Buch
gebunden (415 Seiten)
Sprache: Deutsch
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Zeremonien des Genusses - Rituale der Verführung
Teeschalen im Vereinsheim, Yakuza am Mittelrhein: eine komische Geschichte über die schwärmerische Suche nach strenger Schönheit, purem Genuss und dem ganz Anderen in Gestalt einer Frau.
Schon während ihrer Schulzeit haben sich der Gelegenheitsschauspieler, -koch und -dichter Achim Wiese und der plastische Chirurg Wolf Erben für japanische Kultur und Küche begeistert. Da entdeckt Achim Wiese, inzwischen Mitte zwanzig, 1992 bei einer Waldwanderung ausgerechnet im rustikalen Vereinsheim der Wanderfreunde Gurschebach e.V. ein japanisches Spezialitätenrestaurant. Achim, von der Entdeckung elektrisiert, ruft umgehend Wolf an, der ganz in der Nähe in einer bekannten Privatklinik angeheuert hat. Gemeinsam beginnen sie, das Lokal und seine Küche zu erkunden: eine erstklassige Küche, wie sich bald herausstellt, betrieben von der schönen und geheimnisvollen Japanerin Mitsuko.
Fortan besucht vor allem Achim immer wieder das merkwürdige Restaurant. Achim gibt sich große Mühe, Mitsuko mit seinem Halbwissen über japanische Kultur, vor allem die Teekeramik, zu imponieren, um ihr näherzukommen. Allmählich wird er von der Gelegenheitsaushilfe zu ihrer rechten Hand, während Wolf immer häufiger mit japanischen Gästen bei opulenten Abendessen ausgelassen feiert. Als Achim sich in einem Geschäft nach einer wertvollen Chawan, einer kunstvoll gefertigten Teeschale, erkundigt, und dabei beiläufig »Mitsukos Restaurant« erwähnt, fällt erstmals das Wort »Yakuza«. Kurz darauf bricht tatsächlich ein japanischer Geschäftsmann im Restaurant zusammen und stirbt, was Wolfs berufliche Perspektive nachhaltig verändert. Und Achim kommt zunehmend der Verdacht, dass Mitsukos Geheimnis in Wirklichkeit auf Selbsttäuschung beruht und es Zeit wird, all den Trugbildern endlich eine echte Erfahrung entgegenzusetzen.
| ISBN-10: | 3-630-87273-5 |
|---|---|
| EAN: | 9783630872735 |
| Erschienen: | 26.01.2009 |
| Verlag: | Luchterhand Literaturverlag |
| Einband: | gebunden |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 415 |
| Gewicht: | 652 g |
Christoph Peters wurde 1966 in Kalkar (Niederrhein) geboren. Er hat von 1988 bis 1994 in Karlsruhe Malerei studiert und lebt heute in Berlin. 2009 wurde er mit dem "Rheingau Literatur Preis" ausgezeichnet.
von Rafael Ulbrich, am 08.12.2009
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Es heißt, Rikyü sei des öfteren voll mit Sake durch die Gegend getorkelt", sagte Wolf. "Kann sein."
"Darf er das als Tee-Meister und Zen-Priester überhaupt?"
Achim überhörte die Provokation und antwortete nicht.
Wie immer freitags um diese Uhrzeit geriet der Verkehr, je näher sie dem Stadtzentrum kamen, zunehmend ins Stocken. Tausende hatten sich in Kleinwagenverbänden und Bus-Konvois aufgemacht, um die Sinnlosigkeit ihres Daseins für ein Wochenende in der Düsseldorfer Altstadt zu ertränken. Im Gegensatz zu Wolf, der dieses Revier selbst zuweilen nutzte, um ohne Mühe und frei von späteren Komplikationen Frauen für spontanen Geschlechtsverkehr zu werben, fand Achim den Bezirk billig.
"Der Mob auf dem Weg in die Versenkung", sagte er, als sie neben einem mit fünf winkenden Mädchen besetzten Opel Corsa zum Stehen kamen, woraufhin Wolf in obszönes Gelächter ausbrach, "Schneckchen" schmatzte und zurückwinkte, als hätte er seine Pläne für den Abend soeben geändert.
"Arschloch", brummte Achim. Einige hundert Meter weiter auf der Oberkasseler Brücke, immer noch im Schrittempo, deutete er nach rechts und sagte: "Da hinten wohnt Beuys."
Wolf zuckte mit den Achseln.
"Beuys hat sich auch viel mit Japan beschäftigt", sagte Achim. "Ein Mißverständnis." "Die Japaner sehen das anders."
"Die Japaner verstehen uns heutzutage besser als sich selbst."
Mittlerweile war es kurz vor sieben, das Museum hatte seit einer Stunde geschlossen, Wolf schimpfte: "Scheiß Weiber", und Achim sagte: "Ach Quatsch."
Sie schoben sich von Ampelphase zu Ampelphase über die Hofgartenrampe in Richtung Königsallee, wo Wolf ein bestimmtes Parkhaus im Visier hatte, weil er später eine Diskothek in der Nähe aufsuchen wollte. Dort trafen sich, wie er einem Düsseldorfer Stadtmagazin entnommen hatte, die Töchter der ortsansässigen japanischen Geschäftsleute zur Drogen- und Kontaktaufnahme.
"Japanische Mädchen", erläuterte Wolf beim Aussteigen, "werden dazu erzogen, ihren Männern zu dienen, um sie glücklich zu machen, aber nicht durch christliche Sexualmoral genau daran gehindert."
Achim seufzte.
Als sie auf die Straße traten, hatte es zu nieseln angefangen, so fein und schwebend, daß Schirme nutzlos gewesen wären. Wolf fuhr sich mit der Hand durchs Haar, dachte, daß Regenwasser seiner Frisur noch immer gut bekommen sei. Achim maulte: "Wegen deiner Scheiß-Disko latschen wir jetzt eine halbe Stunde durch den Regen."
"Zehn Minuten.
"Fünfzehn."
"Stelle dich auf Regen ein, auch wenn es nicht regnet, lautet eine der sieben Regeln Rikyus." "Es regnet aber."
"Dann dürfte es erst recht kein Problem für dich sein."
Da die Geschäfte bereits um halb sieben schlossen, waren Viertel, in denen weder Bierkneipen noch Speisegaststätten vorherrschten, um diese Uhrzeit bereits ausgestorben.
"Ich bin wirklich gespannt", sagte Achim.
"Auf rohen Fisch."
"Vielleicht auch auf etwas anderes."
"Du bist doch der Authentizitätsfanatiker."
"Ich meine nur, daß ich völlig offen hingehe."
Zu Beginn der Bolker Straße schwenkten sie rechts in die kaum beleuchtete Grabbe-Straße, an deren Ende unter einem ziegelgedeckten Vordach eine voluminöse rote Laterne den Eingang des Restaurants Kabuki markierte. Das Haus war ein schäbiger Zweckbau aus der Nachkriegszeit, hatte aber im unteren Teil mit Hilfe dunkler Balken und weißer Blendplatten, auf die mächtige Schriftzeichen kalligraphiert waren, ein leidlich japanisches Gepräge erhalten. Hinter die Fenster waren traditionelle Papierwände montiert, so daß die Gäste im Innern ebenso vor neugierigen Blicken bewahrt blieben wie die Geheimnisse der Küche. Selbst der breite Schaukasten rechts der Tür war japanischer Herkunft, was man an den aufwendigen Holzverbindungen sah, die ein deutscher Schreiner ohne Zweifel durch Baumarktschrauben ersetzt hätte.
Achim und Wolf versuchten zunächst, sich auf den verschiedenen Speise- und Getränkekarten zu orientieren. Sie lasen, räusperten sich, lasen weiter, schwiegen. Vom Anfang der Straße her wehte ein Klanggemisch aus volkstümlicher Musik, elektronisch erzeugten Tanzrhythmen und bierseligen Stimmen herüber. Achim trat von einem Fuß auf den anderen, Wolf zupfte sich am Ohr.
Es standen vier Menüs zur Auswahl, das kleinste mit fünf, das größte mit elf Gängen. Roher Fisch spielte darin, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle. Die Begriffe Sushi und Sashimi fehlten völlig, und auch von Tempura, der angeblich vollkommenen Technik, Gemüse und Meeresfrüchte auszubacken, war nirgends die Rede. Es gab Abalone mit grünem Spargel; Chrysanthemensalat; fritierten Tofu in Bernsteinsauce; Taschenkrebsfleisch auf Zweischicht-Ei; gefüllte Lotuswurzeln; marinierten Bonito-Fisch; Hähnchenbrust nach Chikozen-Art; Makrele in Miso-Sauce; Teriyaki-Ente; gegrillten Tintenfisch mit Seeigelrogen; Herzmuscheln auf Mangold;
marinierte Spanferkelschulter mit Kapuzinerkresseblüten; Süßkartoffelküchlein; Grüntee-Eis; Azukibohnen-Gelee; außerdem einige Dinge, die keine deutschen Namen hatten, und frisches Obst. Letzteres war das einzige Gericht, unter dem sie sich etwas vorstellen konnten, vorausgesetzt, daß in Japan nicht Früchte wuchsen, von deren Existenz sie nie gehört hatten. Das preiswerteste Menü kostete siebenundachtzig Mark, das teuerste einhundertneununddreißig. Außerdem hätten sie sich - allerdings mit dreitägiger Vorbestellung - zum Preis von hundertneunundvierzig Mark pro Person eine traditionelle Chanoyu-Teezeremonie einschließlich des dazugehörigen, der Jahreszeit entsprechenden Kaiseki-Menüs im separaten Teeraum des Hauses zubereiten lassen können.
"Glaubst du, daß das da authentisch japanische Küche ist?" fragte Achim.
"Ich weiß nicht", sagte Wolf. "Spanferkel? Kapuzinerkresse?"
"Klingt komisch."
"Kein roher Fisch."
"Marinierter Bonito vielleicht?"
"Andererseits ..."
"Und sie haben nur die Menüs."
"Nur Menüs."
"Daß japanisches Essen teuer ist, wußte ich ja ."
"In dieser Münchner Sushi-Bar soll eine Portion, alles drum und dran, vierzig Mark kosten."
"Wieviel hast du dabei?" fragte Achim.
Wolf holte sein Portemonnaie aus der Hosentasche und zählte: "Etwas über neunzig."
"Ich Mitte achtzig."
"Wenn wir zusammenlegen, könnte es für zwei Menüs reichen."
"Aber nicht mehr für Sake. Die billigste Flasche liegt bei fünfzehn Mark." "Dann ist es sinnlos." "Ja. Es ist sinnlos."
Der Nieselregen hatte sie trotz des schützenden Vordachs mit einer silbrigen Schicht winziger Tröpfchen überzogen. Die Luft war schwer wie ein nasser Lappen. So geduckt, mit hochgezogenen Schultern im Licht der roten Laterne, hätten sie ebensogut Nachwuchs-Yakuza auf der Flucht in einem Thriller der frühen siebziger Jahre sein können, die an ihrem ersten Auftrag gescheitert waren. Das würde sie ein Fingerglied kosten, wenn nicht ein Wunder geschähe. Doch weder ein barscher Leibwächter noch ein geheimnisvoller Alter, dem sie vertrauen konnten, öffnete die Tür.
"Und jetzt?" fragte Achim nach einer Weile.
"Mein Vater geht immer zu einem Chinesen auf der Kö. Der ist nicht schlecht. Jedenfalls besser als das Peking in Cleve."
"... und trinkt grünen Tee mit Zucker."
"Bier."
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