Ein Rezept für die Liebe. Goldmanns Taschenbücher, Band 46717

Roman

von Rachel Gibson

Buch

Taschenbuch (349 Seiten)

Sprache: Deutsch

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Produktdetails

Verkaufsrang: 12.385
ISBN-10: 3-442-46717-9
EAN: 9783442467174
Originaltitel: The Trouble with Valentine's Day
Erschienen: 28.01.2008
Verlag: Goldmann Taschenbuch
Einband: Taschenbuch
Sprache(n): Deutsch
Seitenzahl: 349
Gewicht: 286 g
Übersetzer: Andrea Brandl
Reihe: Goldmanns Taschenbücher
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Rachel Gibson

Seit sie sechzehn ist, erfindet Rachel Gibson mit Begeisterung Geschichten. Damals allerdings brauchte sie ihre Ideen vor allem dazu, um sich alle möglichen Ausreden einfallen zu lassen, wenn sie wieder etwas ausgefressen hatte. Ihre Karriere als Autorin begann viel später. Mittlerweile hat sie nicht nur die Herzen ihrer Leserinnen erobert, sondern wurde auch mit dem "Golden Heart Award" der Romance Writers of America und dem "National Readers Choice Award" ausgezeichnet. Rachel Gibson lebt mit ihrem Ehemann, drei Kindern, zwei Katzen und einem Hund in Boise, Idaho.

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Kundenrezensionen

  • Ein wirklich tolles Buch !! Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von Juliana Berberich, am 18.03.2012

    0 von 0 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.

    Eines meiner Lieblingsbücher von R. Gibson.. Es ist spannend, romantisch und unglaublich witzig !!

    Kate Hamilton zieht in die Stadt ihres Großvaters um ihren bisherigen Alltag zu entfliehen.. Dazu gehört auch, dass sie von Männern genug hat, seit ihr Freund Manny sie vor dem Traualter stehen gelassen hat und ein Mann in einer Bar nicht auf ihre Flirts eingegangen ist..
    Doch als sie ihrem Großvater in seinem Geschäft aushilft , trifft sie den Mann aus der Bar wieder !!
    Turbulent geht es für Kate weiter..

    Super !!

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    ja nein

Der Valentinstag nervte. Und zwar ziemlich.
Kate Hamilton hob einen Becher mit heißem Rumpunsch an die Lippen und trank ihn
aus. Auf der Liste der nervigsten Dinge der Welt rangierte dieser Tag irgendwo
zwischen einem Sturz auf offener Straße und der hausgemachten Mortadellapastete
ihrer Tante Edna. Ersteres war schmerzhaft und äußerst peinlich, Letzteres eine
Scheußlichkeit vor dem Herrn.
Kate ließ den Becher sinken und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Der
heiße Rum wärmte sie von innen heraus, brachte ihre Haut zum Glühen und tauchte
den Raum in weiches, warmes Licht. Leider hatte er keinerlei Auswirkungen auf
ihre Laune.
Sie suhlte sich im Selbstmitleid – etwas, das sie aus tiefster Seele
verabscheute. Sie gehörte nicht zu den Frauen, die sich gehenließen und in einem
Tränenmeer versanken. Stattdessen war sie jemand, der sein Leben selbst in die
Hand nahm. Aber für eine allein stehende Frau gab es keinen geeigneteren Tag, um
sich wie eine Verliererin zu fühlen, als den, der in aller Welt den Liebenden
gewidmet war.
Ein Tag, an dem jeder mit Herzen und Blumen, Pralinen und sexy Dessous beschenkt
wurde. Menschen, die es nicht verdient hatten. Alle Menschen, nur sie nicht.
Vierundzwanzig Stunden, die ihr unter die Nase rieben, dass sie nachts allein in
einem ausgeleierten T-Shirt im Bett lag. Ein ganzer Tag, um deutlich zu zeigen,
dass sie nur noch eine lausige Beziehung davon trennte, endgültig das Handtuch
zu werfen, ihre Fendi-Pumps gegen bequeme Hushpuppies einzutauschen und ins
Tierheim zu fahren, um sich eine Katze zu holen.
Kate saß auf ihrem Hocker in der Duchin Lounge der Sun Valley Lodge und sah sich
im Raum um. Girlanden mit Glitzerherzen waren um die Messinggeländer der Bar
geschlungen, die Tische mit Rosen und flackernden Kerzen dekoriert. Rosa und
rote Herzen waren hinter dem Tresen und auf den großen Fenstern angebracht,
durch die man die schneebedeckten Hänge mit den gespurten Pisten sah, wo sich
etliche abendliche Skifahrer tummelten. Flutlicht erhellte die Pisten und
tauchte sie in weißlich goldenes Licht und dunkle Schatten.
Die Gäste in der Duchin Lounge trugen die neueste Skimode – Pullis von Ralph
Lauren und Armani, Fleecewesten von Patagonia und klobige UGG-Boots. Kate kam
sich in ihrer Jeans und dem dunkelgrünen Pulli, der zwar perfekt passte und die
Farbe ihrer Augen unterstrich, aber von keinem Edeldesigner stammte, ein klein
wenig schäbig vor. Sie hatte ihn im Einkaufszentrum bei Costco erstanden,
gemeinsam mit einer Kombipackung Unterhosen, einer Riesenflasche Shampoo und
etwa zwei Kilo Margarine.
Sie drehte sich auf ihrem Hocker um und ließ den Blick zu dem Panoramafenster
hinter der Bar schweifen. Wann hatte sie eigentlich angefangen, ihre Wäsche in
Großpackungen im Supermarkt statt bei Victoria’s Secret zu kaufen? Und was hatte
sie dazu getrieben, zwei Kilo Margarine in ihren Einkaufswagen zu legen?
Vor dem Fenster schwebten fedrige Schneeflocken zu Boden. Im Lauf des
Nachmittags, kurz nachdem Kate über die Grenze zwischen Nevada und Idaho
gefahren war, hatte es angefangen zu schneien und seitdem nicht mehr aufgehört –
mit dem Ergebnis, dass sie für die Fahrt von Las Vegas nach Sun Valley fast neun
Stunden statt der üblichen sieben gebraucht hatte.
Normalerweise wäre sie ohne Pause durchgefahren, aber bei diesem Schneefall war
das unmöglich gewesen. Nicht bei dieser Dunkelheit und in einem Gebiet wie der
Sawtooth Wilderness, wo man Gefahr lief, nur weil man an einer Kreuzung
versehentlich falsch abbog, in einem Kaff zu landen, in dem die Männer noch
echte Bilderbuchmachos waren. Sie hatte vor, am nächsten Morgen die letzte
Stunde hinter sich zu bringen, die sie noch von Gospel, Idaho, trennte, der
Kleinstadt, in der ihr Großvater lebte.
Kate wandte ihre Aufmerksamkeit dem Barkeeper zu und bestellte ihren dritten
Punsch. Der Barmann musste Ende zwanzig sein, mit dunklem, lockigem Haar und
einem verschmitzten Funkeln in den Augen. Er trug ein weißes Hemd und schwarze
Hosen, war jung, attraktiv und trug einen Ehering am Finger.
»Darf ich Ihnen sonst noch was bringen, Kate?«, fragte er mit einem jungenhaften
Grinsen. Er hatte sich ihren Namen gemerkt – also verstand er seinen Job. Doch
statt diese Qualität zu würdigen, war ihr erster Gedanke, dass er
höchstwahrscheinlich eine Menge heimlicher Affären hatte. Das hatten Männer wie
er grundsätzlich.
»Nein, danke«, erwiderte sie und schob ihre zynischen Gedanken in den hintersten
Winkel ihres Gedächtnisses. Es gefiel ihr nicht, dass sie so negativ geworden
war; sie verabscheute all die kleinen Pessimisten, die sich in ihrem Kopf
eingenistet hatten. Sie wollte die alte Kate zurückhaben, jene Kate, die nicht
so zynisch war.
Überall an den Tischen und in den Nischen saßen Paare, die bei einer Flasche
Wein lachten, plauderten und sich küssten. Kates Valentinstagdepression
verstärkte sich noch ein wenig.
Genau vor einem Jahr hatte Kate auch mit ihrem Freund Manny Ferranti im Le
Cirque in Las Vegas zu Abend gegessen. Damals war sie dreiunddreißig, Manny
neununddreißig gewesen. Beim Krabbencocktail hatte sie ihm erzählt, sie habe
eine Suite im Bellagio reserviert. Beim Kalbsbraten hatte sie ihm ihr Höschen
ohne Schritt und den dazu passenden BH beschrieben, den sie unter ihrem Kleid
trug. Beim Dessert war sie auf das Thema Heirat gekommen. Sie waren zu dieser
Zeit zwei Jahre zusammen gewesen – lange genug in ihren Augen, um über eine
gemeinsame Zukunft zu sprechen. Doch stattdessen hatte Manny sie am nächsten
Morgen in die Wüste geschickt. Nachdem er ausgiebig von der Suite und besagtem
Höschen Gebrauch gemacht hatte.
Kate war beinahe ein wenig überrascht gewesen, wie gut sie mit der Trennung
zurechtgekommen war. Na ja, vielleicht nicht direkt gut. Sie war ziemlich sauer
gewesen, aber nicht völlig am Boden zerstört. Sie hatte Manny geliebt,
andererseits war sie eine pragmatische Frau. Manny hatte eindeutig unter einer
Beziehungsphobie gelitten, und sie hatte keine Ahnung, warum ihr das nicht schon
früher aufgefallen war. Neununddreißig Jahre alt und noch nie verheiratet
gewesen? Der Mann musste ein echtes Problem haben, und sie hatte nicht die
geringste Lust, ihre Zeit mit jemandem zu verschwenden, der sich nicht binden
wollte. Das kannte sie bereits zur Genüge von früheren Partnern, die jahrelang
mit ihr zusammen gewesen waren, sich aber nie auf eine feste Beziehung einlassen
wollten. Also, Schluss damit.
Zumindest war das bis vor ein paar Monaten ihre Devise gewesen, als sie Mannys
Hochzeitsanzeige in der Zeitung entdeckt hatte. Sie hatte im Büro gesessen und
das Las Vegas Review-Journal auf der Suche nach den öffentlichen
Bekanntmachungen durchgeblättert, um nachzusehen, ob irgendwelche der vermissten
Menschen, die sie suchte, inzwischen tot aufgefunden worden waren – und da hatte
sie gestanden, eine hübsche kleine Anzeige mit Foto, das einen glücklichen und
verliebt wirkenden Manny mit einer Brünetten zeigte.
Manny hatte also innerhalb von nicht einmal acht Monaten nach der Trennung von
ihr eine andere Frau gefunden und sie geheiratet. Er hatte kein Problem gehabt,
sich zu binden. Absolut nicht. Er hatte nur ein Problem damit gehabt, sich an
Kate zu binden. Was schmerzhafter war, als sie vermutet hätte. Schmerzhafter als
die Trennung selbst. Schmerzhafter, als nach einer heißen Liebesnacht einfach
abserviert zu werden. Diese Erkenntnis tat ihr im Herzen weh; sie schnürte ihr
die Kehle zusammen und bestätigte etwas, was sie nicht länger ignorieren konnte.


Mit ihr stimmte etwas nicht.
Etwas, das nichts mit ihrer Größe von gut einem Meter siebenundsiebzig, ihrer
Schuhgröße einundvierzig und ihrem flammend roten Haar zu tun hatte. Sie war
Privatdetektivin und verdiente ihren Lebensunterhalt, indem sie auf der Suche
nach Motiven und versteckten Absichten im Leben anderer Menschen herumstocherte.
Sie nahm ihre Biografien, ihre privaten und gesellschaftlichen Gewohnheiten
unter die Lupe, nahm sich aber nie genug Zeit, um dasselbe mit ihrem eigenen
Leben zu tun.
Der Anblick von Mannys Hochzeitsanzeige in der Zeitung hatte den Ausschlag
gegeben. Das hatte sie gezwungen, ihr eigenes Leben genauer zu betrachten,
etwas, was sie bis dahin tunlichst vermieden hatte. Und dabei war sie zu der
Erkenntnis gelangt, dass sie sich grundsätzlich zu unerreichbaren Männern
hingezogen fühlte. Zu Männern, die ihre Augen nicht von anderen Frauen lassen
konnten, zu Männern mit heimlichen Freundinnen oder massiven Bindungsängsten.
Vielleicht hatte sie immer geglaubt, sie verdiene es nicht besser oder brauche
eben die Herausforderung. Sie konnte nicht genau sagen, warum sie stets an
Männer geriet, die für keine Frau erreichbar waren, aber eines stand fest: Sie
war all die unbefriedigenden Beziehungen und den Liebeskummer endgültig leid.
Am Tag, nachdem sie auf Mannys Anzeige gestoßen war, hatte sie unverbindlichen
Beziehungen endgültig den Rücken gekehrt. Sie hatte sich geschworen, sich nur
noch mit Männern einzulassen, die noch zu haben waren und sich nicht mit
unüberwindlichen Problemen herumschlugen. Sie hatte sich in ihre Arbeit
gestürzt, ihren Job, den sie liebte und in dem sie verdammt gut war.
Damals hatte sie noch für Intel Inc. gearbeitet, eine der renommiertesten
Detekteien in Vegas. Sie war mit Leib und Seele Privatdetektivin gewesen und
hatte alles an diesem Job geliebt – vom Ausspionieren irgendwelcher Mistkerle,
die versuchten, eine Versicherung oder ein Casino zu betrügen, bis zur
Zusammenführung von Liebespaaren oder Familienangehörigen, die sich vor langer
Zeit aus den Augen verloren hatten. Galt es, untreue Lebensgefährten, Verlobte
oder Freundinnen auszuspionieren, dann hatte sie das auch getan. Hey, wenn eine
Frau oder ein Mann fremdging, verdiente er oder sie es doch, erwischt zu werden.
Und wenn er oder sie unschuldig war (was so gut wie nie vorkam), war es auch
nicht weiter schlimm. Wie auch immer die Überwachung endete, es war nicht ihr
Problem. Kate wurde für die Zeit bezahlt, die sie investierte, und wenn sie
ihren Job erledigt hatte, war sie wieder weg …
Bis zu dem Tag, als Randy Meyers in ihr Büro im vierten Stock gekommen war.
Randy war kein besonders bemerkenswerter Mann gewesen, weder gut aussehend noch
hässlich, weder groß noch klein – er war einfach nur da gewesen.
Er hatte sich an Intel Inc. und an Kate gewandt, weil seine Frau mit ihren
beiden gemeinsamen Kindern verschwunden war. Er hatte Kate das typische
Familienfoto vor die Nase gehalten, eines von den Dingern, die man für dreißig
Dollar in jedem Einkaufszentrum bekommt. Alles an dem Foto hatte völlig normal
ausgesehen – von den zueinanderpassenden Pullovern, über den Bürstenhaarschnitt
des Jungen bis zum fehlenden Vorderzahn des kleinen Mädchens.
Und auch über Randy hatte sie nichts Ungewöhnliches herausgefunden. Er hatte
kein Vorstrafenregister, galt nicht als gewalttätig gegenüber seiner Familie. Er
hatte wie angegeben als Autoverkäufer in der Valley Automall gearbeitet und in
der Freizeit die Pfadfindergruppe seines Sohnes geleitet. Außerdem hatte er die
Fußballmannschaft seiner Tochter trainiert, und er und seine Frau Doreen hatten
gemeinsam Kurse an der Volkshochschule besucht.
Es war nicht weiter schwierig gewesen, seine Frau und die Kinder aufzustöbern.
Ganz und gar nicht. Doreen hatte sich nach Waynesboro, Tennessee, zu ihrer
Schwester geflüchtet. Kate hatte Randy die gewünschten Informationen gegeben,
den Fall offiziell abgeschlossen und hätte nie wieder einen Gedanken daran
verschwendet, wäre Randy nicht vierundzwanzig Stunden später als Hauptmeldung in
den Abendnachrichten wieder aufgetaucht. Was er seiner Frau und seinen Kindern
angetan hatte, bevor er sich selbst richtete, schockierte das ganze Land. Und
Kate hatte es in ihren Grundfesten erschüttert.
Bei diesem Fall war es unmöglich gewesen, nicht betroffen zu sein. Bei diesem
Fall hatte sie sich nicht sagen können, es sei nicht ihr Problem, weil sie nur
ihre Arbeit gemacht habe. Bei diesem Fall hatte sie nicht einfach die Akte
schließen und sich an den nächsten Auftrag machen können.
Eine Woche später hatte sie gekündigt, ihren Großvater angerufen und ihm gesagt,
sie komme ihn für eine Weile besuchen. Ihre Großmutter war zwei Jahre zuvor
gestorben, und Kate wusste, dass ihr Großvater Stanley schrecklich einsam war.
Er konnte ein wenig Gesellschaft gut gebrauchen, und für sie wäre ein kleiner
Tapetenwechsel genau das Richtige. Sie wusste noch nicht, wie lange sie bleiben
würde, aber jedenfalls lange genug, um sich in Ruhe zu überlegen, was sie als
Nächstes tun wollte.
Sie wandte sich der Bar zu und trank noch einen Schluck. Der Rum glitt warm ihre
Kehle hinunter und weckte ihre Lebensgeister. Entschlossen schob sie die
Gedanken an die Meyers-Familie beiseite und richtete den Blick auf die Herzen,
die hinter der Bar befestigt waren. Es war Valentinstag, was sie daran
erinnerte, dass sie seit Monaten keine aufregende Verabredung mehr gehabt hatte.
Keinen Sex mehr seit Manny und dem Bellagio. Manny fehlte ihr im Grunde nicht,
die Intimität mit einem Mann hingegen schon. Sie vermisste die Berührung
kräftiger Männerhände. Manchmal wünschte sie sich, zu den Frauen zu gehören, die
einfach einen Mann in einer Bar aufgabeln. Keine Reue. Keine Schuldzuweisungen.
Kein Bedürfnis, vorher sein Vorstrafenregister zu überprüfen.
Manchmal wünschte sie, sie wäre ein wenig mehr wie ihre Freundin Marilyn, deren
Motto »Wer rastet, der rostet« lautete, als besäße ihre Vagina ein
Verfallsdatum.
Sie musterte ihr Gesicht im Spiegel hinter der Bar und überlegte, ob sich der
Verlust der Libido anfühlte, als verliere man eine Socke in der Waschmaschine.
Verschwand sie ebenso spurlos? War es, wenn man den Verlust bemerkte, bereits zu
spät? War sie für immer verschwunden?
Sie wollte ihr Verlangen nach Sex nicht verlieren. Dafür war sie noch zu jung.
Sie wünschte, so könnte für einen Abend die Privatdetektivin in ihr zum
Schweigen bringen und sich den tollsten Typen schnappen, ihn am Kragen packen
und ihn küssen. Sie wünschte, nur ein einziges Mal die Frau zu sein, die sich
auf eine heiße Nacht mit einem Mann einlassen konnte, den sie noch nie gesehen
hatte und den sie auch nie wieder sehen würde. Sie würde unter seinen
Berührungen dahinschmelzen, würde alles um sich herum vergessen, nur seine
Lippen auf ihren spüren. Sie würde mit ihm in ihr Zimmer gehen. Oder sie würden
es nicht einmal mehr bis ins Zimmer schaffen, sondern es im Aufzug tun, in einer
Wäschekammer oder auf der Treppe.
Kate nahm einen Schluck und wandte ihre Aufmerksamkeit dem gut aussehenden
Kellner zu, der am anderen Ende des Tresens stand und Martinis mixte, während er
mit irgendwelchen anderen Gästen lachte und scherzte. Sie mochte im Hinblick auf
andere Menschen und insbesondere auf Männer zur Zynikerin geworden sein, aber
sie war immer noch eine Frau. Eine Frau mit unzähligen Fantasien, die ihr im
Kopf herumschwirrten. Fantasien von starken Männerarmen, die sich um ihren
Körper schlangen, von Augen, die einander über den Raum hinweg begegneten, von
instinktiver Anziehungskraft, von hemmungsloser Lust.
Seit der Trennung von Manny waren sämtliche Männer in ihren Fantasien das genaue
Gegenteil von ihm – üble Burschen mit großen Händen und noch größeren … Füßen.
Der Star ihrer derzeitigen Tagträume war ein blonder Mistkerl mit
Motorradstiefeln in Größe vierundvierzig. Sie hatte ihn in einer
Dolce&Gabbana-Anzeige in der Cosmopolitan entdeckt, ein reichlich ungepflegter
Kerl, der unfassbar cool aussah.
Manchmal malte sie sich aus, wie er sie auf den Rücksitz seiner Harley fesselte
und in sein Liebesnest entführte, in anderen Fantasien sah sie ihn in
irgendwelchen heruntergekommenen Bars mit Namen wie The Brass Knuckles oder
Devil’s Spawn. Ihre Augen begegneten einander, und sie schafften es gerade noch
in die nächste dunkle Gasse, wo sie sich gegenseitig die Kleider vom Leib
rissen.
Jemand setzte sich auf den Barhocker neben Kate und stieß sie versehentlich an
der Schulter an. Ihr Punsch schwappte über den Rand, worauf sie schützend die
Hände um den warmen Becher legte.
»Ein Sun Valley Ale«, sagte eine Männerstimme neben ihr.
»Vom Fass oder aus der Flasche?«, wollte der Barkeeper wissen.
»Flasche ist okay.«
So sehr sich Kate danach sehnte, eine ihrer Fantasien auszuleben, so klar war
ihr, dass es niemals so weit kommen würde, weil sie die Privatdetektivin in
ihrem Kopf nicht ausschalten konnte. Die würde im entscheidenden Moment zum
Schluss gelangen, dass sie den Kerl zuerst genau unter die Lupe nehmen musste.
In diesem Moment stieg ihr der Geruch der kalten Nachtluft in die Nase, und sie
ließ den Blick zu dem kräftigen Männerarm wandern, der in einem aufgekrempelten
Ärmel aus grün kariertem Flanell steckte. Eine goldene Rolex prangte am linken
Handgelenk, und er trug einen schmalen silbernen Ring am Mittelfinger.
»Soll ich es aufs Zimmer schreiben?«, fragte der Barkeeper.
»Nein, ich bezahle es gleich«, hörte sie den Mann mit der tiefen und leicht
rauen Stimme sagen, während er seine Brieftasche aus der Gesäßtasche seiner
Levi’s zog. Er streifte ihren Ellbogen, während sie ihren Blick über den grünen
Ärmel bis zu seiner Schulter wandern ließ. Die Deckenbeleuchtung verfing sich in
den goldenen Strähnen seines leicht zerzausten braunen Haars, das seinen Kragen
und seine Ohren bedeckte. Ein schmaler Oberlippenbart und ein Kinnbärtchen unter
seiner vollen Unterlippe rahmten seinen breiten Mund ein.
Ihr Blick wanderte weiter, bis er an einem Paar grüner Augen hängenblieb, die
sie über den grünen Stoff hinweg musterten. Seine Lider wirkten ein wenig
schwer, so als wäre er müde oder gerade erst aus dem Bett aufgestanden.
Sie schluckte.
»Hallo«, sagte er, und seine Stimme schien sie förmlich zu durchströmen, wie der
Punsch es zuvor getan hatte.
Heilige Mutter Gottes im Himmel! Hatte sie diesen Kerl mit ihrer Fantasie
heraufbeschworen? Er war zwar nicht blond, aber wen kümmerte das schon? »Hallo«,
brachte sie mühsam hervor.
»Ein schöner Abend zum Skilaufen, was?«, fragte er.
»Große Klasse«, gab sie zurück, obwohl sie an alles dachte, nur nicht an
Skifahren. Dieser Kerl war ein Bild von einem Mann und besaß jenen kräftigen
Körperbau, der aus einer Mischung von genetischer Veranlagung und körperlicher
Betätigung entstand. Ihrer Schätzung nach musste er Mitte bis Ende dreißig sein.


»Eine ordentliche Lage Neuschnee.«
»Stimmt.« Kate umschloss das warme Porzellan und widerstand dem Drang, wie eine
Achtklässlerin mit ihrem Haar herumzuspielen. »Ich liebe Neuschnee.«
Er drehte sich auf seinem Hocker herum und sah ihr ins Gesicht. Ihr Herzschlag
drohte auszusetzen. Er war eindeutig noch sexier als ihr Fantasie-Mann, und der
war schon ein Wahnsinnstyp.
»Wieso sind Sie dann nicht draußen?«, erkundigte er sich.
»Ich laufe nicht Ski«, gab sie zu.
Überrascht hob er eine Braue, während ein Lächeln um seine Mundwinkel spielte.
»Nein?«
Dieser Mann war kein Model-Typ. Man würde sein Gesicht nicht in einer Anzeige
von Dolce&Gabbana finden, ebenso wenig würde er sich in einem Gucci-Anzug am
Strand aalen. Für so etwas war er zu kräftig, zu maskulin. Zu sehr Mann. Seine
Präsenz war einfach überwältigend. »Nein. Ich bin nur auf der Durchreise. Es hat
so heftig geschneit, dass ich eine Unterkunft für die Nacht gebraucht habe«,
erklärte sie. Unter dem Bärtchen unter seiner Lippe war eine winzige weiße Narbe
zu erkennen, und seine Nase sah aus, als wäre sie schon einmal gebrochen
gewesen. Es war zwar nicht auf Anhieb zu sehen, aber Kate war darauf geschult,
jedes Detail im Gesicht eines Menschen zu registrieren. Und das Gesicht dieses
Mannes zu mustern war ein echtes Vergnügen.
»Ich hoffe, es klart bald auf.« Er griff nach der Bierflasche. »Ich will morgen
früh nach Bogus Basin.«
»Sind Sie ein Ski-Freak?«
»Im Winter schon. Wenn wir in Bogus waren, geht es weiter nach Targhee und
Jackson Hole, bevor wir nach Colorado fahren.«
Wir? »Sind Sie mit Freunden hier?«
»Ja, meine Kumpels sind noch draußen auf der Piste.« Er stützte sich mit den
Füßen auf den Metallstreben seines Barhockers ab und spreizte die Beine, so dass
sein Knie ihren Oberschenkel streifte.
Die flüchtige Berührung löste irgendetwas in ihrem Inneren aus. Nicht unbedingt
spontane, ungezügelte Lust, aber irgendetwas war da. »Wieso sind Sie dann nicht
auch draußen?«, fragte sie. Kumpels. Also Männer. Normalerweise bezeichneten
Männer weibliche Freunde nicht als Kumpels.
Er hob sein Bier an die Lippen. »Meine Knie machen Ärger«, erwiderte er und nahm
einen Schluck.
Trotzdem bestand kein Zweifel: Es musste eine Frau im Leben dieses Mannes geben.
Und wahrscheinlich mehr als eine.

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