Buch
gebunden (554 Seiten)
Sprache: Deutsch
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von Martin Suter
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von Susan Mallery
von Bart Moeyaert
Warum haben Sie Asyl beantragt? Diese Frage muss der namenlose Erzähler mehrfach täglich ins Russische übersetzen. Er arbeitet als Dolmetscher für die Schweizer Einwanderungsbehörde bei Vernehmungen von Flüchtlingen aus der ehemaligen Sowjetunion. Doch beim Übersetzen des fremden Leids legt sich seine eigene Lebensgeschichte wie eine zweite Schicht um die Worte. Auch er ist ein Emigrant, der sich nach denen sehnt, die er nicht mehr um sich hat: nach seiner Frau und seinem Kind. Und plötzlich treten dem Dolmetscher neben seinen eigenen Erinnerungen und Gefühlen auch Geschichten aus anderen Welten und Zeiten entgegen. Auf faszinierende Weise erzählt Schischkin ein Jahrhundert russischer Geschichte und bettet außerdem das Leben des Dolmetschers durch Verweise in einen Kosmos der gesamten Weltkultur ein. "Venushaar" ist eine vielstimmige Parabel auf das verlorene Paradies - kunstvoll komponiert, stilistisch virtuos.
| ISBN-10: | 3-421-04441-4 |
|---|---|
| EAN: | 9783421044419 |
| Originaltitel: | Venerin volos |
| Erschienen: | 08.03.2011 |
| Verlag: | DVA |
| Einband: | gebunden |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 554 |
| Gewicht: | 690 g |
| Übersetzer: | Andreas Tretner |
Andreas Tretner, geb. 1959 in Gera ist Übersetzer u.a. von Boris Akunin und Vladimir Sorokin.
Michail Schischkin ist einer der meist gefeierten russischen Autoren der Gegenwart. Er wurde 1961 in Moskau geboren, studierte Linguistik und unterrichtete Deutsch. Seit 1995 lebt er in der Schweiz. Seine Romane wurden national und international vielfach ausgezeichnet.
Dem Dareios und der Parysatis wurden zwei Söhne geboren, ein älterer, Artaxerxes, ein jüngerer, Kyros.
Die Befragungen beginnen morgens um acht. Alle sind noch verschlafen, zerknittert, mürrisch – die Beamten ebenso wie die Dolmetscher, die Polizisten und die Asylanten. Die, die erst noch Asylanten werden wollen, genauer gesagt. Einstweilen sind sie bloß GS. Gesuchsteller. So heißen diese Menschen hier.
Der Erste wird hereingeführt. Vorname. Zuname. Geburtsdatum. Aufgeworfene Lippen. Pickel überall. Älter als sechzehn, so viel ist klar.
Frage: Führen Sie kurz die Gründe aus, weshalb Sie um Gewährung von Asyl in der Schweiz bitten.
Antwort: Mit zehn kam ich ins Heim. Unser Direktor hat mich vergewaltigt. Ich bin abgehauen. Auf einem Parkplatz hab ich Trucker getroffen, die über die Grenze fahren. Einer hat mich rausgeschafft.
Frage: Warum haben Sie Ihren Direktor nicht bei der Polizei angezeigt?
Antwort: Die hätten mich totgeschlagen.
Frage: Wer sind »die«?
Antwort: Die stecken doch alle unter einer Decke. Der Direktor hat mich und noch einen Jungen und zwei Mädchen ins Auto gepackt und auf eine Datscha gefahren. Nicht seine, die von irgendwem, keine Ahnung. Dort trafen sie sich, die ganzen Chefs, auch der Polizeichef. Sie haben gesoffen und auch uns Alkohol eingeflößt.
Dann wurden wir auf die Zimmer aufgeteilt. Das Haus war groß.
Frage: Sind damit alle Gründe genannt, weshalb Sie um Gewährung von Asyl bitten?
Antwort: Ja.
Frage: Beschreiben Sie Ihren Reiseweg. Aus welchem Land sind Sie in die Schweiz eingereist, und wo genau?
Antwort: Das weiß ich nicht. Ich saß im Truck, hinter Kartons. Ich bekam zwei Plastikflaschen: eine mit Wasser, eine für den Urin. Nur nachts durfte ich raus. Hier ganz in der Nähe haben sie mich abgesetzt. Ich weiß ja nicht mal, wie die Stadt heißt. Ich bekam gesagt, wo ich hingehen soll, um mich zu stellen.
Frage: Haben Sie sich in der Vergangenheit politisch oder religiös
betätigt?
Antwort: Nein.
Frage: Sind Sie vorbestraft? Wurde gegen Sie ermittelt?
Antwort: Nein.
Frage: Haben Sie schon einmal in einem anderen Land einen Asylantrag gestellt?
Antwort: Nein.
Frage: Haben Sie in der Schweiz eine Rechtsvertretung?
Antwort: Nein.
Frage: Stimmen Sie einer Knochengewebeuntersuchung zur gutachterlichen Feststellung Ihres Alters zu?
Antwort: Was?
In der Pause kann man im Dolmetscheraufenthaltsraum einen Kaffee trinken. Die Fenster gehen hier auf die Baustelle, wo ein neues Empfangszentrum für Asylsuchende errichtet wird.
In Abständen glüht der weiße Plastikbecher in meinen Händen auf, das ganze Zimmer erstrahlt im Widerschein der Schweißblitze. Das kommt, weil der Schweißer direkt vor dem Fenster arbeitet.
Niemand sonst ist im Raum, ich kann zehn Minuten ungestört lesen.
Also: Dem Dareios und der Parysatis wurden zwei Söhne geboren, ein älterer, Artaxerxes, ein jüngerer, Kyros. Als Dareios krank war und das Ende seines Lebens vorausahnte, wollte er beide Söhne in seiner Nähe haben. Der ältere war nun zufällig anwesend. Kyros aber ließ er aus dem Herrschaftsbereich rufen, zu dessen Satrapen er ihn gemacht hatte.
Auch die Buchseiten flammen auf im Blitzlicht des Schweißens. Das Lesen ist unangenehm – nach jedem Blitz wird die Seite schwarz.
Es dringt selbst durch die geschlossenen Lider.
Peter schaut zur Tür herein. Herr Fischer. Der Schicksalslenker.
Er zwinkert mir zu als wolle er sagen: Sollen wir wieder? Und auch er wird angeblitzt wie von einem Fotoapparat. Prägt sich ein mit einem zugekniffenen Auge.
Frage: Verstehen Sie den Dolmetscher?
Antwort: Ja.
Frage: Wie ist Ihr Name?
Antwort: ***.
Frage: Vorname?
Antwort: ***.
Frage: Wie alt sind Sie?
Antwort: Sechzehn.
Frage: Haben Sie einen Pass oder ein anderes Dokument, das Ihre Identität bezeugt?
Antwort: Nein.
Frage: Sie müssen doch eine Geburtsurkunde haben. Wo ist sie?
Antwort: Verbrannt. Alles ist verbrannt. Die haben unser Haus abgefackelt.
Frage: Wie heißt Ihr Vater?
Antwort: *** ***. Er ist schon lange tot, ich kann mich gar nicht an ihn erinnern.
Frage: Was war die Todesursache?
Antwort: Weiß ich nicht. Er war viel krank. Hat getrunken.
Frage: Geben Sie den Vor- und Nachnamen sowie Mädchennamen Ihrer Mutter an.
Antwort: ***. Mädchenname weiß ich nicht. Sie ist ermordet worden.
Frage: Wer hat Ihre Mutter ermordet, wann und unter welchen Umständen?
Antwort: Die Tschetschenen.
Frage: Wann?
Antwort: Diesen Sommer. Im August.
Frage: An welchem Tag?
Antwort: Das weiß ich nicht mehr genau. Kann sein, am neunzehnten oder am zwanzigsten. Weiß ich nicht mehr.
Frage: Wie wurde Ihre Mutter ermordet?
Antwort: Erschossen.
Frage: Geben Sie Ihren letzten Wohnsitz vor der Ausreise an.
Antwort: ***. Das ist ein kleines Dorf in der Nähe von Shali.
Frage: Geben Sie die genaue Adresse an: Straße, Hausnummer.
Antwort: Adresse gibt es nicht, da war nur eine Straße und unser
Haus. Das steht nicht mehr. Abgebrannt. Vom ganzen Dorf ist
nichts übrig.
Frage: Haben Sie Verwandte in Russland? Geschwister?
Antwort: Einen Bruder hatte ich. Einen großen Bruder. Er wurde
getötet.
Frage: Wer hat Ihren Bruder getötet, wann und unter welchen Umständen?
Antwort: Die Tschetschenen. Auch da. Zusammen mit der Mutter.
Frage: Sonst noch Verwandte in Russland?
Antwort: Sonst keine.
Frage: Haben Sie Verwandte in Drittländern?
Antwort: Nein.
Frage: In der Schweiz?
Antwort: Nein.
Frage: Welcher Nationalität gehören Sie an?
Antwort: Russe.
Frage: Konfession?
Antwort: Wie?
Frage: Religion?
Antwort: Ja.
Frage: Orthodox?
Antwort: Ja, ja. Ich hatte nicht richtig verstanden.
Frage: Führen Sie kurz die Gründe aus, weshalb Sie um Gewährung von Asyl in der Schweiz bitten.
Antwort: Zu uns kamen immerzu Tschetschenen und wollten, dass mein Bruder mit ihnen in die Berge geht und gegen die Russen kämpft. Sonst würden sie ihn töten. Meine Mutter hat ihn versteckt gehalten. Als ich an dem Tag nach Hause kam, hörte ich aus dem offenen Fenster Schreie. Ich versteckte mich beim Schuppen im
Gebüsch und sah, wie im Zimmer drinnen ein Tschetschene mit dem Gewehrkolben auf meinen Bruder einschlug. Es waren mehrere, alle mit Kalaschnikows. Den Bruder konnte ich nicht sehen, er lag schon am Boden. Und dann hat sich meine Mutter mit dem Messer auf sie gestürzt. Dem kleinen Küchenmesser zum Kartoffelschälen. Einer von denen hat sie gegen die Wand gestoßen, das Gewehr gegen ihren Kopf gehalten und abgedrückt. Dann sind sie rausgekommen, haben das Haus mit Benzin aus einem Kanister begossen und angezündet. Dann standen sie da und haben zugeguckt, wie es brannte. Mein Bruder hat noch gelebt, ich habe ihn schreien
hören. Ich hatte Angst, dass sie mich sehen und auch umbringen.
Frage: Reden Sie weiter, erzählen Sie, was dann geschah.
Antwort: Dann sind sie weggegangen. Und ich hockte da, bis es finster wurde. Ich wusste nicht, was tun und wohin. Ich bin dann zu einer russischen Wachpostenstelle an der Straße nach Shali. Ich dachte, die Soldaten könnten mir irgendwie helfen. Aber die haben selber bloß Angst, sie jagten mich weg. Ich wollte ihnen erklären, was passiert war, aber sie schossen in die Luft, damit
ich mich verzog. Ich hab die Nacht draußen in irgendeinem zerstörten Haus verbracht. Mich anschließend nach Russland durchgeschlagen. Und von da nach hier. Dort möchte ich nicht leben.
Frage: Sind damit alle Gründe genannt, weshalb Sie um Gewährung von Asyl bitten?
Antwort: Ja.
Frage: Beschreiben Sie Ihren Reiseweg. Durch welche Länder sind Sie gekommen und mit welchen Verkehrsmitteln?
Antwort: Je nachdem. Mit Zügen. S-Bahn und Eisenbahn. Über Weißrussland, Polen, Deutschland.
Frage: Hatten Sie Geld, um Fahrkarten zu erwerben?
Antwort: Woher denn? Ich bin schwarzgefahren. Hab mich von den Kontrolleuren ferngehalten. In Weißrussland bin ich einmal geschnappt und während der Fahrt aus dem Zug geschmissen worden. Ich hatte Glück, dass der Zug gerade langsam fuhr und dass da eine Böschung war. Ich bin gut gefallen, ohne mir was
zu brechen. Hab mir nur an Glasscherben das Bein aufgeschlitzt. Hier, sehen Sie. Dann hab ich auf dem Bahnhof übernachtet, eine Frau gab mir Pflaster.
Frage: Welche Dokumente haben Sie beim Grenzübertritt vorgewiesen?
Antwort: Keine. Ich bin immer nachts zu Fuß rüber.
Frage: Wo und auf welche Weise haben Sie die Schweizer Grenze
überschritten?
Antwort: Hier in … wie heißt das noch mal …
Frage: Kreuzlingen.
Antwort: Ja. Ich bin ganz normal an der Polizei vorbei. Die kontrollieren nur Autos.
Frage: Womit haben Sie Ihren Lebensunterhalt bestritten?
Antwort: Mit nichts.
Frage: Was soll das heißen? Haben Sie gestohlen?
Antwort: Je nachdem. Manchmal ja. Was hätte ich tun sollen? Man hat doch Hunger.
Frage: Haben Sie sich in der Vergangenheit politisch oder religiös betätigt?
Antwort: Nein.
Frage: Sind Sie vorbestraft? Wurde gegen Sie ermittelt?
Antwort: Nein.
Frage: Haben Sie schon einmal in einem anderen Land einen Asylantrag gestellt?
Antwort: Nein.
Frage: Haben Sie in der Schweiz eine Rechtsvertretung?
Antwort: Nein.
Während der Drucker das Protokoll ausspuckt, bleiben alle stumm. Der Junge polkt an seinen abgekauten schwarzen Fingernägeln. Seine Jacke und die schmutzigen Jeans riechen nach Zigarettenrauch und Urin.
Zurückgelehnt sitzt Peter auf seinem Stuhl und schaukelt, dabei sieht er aus dem Fenster, wo Vögel ein Flugzeug überholen.
Ich male Kreuzchen und Kästchen in meinen Block, ziehe Diagonalen hindurch und schwärze die entstandenen Dreiecke so, dass ein regelmäßiges Relief entsteht.
An den Wänden ringsum hängen Fotos. Der Schicksalslenker ist ein fanatischer Angler. Hier hält er auf Alaska einen dicken Fisch bei den Kiemen, dort irgendein karibisches Tier am kräftigen Haken, der aus dem Riesenrachen ragt.
Hinter meinem Kopf hängt eine Weltkarte. Übersät mit farbigen Stecknadelköpfen. Schwarze Nadeln stecken in Afrika, gelbe in Asien. Weiße Nadelköpfe ragen aus den Balkanländern, Weißrussland, der Ukraine, Moldawien, Russland und dem Kaukasus. Nach dieser Befragung wird ein weiterer hinzukommen.
Nadelstichtherapie.
Der Drucker verstummt und blinkt rot – das Papier ist alle.
Hochwerter Nabuccosaurus!
Ihr erhieltet von mir schon ein flüchtiges Kärtchen, das mehr und Näheres in Aussicht stellte. Nun denn!
Nach vollbrachtem Tagwerk hinter schwedischen Gardinen kehrte ich heim. Aß Makkaroni. Las nochmals Eure Botschaft, die mich so höchlich erfreut hat. Mein Blick ging aus dem Fenster. Wind trieb die Dämmerung heran. Es regnet in Strömen. Unten auf dem Rasen liegt ein roter Schirm, wie ein klaffender Schnitt
in der Grashaut.
Aber der Reihe nach.
Es geschieht wahrlich nicht jeden Tag, dass der Postbote unsereins mit Botschaften aus fremden Landen verwöhnt. Noch dazu solchen! Zwischen Rechnungen und Reklame die freudige Überraschung: ein Brief von Euch, worin Ihr Euren Staat, den Staat des großen Nabuccosaurus, bis ins Kleinste beschreibt:
seine ruhmreiche geografische Vergangenheit, Ebbe und Flut der Geschichte, Sitten der Flora und Gebräuche der Fauna, Vulkane, Gesetze, Katapulte und die kannibalischen Gelüste der Bevölkerung. Wie zu erfahren war, hat es sogar Vampire bei Euch da unten und Draculas! Und Ihr führt also das Zepter. Sehr
erfreut.
Zwar wimmelt es in Eurem Schreiben von grammatischen Fehlern, aber was tut das zur Sache! Fehler korrigieren, das lässt sich lernen, doch solcherart Botschaft wird mir von Euch gewiss kein zweites Mal zuteil. Kaiser werden furchtbar schnell erwachsen und vergessen ihre Reiche.
An der beigelegten Karte Eures Inselimperiums, dem gediegenen Werk begabter kaiserlicher Kartografen, vermag ich mich gar nicht sattzusehen. Wisst Ihr was, ich werde sie mir hier an meine Wand pinnen! Dann kann ich immer schauen und rätselraten, wo zwischen all den Bergen, Wüsten und Seen, Filzstiftfeldern,
-wäldern und -metropolen Ihr wohl gerade seid. Und was Ihr so treibt? Seid Ihr schon umgezogen aus der Sommerresidenz ins Herbstpalais? Oder schlaft Ihr schon? Eine unversenkbare Flotte behütet Euren Schlaf: Sieh an, sieh an, Triremen und Unterseeboote umkreisen in Kiellinie die Inseln.
Und welch ruhmreicher Name für den wohltätigen Herrn! In bunten Lettern geschrieben! Ich habe ja so meine Vermutungen, wie Ihr drauf kamt, doch die behalte ich für mich.
Nun bittet Ihr in Eurem Sendschreiben, Einblick zu erhalten in unseren Staat, der Euch fern und Euren Erdkundlern und Entdeckungsreisenden noch unbekannt ist. Wie könnte ich dieses Begehren unbefriedigt lassen!
Was also gibt es über unser Reich zu sagen? Es ist ein gelobtes, gastliches, wolkenkratzendes Land. Gemessen an der Fläche, sind drei Jahre im Galopp keine Entfernung. Gemessen an der Zahl der Mücken pro Körper der Bevölkerung in schlaflosen Stunden, sucht es seinesgleichen. Gemessen spaziert die Katze auf der Mauer.
Unsere Karte ist reich an weißen Flecken, vor allem wenn es schneit. Die Grenzen sind so weit, man weiß gar nicht, was eigentlich dahinter kommt. Die einen sagen: der Horizont. Anderen Quellen zufolge die Schlusskadenz der Engelsposaunen. Verbürgt ist jedoch, dass wir ungefähr nördlich der Hellenen liegen, an den Ufern des Himmelsozeans, über den nun wieder unsere unversenkbare Wolkenflotte in Kiellinie zieht.
Flora ist einstweilen noch vorhanden, von der Fauna sind nur die Wipfel der Bäume da draußen übrig, die aussehen wie Schwärme von Jungfischen. Der Wind scheucht sie.
Unsere Fahne ist ein Chamäleon, die Gesetze lassen sich drehen, von Vulkanen ist mir persönlich nichts bekannt.
Die hauptsächliche Frage, an der sich die imperialen Geister hier seit Generationen scheiden, ist: Wer sind wir und wozu? Bei aller Augenscheinlichkeit – die Antwort ist vage. Von vorne sind wir Sarmaten, von der Seite Hyperboreer, also entweder Orotschen oder Tungusen. Und jeder ist ein Ministerium für sich. Pardon, Mysterium wollte ich schreiben.
Woran die Leute hier glauben, ist primitiv, doch nicht ohne Poesie. Manche glauben felsenfest, die Welt wäre eine große Elchkuh und der Wald ihr Fell, darin die wilden Tiere als Parasiten hausen und die Vögel darüber als schwirrendes Ungeziefer. So sieht sie aus, die Herrin des Universums. Und fällt es ihr ein, sich an einem Baum zu scheuern, dann hebt das große Sterben an.
Kurzum, dieses Reich hat irgendwer zur besten aller Welten erklärt, und Euer ergebener Diener ist in ihr – das wolltet Ihr doch wissen: ob nicht zufällig der Chef vom Ganzen …? – nein, kein Chef. Aber wie sag ich es meinem lieben Nabuccosaurus, welchen Geschäften wir hier nachgehen? Ich will einmal so sagen:
Selbst diese ängstlich schwärmende Fischbrut draußen vor dem Fenster, nicht ahnend, dass sie nur Laub ist im Wind – selbst die glaubt, dass da für jeden einer sei, der auf ihn wartet, an ihn denkt und ihn von Angesicht kennt: jedes Äderchen, jedes Tüpfelchen. Davon bringt sie keiner ab. Und so kommen sie gekrochen aus allen erdenklichen Welten, aus jedem Dorf ein Hund: Raubeine und Mimosen, Märtyrer und Angehörige, Linkshänder und Rechtshänder, Racketeers und Taxidermisten. Keiner versteht keinen. Und hier leiste ich Dienste. Meines Zeichens Dolmetsch in der Flüchtlingskanzlei des Ministeriums für Paradiesverteidigung.
Jeder möchte was erklären. Hofft darauf, angehört zu werden. Dafür sind wir da, Petrus und ich. Ich dolmetsche die Fragen und Antworten, Petrus schreibt auf und nickt: Aha, und das soll ich Ihnen glauben. Petrus glaubt keinem. Stellt sich zum Beispiel eine hin und sagt: »Ich bin eine einfache Hirtin, Findelkind, kenne meine Eltern nicht, ein armer Ziegenhirte hat mich aufgezogen, Dryas mit Namen.« Und schon geht es los, vom Hölzchen aufs Stöckchen: Bäume voller Obst, Felder voller Korn, Wein an den Hängen, Herden auf den Wiesen, überall das sanfte Zirpen der Zikaden und der Früchte süßer Wohlgeruch. Und dann: Piratenüberfall, feindliche Invasion. Gepflegte Fingernägel leuchten auf im Licht des Feuerzeugflämmchens. »Ich bin auf dem Dorf groß geworden, das Wort Liebe habe ich nie einen sagen hören. Und Spiralen gab’s für mich nur im Sofa. Ach, mein geliebter Daphnis! Man hat uns getrennt, uns Unglückselige! Ein Stress am andern. Mal will eine tyrische Clique sich prügeln, mal bläst Besuch aus Methymna sich auf. Daphnis hat mich zu den Kunden begleitet, als Leibwächter. Die Frisur entscheidet mit, wie der Tag läuft und letztlich das Leben. Sehen Sie, was die mit meinen Zähnen gemacht haben? Meine Zähne taugen so schon nicht viel. Die hab ich von Mama. Sie erzählte immer, wie sie als Kind den Putz vom Ofen gepolkt und gegessen hat. Kalziummangel. Genauso hab ich, wie ich mit Janotschka schwanger war, den Lehrern am Institut die Kreide geklaut und geknabbert. Liebe ist wie der
Mond – wenn sie nicht zunimmt, nimmt sie ab –, aber die neue ist wie die alte, immer derselbe Mond.« – »War es das?«, fragt Petrus. »Ja.« – »Dann hätten wir hier«, sagt Petrus, »noch Ihre bildschönen Fingerabdrücke« – und zeigt sie ihr. »Wie? Was soll das heißen?«, fragt sie und ist baff. »Das soll heißen, dass wir in unserer schönen Reichskartei Ihre schmutzigen Finger drinhaben.« Und schmeißt sie achtkant raus. Noch aus dem Fahrstuhl hört man sie brüllen: »Ihr seid doch keine Menschen, ihr seid doch feuchter Lehm! Geformt hat man euch wohl, doch etwas einzuhauchen vergaß man!«
Ein anderer wiederum bringt keinen vernünftigen Satz zustande. Sprudelt aber wie ein Wasserhahn. Ich strenge mich an herauszukriegen, was er da kollert, derweil richtet Petrus die Dinge auf seinem Schreibtisch fein säuberlich aus – als wollte er, Tischvorsteher sozusagen, die Parade seiner Bleistifte und Zahnstocher abnehmen. Er kriegt die Zeit bezahlt. Keine Eile. Petrus ist ein ordnungsliebender Mensch. Und dieser GS schwätzt von irgendeinem Sesam, brüllt, dass es sich gefälligst öffnen soll. Stammelt was von weißen Kreidezeichen am Tor, später sind es rote. Will uns weismachen, er hätte still und friedlich in seinem Schlauch gesessen, und dann plötzlich – zack, siedend Öl von oben. Da schaut her!, brüllt er, ist das eine Art?! Siedendes Öl auf einen lebendigen Menschen? Für einen abschlägigen Bescheid genügt es, Unstimmigkeiten in den Aussagen des Räubers zu finden. Also greift Petrus hinter sich in sein schlaues Regal, nimmt ein Büchlein zur Hand, und nun kommt der Stein ins Rollen. Sag mir doch mal, mein Bester, wie viel Kilometer sind es von deinem Kaff Bagdadowka bis in die Hauptstadt? Und wie steht der Piaster aktuell zum Dollar? Werden in dem Land, das dich verlassen hat, außer dem Tag der Unbefleckten Empfängnis und dem Tag des ersten Schneemanns noch weitere Nationalfeiertage begangen, und wenn ja, welche? Welche Farbe haben die Straßenbahnen? Die Wasserschläuche? Und ein Laib Borodinobrot kostet wie viel?
Oder es kommen beispielsweise Hebräer, entlassen aus babylonischer Gefangenschaft, mit dem Freiheitschor aus Nabucco, dritter Akt, auf den Lippen, und unser Tischvorsteher fragt sie:
»Welche Sprache wird im Königreich der Chaldäer gesprochen?« –
»Akkadisch!«, kommt die Antwort. »Und wie heißt der Tempel
für den Gott Marduk in Babylon?« – »Esagil!« – Und der Turm
daselbst?« – »Etemenanki.« – »Und welcher Göttin ist das nördliche Tor geweiht?« – »Ischtar, der Göttin der Venus. Wohingegen die Sonne von Schamasch verkörpert wird und der Mond von Sin. Nergal ist der Mars. Im Saturn sehen die feigen Babylonier Ninurta, Nabu im Merkur, und Marduk selbst ist eine Verkörperung des Jupiter. Von diesen sieben Astralgöttern rührt übrigens die Siebentagewoche her. Hätten Sie’s gewusst?« – »Hier stelle ich die Fragen! Uneheliche Tochter des Nebukadnezar, neun Buchstaben, der zweite ein B.« – »Ja, halten Sie uns denn für blöd?
Abigaille natürlich!«
Vor Petrus war Sabina Tischvorsteherin. Im Gegensatz zu ihm hat sie allen geglaubt. Keine Fangfragen aus dem allwissenden Büchlein gestellt. Nie den Stempel Prioritätsfall benutzt. Darum wurde sie entlassen. Petrus setzt ihn auf beinahe jede Akte. Gleich vorn auf Seite eins. Das bedeutet: beschleunigtes Verfahren in Anbetracht naheliegender Abweisung. Der GS unterschreibt das Protokoll, sagt Auf Wiedersehen, schenkt dem Schicksalslenker sein untertänigstes Lächeln, auch dem Dolmetsch und dem Wächter mit der Hellebarde, der ihn abholt, hofft, dass nun endlich alles gut wird – und kaum ist die Tür zu, setzt Petrus, peng, seinen Stempel aufs Papier.
Das war kein Job für Sabina. Manchmal, wenn der Dolmetsch mit ihr in der Pause ins Café gegenüber ging, kam sie ins Klagen: dass sie nach der Arbeit, zu Hause beim Abendessen, die Frau vor sich sehe, die bei der Befragung weinend erzählt hatte, wie man ihrem Sohn die Fingernägel ausriss, und der Junge ohne Fingernägel saß nebenan im Warteraum. Kinder werden getrennt von ihren Eltern befragt.
»Du darfst hier mit niemandem Mitleid haben«, sagte Sabina einmal. »Mir aber tun sie alle leid. Du musst abschalten können, zum Roboter werden, Frage-Antwort, Frage-Antwort, Formular ausfüllen, Protokoll unterschreiben, und ab damit nach Bern. Sollen die entscheiden. Nein, ich muss mir eine andere Arbeit suchen.«
Sabina war aber auch ein ausgesprochenes Tischvorsteherküken. Nach ihrer Entlassung zog sie ans entgegengesetzte Ende des Reiches und schickte dem Dolmetsch von da eine merkwürdige Postkarte. Aber das ist alles nebensächlich. Vielleicht erkläre ich es später mal. Oder auch nicht.
Sieht so aus, als wären wir ein wenig abgeschweift, mein hochwerter Nabuccosaurus.
Was lässt sich noch zum Ruhme unseres Imperiums sagen? Auch wir haben hier, stellt Euch vor, U-Boote und Wüsten, sogar einen Dracula haben wir – keinen Vampir, einen echten. Wie überhaupt alles echt ist hier.
Ja, was noch? Es ist dunkel geworden. Die Wunde im Gras hat sich geschlossen.
Ach so, was ich zu sagen vergaß: Kannibalismus ist auch bei uns noch nicht ausgestorben, und der uns alle aufzufressen droht, ist kein Geringerer als der Monarch höchstselbst, oder ist es eine Monarchin, ich habe länger nicht im höfischen Adressbuch nachgesehen, und sowieso hängt das Geschlecht von der Sprache ab, jedenfalls gibt es den einen Herodes den Großen, aber sonst, wenn man nicht ständig daran denkt, ist das Leben hier ein lustig Lied- lein, das mir heute Morgen in der Straßenbahn einer angehängt hat, während er am Bahnhof ausstieg.
Lustig auch, sich vorzustellen, wie Ihr diesen Brief in ein paar Jahren zugestellt bekommt und Euch vielleicht gar nicht mehr entsinnen könnt, einstmals der Kaiser dieses wunderbaren, an meine Wand gepinnten Imperiums gewesen zu sein …
Stift, Notizblock, Wasserglas. Sonnenschein draußen vorm Fenster. Das Wasser im Glas wirft einen schillernden Sonnenkringel an die Decke – das ist schon kein Kringel mehr, sondern ein ausgewachsener Schwimmring, und für einen Moment sieht es aus wie ein großes Ohr. Oder ein Embryo. Die Tür geht auf. Der Nächste.
Frage: Führen Sie kurz die Gründe aus, weshalb Sie um Gewährung von Asyl bitten.
Antwort: Ich war Zollangestellter an der kasachischen Grenze. Militärs beförderten Drogen in ihren Autos, und mein Chef hatte mit ihnen einen Deal. Wir sollten vor alledem die Augen verschließen, ganz normal abfertigen. Ich schrieb einen Brief an den FSB. Ein paar Tage später wurde meine Tochter von einem Auto angefahren. Ich bekam einen Anruf. Das sei nur eine Vorwarnung gewesen, hieß es.
Frage: Führen Sie kurz die Gründe aus, weshalb Sie um Gewährung von Asyl bitten.
Antwort: Bei den Gouverneurswahlen unterstützte ich aktiv den Kandidaten der Opposition, nahm an Protestmeetings teil und sammelte Unterschriften. Ich wurde aufs Polizeirevier bestellt, ich sollte gefälligst aufhören, Enthüllungen über die Gebietsleitung in die Welt zu setzen. Mehrmals wurde ich von Milizionären in Zivil verprügelt. Meinem Asylantrag habe ich medizinische Gutachten über einen Kieferbruch, einen Armbruch und weitere Prügelfolgen beigefügt. Wie Sie sehen, bin ich invalid und kann keiner Arbeit nachgehen. Meine mitgereiste Ehefrau hat Magenkrebs.
Frage: Führen Sie kurz die Gründe aus, weshalb Sie um Gewährung von Asyl bitten.
Antwort: Ich bin aidskrank. In unserer Stadt haben sich alle von mir losgesagt. Selbst meine Frau und die Kinder. Infiziert wurde ich im Krankenhaus, bei einer Bluttransfusion. Ich habe alles verloren: Arbeit, Freunde, mein Zuhause. Ich habe nicht mehr lange zu leben. Ich dachte mir, wenn ich schon sterben muss, dann hier bei Ihnen, unter menschlichen Umständen. Sie werden mich schon nicht rauswerfen.
Frage: Führen Sie kurz die Gründe aus, weshalb Sie um Gewährung von Asyl bitten.
Antwort: Es war einmal im rechtgläubigen Muntenien ein Woiwode mit Namen Dracula. Einmal ließ ihm ein türkischer Pascha durch Gesandte ausrichten, er solle sich ihm unterwerfen und dem christlichen Glauben abschwören. Während die Gesandten mit dem Woiwoden sprachen, nahmen sie ihre Mützen nicht ab, und auf die Frage, warum sie den hohen Herrn in dieser Weise beleidigten, sprachen sie: So ist es, Herr, in unseren Landen nun einmal Sitte. Da befahl Dracula seinen Dienern, den Gesandten die Mütze am Kopf festzunageln, und sandte ihre Leichname retour mit der Botschaft, es gebe nur einen Gott, aber die Sitten seien verschieden. Der erboste Pascha kam mit einer riesigen Armee gegen das rechtgläubige Land gezogen, ein Morden und Plündern hob an. Der Woiwode Dracula sammelte seine nicht sehr zahlreichen Heerscharen, überfiel die Muselmanen des Nachts und tötete gar viele von ihnen, schlug die übrigen in die Flucht. Am nächsten Morgen ließ er seine Kämpfer, so sie am Leben geblieben, zum Appell antreten. Wer seine Wunden vorne trug, dem erwies er höchste Ehre und hieß ihn einen Recken. Wer aber am Rücken wund war, den ließ er pfählen und sprach zu ihm: Du bist kein Mann, du bist ein Weib. Wie der Pascha davon hörte, zog er mit seinen verbliebenen Truppen ab und wagte das Land kein weiteres Mal zu überfallen. So lebte der Woiwode Dracula in seinen Landen hin. Nun war es aber so, dass es in Muntenien zu jener Zeit eine große Zahl an Bettlern, Krüppeln, Kranken und Siechen gab. Und da er nun sah, wie viele in seinem Land unglücklich waren, hieß er sie alle zu sich kommen. Und es kamen Unglückselige, Krüppel und Waisen sonder Zahl, die der hohen Gnade gewärtigten, und ein jeder sprach zu ihm von seinen Fährnissen und Nöten: Der eine hatte sein Bein verloren, der andere ein Auge eingebüßt, dem Dritten ward der Sohn getötet, der Vierte hatte einen Bruder, der aufgrund eines ungerechten Urteils schuldlos im Kerker einsaß. Und der Jammer war groß, und ein großes Stöhnen ging über das ganze muntenische Land. Da hieß Dracula sie alle miteinander in ein großes Haus einziehen, das eigens dafür errichtet worden war, und ließ ihnen erlesene Speisen und Getränke im Überfluss vorsetzen. Man tafelte und war fröhlich. Und er kam zu ihnen und sprach: »Was könntet ihr noch wollen?« Und alle erwiderten ihm:
»Ach, das wisst nur Ihr, hoher Herr, und Gott allein. Tut, was der liebe Gott Euch eingibt!« Also sprach er zu ihnen: »Wollt ihr, dass für euch alles Leid in diesem Jammertal ein End hat, dass keine Not an gar nichts mehr ist, ihr nicht mehr weinen müsst ob eines verlorenen Beines oder eines ausgeflossenen Auges, eines toten Sohnes und eines unrechten Spruchs?« Und sie, in Erwartung eines Wunders, antworteten so: »O ja, das wollen wir, Herr!« Da hieß er das Haus zusperren, mit Stroh umlegen und anzünden. Und es ward ein gewaltiges Feuer, und alle verbrannten darin.
Hochwerter Nabuccosaurus!
Ich habe im Briefkasten nachgesehen – wieder nichts von Euch.
Wir murren nicht. Bestimmt habt Ihr andere Sorgen. Schließlich sind es Staatsaufgaben, die Eurer harren. Hoffentlich müsst Ihr nicht gerade jemandem den Krieg erklären oder habt unliebsamen Besuch von Außerirdischen. Auf alles muss man ein Auge haben. Da bleibt keine Zeit zum Schreiben.
Bei uns ist alles beim Alten.
Das Universum wächst sich aus. Der Dolmetsch tut, was des Dolmetschs ist.
Zu Hause gleich alles zu vergessen, was tagsüber gewesen ist, das funktioniert nicht. Man trägt es bei sich.
Diese Menschen, diese Reden – man wird sie nicht los.
Und dabei ist es immer dasselbe. Was könnte es im Dolmetschdienst Neues geben? Alles läuft in eingefahrenen Gleisen. Alles in der höheren Orts beglaubigten Form. Jede Frage erfolgt nach Schema F, jede Antwort genauso. Bei der Standardeinweisung schont Petrus inzwischen seine Stimme, lässt sie den Dolmetsch für den verschüchterten GS vom Blatt übersetzen. Also liest der Dolmetsch vor: »Guten Tag! Schön, dass Sie da sind! Treten Sie ein, bitte schön, lassen Sie uns gemeinsam diesen endlos langen Tag verkürzen! So setzen Sie sich doch, Stehen macht nicht klüger, wie man sagt, gewiss sind Sie müde von der Reise. Ich lasse gleich den Samowar aufstellen! Und die Stiefel, die stellen wir hierhin, näher zum Ofen. Nun, wie gefällt Ihnen unser bester aller weißen Flecken auf der Landkarte, wo der Mensch ist, was er ist, und spricht, wenn er schweigt? Ach, Sie haben noch gar nichts davon gesehen? Na, das wird schon noch! Wollen Sie sich vielleicht lieber hier herüber setzen, vom Fenster weg? Nicht dass Ihnen noch kalt wird? Sagen Sie Bescheid, wenn es zieht? Fein. Wo waren wir stehen geblieben? Ah ja. Hier kreuzen alle möglichen Leute auf, wissen Sie. Verlottert, nicht sehr gescheit, mit schlechten Zähnen – und lügen wie gedruckt. Behaupten, sie hätten ihre Dokumente verloren – und das nur, damit man sie nicht gleich wieder zurückschickt. Erzählen Schauergeschichten von sich. Andere als schauerliche kommen hier gar nicht vor. Und das in allen Einzelheiten. Halten einem ihre Elefantenpatschhände unter die Nase, in die ihnen angeblich flüssige Vaseline gespritzt worden ist. Gruselmärchen und Räuberpistolen. Die lassen Sachen vom Stapel, man könnte sich hinsetzen und einen Kriminalroman schreiben. Als hätte die Mama ihnen nie beigebracht, dass man immer die Wahrheit sagen muss. Schinden Mitleid. Wollen ins Paradies. Schöne Märtyrer! Aber um Mitleid geht es nicht. Es geht um die Klärung von Sachverhalten. Will man ihnen den Zutritt zum Paradies verwehren, muss man unbedingt rauskriegen, wie es sich wirklich verhält. Aber wie soll man das rauskriegen, wenn die Leute mit den Geschichten, die sie auftischen, verwachsen sind.
von Sara Stridsberg
von Hisham Matar
von Silvia Avallone
von Abbas Khider