Buch
Taschenbuch (539 Seiten)
Sprache: Deutsch
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Atemberaubend spannend, umwerfend komisch und einfach unwiderstehlich: das beste Fantasy-Abenteuer seit langem!
Der Dschinn Bartimäus bekommt eines Tages in London den Auftrag, dem hochnäsigen Zauberschüler Nathanael zur Seite zu stehen: ein Auftrag, der Bartimäus zunächst alles andere als glücklich macht. Doch schon bald stecken die beiden in einem Abenteuer, das sie wie Pech und Schwefel zusammenschweißt. Nathanael versucht sich am mächtigen Zauberer Simon Lovelace zu rächen und ihm das berühmte Amulett von Samarkand zu stehlen und mit Bartimäus' Hilfe könnte ihm das auch gelingen...
Corine 2006 für das beste Jugendbuch!
| Verkaufsrang: | 3.035 |
|---|---|
| ISBN-10: | 3-442-36762-X |
| EAN: | 9783442367627 |
| Originaltitel: | The Bartimaeus Trilogy: Vol.I: The Amulet of Samarkand |
| Erschienen: | 10.09.2007 |
| Verlag: | Blanvalet |
| Einband: | Taschenbuch |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 539 |
| Länge/Breite: | 185mm/126mm |
| Gewicht: | 452 g |
| Übersetzer: | Gerald Jung, Katharina Orgass |
| Reihe: | Blanvalet Taschenbücher |
Jonathan Stroud wurde in Bedford geboren. Er schreibt Geschichten, seit er sieben Jahre alt ist. Er arbeitete zunächst als Lektor für Kindersachbücher. Nachdem er seine ersten eigenen Kinderbücher veröffentlicht hatte, beschloss er, sich ganz dem Schreiben zu widmen. Er wohnt mit seiner Frau Gina, einer Grafikerin und Illustratorin von Kinderbüchern, und der gemeinsamen Tochter Isabelle in der Nähe von London. "Die Pforte des Magiers" ist nach "Das Amulett von Samarkand" und "Das Auge des Golem" der dritte Teil der Bartimäus-Trilogie. Die beiden Bücher sind weltweite Bestseller - und auch in Deutschland haben sie Spitzenplätze auf den Jugendbuch-Bestsellerlisten erklommen. Die Trilogie wird von Miramax verfilmt.
von Alexandra Graf, am 30.05.2010 aus der Thalia-Buchhandlung in St.Gallen
von Katrin Knauft, am 13.05.2013
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von Nicole Mohr, am 18.04.2013
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von einer Kundin/einem Kunden, am 16.04.2013
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von einer Kundin/einem Kunden, am 15.08.2012
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von einer Kundin/einem Kunden, am 06.08.2012
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von CarineM, am 25.06.2012
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von Josef Eckl, am 27.03.2012
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von Barbara Krenn, am 24.02.2012
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von A. Fries, am 17.02.2012
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von Stefanie Strachotta, am 11.02.2012
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von Bianca Dobler, am 27.10.2011
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von einer Kundin/einem Kunden, am 18.09.2011
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von Sophie Montag, am 23.08.2011
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von Anna Riedl, am 19.05.2011
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von einer Kundin/einem Kunden, am 10.05.2011
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von Stefan Heidsiek, am 22.04.2010
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von Kerstin Ponleitner, am 03.02.2010
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von Bianka Greif, am 21.01.2010
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von Renate Strohmayer, am 13.10.2009
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von einer Kundin/einem Kunden, am 25.09.2009
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Die Temperatur im Zimmer sank rasch. Eis bildete sich auf den Vorhängen und überzog die Deckenlampen mit einer dicken Kruste. Die Glühfäden sämtlicher Birnen schnurrten zusammen und verglommen, und die Kerzen, die wie eine Kolonie Giftpilze aus jeder freien Fläche sprossen, erloschen. Das abgedunkelte Zimmer füllte sich mit einer stickigen gelben Schwefelwolke, in der verschwommene schwarze Schatten wühlten und waberten, und von weit her erklang ein vielstimmiger Schrei. Plötzlich drückte etwas gegen die Tür, die hinaus zur Treppe führte. Das ächzende Gebälk wölbte sich. Unsichtbare Füße patschten über die Dielen und unsichtbare Lippen zischelten Niederträchtigkeiten hinter dem Bett und unter dem Schreibtisch hervor.
Der Schwefeldampf verdichtete sich zu einer dicken Rauchsäule und würgte kleine Tentakel aus, die wie Zungen in die Luft leckten und sich wieder zurückzogen. Die Säule stand direkt über dem Pentagramm und brodelte unablässig zur Decke empor wie die Rauchwolke über einem Vulkan. Dann, nach einer kaum merklichen Unterbrechung, tauchten mitten im Rauch zwei gelbe, stechende Augen auf.
Also bitte - es war sein erstes Mal. Ich wollte ihm einen Schrecken einjagen!
Was mir auch gelang. Der dunkelhaarige Junge stand in einem zweiten, kleineren, mit verschiedenen Runen ausgemalten Drudenfuß, etwa einen Meter neben dem eigentlichen Pentagramm. Er war leichenblass und zitterte wie Espenlaub. Er klapperte mit den Zähnen. Schweißperlen tropften ihm von der Stirn, erstarrten im Fallen zu Eis und klirrten wie Hagelkörner auf den Fußboden.
Alles schön und gut, aber - was soll's? Ich meine, er sah aus wie gerade mal zwölf. Aufgerissene Augen, eingefallene Wangen. So erhebend ist es nun auch wieder nicht, ein mickriges Bürschlein zu Tode zu erschrecken.
Daher schwebte ich abwartend auf der Stelle und hoffte, es würde nicht allzu lange dauern, bis er die Entlassungsformel sprach. Um mir die Zeit zu vertreiben, ließ ich blaue Flammen so am Innenrand des Pentagramms emporzüngeln, als versuchten sie auszubrechen und nach ihm zu schnappen. Natürlich reiner Hokuspokus. Ich hatte bereits alles überprüft. Das Siegel war recht ordentlich gezogen und er hatte sich nirgendwo verschrieben. Schade.
Schließlich sah es so aus, als hätte der Bengel genug Mut gefasst, um zu sprechen. Jedenfalls schloss ich das aus dem Beben um seine Lippen, das nicht nur von nackter Angst herzurühren schien. Ich ließ das blaue Feuer erlöschen und ersetzte es durch einen widerlichen Gestank.
Was das betrifft, gehen die Meinungen auseinander. Manche finden es amüsant und überlegen sich immer neue Taktiken, ihre Beschwörer durch ausgeklügelt abstoßende Erscheinungen zu erschrecken. Normalerweise darf man höchstens erwarten, ihnen Albträume zu bescheren, aber gelegentlich sind solche Strategien so erfolgreich, dass Zauberlehrlinge tatsächlich in Panik geraten und aus ihrem schützenden Kreis heraustreten. Dann ist alles geritzt - für uns. Aber es bleibt riskant. Oft sind sie gut ausgebildet. Und wenn sie dann älter werden, rächen sie sich.
Der Junge sagte etwas. Ziemlich piepsig.
»Ich befehle dir... mir... mir...« Nun mach schon! »...d-ddeinen N-Namen zu nennen.«
So fangen sie immer an, die Jungen. Sinnloses Gestammel. Er wusste genauso gut wie ich, dass er meinen Namen schon kannte - wie hätte er mich sonst beschwören können? Dazu bedarf es der richtigen Worte, der richtigen Gesten und vor allem des richtigen Namens. Ich meine, es ist ja nicht so, als bestellte man ein Taxi - bei einer Beschwörung kommt nicht einfach irgendwer!
Ich wählte eine volle, tiefe, samtig dunkle Stimme, so eine, die von überall und nirgends ertönt und Anfängern die Haare zu Berge stehen lässt.
»BARTIMÄUS.«
Der Kleine schluckte schwer, als er das hörte. Immerhin - er war also nicht ganz dumm: Er wusste, wer und was ich war. Er kannte meinen Ruf.
Als er seine Spucke runtergewürgt hatte, stotterte er weiter: »I-Ich befehle dir nochmals zu antworten. Bist du jener B-Bartimäus, der in alten Zeiten von den Magiern beschworen wurde, die Mauern von Prag wieder aufzurichten?«
Was für ein elender Umstandskrämer. Welcher Bartimäus sollte ich wohl sonst sein? Diesmal drehte ich die Lautstärke ein bisschen auf. Das Eis auf den Glühbirnen knisterte wie karamellisierter Zucker. Die Fensterscheiben hinter den schmutzigen Vorhängen summten und vibrierten. Der Junge schwankte.
»Ich bin Bartimäus! Ich bin Sakhr al-Dschinni, N'gorso der Mächtige und die Silbergefiederte Schlange. Ich richtete die Mauern von Uruk, Karnak und Prag wieder auf. Ich sprach mit König Salomo. Ich galoppierte mit den Büffelvätern über die Prärie. Ich wachte über das Alte Simbabwe, bis seine Wälle zerfielen und die Schakale seine Bewohner fraßen. Ich bin Bartimäus! Ich kenne weder Herrn noch Meister. Deshalb frage ich dich, mein Junge: Wer bist du, dass du mich rufst?«
Echt eindrucksvoll, was? Und obendrein wahr, was dem Ganzen noch mehr Nachdruck verleiht. Aber ich wollte nicht einfach nur auf den Putz hauen. Ich hoffte, das Bürschlein dazu zu verleiten, mir seinerseits seinen Namen zu verraten, damit ich etwas in der Hand hatte, wenn er mal nicht aufpasste. Aber ich hatte Pech.
»Bei den Kräften des Kreises, den Zacken des Pentagramms und dem Ring der Runen - ich bin dein Herr und Meister! Du hast mir zu gehorchen!«
Irgendwie war es demütigend, diese alte Leier aus dem Mund so eines schmächtigen Knirpses zu hören, noch dazu mit dieser nervigen Piepsstimme. Ich verkniff mir, ihm gehörig die Meinung zu geigen, und intonierte stattdessen die übliche Erwiderung. Hauptsache, es war rasch vorbei.
»Was ist dein Begehr?«
Ich muss allerdings zugeben, dass ich überrascht war. Die meisten Anfänger wollen erst mal nur gucken. Sie möchten einen Blick hinter den Vorhang werfen und sich an ihrer künftigen Macht berauschen, sind aber viel zu nervös, um sie wirklich auszuprobieren. So einen kleinen Scheißer wie diesen, der sich gleich als Erstes traut, Wesenheiten wie mich anzurufen, findet man selten.
Der Junge räusperte sich. Sein großer Auftritt war gekommen. Darauf hatte er sich lange vorbereitet. Davon hatte er seit Jahren geträumt, statt auf seinem Bett herumzulümmeln und an Rennautos oder Mädchen zu denken. Mürrisch wartete ich auf seinen lächerlichen Befehl. Was hatte er sich wohl ausgedacht? Meistens sollte ich einen Gegenstand schweben lassen oder quer durchs Zimmer bewegen. Vielleicht wollte er auch, dass ich irgendein Trugbild herbeihexte. Das könnte lustig werden, denn es gab bestimmt eine Möglichkeit, den Befehl falsch zu verstehen und den Jungen aus der Fassung zu bringen.
»Ich befehle dir, das Amulett von Samarkand aus dem Haus von Simon Lovelace zu holen und es mir morgen bei Sonnenaufgang, wenn ich dich wieder rufe, herzubringen.«
»Was soll ich?«
»Ich befehle dir...«
»Schon gut, ich hab's gehört.« Ich wollte nicht gereizt klingen. Es rutschte mir einfach so raus. Auch die Grabesstimme verrutschte mir ein bisschen.
»Dann geh!«
»Moment mal!« Ich spürte dieses komische Gefühl im Magen, das man immer hat, wenn man entlassen wird. Als würde einem das Gedärm zum Hintern rausgezogen. Die Formel muss dreimal gesprochen werden, bevor man endgültig verschwinden muss, falls man es darauf anlegt, noch ein Weilchen dort herumzuhängen.
Normalerweise legt man es nicht darauf an. Aber diesmal rührte ich mich nicht vom Fleck, sondern blieb ein glühendes Augenpaar in einer bösartig blubbernden Rauchsäule.
»Weißt du überhaupt, was du da verlangst, Kleiner?«
Einmal verlangte ein Zauberer von mir, ihm seine große Liebe zu zeigen. Ich hielt ihm einen Spiegel vor.
»Ich wünsche kein Gespräch mit dir, keinen Streit und keine Verhandlungen. Ich lasse mich nicht auf Rätsel noch auf Wetten oder Glücksspiele ein und schon gar nicht...«
»Auch mir liegt wahrhaftig nichts daran, mich mit einer halben Portion wie dir abzugeben, also verschone mich gefälligst mit deinem auswendig gelernten Humbug. Offenbar versucht jemand, dich für seine Zwecke zu missbrauchen. Wahrscheinlich dein Meister, hab ich recht? Ein feiger Tattergreis, der ein Kind vorschickt.« Ich nahm den Rauch ein wenig zurück und offenbarte zum ersten Mal meine Gestalt, aber nur verschwommen. »Wenn du danach trachtest, einen richtigen Zauberer zu bestehlen, indem du mich beschwörst, spielst du doppelt mit dem Feuer. Wo sind wir hier überhaupt? In London?«
Er nickte. Klar war das London. Irgendein heruntergekommenes Reihenhaus. Ich spähte durch die Rauchschwaden ins Zimmer. Niedrige Decke, wellige Tapete, an der Wand der verblichene Druck einer düsteren holländischen Landschaft. Einen komischen Geschmack hatte der Junge. Ich hätte eher Popsängerinnen oder Fußballspieler erwartet... Die meisten Zauberer sind schon in ihrer Jugend schrecklich angepasst.
»Du Ärmster -«, meine Stimme klang sanft und mitleidsvoll, »die Welt ist schlecht und man hat dich schlecht auf sie vorbereitet.«
»Ich habe keine Angst vor dir! Ich habe dir einen Auftrag erteilt und fordere dich auf zu gehen!«
Die zweite Entlassung. Meine Eingeweide fühlten sich an wie von einer Dampfwalze überrollt, und ich spürte, wie meine Gestalt flackerte und flimmerte. Trotz seiner Jugend verfügte dieser Knabe über beträchtliche Macht.
»Nicht mich hast du zu fürchten, jedenfalls vorerst nicht.
Simon Lovelace wird dir schon selbst die Hölle heiß machen, wenn er merkt, dass man ihm sein Amulett gestohlen hat, und dein jugendliches Alter wird für ihn kein Anlass zur Nachsicht sein.«
»Du musst mir zu Diensten sein.«
»Schon gut.« Eins musste man ihm lassen: Er war fest entschlossen. Und ziemlich dumm.
Er hob die Hand. Ich vernahm die erste Silbe des Methodischen Schraubstocks. Er wollte mich durch Schmerzen gefügig machen.
Ohne mich mit weiteren Spezialeffekten aufzuhalten, machte ich mich davon.
Es schiffte wie aus Kübeln, als ich in der Abenddämmerung im Londoner Stadtteil Hampstead auf einer Straßenlaterne landete. Das war mal wieder typisch. Ich hatte die Gestalt einer Amsel angenommen, eines munteren kleinen Burschen mit leuchtend gelbem Schnabel und pechschwarzem Gefieder, aber bei so einem Mistwetter blieb keine Feder trocken. Ich drehte das Köpfchen und entdeckte auf der anderen Straßenseite eine hohe Buche. Am Boden häufte sich rings um den Stamm vermodertes Laub - die Novemberstürme hatten bereits die Blätter heruntergefegt -, doch ihr dichtes Geäst versprach ein wenig Schutz. Als ich hinüberflog, brummte unter mir ein einsames Auto die breite, dunkle Vorortstraße entlang. Hinter hohen Mauern und immergrünen Hecken schimmerten die hässlichen weißen Fassaden stattlicher Villen wie bleiche Totengesichter. Na ja, vielleicht lag es auch an meiner Stimmung, dass sie mir so vorkamen. Fünferlei störte mich. Zunächst einmal hatte der dumpfe Schmerz eingesetzt, der jede körperliche Erscheinung begleitet, diesmal spürte ich ihn in den Federn. Abermals die Gestalt zu wechseln, hätte den Schmerz eine Weile in Grenzen gehalten, andererseits konnte gerade das in diesem kritischen Stadium der Unternehmung unnötiges Aufsehen erregen. Solange ich nicht wusste, ob die Luft rein war, musste ich Vogel bleiben.
Zweitens das Wetter. Kein Kommentar.
Drittens hatte ich die Nachteile von Körpern völlig vergessen. Es juckte mich am Schnabelansatz, und ich versuchte vergeblich, mich mit dem Flügel zu kratzen.
Viertens der Junge. Was ihn betraf, hatte ich Fragen über Fragen. Wer war er? Wieso war er lebensmüde? Wie konnte ich es ihm heimzahlen, ehe ihn die gerechte Strafe für sein Ansinnen ereilte? So was spricht sich rum, und ich würde Prügel dafür beziehen, dass ich mich von so einem Nichtsnutz herumscheuchen ließ.
Fünftens... das Amulett. Nach allem, was ich gehört hatte, ein äußerst zauberkräftiger Gegenstand. Keine Ahnung, was der Wicht damit anfangen wollte, wahrscheinlich wusste er es selber nicht. Vielleicht wollte er es sich als Modeschmuck um den Hals hängen. Vielleicht war Amulettabziehen ja gerade der letzte Schrei, sozusagen die Zauberervariante von Radkappenklauen. Wie auch immer, zunächst einmal musste ich es beschaffen, und das war kein leichtes Unterfangen, nicht einmal für mich.
Ich schloss meine Amseläuglein und öffnete meine inneren Augen, eins nach dem andern, jedes auf einer anderen Ebene. Dann schaute ich mich nach allen Seiten um und hüpfte dabei auf meinem Ast hin und her, um mir einen möglichst guten Überblick zu verschaffen. Nicht weniger als drei Villen in der Straße verfügten über magische Schutzvorrichtungen - ein Beweis, in was für einer piekfeinen Gegend ich mich befand. Die beiden weiter entfernten Häuser nahm ich nicht näher unter die Lupe, mich interessierte das Gebäude gegenüber, hinter der Laterne: der Wohnsitz von Simon Lovelace, dem Zauberer.
Auf der ersten Ebene war alles klar, aber die zweite hatte Lovelace mit einem Abwehrnetz versehen, das wie eine blaue Spinnwebe hinter der hohen Gartenmauer leuchtete. Es endete auch nicht an der Oberkante der Mauer, sondern wölbte sich wie eine riesige, schimmernde Kuppel über das Dach des niedrigen weißen Gebäudes und reichte auf dessen Rückseite wieder bis zum Boden.
Nicht schlecht. Aber damit wurde ich fertig.
Auf der dritten und vierten Ebene war nichts, aber auf der fünften entdeckte ich drei Wächter, die dicht unterhalb der Mauerkrone Streife flogen. Sie waren ganz und gar mattgelb und bestanden aus jeweils drei muskelbepackten Beinen, die um eine Knorpelnabe rotierten. Darüber saß ein formloser Klumpen mit zwei Mäulern und mehreren wachsamen Augen. Sie patrouillierten in unregelmäßigen Abständen an den Grenzen des Grundstücks. Instinktiv drückte ich mich an den Stamm der Buche, obwohl ich wusste, dass sie mich von dort drüben kaum bemerken konnten. Aus dieser Entfernung müsste ich eigentlich auf allen sieben Ebenen wie eine Amsel aussehen. Erst wenn ich näher heranflog, könnten sie meine Tarnung womöglich durchschauen.
Auf der sechsten Ebene war wieder alles klar. Aber die siebte... da stimmte etwas nicht. Ich konnte nichts Auffälliges feststellen - Haus, Straße, die Nacht... alles sah unverändert aus - und trotzdem... Nennt es von mir aus Intuition, aber ich war mir ganz sicher, dass dort etwas lauerte.
Nachdenklich wetzte ich den Schnabel an einem Astknorren. Wie ich vermutet hatte, war hier jede Menge mächtige Magie im Einsatz. Ich hatte schon von Lovelace gehört. Er galt als hervorragender Zauberer und gestrenger Zuchtmeister. Zum Glück hatte er mich noch nie in seine Dienste gezwungen, und ich verspürte auch keine große Lust, mir seine Feindschaft oder die seiner Sklaven zuzuziehen.
Aber ich musste dem verflixten Jungen gehorchen.
Die tropfnasse Amsel hob von ihrem Ast ab, segelte über die Straße, wobei sie elegant dem Lichtkreis der Straßenlaterne auswich, und landete auf einem räudigen Rasenfleck vor der Mauer. Dort hatte jemand für die Müllabfuhr am nächsten Morgen vier schwarze Plastiksäcke hingestellt. Die Amsel hüpfte dahinter. Eine Katze, die den Vogel von Weitem beobachtet hatte, wartete kurz, ob er wieder hervorkäme, verlor dann die Geduld und flitzte neugierig hinterher. Doch hinter den Müllsäcken war kein Vogel mehr, kein schwarzer und auch sonst keiner. Nur ein frischer Maulwurfshügel.
Feuchte Erde im Mund ist einfach widerlich. So etwas ist einem Luft- und Feuerwesen nicht zuträglich. Bei solchen Gelegenheiten droht mich die Last des Erdbodens jedes Mal zu erdrücken. Deshalb bin ich auch so wählerisch in Bezug auf meine Erscheinungsformen. Vögel - na gut. Insekten - auch gut. Fledermäuse - in Ordnung. Alles, was schnell rennen kann, ist prima. Baumbewohner sind sogar noch besser. Unterirdische Lebewesen - nicht gut. Maulwürfe - ganz schlecht.
Aber wenn man einen Schutzschild umgehen will, darf man nicht wählerisch sein. Ich hatte ganz richtig vermutet, dass er nicht bis unter die Erde reichte. Der Maulwurf buddelte sich tief in den Boden, unter dem Mauerfundament hindurch. Obwohl ich mir fünfmal den Kopf an einem Stein stieß, ging kein magischer Alarm los. Nach zwanzig Minuten Wittern und Wühlen und etlichen Begegnungen mit saftigen Würmern, auf die meine Knopfnase bei jedem zweiten, dritten Scharren traf, erreichte ich wieder die Oberfläche.
Der Maulwurf streckte vorsichtig den Kopf aus dem kleinen Erdhaufen, den er auf Simon Lovelace' makellosem Rasen aufgeworfen hatte, sah sich um und peilte die Lage. Im Erdgeschoss brannte Licht. Die Vorhänge waren zugezogen, die oberen Stockwerke dunkel, jedenfalls soweit es der Maulwurf erkennen konnte. Darüber wölbte sich die durchscheinende blaue Kuppel des magischen Abwehrnetzes. Ein gelber Wächter drehte drei Meter über dem Gebüsch seine stumpfsinnige Runde, die beiden anderen waren vermutlich hinter dem Haus.
Ich versuchte es noch einmal auf der siebten Ebene. Immer noch nichts, nur diese dumpfe Ahnung von Gefahr. Na schön.
Der Maulwurf tauchte wieder ab, buddelte sich unter den Graswurzeln näher an das Haus heran und kam im Blumenbeet direkt unter den Fenstern wieder zum Vorschein. Er dachte angestrengt nach. Es war nicht besonders sinnvoll, in dieser Gestalt weiterzumachen, so sehr es ihn auch lockte, in den Keller einzudringen. Eine andere Methode musste her.
Jetzt tönten Gelächter und Gläserklirren an seine pelzigen Ohren. Die Geräusche waren erstaunlich laut, sie kamen ganz aus der Nähe. Kaum einen halben Meter entfernt, befand sich ein geborstener alter Lüftungsschacht. Er führte ins Haus.
Erleichtert verwandelte ich mich in eine Fliege.
Aus dem Schutz des Lüftungsschachts spähte ich mit meinen Facettenaugen in einen ziemlich spießigen Salon. Ein dicker Florteppich, hässliche Streifentapeten, ein scheußliches Kristallungetüm, das einen Kronleuchter darstellen sollte, zwei altersbraune Ölgemälde, ein Sofa und zwei Sessel (ebenfalls gestreift), ein niedriger Couchtisch mit einem Silbertablett und auf dem Tablett eine Flasche Rotwein, aber keine Gläser. Letztere befanden sich in den Händen zweier Menschen.