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EAN: 9783647101132
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Die Autoren untersuchen an den drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam, inwiefern Religionen meinen, eine politische Aufgabe wahrnehmen zu müssen.
Die Autoren widmen sich dem Verhältnis von Religion und Politik in den drei großen monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam unter einem besonderen Aspekt: Inwiefern und warum gehört es zum Selbstverständnis von Religionen, eine politische Aufgabe wahrnehmen zu müssen? Wie erklärt und wie äußert sich der Anspruch von Religionen, eine »politische Aufgabe« zu besitzen? Die Beiträge untersuchen das politische Selbstverständnis der Religionen und kontrastieren es mit der Fremdwahrnehmung dieses Selbstverständnisses aus nichtreligiöser Perspektive.
Über den Autor:
Irene Dingel, Dr. phil. habil. theol., Jahrgang 1956, ist Direktorin des Instituts für Europäische Geschichte (Abteilung für Abendländische Religionsgeschichte) und Professorin für Kirchen- und Dogmengeschichte an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, sowie Ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz. Irene Dingel ist vor allem mit zahlreichen Veröffentlichungen zur Konfessionsbildung und Konfessionalisierung in der Frühen Neuzeit hervorgetreten.
Christiane Tietz, geb. 1967, Dr. theol., ist Professorin für Systematische Theologie und Sozialethik an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Mainz, Mitglied im Rat der EKD und Vorsitzende der deutschen Sektion der Internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft.
| ISBN-10: | 3-647-10113-3 |
|---|---|
| EAN: | 9783647101132 |
| Erschienen: | 16.11.2011 |
| Verlag: | Vandenhoeck & Ruprecht |
| Einband: | |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Auflage: | 1 |
| Seitenzahl: | 433 |
| Erschienen bei: | Vandenhoeck & Ruprecht |
| Spieldauer: | 3897 KB |
| Kapitel: | 0 |
| Medium: |
Irene Dingel, Dr. phil. habil. theol., Jahrgang 1956, ist Direktorin des Instituts für Europäische Geschichte (Abteilung für Abendländische Religionsgeschichte) und Professorin für Kirchen- und Dogmengeschichte an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, sowie Ordentliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz. Irene Dingel ist vor allem mit zahlreichen Veröffentlichungen zur Konfessionsbildung und Konfessionalisierung in der Frühen Neuzeit hervorgetreten.
Christiane Tietz, geb. 1967, Dr. theol., ist Professorin für Systematische Theologie und Sozialethik an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Mainz, Mitglied im Rat der EKD und Vorsitzende der deutschen Sektion der Internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft.
Die politische Aufgabe der Kirche im Anschluss an die Lutherische »Zwei-Regimenten-Lehre« (S. 259-260)
Christiane Tietz
Das Thema dieses Beitrages mag auf den ersten Blick erstaunen, galt doch die Lutherische »Zwei-Regimenten-Lehre«1 lange Zeit als theoretische Begründung für die kritiklose Unterordnung lutherischer Christen unter die jeweiligen obrigkeitlichen Verhältnisse und als Ausdruck dafür, dass aus lutherischer Sicht die Aufgabe der Kirche gerade nicht politisch, sondern geistlich ist. So fand der Lutheraner Christoph Ernst Luthardt in dieser Lehre Ende des 19. Jahrhunderts den »Satz von der Innerlichkeit des Christenthums im Unterschied von dem äußeren Leben in der Welt, wie es auf der Schöpfung beruht«2; entscheidend sei »die Unterscheidung zwischen dem Gottesreich und dem Weltreich«.
Und er fügte hinzu: Der Christ solle die Ordnungen der Welt nicht umgestalten, das Besondere sei die »christ liche Gesinnung des im Glauben neu gewonnenen Herzens, welche der Christ in alles irdische Leben hineintragen soll«4. Wegen solcher Beschränkungen luthe rischer Ethik auf eine bestimmte innere Gesinnung diagnostizierte Ernst Troeltsch 1912 kritisch: »[...] das Luthertum [hat] den Einfluß der herrschenden Mächte überall erlitten.
Die Weichheit seiner ganz innerlichen Spiritualität schmiegte sich den jeweils herrschenden Gewalten an«. Insbesondere während des Kirchenkampfes im 20. Jahrhundert und im direkten Anschluss daran sah man in der »Zwei-Reiche-Lehre« den Grund für die »mangelnde[...] theologische[...] und kirchliche[...] Entschlossenheit und Geschlossenheit gegenüber dem nationalsozialistischen Staat«6. Dass man bei Lutheranern in diesen Jahren lesen konnte:
»Die Evangelische Kirche hat von Martin Luther gelernt, die Bereiche [...] der Politik und der Religion, des Staates und der Kirche klar zu unterscheiden«7, machte man als Ursache für die Untätigkeit der Kirche gegenüber dem nationalsozialistischen Unrecht aus. So klagte Karl Barth bereits 1939, es leide das deutsche Volk »an der Erbschaft des größten christlichen Deutschen: an dem Irrtum Martin Luthers hinsichtlich des Verhältnisses [...] von weltlicher und geist licher Ordnung und Macht, durch den [... das] natürliche [...] Heidentum [des deutschen Volkes] nicht sowohl begrenzt und beschränkt als vielmehr ideologisch verklärt, bestätigt und bestärkt worden ist«.
Barth und andere propagierten statt der »Zwei-Reiche-Lehre«, die es »vorläufig« zu »suspendieren« gelte, die Lehre von der »Königsherrschaft Christi« als das allein angemessene protestantische Politikmodell. In jüngerer Zeit nun sind eine ganze Reihe von historischen Untersuchungen und systematischen Neuinterpretationen zur Lutherischen »Zwei-Reiche- Lehre« vorgelegt worden10, die als Reaktion auf diese Kritik versuchen, politischen Quietismus zu vermeiden.
Ich will diese Neuinterpretationen nicht Entwurf für Entwurf referieren, sondern den durch sie erreichten Verständnisgewinn in Bezug auf die »Zwei-Reiche-Lehre« zusammenfassen. 1. Luthers Grundgedanken liegen nicht als ausgefeiltes System vor, sondern müssen aus Gelegenheitsschriften und Predigten rekonstruiert werden12. Weiter muss zwischen Luthers Auffassung und späteren Modifikationen, gar Verzeichnung derselben, sei es durch Lutheraner, sei es durch Kritiker lutherischer Theologie, unterschieden werden13. Im Folgenden wird entsprechend nicht auf die »Zwei-Reiche-Lehre« des Luthertums, sondern auf Luthers Überlegungen zurückgegangen.