Rezension vom 11.05.2012
Die Geschwister Clara, Claude und Pierre treffen sich zum ersten Mal seit Jahren beim Familienanwalt wieder. Ihre wohlhabende Mutter ist gestorben und hat in ihrem Testament verfügt, dass die drei nur an ihr Erbe gelangen, wenn sie den Jakobsweg pilgern und zwar gemeinsam. Das Problem dabei: sie sind sich spinnefeind und wandern überhaupt nicht gerne. Sie sind wütend auf ihre verrückte Mutter, aber dennoch treten sie die Reise an, denn schließlich wollen alle das Geld haben.
Die zynische Clara muss ihren arbeitslosen Mann und ihre beiden Kinder mit dem schmalen Gehalt ernähren, das sie als Lehrerin verdient. Sie kann es nicht fassen, dass sie zwei Monate mit ihren einfältigen Brüdern verbringen muss, aber ihre Familie braucht das Geld.
Claude hat Frau und Kinder zurückgelassen, ist arbeitslos und trinkt. Er lebt von einen Tag auf den anderen. Immer wieder bettelt er seine Tochter um Geld an, die es ihm gibt, obwohl sie dafür das Mittagessen ausfallen lassen muss.
Pierre ist Leiter einer Firma und eigentlich hat er das Geld gar nicht unbedingt nötig, aber seine Geschwister zwingen ihn zum Mitgehen. Er versucht seine Arbeit auch während der Pilgerreise zu erledigen schließlich kann er nicht einfach alles stehen und liegen lassen.
Mit ihrer Streiterei gehen Clara, Pierre und Claude ihren Mitpilgern gehörig auf die Nerven, denn die haben ja schließlich ihre eigenen Probleme. Guy, der Coach der Pilgergruppe, kann nur wenige Monate im Jahr bei seiner Familie verbringen, da er für ihren Lebensunterhalt sorgen muss. Mathilde hat grade eine erfolgreiche Chemotherapie hinter sich und sucht auf dem Jakobsweg Heilung für ihren Geist. Die Cousinen Camille und Elsa kommen aus reichen Familien und wollen ein Abenteuer erleben. Said ist in Camille verliebt und nur deshalb mit seinem Cousin Ramzi auf dem Jakobsweg unterwegs. Ramzis Mutter denkt, die beiden pilgern nach Mekka schließlich sind sie Muslime- und hat ihnen in der Hoffnung, dass Ramzi endlich lesen lernt, ihre letzten Ersparnisse gegeben.
Zwei lange Monate pilgern neun Menschen zusammen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Als sie in Santiago de Compostela ankommen, sind sie eine eingeschweißte Gruppe. Glücksmomente wie der Handyempfang in der Abgeschiedenheit werden gemeinsam durchlebt, ebenso wie die schmerzenden, blasenwerfenden Füße und die gefürchtete Pyrenäenetappe der Pilgerreise.
Coline Serreau nimmt ihre Leser mit auf eine Pilgerreise, auf der sich nicht nur ihre Romanfiguren verändern, sondern die auch den Leser berührt. Als müsse man erst alle Zweifel durchlaufen, als müsste man durch die Hölle und durch die schmerzliche körperliche und seelische Selbstversenkung gehen, um die Schönheit des Lebens zu erkennen.