Wir hol'n zurück was uns gehört
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Thomas Zörner, am 10.10.2011
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Es ist verdammt schwierig im Deutschrap noch eine neue Stimme zu finden, die nicht über Drogenverkaufen in vermeintlichen Ghettos, oder über Unflätigkeiten mit den Müttern anderer spricht. Wenn man sich aber anstrengt, findet man doch noch ein paar, und die vielleicht interessante davon gehört einem Mann, der sich Casper nennt. Interessant ist sie schon deshalb, weil sie so komplett anders klingt, wie alles was man bisher in Sachen Rapmusik gehört hat. Rau wie ein Reibeisen bringt Casper seine Texte, was für manchen bestimmt erstmal gewöhnungsbedürftig ist. Außerdem interessant ist diesem Stimme des Deutschrap, weil sie sich thematisch so weit von bisher da gewesenem entfernt, und auch musikalisch Brücken schlägt, die vielleicht schon sehr am Crossover kratzen, diesen Vergleich aber dennoch nicht strapazieren. Immerhin stellte Casper vor Beginn der Aufnahme einige Regeln auf, wovon eine lautete: Crossover ist der Feind. Der Opener Der Druck steigt benutzt dann zwar Gitarren, doch wie Limp Bizkit oder die H-Blockxx klingt dies, Gott sei Dank, nicht. Und der Text, verdammt der Text, der Mann weiß Wortgemälde zu malen, wie kaum ein anderer. Noch besser nur im gleich folgenden Blut sehen. Ein bisschen Pathos, ein bisschen Größenwahn, ein bisschen Aufbruchsstimmung, Casper stimmt zur Revolution an, und die Menschen folgen, zumindest gemessen daran, dass sein Album direkt von 0 auf 1 Einstieg. Aufbruchsstimmung herrscht auf bei Auf und davon, wenn der Deutschamerikaner davon erzählt aus dem ewig gleichen Trott auszubrechen. Der Titeltrack XOXO beinhaltet die erste von zwei Kollabos und zwar mit Thees Uhlmann, seines Zeichens Frontmann der Band Tomte, der den Refrain gibt. Leider ist es aber genau der, der dem Titel die Chance nimmt richtig gut zu werden. Uhlmanns Beitrag will sich nicht recht ins Ganze fügen. Gut, dass mit Michael X das sofort wieder vergessen wird, denn der enorm emotionale Track über den Verlust eines Freundes gehört zu den besten Nummern der CD. Alaska fällt musikalisch seltsam aus, dafür besticht das Ding aber wieder mit einem großartigem, abermals emotionalen Text. Nicht selten wurde Casper als Emo-Rapper bezeichnet, eine Titulierung, die er inzwischen selbst ironisch benutzt. Nach zwei Tränendrüsenhämmern kommt mit Das Grizzly Lied eine aufbauende Nummer. Wie oft in seinem Schaffen hat Casper hierbei sein Vater inspiriert, dem er von seiner Mutter weg genommen wurde. Auch So perfekt ist ein Lied mit positivem Grundton und der zweiten Kollabo, die aber mit dem Niveau des Chefs im Ring bei weitem nicht mithalten kann, und diesem eigentlich fantastischen Song nicht wirklich gut zu Gesicht steht. Die letzt Gang der Stadt klingt auf dem Papier wie ein Gangstarap Song, ist aber eine Ode an die Freundschaft. Wohingegen 230409 eine Abrechnung mit einer ehemaligen Liebschaft ist. Lilablau überrascht mit englischer Hook, die aber weit hinter dem Level der Strophen zurückbleibt und am Ende haut Casper noch mal ein Meisterwerk raus namens Kontrolle/Schlaf. Was hier für eine Atmosphäre geboten wird, sucht in dieser Szene seinesgleichen. XOXO ist ein Meisterwerk, ein Schritt eines stagnierenden Genres in eine neue Richtung. Mögen diesem Ruf viele folgen.