Nachtkuss

Roman

von Linda Howard

Buch

Taschenbuch (480 Seiten)

Sprache: Deutsch

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Verliebt in ihren Entführer: spannend, prickelnd und gefährlich


Als Jenner Redwine den Jackpot einer Lotterie gewinnt, ist nichts mehr, wie es war. Wem kann sie noch trauen, und wer ist nur auf ihr Geld aus? Erst Jahre später hat sie sich daran gewöhnt, reich zu sein, und beschließt mit ihrer neuen Freundin Sydney, eine Kreuzfahrt zu machen. Doch die Reise wird zu einem Horrortrip. Ein verführerischer Unbekannter nimmt Jenner als Geisel und droht sie zu töten, wenn sie nicht kooperiert. Ein gefährliches Spiel. Und ein leidenschaftliches. Denn plötzlich wird aus Furcht Faszination und aus Verachtung wird Verlangen ...


Produktdetails

Verkaufsrang: 5.876
ISBN-10: 3-442-37603-3
EAN: 9783442376032
Originaltitel: Burn
Erschienen: 15.11.2010
Verlag: Blanvalet
Einband: Taschenbuch
Sprache(n): Deutsch
Seitenzahl: 480
Länge/Breite: 184mm/116mm
Gewicht: 370 g
Übersetzer: Christoph Göhler
Reihe: Blanvalet Taschenbücher
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Linda Howard

Linda Howard erhielt für ihre Romane bereits mehrere Auszeichnungen, u.a. für den besten erotischen Roman. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Golden Retrievern auf einer Farm in Alabama.

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Kundenrezensionen

  • Gute Unterhaltung Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv

    von einer Kundin/einem Kunden, am 28.01.2011

    0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.

    Eine durchaus spannende Story. Nicht gerade realistisch, manchmal auch unlogisch, aber das verlangt man in diesem Genre auch nicht. Sicherlich einer der besseren Romane von LH.

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    ja nein

  • Super tolles spannendes buch! Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von Keici Waals, am 10.06.2010

    0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.

    Ein unglaubliches Buch!
    Von Jenner kann man viel Lernen!
    Zum Beispiel durch angst selbstbewusst zu sein oder zu werden!

    Zum Buch: Jenner wird gekidnappt, allerdings ist ihr entführer der unglaublich attraktive Cael!
    Im laufe des Buches stellt sich raus, dass Cael zu den `guten´ gehört. Auch Jenner bemerkt das und findet sich immer mehr zu ihm hingezogen!

    Leider dauert es etwas lange, bis es sowohl zwischen den beiden, als auch mit der eigentlichen geschichte richtig interessant wird, aber es lohnt sich, es zu lesen!

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    ja nein

Prolog
Gegenwart, an Bord der Silver Mist
Das war keine Kreuzfahrt, sondern ein Höllentrip.
Jenner Redwine saß wie gelähmt auf dem Barhocker, versuchte sich in Erinnerung zu rufen, was Bridget ihr eingeschärft hatte, und bemühte sich, es mit dem Albtraum in Einklang zu bringen, der sich gerade abspielte. Bridget hatte ihr erklärt, dass irgendwann im Lauf des Abends ein Mann und eine Frau in Streit geraten würden. Die Frau, Tiffany, würde verschwinden, und dann würde der Mann, Cael, Jenner ansprechen. Sie hatte die Anweisung bekommen, sich interessiert und aufgeschlossen zu zeigen. Sie sollte alles tun, was er verlangte, sonst würde Syd, ihre einzige wahre Freundin auf dieser Welt, umgebracht werden.
Die Szene entwickelte sich ganz und gar nicht wie erwartet. Tiffany machte keine Anstalten, die Bar zu verlassen. Sie zeterte, stampfte mit dem Fuß auf und steigerte sich, scheinbar alkoholisiert, in einen Wutanfall, obgleich sie keineswegs betrunken war. Sie beschuldigte Cael, mit Jenner geschlafen zu haben, obwohl sie erst vor wenigen Stunden an Bord gegangen waren und - wahrscheinlich - noch niemand mit irgendwem geschlafen hatte. Weil Cael Jenner angesprochen hatte, bevor er mit Tiffany zu streiten begann, hatte sie natürlich nicht geahnt, wer er war. Er hatte neben ihr im Gedränge an der Bar gestanden, um eine Bestellung aufzugeben, und nichts zu ihr gesagt, was irgendwie zweideutig geklungen hätte. Nein, abgesehen von diesem vor allen Leuten ausgetragenen Streit entwickelte sich der Abend ganz und gar nicht so, wie Bridget es angekündigt hatte.
Cael würde noch an den Details feilen, hatte Bridget gesagt. Das hatte er getan, so viel stand fest. Wahrscheinlich war es ganz gut, dass Jenner keine Ahnung hatte, was als Nächstes passieren würde. Sie war keine Schauspielerin und konnte nicht aus dem Stand eine filmreife Szene improvisieren. Die anderen konnten das offenbar sehr wohl.
Der Mann, der Cael vorhin angeschubst hatte, mischte sich jetzt genauso laut und genauso heftig lallend ein und fuhr Tiffany an, sie würde Unsinn reden und solle in ihre Kabine verschwinden, um sich auszuschlafen. Er war offenbar entschlossen, die Schuld für den lautstarken Streit auf sich zu nehmen, was, auch wenn er betrunken war, eine nette Geste war. Vielleicht gehört er ja auch zu ihnen, dachte Jenner. Da sie ihn nicht kannte, hätte er weiß Gott wer sein können.
Wirklich unverdächtig waren nur die Menschen, die ihr schon länger bekannt waren, begriff sie. Sie hatte zwar keine Ahnung, wem sie hier nicht trauen konnte, aber sie wusste definitiv, wem doch, auch wenn ihr das herzlich wenig nutzte. Was auch gespielt wurde, sie musste auf Gedeih und Verderb mitspielen, wenn sie Syd nicht im Stich lassen wollte, denn ihre Freundin schwebte in Lebensgefahr. Am liebsten hätte Jenner sich betrunken; im Zustand der Trunkenheit hätte sie nicht so viel Angst ausgestanden.
Wenn sie nur eine Idee gehabt hätte, wie sie diese Menschen wieder aus ihrem Leben vertreiben konnte - aus ihrem und Syds. Stattdessen stand sie Todesängste aus, dass die ganze Sache für sie und Syd übel ausgehen würde, ganz gleich, was sie unternahm. Wenn sie wenigstens gewusst hätte, was man von ihr erwartete, hätte sie sich vielleicht nicht so sehr davor gefürchtet und wäre sich nicht ganz so hilflos vorgekommen. Das Gefühl von Hilflosigkeit konnte sie einfach nicht leiden, am allerwenigsten bei sich selbst.
Vielleicht war es an der Zeit, wieder die Initiative zu ergreifen, so wie vorhin, als sie auf den Balkon getreten war, während Faith Wache gestanden hatte. Sie glitt von ihrem Hocker und versuchte sich an Cael vorbeizuschieben, als wollte sie sich unbemerkt aus dem Staub machen, aber Tiffany kreischte sofort auf: »Versuch nicht, dich zu verdrücken, als wärst du völlig unschuldig! Ich habe genau gesehen, wie du ihn angeflirtet hast
»Ich kenne Sie überhaupt nicht«, fiel ihr Jenner ins Wort, während Cael sich umdrehte und ihr unauffällig den Fluchtweg abschnitt, indem er einen Schritt zur Seite trat. »Und ihn kenne ich auch nicht, also lassen Sie mich gefälligst in Frieden.« Sie fing den Blick einer Frau namens Leanne Ivey auf, die sie aus Palm Beach kannte, und zuckte ratlos mit den Achseln, als hätte sie keine Ahnung, was das alles sollte. Leanne reagierte mit einem mitfühlenden Lächeln.
Plötzlich erschien Faith in der Menge, stellte sich zu Tiffany, legte den Arm um die Schultern der schwarzhaarigen Frau und begann leise auf sie einzureden. Tiffany brach sofort in Tränen aus und ließ sich von Faith wegführen, womit das Drama beendet war. Fast im selben Moment humpelte Faiths Ehemann Ryan auf Cael zu. »Es war ausgesprochen galant von Ihnen, dass Sie ihr die Suite überlassen haben«, verkündete er mit voller Stimme und gerade so laut, dass die Umstehenden ihn verstehen konnten.
Cael zuckte mit den Achseln. »Ich konnte sie ja schlecht rauswerfen, oder?« Er stand immer noch so, dass Jenner zwischen ihm und Ryan eingekeilt war. Die beiden hatten sie damit so in die Zange genommen, als hätte jeder einen Arm gepackt und festgehalten. Nicht dass es wirklich zählte. Auch wenn ihrem Gesicht deutlich anzusehen war, dass sie gern verschwunden wäre - sie konnte nirgendwo hin.
Die Silver Mist war ein großes Schiff voller Menschen mitten auf dem Meer. Selbst wenn diese Leute nicht ihre Freundin in der Gewalt gehabt hätten und Jenner ihnen tatsächlich entkommen wäre, hätte sie nirgendwohin fliehen können. Cael würde sie finden, wo sie sich auch versteckte. So sehr es ihr auch widerstrebte, bei diesem Spiel mitzumachen, sie wollte lieber nicht wissen, wozu er fähig war, wenn er nicht seinen Willen bekam.
»Bei unserer Reservierung gab es eine Verwechslung«, fuhr Ryan fort. »Jetzt haben wir eine Suite mit zwei Schlafräumen statt mit einem bekommen. Wenn Sie möchten, können Sie den freien Raum haben.«
»Das ist überaus großzügig. Aber ich will erst nachfragen, ob es noch eine freie Kabine gibt. Wissen Sie zufällig, ob das Schiff ausgebucht ist?«
Jenner hätte am liebsten laut aufgeschrien. Die beiden Männer unterhielten sich so unbefangen, als wären sie sich bei einer Party über den Weg gelaufen. Niemand außer ihr ahnte, was sich hier wirklich abspielte. Vermutlich hatten die beiden es genauso geplant, aber dieses Geplauder wetzte wie Sandpapier an ihren Nerven.
Ryan zog eine Schulter hoch. »Nein, tut mir leid. Aber wenn sonst nichts mehr frei sein sollte, können Sie auf jeden Fall zu uns ziehen. Ich habe das schon mit Faith besprochen. Sie brauchen sich also keine Sorgen zu machen, ob ihr das recht ist.« Erst jetzt sah er Jenner an und schenkte ihr ein freundliches, fast mitfühlendes Lächeln. »Ein ganz schön aufregender Start für eine Kreuzfahrt, nicht wahr?«
»Ziemlich explosiv«, bestätigte sie und versuchte noch einmal, sich seitlich an den beiden vorbeizuschieben. Sie fühlte sich zwischen den riesigen Männern so beengt, dass sie Schwierigkeiten beim Atmen hatte. Sie nahmen ihr im wahrsten Sinn des Wortes die Luft, und sie musste dringend durchschnaufen. Sie hatte das Gefühl, zwischen ihnen zermalmt zu werden, dabei berührten die beiden sie nicht einmal. Und dann _
^ umfasste Ryan ihren Ellbogen in einer scheinbar fürsorglichen Geste, mit der er sie gleichzeitig festhielt. »Wurden Sie einander schon vorgestellt, oder sind Sie aus heiterem Himmel ins Kreuzfeuer geraten?«
»Nein, wir kennen uns noch nicht«, antwortete Cael, obwohl Ryan Jenner angesprochen hatte.
»Das macht die ganze Szene noch lächerlicher, nicht wahr?« Ryan schickte ein kurzes, bedauerndes Lachen von Mann zu Mann hinterher. »Jenner Redwine, das ist Cael Traylor.«
»Sehr erfreut.« Cael streckte die Hand aus, und Jenner blieb nichts anderes übrig, als sie zu schütteln. Seine festen warmen Finger legten sich um ihre, und sie spürte die leichten Schwielen in seiner Handfläche. Als sie aufsah, blickte sie in kalte blaue Augen, die jede Bewegung registrierten und jedes noch so kleine Zucken in ihrem Gesicht bemerkten.
Sie hatten die Streitszene völlig umgeschrieben, begriff sie, weil sie und Cael auf diese Weise sympathischer wirkten, als wenn er Tiffany den Laufpass gegeben und sich gleich danach an sie herangemacht hätte. Offenbar hatte Bridget Jenners Kommentar weitergegeben, dass es nicht ihre Art sei, sich mit Schleimern einzulassen. Schließlich sollte niemand bei ihrer »unerwarteten Romanze« Verdacht schöpfen. Also hatten sie Tiffany als aufdringliche Betrunkene auftreten lassen und damit den Zuschauern das neue Pärchen sympathisch gemacht. Nun waren sie einander sogar offiziell vorgestellt worden, und das von einem Mann, der allem Anschein nach absolut harmlos und wohlerzogen war.
Aalglatt, dachte sie grimmig. Diese Leute waren aalglatt. Sie durfte sie auf keinen Fall unterschätzen und würde bei allem, was ihnen noch einfiel, mitspielen müssen. Das hieß allerdings nicht, dass sie bedingungslos kapitulieren und sich tot stellen würde; auch das war nicht ihre Art.
Sie musste nur abwarten, bis Syd außer Gefahr war. Sie klammerte sich an den Gedanken, dass Syd unverletzt freigelassen und sie selbst irgendwann eine Gelegenheit bekommen würde, diesen Menschen heimzuzahlen, was sie ihr und ihrer Freundin angetan hatten. Schon die Vorstellung, es könnte anders enden, hätte sie gelähmt - und das durfte sie keinesfalls zulassen. Bis sich ihr eine solche Gelegenheit bieten würde, blieb ihr nichts anderes übrig, als alles zu tun, was Cael ihr befahl.
Nur ihr Überlebensdrang - und ihre Rachegelüste - hinderten sie daran, laut aufzuschreien. Stattdessen plauderte sie weiter mit Ryan und Cael, wobei sie das Gespräch für das immer noch neugierig lauschende Publikum möglichst flach und unzusammenhängend hielten. Cael dankte Ryan nochmals für dessen Angebot, die freie Kabine in ihrer Suite zu nutzen, und wandte sich dann ab, um Jenners Drink und den von ihm bestellten Ghostwater von der Bar zu nehmen.
Er warf einen Blick auf den Ghostwater, verzog das Gesicht und stellte ihn zurück. »Der war für Tiffany«, sagte er zu Jenner. »Sie hatte vorhin einen und wollte unbedingt noch einen zweiten trinken. Ich habe jetzt also aus nächster Nähe erlebt, wie stark und schnell sie wirken.«
Sie nickte, antwortete aber nicht. Er sollte sich für seine Instant-Romanze ruhig ein bisschen ins Zeug legen.
Er sah sich in der überfüllten Bar um. Größtenteils hatten die Anwesenden ihre Gespräche wieder aufgenommen. Die Musik hatte ebenfalls wieder eingesetzt. Er nickte einigen Gesichtern zu - waren es bloße Bekannte oder gehörten sie zu seiner Truppe? - und meinte dann: »Wollen wir ein bisschen spazieren gehen? Ich könnte etwas Bewegung gebrauchen.«
»Gehen Sie nur«, antwortete Ryan, bevor Jenner ablehnen oder zustimmen konnte. »Ich sehe lieber mal nach, wie Faith mit Tiffany zurechtkommt.«
Nachdem sich auf dem Lidodeck zu viele Menschen und Liegestühle drängten, fand sich Jenner wenig später auf dem Sportdeck wieder, wo sie neben Cael auf und ab ging. Obwohl das Sportdeck direkt über dem Lidodeck lag, war der Geräuschpegel hier deutlich niedriger, und sie hatten kaum Gesellschaft. Sie wechselten kein Wort; stur geradeaus blickend stapfte sie dahin, bis er sie schließlich am Arm zurückhielt und sie zwang, langsamer zu gehen. »Das sieht fast so aus, als wollten Sie vor mir davonlaufen.«
»Was Sie nicht sagen«, erwiderte sie sarkastisch. Es ärgerte sie ungemein, dass seine Stimme so weich und tief und er selbst so groß und gutaussehend und elegant war. Sie hatte einen ganz gewöhnlichen Gauner erwartet, der ihr auf den ersten Blick unsympathisch gewesen wäre. Schließlich war er ein Kidnapper und damit krimineller Abschaum. Ihr Herz hämmerte wie wild vor Angst - und vor Anspannung, weil sie wenigstens aus der Ferne den
Eindruck erwecken musste, sie würde sich gerade auf eine Kreuzfahrt-Romanze einlassen.
»Denken Sie an Ihre Freundin«, erwiderte er scheinbar beiläufig, aber noch leiser als vorhin. Die Brise trug alle Worte weiter, und hier oben wehte der Fahrtwind des Schiffes, der ihr die Haare aus dem Gesicht blies, noch stärker. Fröstelnd rieb sie sich mit den Händen über die nackten Arme.
»Ich denke ständig an sie. Sonst hätte ich Sie längst ins Meer gestoßen.«
»Dann sollten Sie noch inniger an sie denken! Bisher jedenfalls verkaufen Sie unserem Publikum erbärmlich schlecht, dass es zwischen uns gefunkt hat.«
»Wem soll ich hier denn irgendwas verkaufen? Hier oben ist doch niemand«, schoss sie zurück, und damit hatte sie mehr oder weniger recht. Ein paar vereinzelte Pärchen schlenderten genau wie sie an der Reling entlang, außerdem hatte sich ein Raucher hierher zurückgezogen, der allein abseits stand. Sie war eben keine so gute Schauspielerin, wie er sich gewünscht hätte, da half keine noch so finstere Drohung. Anders als diese Leute war sie nicht in der Lage, auf Kommando jemand anderen zu verkörpern.
»Wann Sie wem was verkaufen müssen, entscheide ich, nicht Sie. Und ich will, dass Sie jetzt damit anfangen.« Völlig mühelos zog er sie herum, bis sie ihn ansehen musste und so nah vor ihm stand, dass seine Körperwärme sich um sie legte wie eine Decke. Das Schiff war hell erleuchtet, aber die tiefe Nacht, die sie umgab, zog scharfe Schatten über sein Gesicht und ließ seine Züge noch härter und strenger wirken. Er sah sie lange an. Plötzlich atmete er tief ein, legte die Hände an ihre Taille und zog sie an seinen Körper. »Sie nehmen die Gesundheit Ihrer Freundin nicht so ernst, wie Sie sollten.«
»Ich habe alles getan, was Sie verlangt haben!« Auch wenn es ihr missfiel - sie hatte mitgespielt. Ihre Stimme zitterte leise. Sollte das heißen, dass sie Syd schon etwas angetan hatten?
»Küssen Sie mich, als würden Sie es wirklich wollen«, befahl er und senkte langsam den Kopf.
Diesmal kam sie seinem Befehl nicht nach. Sie konnte es einfach nicht. Auch wenn sein Atem angenehm sauber und sein Mund warm und seine Lippen fest waren, konnte sie nicht vergessen, wer und was er war und was seine Komplizen mit Syd angestellt hatten. Steif und mit angehaltenem Atem stand sie vor ihm, die Arme an die Seiten gepresst, und ließ sich küssen. Falls er auch nur einen Funken Mitgefühl besaß, musste er merken, dass sie Todesängste ausstand, aber vermutlich war für Cael jeder Funke Mitgefühl ein Funke zu viel.
»Ihre Freundin«, knurrte er über ihrem Mund und vertiefte den Kuss noch, indem er den Kopf zur Seite neigte und mit seiner Zunge ihren Mund zu erforschen begann. Jenner stand wie gelähmt da, weil ihr das Herz vor Angst aus der Brust zu springen drohte, aber dann dachte sie an Syd und hob gehorsam die Arme, um sie um seinen Hals zu schlingen.
Gleichzeitig versuchte sie immer noch, etwas Abstand zwischen ihren Körpern zu halten und ihn weder mit den Brüsten noch mit ihren Hüften zu berühren. Sie wollte ihm nicht näher kommen als unbedingt nötig. Aus einiger Entfernung musste jeder glauben, dass sie den Kuss genoss, und das hätte ihm eigentlich genügen müssen. Trotzdem brach er ihren Widerstand, indem er sie noch fester an sich zog, ihren Leib wie den einer Geliebten an seinen schmiegte und sie so festhielt. Unter seinem Seidenhemd spürte sie die festen Muskeln an seinen Schultern, und sie merkte, wie etwas Dickes, Festes gegen ihren Unterleib drückte.
O Gott. Jetzt geriet sie wirklich in Panik. Er bekam eine Erektion. Das hier war kein normales Date; sie konnte sich nicht darauf verlassen, dass er ihren Willen respektierte, dass er sich von einem »Nein« aufhalten lassen würde. Sie versuchte zurückzuweichen und wieder etwas Abstand zwischen ihren Körpern herzustellen, aber er hielt sie eisern umklammert. Sie war ganz und gar seiner Gnade ausgeliefert, wenn es denn für ihn überhaupt so etwas gab ^ Und musste sie nicht das Schlechteste von ihm denken? Was hatte er mit ihr vor? Ihr schwante Übles, aber sie hatte keine Ahnung, wie sie ihn hätte aufhalten sollen.
Machte Syd in diesem Moment vielleicht das Gleiche durch? Bis jetzt hatte sie sich ausschließlich darauf konzentriert, dass Syd überlebte, doch jetzt wurde ihr klar, dass ihr auch etwas anderes zustoßen konnte, dass sie womöglich beide nicht unbeschadet aus dieser Affäre hervorgehen würden. Inzwischen erschienen ihr die Rachefantasien, die sie vorhin gesponnen hatte, trivial. Sie wollte überleben; sie wollte nicht leiden. Und für Syd wollte sie das Gleiche. Was später passieren würde, interessierte nicht mehr, geblieben war nur die nackte Angst vor dem Tod oder dem Leid.
»Nicht«, hörte sie sich wimmern. Wie konnte sie ihn anbetteln, wo sie ihm doch eigentlich nur ins Gesicht spucken wollte? Wie konnte sie ihm verraten, wie verängstigt sie war?
»Dann tun Sie so, als würden Sie es wirklich wollen«, ermahnte er sie zum zweiten Mal und küsste sie gleich wieder.
Zornig und hilflos erwiderte sie seinen Kuss.
Erster Teil
Losglück
Sieben Jahre vorher _
Gerade als Jenner Redwine über den Parkplatz zu ihrem Wagen ging, begann ihr Handy zu läuten. Bestimmt war es Dylan. Sie merkte, wie Ärger in ihr aufflackerte, während sie den Apparat aus den Tiefen ihrer Jeans-Handtasche fischte; sie hatte das Ding erst seit fünf Wochen, und schon hatte Dylan ein festes Ritual entwickelt. Ohne aufs Display zu blicken, drückte sie auf den Annahmeknopf, sagte »Hallo« und wartete ab, ob sie ihre Wette gegen sich selbst gewann.
»Hey, Babe«, sagte er wie üblich.
»Hey.« Falls er auch nur etwas Einfühlungsvermögen besaß, würde er merken, dass sie ganz und gar nicht erfreut klang, aber »Einfühlungsvermögen« und »Dylan« waren direkte Gegensätze.
»Schon fertig mit der Arbeit?«
Als hättest du nicht genau diesen Zeitpunkt abgepasst, dachte sie, sprach es aber nicht aus. »Ja.«
»Kannst du vielleicht beim Supermarkt Halt machen und mir ein Sixpack mitbringen? Das Geld gebe ich dir dann.«
Bis jetzt hast du's noch jedes Mal vergessen, dachte sie verdrossen, und allmählich hatte sie das satt. Er verdiente mehr als sie in seinem Loser-Job, trotzdem schnorrte er sie ständig um Bier an. Nur noch dieses eine Mal, nahm sich
Jenner fest vor, nachdem sie »Okay« gesagt und aufgelegt hatte. Wenn er diesmal wieder nicht zahlte, hatte sie ihm das letzte Mal Bier besorgt.
Gerade hatte sie die Spätschicht in der Harvest Meat Packing Company hinter sich gebracht. Sie war völlig erledigt und ihre Fußsohlen pochten, nachdem sie acht Stunden auf Beton gestanden und Fleisch verpackt hatte. Dylan arbeitete in seiner Werkstatt in der Frühschicht, und das bedeutete, dass er seit etwa acht Stunden frei und es trotzdem nicht für nötig gehalten hatte, sich sein Bier selbst zu besorgen. Stattdessen hatte er vor ihrem Fernseher gelegen und ihr Essen verdrückt.
Anfangs hatte sie geglaubt, ein fester Freund sei ein Gewinn, aber Jenner konnte es nicht ausstehen, wenn sich jemand allzu dämlich anstellte, selbst wenn sie selbst dieser Jemand war. Falls Dylan sich nicht auf wundersame Weise besserte, würde sie ihn in Kürze unter »Fehlgriff« abhaken. Sie würde ihm noch diese eine Chance einräumen - nicht weil sie glaubte, dass er sie nutzen würde, sondern weil sie irgendwie diesen letzten kleinen Beweis brauchte, um den entscheidenden Schritt zu tun. Dass sie an Menschen festhielt, die sie eigentlich in die Wüste schicken sollte, war ein Charakterfehler, aber sie kannte sich gut genug, um zu akzeptieren, dass sie ihm diese letzte Chance lassen musste, weil sie andernfalls von Unsicherheit zerfressen würde.
Endlich war sie bei ihrem verbeulten blauen Dodge angekommen, schloss ihn auf und zerrte am Türgriff - die Fahrertür klemmte wie üblich. Nachdem die Tür ihren Bemühungen erst störrisch widerstanden hatte, flog sie urplötzlich mit einem rostigen Quietschen auf und ließ Jenner zurücktaumeln. Mit mühsam unterdrücktem Zorn stieg sie ein, knallte die Tür wieder zu und schob den Schlüssel ins
Zündschloss. Der Motor sprang sofort an. Ihr Dodge, der in der Modellpalette die Typenbezeichnung »Blaue Gans« erhalten hatte, sah vielleicht nicht besonders gut aus, aber er war zuverlässig, und das allein zählte. Damit hatte sie wenigstens etwas, worauf sie sich verlassen konnte, selbst wenn es nur ein verbeulter, rostiger Wagen war.
Der nächste Supermarkt lag ein paar Blocks abseits von ihrem Heimweg, aber immerhin so nah bei ihrer Wohnung, dass Dylan problemlos selbst hätte hinfahren können. Der 7-Eleven war hell erleuchtet und der Parkplatz auch zu dieser späten Stunde gerammelt voll. Jenner zwängte den Dodge in eine Parklücke, die enger war als eine zu klein gekaufte Strumpfhose, aber egal - wen störte schon eine weitere Beule, wenn das Auto praktisch nur aus Beulen bestand?
Sie warf sich mit der Schulter gegen die Tür, die, selbstverständlich, sofort aufging und gegen den Wagen nebenan knallte. Sie verzog das Gesicht, quetschte sich durch den Spalt und rieb mit dem Finger über die Macke in dem anderen Wagen, als könnte sie das Blech damit ausbeulen. Nicht dass der Besitzer die Delle bemerken würde - schließlich sah sein Wagen fast so übel aus wie ihre Blaue Gans.
Ein Gemisch aus Abgasen, Benzin und Asphaltdämpfen schlug ihr ins Gesicht. Der typische Sommergeruch, und eigentlich mochte sie den Geruch von Benzin. Genau wie den von Kerosin. Merkwürdig, aber nichts, worüber sie sich ernsthaft Gedanken gemacht hätte.
Die Sohlen ihrer Turnschuhe blieben beinahe auf dem weichen Asphalt haften, während sie zum Eingang trottete. Sobald sie durch die Tür trat, wurde sie von der thermostatgesteuerten Kälte im Laden überspült. Am liebsten wäre sie eine Weile stehen geblieben und hätte in der kühlen Luft gebadet. Die Region um Chicago brodelte unter einer Hitzewelle, die Jenners Widerstandsfähigkeit auszukochen schien. Verflucht, sie war so müde. Sie sehnte sich nach ihrer Wohnung, wo sie endlich die Schuhe von den schmerzenden Füßen streifen, sich aus den verschwitzten Jeans und dem Hemd schälen und sich aufs Bett fallen lassen konnte, um ihren fast nackten Körper vom Deckenventilator kühlen zu lassen. Stattdessen stand sie hier und kaufte Bier für Dylan. Wer also war der größere Loser? Dylan oder sie?
Sie warf einen Blick auf die unerwartet lange Schlange vor der Kasse, dann fiel in einem Aha-Erlebnis der Groschen: die Lotterie. Offenbar war sie wirklich übermüdet, sonst hätte sie gleich begriffen, was los war. In den letzten Wochen hatte sich ein immenser Jackpot angesammelt, und am nächsten Abend würden die neuen Zahlen gezogen werden. Darum war der Parkplatz so voll und die Schlange so lang. Ab und an spielte sie auch, sie hatte sogar mehrmals ein paar Dollar gewonnen, aber meist scheute sie den Aufwand. Heute Abend dagegen _ verdammt, warum eigentlich nicht? Dylan konnte ruhig noch länger auf sein Bier warten.
Sie griff nach einem Sixpack und stellte sich in die Schlange, die durch einen Gang bis ans Ende des Ladens und durch den nächsten Gang wieder halb zurück reichte. Die Wartezeit vertrieb sie sich, indem sie die Preise verglich, die Süßigkeiten betrachtete und überlegte, welche Zahlen sie ankreuzen sollte. Sie stand zwischen zwei Männern, die beide nach abgestandenem Bier und ebenso abgestandenem Schweiß müffelten und sie abwechselnd immer wieder anquatschten, was sie jedoch größtenteils ignorierte. Trug sie etwa einen unsichtbaren Stempel auf der Stirn: »Alle Loser hier melden«?
Möglicherweise hatten es die Typen aber auch nur auf ihr Bier abgesehen. An einem so heißen Sommerabend war ein Sixpack bestimmt ziemlich verlockend - vielleicht
verlockender als eine abgespannte Blondine mit gefärbten
Haaren in einem hässlichen blauen Hemd mit einem aufgestickten »Harvest Meat Packing« auf der Brusttasche. Obwohl sie bei der Arbeit einen Kittel und eine Plastikhaube überziehen mussten, verlangte die Firma von allen Angestellten, auf dem Arbeitsweg die Firmenkleidung zu tragen, weil man sich dadurch kostenlose Werbung versprach. Die Angestellten mussten die verfluchten Hemden sogar selbst kaufen - dafür würde Jenner die Dinger aber auch behalten dürfen, falls sie irgendwann kündigte ^ um sie bei der erstbesten Gelegenheit in die Mülltonne zu stopfen.
Aber vielleicht sahen die beiden Alkis auch nur ihr Shirt und dachten: »Hey, die Kleine hat einen Job! Und Bier!« Ihr graute bei dem Gedanken, dass jemand auf dieses Hemd anspringen konnte.
Schließlich schob die langsam vorrückende Schlange sie bis an die Kasse. Sie ließ das Geld auf die Theke fallen und kaufte drei Lotteriescheine, hauptsächlich, weil die Drei als Glückszahl galt. Sie wählte die Zahlen rein zufällig aus einem Gemisch von Telefonnummern, Geburtstagen, Hausnummern und allem Möglichen, was ihr gerade in den Sinn kam. Dann ließ sie die Durchschläge der Scheine in ihre Tasche fallen und trottete zu ihrem Wagen zurück. Das Auto, das neben ihr geparkt hatte, war weg, dafür stand jetzt ein Pickup dort. Er parkte so dicht an ihrer Blauen Gans, dass sie unmöglich die Fahrertür öffnen konnte.

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