächtig. Wenn etwas schief geht, dann gründlich und gleich mehrfach. Den Spitzenplatz unter den gescheiterten Filmprojekten nimmt mit Sicherheit "L'Enfer" ("Die Hölle") von Henry-Georges Clouzot ein. 1964 machte Clouzot - das französische Pendant zu Hitchcock - mit Serge Reggiani und Romy Schneider Probeaufnahmen für ein bahnbrechendes Filmprojekt, bei dem mit ausgefallenen visuellen Effekten experimentiert wurde. Doch die Realisation entwickelte sich zum Desaster. Die Gesamtorganisation war ein einziges Chaos, und Clouzot trieb mit seinem Rigorismus das ganze Filmteam zur Verzweiflung. Während sich Romy Schneider heroisch darauf einliess, ging Reggiani auf Distanz und floh schliesslich vom Set. Daraufhin erlitt Clouzot einen Herzinfarkt. Die rund 15 Stunden Material aus 183 Filmbüchsen verschwanden in einem Archiv.
Der Filmrestaurator Serge Bromberg hat die verschollenen Rollen wieder entdeckt, und zusammen mit Ruxandra Medrea beschreibt er in "L'enfer d'Henri-Georges Clouzot" das Scheitern des grossen, aber auch grössenwahnsinnigen Regisseurs. Der Mix aus Rekonstruktion und Dokumentation ist ein Annäherungsversuch, gibt jedoch eine ziemlich präzise Vorstellung davon, wie der Film geworden wäre, hätte ihn Clouzot seinen Vorstellungen entsprechend realisiert. Faszinierend sind vor allem die visuellen Einfälle Clouzots, das Spiel mit optischen Irritationen durch Spiegel, kinetische Muster, Farbverschiebungen und ungewöhnliche Beleuchtungseffekte. Für Sissi-Fans dürfte diese Dokumentation allerdings ein Schock sein: so lasziv und exzentrisch hat man Romy Schneider noch nie gesehen.
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BildungsidiotieRezension vom 12.10.2010Eine gute Gelegenheit, wieder einmal Flaubert zu lesen. Diese Neuausgabe aus dem Hause Insel ist nicht nur schön aufgemacht, sondern besticht auch durch die fadengrade Übersetzung von Erich Wolfgang Skwara. (Seinerseits Autor, und ein guter noch dazu). Zur Rekapitulation: "Bouvard et Pécuchet" handelt von zwei älteren Herren, die sich nach ihrer Frühpensionierung (so könnte man es nennen) emsig weiterbilden, um eine sinnvolle und erfüllende Beschäftigung zu finden. Dabei verzetteln sie sich in allerlei absurden Studien und produzieren am Laufmeter Missgeschicke. Flaubert, der Meister der Haarspalterei, demontiert buchstäblich alles und jeden; mit einer genialen Genauigkeit, die immer auch etwas Stupides hat, beschreibt er Leerläufe und Pannen, Reinfälle und Desillusionierungen. Das kennt man schon von "Madame Bovary", wird hier jedoch erbarmungslos und mit einer seltsam schwerfälligen Komik auf die Spitze getrieben. Es erscheint fast logisch, dass der Roman unvollendet geblieben ist. Beim Schreiben ist es Flaubert ähnlich ergangen wie seinen Figuren: die Sache ist ihm über den Kopf gewachsen. -
Des Pudels KernRezension vom 11.10.2010Als Peter Stein an der EXPO 2000 Goethes Faust in voller Spiellänge (21 Stunden) und absolut werkgetreu zur Aufführung brachte, haben viele Theaterkritiker die Nase gerümpft. Die Meinung, dass der Faust ein Papierdrama sei, hält sich hartnäckig. Dabei hat Goethe seine Tragödie durchaus für die Praxis konzipiert: in der über 60 Jahre dauernden Arbeit an diesem Lebenswerk hat er die unterschiedlichsten Dramaturgien entworfen und zahlreiche Bühneneffekte ausgetüftelt. Er wollte der Nachwelt kein Puzzle hinterlassen, sondern ein integrales Theaterereignis.
Peter Stein versucht den Faust ganz nah an Goethe zu realisieren, ohne Schnickschnack und aufgesetzten Modernitätskrampf, dafür mit sehr viel Liebe zum Detail und einen Sprachbewusstsein, wie es im zeitgenössischen Theater leider selten geworden ist. In der TV-Adaption, die hier auf 4 DVDs vorliegt, kann man sich das Marathon-Theaterstück in Portionen einverleiben. An der Spitze des hervorragenden Schauspieler-Ensembles stehen übrigens zwei Schweizer: Bruno Ganz als Faust und Robert Hunger-Bühler als einer der 4 Mephistos. Bruno Ganz spielt seine Rolle derart intensiv, dass der Mephisto daneben ein bisschen an Statur verliert. Das macht aber nichts.














