Rezension vom 28.12.2011
In gewohnter Weise hat Frau Löhnig wieder mehrere Erzählstränge aufgebaut, aus Sichtweisen der unterschiedlichen Charaktere.
Da wäre zum einen Susanne "Sanne" Möbus, eine junge Frau, die ein relativ zurückgezogenes Leben führt, keine großartigen sozialen Kontakte pflegt und sich jeglichen Spaß am Leben verbietet. Diese Lebensweise hat sich Sanne in gewisser Weise selbst auferlegt, da sie in ihren Augen unendlich große Schuld auf sich geladen hat. Im November 2005, sie war als Babysitterin beschäftigt, kam es zu einem verhängnisvollen Unglücksfall bei dem ihr "Schützling" Ludwig starb.
Zum anderen natürlich um den spitzfindigen Kommissar Dühnfort, der in seinen Ermittlungen gerne auch auf sein Bauchgefühl hört. Aber gerade weil Tino Dühnfort kein sturrer Paragraphenreiter oder Obrigkeitshöriger ist, sowie immerzu von der Sorge getrieben ist, ein entscheidendes Detail bei seinen Ermittlungen zu übersehen, geht er auch mal anderen Wegen und Ermittlungsansätzen nach. Eine weitere Facette, welche diesen Charakter so sympathtisch macht, ist in meinen Augen, dass er seitens der Autorin nicht als der "Überermittler" präsentiert wird, sondern ihm auch ein Privatleben gegeben wurde. In der Vergangenheit durfte der Leser oftmals an seiner Einsamkeit, seinen menschlichen Schwächen und seinen Lebensträumen teilhaben. Nachdem es sich in den vorherigen Bänden immer mal wieder ankündigte, ist es daher besonders erfreulich, dass aus dem Kommissar und seiner Kollgerin Gina Angelucci nun ein Paar geworden ist.
Interessiert habe ich zur Kenntnis genommen, dass der Leser nun zum ersten Mal die Gelegenheit erhält den dritten im Bunde, Alois Fünfanger, besser kennzenzulernen.
Ein weiterer Erzählstrang dreht sich um den Frührentner Eugen Voigt. Ein Anwohner / Nachbar, wie ihn wohl jeder Leser auch aus seinem eigenen Umfeld kennt. Ein Besserwisser, ein Kontrolleur, einer der mit seinem eigenen Leben unzufrieden ist, die Ursache dieser Unzufriedenheit jedoch nicht im Ansatz bei sich selber sucht, sondern lieber alle anderen dafür verantwortlich macht, es ist ja auch der einfachere Weg. Nachdem er aus gesundheitlichen Gründen in Vorruhestand geschickt wurde, hat er sich als tagesfüllende Aufgabe ein Hobby ausgesucht, bei dem er seine Mitmenschen in gewisser Weise nicht nur kontrolliert, sondern auch denunziert, damit verschafft er sich offenbar seine Art von Befriedigung und Gerechtigkeit. In einem Fall allerdings hat er eine grundlegend falsche Auffassung von Rechtsverständnis und die wird ihm zum Verhängnis.
Rechtsverständnis, Gerechtigkeit, Schuld - die zentrale Frage und Thematik dieses Buches, die Autroin nennt im Verlauf des Buches eine Vielzahl Besipiele dafür, wie schuldlose Schuld am Tod eines Menschen aussehen kann. Die behördliche Maschinerie die sich nach einem solchen Unfall mit Todesfolge in Gang setzt, polizeiliche Ermitltungen, von der Einleitung bis zur Einstellung eines Ermittungsverfahrens. Das ist aber immer nur eine Seite eines solchen Unglücks, die Kehrseite; die Hinterbliebenen, der vermeintliche Schuldige, dem jedoch keinerlei schuldhaftes Handeln vorgeworfen werden kann. Die Projektion von Schuld auf andere. Eine spannende Frage, die sich jeder einmal selbst stellen sollte, wie er denn mit dieser Problematik umgeht, wenn das Schicksal zuschlägt ein geliebter Mensch aus dem Leben gerissen wird und es objektiv gesehen keinen gibt, denn man dafür verantwortlich machen oder zur Rechenschaft ziehen kann.