Buch
Taschenbuch (446 Seiten)
Sprache: Deutsch
Versandfertig innert 1-2 Werktagen.
Fr. 18.90
Verfügbarkeit in Ihrer Thalia- Buchhandlung prüfen
Ein kaltblütiger Mörder hält Detective Lincoln Rhyme in Atem. Das einzige Erkennungsmerkmal des Killers ist seine Tätowierung - sie zeigt den Tod und ein Mädchen tanzend auf einem Sarg. Rhyme glaubt den Mörder zu kennen, und sollte sich sein Verdacht bestätigen, kennt er nur noch einen Gedanken: Rache - aus ganz persönlichen Gründen...
| Verkaufsrang: | 11.993 |
|---|---|
| ISBN-10: | 3-442-44571-X |
| EAN: | 9783442445714 |
| Originaltitel: | The Coffin Dancer |
| Erschienen: | 01.07.2002 |
| Verlag: | Goldmann Taschenbuch |
| Einband: | Taschenbuch |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 446 |
| Länge/Breite: | 187mm/115mm |
| Gewicht: | 356 g |
| Übersetzer: | Carmen Jakobs, Thomas Müller |
| Reihe: | Goldmanns Taschenbücher |
Jeffery Deaver gilt als einer der weltweit besten Autoren intelligenter psychologischer Thriller. Seit seinem ersten großen Erfolg als Schriftsteller hat er sich aus seinem Beruf als Rechtsanwalt zurückgezogen und lebt nun abwechselnd in Virginia und Kalifornien. Seine Bücher wurden in 12 Sprachen übersetzt und haben ihm bereits zahlreiche renommierte Auszeichnungen eingetragen.Die kongeniale Verfilmung seines Romans 'Die Assistentin' unter dem Titel 'Der Knochenjäger' (mit Denzel Washington und Angelina Jolie in den Hauptrollen) war weltweit ein sensationeller Kinoerfolg und hat dem faszinierenden Ermittler- und Liebespaar Lincoln Rhyme und Amelia Sachs eine riesige Fangemeinde erobert.
von Marion Pummer, am 17.10.2012
0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
von Monika Frauenrath, am 12.07.2011
0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
von S. Krausen, am 07.09.2010
0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
von Thomas Breuer, am 28.07.2009
0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
von Stefan Heidsiek, am 08.09.2008
0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
von Dabis, am 13.03.2007
0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
von einer Kundin/einem Kunden, am 08.08.2005
1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
von Manuela, am 13.12.2002
0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
1
Als Edward Carney sich von seiner Frau Percey verabschiedete, dachte er keinen Augenblick daran, daß es das letzte Mal sein könnte.
Er stieg in sein Auto, das auf einem der begehrten Parkplätze an der East Eighty-First Street in Manhattan stand, und fädelte sich in den Verkehr ein. Carney, von Natur aus ein aufmerksamer Beobachter, bemerkte einen schwarzen Lieferwagen, der in der Nähe ihres Stadthauses parkte. Er musterte das heruntergekommene Fahrzeug genauer: Die verspiegelten Scheiben waren schlammverspritzt, das Nummernschild war in West Virginia ausgestellt. Ihm fiel ein, daß er denselben Wagen in den vergangenen Tagen bereits mehrfach in der Straße gesehen hatte. Doch in diesem Augenblick setzte sich die Autoschlange vor ihm in Bewegung. Er schaffte es gerade noch, bei Gelb über die Kreuzung zu kommen, und hatte den Lieferwagen bald völlig vergessen. Kurz darauf erreichte er den FDR Drive und fuhr Richtung Norden.
Zwanzig Minuten später jonglierte er mühsam mit einer Hand sein Autotelefon und wählte die Nummer seiner Frau. Er war beunruhigt, als sie nicht ranging. Eigentlich hätte Percey mit ihm fliegen sollen - noch am Abend zuvor hatten sie eine Münze geworfen, um auszulosen, wer von beiden den linken Sitz, den Pilotensitz, übernehmen sollte. Sie hatte gewonnen und ihn mit ihrem typischen Siegergrinsen bedacht. Aber dann war sie gegen 3.00 Uhr mit einer unerträglichen Migräne aufgewacht, die den ganzen Tag über anhielt.
Schließlich hatten sie nach ein paar Anrufen einen Ersatz-Copiloten aufgetrieben, und Percey hatte eine Tablette Fiorinal genommen und war ins Bett gegangen.
Ein Migräneanfall war so ziemlich das einzige, was sie vom Fliegen abhalten konnte.
Edward Carney war hoch aufgeschossen, fünfundvierzig Jahre alt und trug noch immer den Kurzhaarschnitt aus seiner Militärzeit. Während er dem Klingeln des Telefons lauschte, richtete er sich kerzengerade auf. Ihr Anrufbeantworter schaltete sich ein, und er legte das Telefon leicht beunruhigt in die Schale zurück.
Er hielt den Wagen vorschriftsmäßig bei exakt neunzig Stundenkilometern genau in der Mitte der rechten Spur; wie die meisten Piloten war er ein überaus vorsichtiger Autofahrer. Anderen Piloten vertraute er, die meisten Autofahrer hingegen hielt er für unberechenbar.
Im Büro von Hudson Air Charter auf dem Mamaroneck Regionalflughafen in Westchester wartete bereits ein Kuchen auf ihn. Die affektierte und stets leicht aufgedonnerte Sally Anne, die mal wieder wie die gesamte Parfümabteilung von Macy's roch, hatte ihn selbst gebacken, um den neuen Auftrag der Firma zu feiern. Sie trug die häßliche Brosche mit dem Doppeldecker aus Kristall, die sie von ihren Enkeln letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte. Wachsam huschten ihre Augen durch den Raum, um sicher zu gehen, daß auch jeder der etwa ein Dutzend Mitarbeiter ein ordentliches Stück der Kalorienbombe auf seinem Teller hatte. Ed Carney nahm ein paar Bissen Kuchen zu sich und besprach die Einzelheiten des Flugs mit Ron Talbot, dessen imposanter Bauch eine Vorliebe für Kuchen vermuten ließ, obwohl er sich hauptsächlich von Kaffee und Zigaretten ernährte. Talbot hatte eine Doppelfunktion. Er war Finanzmanager und zugleich für die Einsatzplanung verantwortlich und machte sich gerade eine Menge Sorgen: Ob die Ladung rechtzeitig ankommen würde, ob der Benzinverbrauch für den Flug richtig berechnet war und ob sie den Preis für den Auftrag richtig kalkuliert hatten. Carney reichte ihm den Rest seines Kuchens und empfahl ihm, sich zu beruhigen.
Er dachte wieder an Percey, ging in sein Büro und griff zum Hörer.
Noch immer nahm niemand ab.
Aus seiner leichten Beunruhigung wurde echte Sorge. Leute mit Kindern und Leute mit einer eigenen Firma gehen immer ans Telefon, wenn es klingelt. Er knallte den Hörer auf die Gabel, dachte kurz daran, einen Nachbarn anzurufen und ihn zu bitten, einmal nachzusehen. Aber dann sah er, wie der große, weiße Lastwagen vor dem Hangar vorfuhr. 18.00 Uhr. Es war Zeit aufzubrechen.
Als Talbot Carney gerade ein Dutzend Papiere zur Unterschrift vorlegte, tauchte der junge Tim Randolph auf. Er trug einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd und eine schmale, dunkle Krawatte. Tim bezeichnete sich als »Copiloten«, was Carney zu schätzen wußte. »Erste Offiziere« waren Firmenleute, Erfindungen von Fluggesellschaften. Carney respektierte jeden, der den rechten Sitz beherrschte, verachtete aber jegliche Anmaßung.
Lauren, Talbots großgewachsene, brünette Assistentin, trug ihr Glückskleid, dessen blaue Farbe den gleichen Ton hatte wie das Logo der Hudson Airline - die Silhouette eines Falken über einem mit Breiten- und Längengraden markierten Globus. Sie lehnte sich an Carney und flüsterte: »Jetzt ist alles okay, nicht wahr?«
»Es wird schon gutgehen«, versicherte er ihr. Sie umarmten einander kurz. Auch Sally Anne nahm ihn in die Arme und bot ihm noch ein Stück Kuchen für den Flug an. Er lehnte ab. Ed Carney wollte aufbrechen, wollte weg von den Gefühlen, weg von den Feierlichkeiten. Weg vom Boden.
Und kurz darauf war er allem entronnen. Drei Meilen über dem Boden, steuerte er einen Lear 35 A, den besten Privatjet, der je gebaut wurde. Die Maschine war schnittig wie ein Hecht, hatte keinerlei Kennzeichnung oder Insignien - nur ihre N-Registriernummer prangte auf dem blankpolierten Silber.
Sie flogen auf einen phänomenalen Sonnenuntergang zu - eine perfekte orangerote Scheibe, die in ein wildes, purpur- und rosafarbenes Wolkenmeer eintauchte und dabei ihre letzten Strahlen gen Himmel schickte.
Nur ein Sonnenaufgang war ähnlich beeindruckend. Und nur ein Sturmgewitter war spektakulärer.
Es waren 1150 Kilometer bis zum O'Hare Flughafen, und sie brauchten für die Strecke weniger als zwei Stunden. Air Traffic Control Center in Chicago bat sie höflich, auf vierzehntausend Fuß runterzugehen und übergab sie dann für das letzte Stück an Chicago Approach Control.
Tim übernahm den Funkkontakt: »Chicago Approach. Lear Vier Neun Charlie Juliet im Anflug auf vierzehntausend.«
»Guten Abend, Neun Charlie Juliet«, meldete sich ein entspannt wirkender Fluglotse. »Gehen Sie runter, und bleiben Sie dann auf achttausend Fuß. Luftdruck Chicago 30 Punkt eins, eins Inches. Erwarten Sie Radarführung für siebenundzwanzig Links.«
»Roger, Chicago. Neun Charlie Juliet von vierzehn auf acht.«
O'Hare ist der geschäftigste Flughafen der Welt, und Air Traffic Control dirigierte sie in eine Warteschleife über einem westlichen Vorort, wo sie bis zur Landeerlaubnis kreisten.
Zehn Minuten später forderte sie die funkverzerrte, aber angenehme Stimme auf: »Neun Charlie Juliet, gehen Sie Steuerkurs Null Neun Null im Gegenanflug für Landebahn auf 27 L.«
»Null Neun Null, Neun Charlie Juliet«, bestätigte Tim.
Carney blickte nach oben zu den Sternen im glitzernden Nachthimmel und dachte: Sieh mal, Percey, alle Sterne der Nacht ...
Und plötzlich überkam ihn ein ganz und gar unprofessioneller Wunsch, vielleicht der erste in seiner gesamten Laufbahn. Seine Sorge um Percey schoß wie eine Fieberkurve in die Höhe. Er mußte unbedingt mit ihr reden.
»Übernimm du die Maschine«, rief er Tim zu.
»Roger«, bestätigte der junge Mann und griff, ohne zu zögern, nach dem Steuerknüppel.
Air Traffic Control meldete sich wieder krächzend: »Neun Charlie Juliet, gehen Sie auf viertausend runter. Bleiben Sie auf Kurs!«
»Roger, Chicago«, antwortete Tim. »Neun Charlie Juliet von acht auf vier.«
Carney wechselte die Frequenz seines Funkgeräts, um ein Unicom-Gespräch zu führen. Tim blickte fragend zu ihm herüber. »Ich rufe nur kurz in der Firma an«, erklärte Carney. Als er Talbot an die Leitung bekam, bat er ihn, das Gespräch zu Percey durchzustellen.
Während er wartete, ging er mit Tim die Litanei der Landevorbereitungen durch.
»Landeklappen ... zwanzig Grad.«
»Zwanzig, zwanzig, grün«, antwortete Carney.
»Geschwindigkeits-Check.«
»Einhundertachtzig Knoten.«
Während Tim ins Mikrofon sprach - »Chicago, Neun Charlie Juliet, durch fünf auf vier« -, hörte Carney, wie das Telefon in seinem Haus in Manhattan tausend Kilometer entfernt zu läuten begann.
Mach schon, Percey, nimm ab! Wo bist du?
Bitte ...
ATC meldete sich: »Neun Charlie Juliet, mit der Geschwindigkeit auf hundert acht null runtergehen. Übergebe jetzt an den Tower. Schönen Abend.«
»Roger, Chicago. Hundert acht null Knoten. Schönen Abend.«
Es klingelte zum dritten Mal.
Wo zum Teufel war sie nur? Was war los?
Der Knoten in seinem Magen wurde härter.
Die Turbotriebwerke gaben ein pfeifendes, bohrendes Geräusch von sich. Die Hydraulik ächzte. In Carneys Kopfhörer fiepte die Statik.
Tim gab durch: »Landeklappen dreißig Grad. Fahrwerk raus.«
»Landeklappen, dreißig, dreißig, grün. Fahrwerk raus. Drei grün.«
Dann, endlich - in seinem Kopfhörer ein hartes Klicken.
Die Stimme seiner Frau: »Hallo?«
Vor Erleichterung lachte er laut auf.
Carney setzte gerade zum Sprechen an, als ein gewaltiger Ruck durch die Maschine ging. Die Wucht der Explosion war so stark, daß sie ihm im Bruchteil einer Sekunde die sperrigen Hörer vom Kopf riß und die beiden Männer nach vorne ins Instrumentenfeld schleuderte. Um sie herum schwirrten Metallsplitter, stoben Funken.
Instinktiv griff Carney mit seiner linken Hand nach dem halb abgerissenen Steuerknüppel - eine rechte Hand besaß er nicht mehr. Er drehte sich zu Tim hinüber, gerade als dessen blutüberströmter, marionettenhaft wirkender Körper durch eines der klaffenden Löcher im Rumpf verschwand.
»O mein Gott. Nein, nein ...«
Dann löste sich das gesamte Cockpit von dem zerberstenden Flugzeugrumpf und schoß in einer Spirale der Erde entgegen. In einen Feuerball aus brennendem Benzin eingehüllt, setzten Rumpf, Flügel und Triebwerke ihren Flug alleine fort.
»Oh, Percey«, stöhnte er. »Percey ...« Aber es gab schon längst kein Mikrofon mehr, das seine Worte hätte auffangen können.
2
Groß wie ein Asteroid, gelblich wie Knochen.
Die Sandkörner leuchteten auf dem Computerschirm. Der Mann saß vornübergebeugt, den Nacken verkrampft, die Augen vor Konzentration zusammengekniffen.
In der Ferne war Donner zu hören. Der Morgenhimmel leuchtete gelb und grün, und jede Minute konnte ein Sturm losbrechen. Es war der verregnetste Frühling seit Menschengedenken.
Sandkörner ...
»Vergrößern«, befahl er, und sofort wurde das Bild auf dem Computerschirm doppelt so groß.
Seltsam, dachte er.
»Cursor nach unten ... Stop!«
Er beugte sich wieder angestrengt nach vorn und studierte aufmerksam den Bildschirm.
Sand ist die Freude eines jeden Kriminalisten, dachte Lincoln Rhyme: ein paar Körnchen nur, manchmal vermengt mit anderem Material; mit einem Durchmesser von 0,05 bis zu 2 Millimetern (alles, was größer ist, ist Kies, alles, was kleiner ist, Treibsand). Sand haftet an den Kleidern eines Täters wie klebrige Farbe und fällt praktischerweise an Tatorten und in Verstecken zu Boden - und stellt so eine Verbindung zwischen Mörder und Mordopfer her. Sand kann auch eine Menge darüber verraten, wo ein Verdächtiger sich aufgehalten hat. Trüber, dunkler Sand bedeutet, er war in der Wüste. Klarer Sand heißt Strand. Hornblende weist auf Kanada hin, Obsidian auf Hawaii. Quarz und Magma bedeuten Neu-England. Glattes, graues Magnetit kommt vor allem an den westlichen Großen Seen vor.
Aber Rhyme hatte nicht die geringste Ahnung, woher dieser besondere Sand stammen könnte. Der meiste Sand im Gebiet von New York besteht aus Quarz und Feldspat; er ist felsig am Long Island Sund, staubig am Atlantik, schlammig am Hudson. Dieser hier aber war glitzernd weiß und gezackt, vermengt mit kleinen, rötlichen Kügelchen. Und was waren das für Ringe? Weiße, steinerne Ringe, die aussahen wie mikroskopisch kleine Calamari. So etwas hatte er noch nie gesehen.
Dieses Rätsel hatte Rhyme bis vier Uhr morgens wach gehalten. Soeben hatte er eine Probe des Sandes an einen Kollegen im Washingtoner FBI-Labor geschickt, und er hatte es mit größtem Widerwillen getan. Lincoln Rhyme haßte es, wenn jemand anderes seine Fragen beantwortete.
Vor dem Fenster neben seinem Bett bewegte sich etwas. Er sah hinüber. Seine Nachbarn - zwei gedrungene Wanderfalken - waren wach und bereit, auf die Jagd zu gehen. Tauben, aufgepaßt, dachte Rhyme. Plötzlich neigte er den Kopf und murmelte leise: »Verdammt.« Der Fluch galt nicht seiner Frustration darüber, daß er das unkooperative Beweismittel nicht identifizieren konnte, sondern der bevorstehenden Unterbrechung.
Eilige Schritte waren auf der Treppe zu hören. Thom hatte Besucher hineingelassen, und Rhyme wollte jetzt niemand sehen. Er blickte voll Ärger zum Flur. »O Gott, nicht jetzt.«
Aber das hörten sie natürlich nicht, und selbst wenn, so hätten sie keine Sekunde gezögert.
Sie waren zu zweit.
Einer war schwer, der andere nicht.
Ein flüchtiges Klopfen an der offenen Tür, und schon waren sie eingetreten.
»Lincoln.«
Rhyme brummte nur.
Lon Sellitto war Detective im New York Police Department NYPD und für die schweren Schritte verantwortlich. An seiner Seite trottete sein schlanker, jüngerer Partner herein. Jerry Banks hatte sich mit einem grauen Anzug aus feinstem schottischem Tuch herausgeputzt. Seine wilde Tolle war dick mit Festiger eingesprayt - Rhyme konnte Propan, Isobutan und Vinylacetat riechen -, trotzdem stand der liebenswürdige Wirbel wie bei der Comicfigur Dagwood hartnäckig hervor.
Der rundliche Mann schaute sich in dem sechs mal sechs Meter großen Schlafzimmer um. An den Wänden hingen keinerlei Bilder. »Was hat sich verändert, Linc? Ich meine, hier in deinem Zimmer?«
»Nichts.«
»Oh, hey, ich hab's - es ist aufgeräumt und sauber«, platzte Banks heraus, unterbrach sich dann abrupt, als er seinen Fauxpas bemerkte.
»Klar ist es sauber«, stimmte Thom zu, der in seiner akkurat gebügelten braunen Hose, dem weißen Hemd und der geblümten Krawatte mal wieder wie aus dem Ei gepellt aussah. Obwohl Rhyme sie selbst über einen Katalogversand für Thom gekauft hatte, fand er sie übertrieben bunt. Thom war bereits seit Jahren Rhymes Adlatus - und obwohl er in dieser Zeit zweimal von Rhyme gefeuert worden und einmal selbst gegangen war, hatte der Ermittler den unerschütterlichen Krankenpfleger und Assistenten jedesmal wieder eingestellt. Thom wußte über Querschnittslähmungen soviel wie ein Arzt, und er hatte von Rhyme genügend über Gerichtsmedizin gelernt, um selbst als Kriminalist arbeiten zu können. Aber er war zufrieden, das zu sein, was die Versicherung schlicht als ›Pfleger‹ bezeichnete. Allerdings lehnten sowohl Rhyme als auch Thom diese Bezeichnung ab. Rhyme nannte ihn abwechselnd »meine Glucke« oder »meine Nemesis«, zu Thoms grenzenloser Belustigung. Jetzt schob er sich an den Besuchern vorbei. »Er war dagegen, aber ich habe die Mädels von Molly Maids engagiert und sie das ganze Haus mal richtig von oben bis unten schrubben lassen. Im Grunde genommen hätte alles ausgeräuchert werden müssen. Danach hat er einen ganzen Tag nicht mit mir gesprochen.«
»Es brauchte nicht geputzt zu werden. Jetzt kann ich einfach nichts mehr finden.«
»Andererseits braucht er auch gar nichts zu finden, nicht wahr?« erwiderte Thom. »Dafür bin ich ja schließlich da.«
Rhyme war nicht in der Stimmung für weitere Scherze. »Nun, was gibt es?« fragte er und wandte sein gutaussehendes Gesicht Sellitto zu.
»Hab einen Fall. Dachte mir, daß du vielleicht helfen willst.«
»Ich bin beschäftigt.«
»Was ist das hier?« fragte Banks und deutete auf einen neuen Computer, der neben Rhymes Bett stand.
»Oh, das«, verkündete Thom mit geradezu empörender Fröhlichkeit. »Er ist jetzt auf dem neuesten Stand. Zeig es ihnen, Lincoln. Führ es vor.«
»Ich will nichts vorführen.«
Noch mehr Donner, aber kein Tropfen Regen. Wie so oft foppte die Natur heute nur.
Thom blieb hartnäckig. »Nun zeig ihnen schon, wie es funktioniert.«
»Ich will nicht!«
»Es ist ihm peinlich.«
»Thom«, murrte Rhyme.
Aber der junge Gehilfe war gegen Drohungen immun. Er zupfte an seiner scheußlichen - oder modernen - Seidenkrawatte. »Ich weiß wirklich nicht, warum er sich jetzt so anstellt. Gestern schien er noch richtig stolz auf das Ganze zu sein.«
»War ich nicht.«
Thom ließ sich nicht beirren. »Diese Box dort« - er zeigte auf einen beigen Apparat -, »die führt in den Computer.«
»Wow, ist das etwa das allerneuste Modell?« rief Banks und betrachtete den Computer voller Ehrfurcht. Um Rhymes finsterem Blick zu entkommen, stürzte sich Thom auf die Frage wie ein Storch auf einen Frosch.
»Yup, nicht schlecht, was?« strahlte er.
Aber Lincoln Rhyme war jetzt nicht an Computern interessiert. Im Augenblick interessierten ihn einzig und allein die mikroskopisch kleinen Calamari-Gebilde und der Sand, in dem sie eingelagert waren.
Thom ließ sich nicht aufhalten: »Das Mikrofon ist mit dem Computer verbunden. Was auch immer er sagt, der Computer erkennt es. Das Ding hat ziemlich lang gebraucht, bis es seine Stimme gelernt hat. Er nuschelt nämlich.«
In Wahrheit war Rhyme ziemlich zufrieden mit dem System - ein blitzschneller Computer mit Stimmerkennungssoftware, dazu eine speziell angefertigte Box, mit der er seine Umgebung steuern konnte. Allein durch seine Stimme konnte er damit die Heizung höher oder niedriger stellen, die Lichter ein- oder ausschalten, die Stereoanlage und den Fernseher bedienen, Telefonnummern wählen und Faxe verschicken. Am Computer dirigierte er den Cursor einfach nur, indem er sprach, so wie andere es mit Maus und Tastatur taten. Er konnte selbst Briefe und Berichte diktieren.
»Er kann sogar komponieren«, erklärte Thom den Besuchern voller Stolz. »Er sagt dem Computer einfach, welche Noten er in das Programm schreiben soll.«
»Nun, das ist wirklich sinnvoll«, bemerkte Rhyme säuerlich. »Musik.«
Rhyme war vom vierten Halswirbel abwärts gelähmt. Er konnte also ohne Probleme nicken.