Glister

Roman

von John Burnside

Buch

gebunden (284 Seiten)

Sprache: Deutsch

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Der neue Burnside - einzigartig, verstörend poetisch. Nach »Glister« sieht man die Welt mit anderen Augen.


John Burnside hat gleich mit seinem ersten auf Deutsch erschienenen Roman Leser und Kritiker fasziniert. Jetzt kommt »Glister« - ein schockierend ehrliches Buch über Vereinsamung und moralische Verwahrlosung.


Erst verschwindet ein Junge spurlos, dann weitere. Doch niemand scheint beunruhigt. Schon lange kümmern sich die Erwachsenen nicht mehr um ihre Kinder, zu sehr sind sie mit sich und ihren Sorgen beschäftigt. Einst lebten sie in einer blühenden Stadt - doch dann siegten Egoismus und grenzenlose Gier. Nun ist alles vergiftet und ohne Hoffnung. Ist es da nicht verständlich, dass die Jungen, die noch eine Zukunft sehen, einfach abhauen? Man will diese Version glauben und geht zur Tagesordnung über. Nur der Polizist Morrison hat etwas Schreckliches gesehen - und schweigt. Denn er hat seine Seele längst verkauft. Doch die Kinder der Stadt sind ruhelos. Der 15-jährige Leonard weigert sich, seinen verschwundenen Freund Liam verloren zu geben. Er macht sich auf die Suche nach der Wahrheit.


Burnside gelingt mit »Glister« etwas Unvergleichliches: Indem er eine vor Spannung vibrierende Geschichte erzählt, hält er einer innerlich erkalteten Gesellschaft den Spiegel vor und schenkt ihr gleichzeitig mit Leonard die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Dieser Roman ist unwiderstehlich, anrührend, verstörend poetisch - und ganz ohne Beispiel.


Produktdetails

ISBN-10: 3-8135-0349-6
EAN: 9783813503494
Originaltitel: Glister
Erschienen: 28.09.2009
Verlag: Knaus
Einband: gebunden
Sprache(n): Deutsch
Seitenzahl: 284
Gewicht: 491 g
Übersetzer: Bernhard Robben
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John Burnside

John Burnside, geboren 1955, gilt als bedeutendster englischer Lyriker seiner Generation. Für sein poetisches Werk wurde er mit mehreren Preisen bedacht. Daneben schreibt er Prosa. Sein von der Kritik hoch gelobtes Erinnerungsbuch "A Lie About my Father" wurde ein Bestseller. "Die Spur des Teufels" ist der erste Roman, der von John Burnside auf Deutsch erscheint. Weitere Werke sind in Vorbereitung.

Bernhard Robben

Bernhard Robben, Jahrgang 1955, war nach dem Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie als Deutschlehrer in Nordirland tätig. Seit 1986 arbeitet der Spezialist für irische und angelsächsische Literatur als freier Übersetzer und Journalist. Nebenbei ist er ehrenamtlicher Bürgermeister von Brunne, wo er seit 1992 mit seiner Familie lebt.

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Buchhändlertipps

  • Ein genialer Roman

    von Eva Müller-Sahli, am 07.05.2010 aus der Thalia-Buchhandlung in Aarau

    Eine Geschichte voller Geheimnisse, poetisch, spannend und unheimlich.
    Eine Halbinsel im Norden, ein heruntergekommenes Industriegelände und Kinder, die eine Eigendynamik entwickeln. Wo bleibt da die Hoffnung auf ein besseres Leben?

Kundenrezensionen

  • Verstörend und geheimnisvoll Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv

    von Andrea Geiger, am 31.10.2010

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    Der schottische Lyriker und Erzähler legt mit Glister einen irritierenden Roman vor, der zugleich kalt und aufrüttelnd von einem Ort und einer Gesellschaft erzählt, in der die Hoffnungslosigkeit dominiert. Burnside gelingt (wie schon in "Der Spur des Teufels") mit dem fünfzehnjährigen Leonard und seiner Sinnsuche das Psychogramm einer Gesellschaft, die von schicksalhafter Gleichgültigkeit geschlagen scheint. Die lyrisch-sinnliche und mystisch-geheimnisvolle Sprache des Romans verstört und steht geradezu kontrapunktisch zum (tatsächlichen?) Geschehen.

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  • Schonungslos Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von Markus Riedelsheimer, am 10.02.2010

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    Was passiert, wenn der industrielle „Fortschritt“ einen Landstrich verwüstet? Welche Auswirkungen haben Perspektivlosigkeit, Krankheit , Elend auf das Verhalten von Bürgern einer ganz normalen Kleinstadt? Diesen Fragen geht John Burnside in „Glister“ nach. Glücklicherweise verlegt er die Handlung allerdings nicht in ein Elendsviertel der dritten Welt, sondern lässt sie in Europa spielen. Innertown wurde durch eine Chemiefabrik vergiftet, nach dem Schließen derselben herrscht Arbeitslosigkeit, herrscht Leere. Kinder verschwinden ständig, die Ermittlungen verlaufen gewollt im Sande. „Glister“ ist teils Krimi, teils Gesellschaftskritik, teils Charakterstudie, und hat sogar einen Hauch Mystery zu bieten. „Glister“ fesselt, macht betroffen, wirft unangenehme Fragen auf, überrascht und lässt den Leser teilweise fassungslos zurück. Ein schonungsloses Buch, das ich aber genau deswegen ans Herz legen möchte.

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  • Wo nichts glänzt und funkelt Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv

    von Herbert Konkel, am 20.01.2010

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    Einst war Innertown eine blühende Industriestadt, vor deren Toren auf einer Halbinsel eine florierende Chemiefabrik stand. Heute ist sie geschlossen und vergiftet die Umwelt und die Menschen in ihrer Umgebung. Lethargisch, verzweifelt und ihrem Schicksal ergeben, vegetieren die Erwachsenen dahin. Viele leiden an unerklärlichen Krankheiten, Depressionen und enden im Tod oder im Wahnsinn. Und obwohl jeder weiß, dass seine Stadt ein Ort des Todes ist, kann sie keiner verlassen. Auch die meisten Jugendlichen haben sich in ihrer Misere eingerichtet. Sie sind verroht, vagabundieren durch den vergifteten Wald und durch die verfallene Chemiefabrik, suchen und töten mutierte Tiere (und nicht nur sie). Einzig der 15 jährige Leonard Wilson sucht, diesem tristen Leben zu entkommen. Er liest die großen Klassiker der Weltliteratur, hat ein Faible für alte Filme und sucht in dem vergifteten Wald seine fünf verschwundenen Freunde, die von allen Bewohnern des Ortes vergessen worden sind. Zwar gibt es einige Erwachsene, die etwas über das mysteriöse Verschwinden der Jugendlichen zu wissen scheinen, aber sie schweigen, wie der Dorfpolizist Morrison, der wie ein lebender Toter seine Tage fristet, an seinem Wissen zu ersticken droht, aber nicht fähig (und mutig genug) ist, sein Schweigen zu durchbrechen. Oder der Industrielle Smith (welch schöne und hintergründige Anspielung auf Adam Smith) aus dem intakten Nachbarort Outertown, der ein vitales Interesse hat, mit allen Mitteln die Wahrheit zu vertuschen.
    In den letzten Jahren ist wohl kaum ein anderes derart düsteres Buch erschienen wie dieser Roman des schottischen Autors John Burnside, der bei uns noch weitgehend unbekannt ist. Kaum jemand vermag, soviel dunkle Poesie in eine so schöne, häufig auch lyrische Sprache zu kleiden. Sein Roman ist eine gekonnte Mischung aus Thriller, Mystery Novel und düsterster Zukunftsvision, die dennoch einen Hoffnungsschimmer auf eine bessere Welt offen lässt.
    Es ist eine wahre Freude, in diesem Roman offensichtliche und versteckte Zitate aus der Bibel, der Weltliteratur und dem Film zu finden. Ganz am Ende findet sich ein versteckter Hinweis auf Andrej Tarkovskijs Film ‚Stalker‘, der schon vor mehr als dreißig Jahren das Schreckensbild eines ökologischen Katastrophengebietes zeigte, das ein Abbild des inneren Zerfalls der dort lebenden Menschen war und in Burnsides grandiosem Roman eine zeitgenössische Entsprechung gefunden hat.

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  • Sprachgewaltige Gesellschaftskritik Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von Gabriele Brohm, am 02.01.2010

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    Innertown ist ein Ort der keiner Seele am Herzen liegt, völlig vergiftet durch die ehemalige Chemiefabrik in direkter Umgebung, vegetiert er so vor sich hin.
    Die Einwohner gleichen dieser Stadt, das Gift hat ihre Körper und Gemüter ebenfalls ergriffen.
    Keiner nimmt mehr Anteil am Schicksal seiner Nachbarn. Als kurz nacheinander mehrere Jungen spurlos verschwinden, wird einfach darüber hinweggessehen.
    Alles wird als gegeben hingenommen, keiner begehrt auf.
    Nur der 15 jährige Leonard kann sich mit dieser Situation nicht abfinden, ist er der Hoffnungsträger für eine bessere Zukunft?
    Das ist mit der düsterste Roman den ich in letzter Zeit gelesen habe, dennoch verfügt dieses sprachlich versiert geschriebene Buch
    über soviel Spannung und Sogwirkung, dass ich es auf einen Zug durchlesen musste, auch wenn mir dadurch die Stimmung in Richtung Tristesse absank.
    John Burnsides Roman zeigt schonungslos die Geschichte einer Gesellschaft auf, die durch Gefühlskälte, Gleichgültigkeit und Duldung mitschuldig an allen Geschehnissen ist.
    Eine hervorragende Lektüre für Leser, die Wert auf eine bildreiche Sprache und Nachhaltigkeit legen, ein Buch das man nicht nur einmal liest.
    Wer die Romane von Cormac McCarthy mag, wird sicher auch an "Glister" Gefallen finden.
    Den Autor John Burnside sollte man sich unbedingt merken!

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  • John Burnside-Glister Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv

    von Birgit Wojtynowski, am 17.11.2009

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    Durch die Fabrik ist die Natur um die schottische Kleinstadt verseucht. Jetzt ist die Fabrik geschlossen. Sie hinterläßt Arbeitslosigkeit und kranke Menschen. Viele leiden an Krebserkrankungen und Depressionen.Die Bewohner verbringen ihre Zeit gleichgültig vor dem Fernseher.Eines Tages verschwinden mehrere Jungen spurlos. Doch niemand sucht nach ihnen. Der Polizist Morrison hat etwas Schreckliches gesehen. Er schweigt und teilt die Gleichgültigkeit mit den anderen Einwohnern der Stadt.
    Der 15jährige Leonard macht sich auf die Suche nach seinem Freund Liam.
    John Burnside hält dem Leser einen Spiegel vor. Täglich werden wir mit schrecklichen Ereignissen konfrontiert, denen wir fast immer mit Gleichgültigkeit begegnen.
    Kein Gefühl ist schlimmer. Wir sollen nach dem "Warum" fragen.

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  • Stadtgeheimnisse Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern aktiv Bewertungsstern inaktiv

    von Silvia Gonther, am 21.09.2009

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    Eine kleine Stadt in der Jungs verschwinden. Warum unternimmt Polizist Morrison nichts ? Was hat der undurchsichtige Brian Smith Davon, dass alles vertuscht wird?
    Dieses Buch ist kein Krimi. Es ist die Geschichte einer Stadt. Es ist eine Geschichte von gebrochenen Versprechen und enttäuschten Hoffnungen. John Burnside versteht es mit seiner Erzählkunst und den wechselnden Perspektiven zu fesseln. Ihm ist ein eindrucksvolles Buch über Bindungen im Verborgen und unausgesprochene Dinge gelungen.

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Wo ich jetzt bin, kann ich noch die Möwen hören. Alles andere verklingt, wie ein Traum gerade dann verklingt, wenn man aufwacht und sich an ihn erinnern will, nur die Möwen sind noch da, wild und heiser krächzend wie immer. Zu Tausenden wogen sie auf und ab und schreien gellend über die Landzunge, laut und ohne Unterlass, weshalb ich nur sie hören kann, sie und ein letztes, fahles Echo der über die Strandkiesel spülenden Flut, ein beharrliches Grollen, das unter dem Gerufe dieser Geistervögel liegt, die ich kaum wahrnahm in dem Leben, das ich hatte, ehe ich durch den Glister ging. Mehr ist von diesem alten Leben auch nicht geblieben: Vögel, die in lauten Schwärmen hungrig über die Landzungen flirren, kaltes, graues Wasser, das ans Ufer schlägt. Nichts weiter. Kein anderes Geräusch und nichts zu sehen als das weite, reine Licht, in das ich aus freiem Willen immer wieder aufs Neue am Ende einer Geschichte trete, die ich bereits zu vergessen beginne.
In jener Geschichte heiße ich Leonard, und solange sie geschah, dachte ich, das Leben sei eine Sache und der Tod eine andere, aber das dachte ich nur, weil ich noch nichts über den Glister wusste. Jetzt ist diese Geschichte zu Ende. Ich will sie in Gänze erzählen, auch wenn ich schon an einen Ort entgleite, der vor dem Nennen und Vergessen von Namen liegt. Ich will sie in Gänze erzählen, auch wenn ich sie dabei vergesse, um durch das Erzählen und Vergessen jenen zu vergeben, die darin vorkommen, auch mir selbst. Denn dort beginnt die Zukunft: im Vergessenen, in dem, was verloren ist. Damals, in Innertown, klebte auf den alten Sirupdosen, die wir immer im Eckladen kauften, ein Etikett mit einem Bild von einem Löwen, tot und verwesend im Staub, und ein Schwarm Bienen strömte durch die Schwären und Schatten in seinem Fell, um Honig aus seinen Wunden zu ernten. Ich habe dem Bild vertraut. Ich wusste, es stimmte - denn es gab eine Zeit, in der die Menschen glaubten, dass dieses dunkle Loch, diese Wunde wirklich der Ort war, von dem der Honig stammte. Sie hatten recht, denn alles wird verwandelt, alles wird, und dieses Werden ist die einzige Geschichte, die nie zu Ende geht. Alles wird zu allem anderen, in jedem Augenblick, immerzu. Das weiß ich jetzt - und hier, wo ich bin, gehe ich diese Geschichte immer wieder durch, zähle die Ereignisse auf, an die ich mich erinnere, und kartografiere die Stellen und Schatten, die das Vergessen zurückließ, klammere mich an Strohhalme, als verginge die ganze Welt, als würde nicht nur ich, sondern das Leben selbst in die Vergangenheit entschwinden.
Doch nichts entschwindet, auch ich nicht. Nichts entschwindet in die Vergangenheit, es wird höchstens vergessen und so zur Zukunft. Es existiert weiterhin an jenem Ort, den manche Menschen in Innertown das Nachleben nennen - obwohl sie in ihrem Herzen wissen, dass es kein Nachleben gibt, weil es kein Danach gibt. Immer ist Jetzt, und alles - Vergangenheit und Zukunft, Problem und Lösung, Leben und Tod -, alles ist gleichzeitig hier, in diesem Moment. Der Ort aber, an dem ich bin, hat viele Namen, je nachdem, welche Geschichte man glaubt: Himmel, Hölle, Tir Na Nog oder Traumzeit. Dabei wissen wir alle, es ist weder dieses noch jenes, sondern nur der Ort, an dem Geschichten beginnen und enden. Und jetzt beginnt meine Geschichte aufs Neue, ein letztes Mal, noch während sie verglüht. Um mich an sie zu erinnern - um sie zu vergessen - brauche ich mir nur einen Mann im Wald vorzustellen, und schon entfaltet sich die Geschichte wie eine jener Papierblumen, die in dem Augenblick, in dem man sie in eine Schüssel mit Wasser gibt, in einem unfassbar prächtigen Farbenspiel aufgehen: Seeblume, Mondblume, Erdblume, Blumen in den Farben des Himmels, Blumen von der Farbe des Blutes. Ich kenne diese Geschichte. Mir ist, als hätte ich sie schon hundertmal erzählt, und jedes Mal, wenn ich sie erzähle, findet ein weiteres kleines Detail seinen Platz. Irgendwann werde ich sie ein letztes Mal durchgehen, und danach verlasse ich diesen Ort. Denn was auch von mir übrig sein mag, es wird eine neue Geschichte beginnen oder, wenn schon keine neue Geschichte, dann doch zumindest eine Variante jener einen Geschichte, die schon immer geschieht.
So wie ich es sehe, hat diese Geschichte ein eigenes Leben. Auch eine eigene Wahrheit, die allerdings nicht jedermann erkennt. Ständig verändert sie sich und entgleitet uns. John, der Bibliothekar, erzählte mir einmal von dieser Idee, die irgendwer gehabt hat, die Idee vom "unzuverlässigen Erzähler". Er fand sie ziemlich lustig. Als wären Geschichten Ansammlungen von Tatsachen, als wäre die Geschichte, die wir leben, bloß eine Aneinanderreihung von Tatsachen: ein A, das ein B ausschließt, ein Y, das ein Z nach sich zieht. John, der Bibliothekar, sagte oft, in Hinblick auf Zuverlässigkeit sollten wir uns weniger um den Erzähler, sondern mehr um den Autor sorgen. Womit er meiner Ansicht nach Gott, das Schicksal oder irgendwas dergleichen meinte. Doch bin ich mir nicht sicher, ob ich ihm zustimme. Vielmehr glaube ich, dass die Geschichte und nicht der Erzähler unzuverlässig ist - außerdem glaube ich nicht, dass es überhaupt so etwas wie den einen Autor gibt. Es gibt nur eine Geschichte, die immer weitergeht. Manchmal hat man etwas zu erzählen, manchmal nicht. Ich glaube, jeder, der mag, kann das Erzählen übernehmen, doch das hat nicht den geringsten Einfluss auf den Verlauf der Geschichte.


Das Leben ist größer. Wenn meine eigene Variation dieser einen Geschichte zum letzten Mal aufs Neue beginnt, kurz bevor sie vergessen wird, könnte sie zur perfekten Version werden, zu einer wahren Geschichte, die ein für alle Mal erzählt wird. Wenn das geschieht, dann wird alles verstanden. Alles wird vergeben. Um wieder zu beginnen, um endlich zu vergessen, brauche ich mir nur einen Mann vorzustellen, der allein in einem vergifteten Wald steht - nicht damals, als ich ihn dort sah, sondern früher, in einem Moment, in dem sein Geheimnis noch gewahrt war. In dieser Geschichte heiße ich Leonard, aber ich bin nicht der Mann im Wald.

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