Rezensent im Portrait
aus Linz
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Ein Offizier und GentlemanRezension vom 25.03.2013Nach vielen Jahren legt Sophia Farago endlich wieder einen ihrer wunderbaren historischen Englandromane vor, der dieses Mal von einer starken Krimihandlung durchzogen wird.
Hauptfiguren des Romans sind Major Frederick Michael Dewary, Erbe des Earls of Digmore und Miss Elizabeth Porter. Major Dewary kämpft als Offizier der Lifeguards am Kontinent gegen Napoleon, als er durch ein Schreiben gewarnt wird, dass er in England wegen eines Verbrechens gesucht wird. Begleitet von seinem treuen Burschen Charlie bricht er nach England auf und versteckt sich als Stallmeister auf Portland Manor.
Portland Manor wird bis zur Volljährigkeit des jungen Lord Portland von seiner Schwester Elizabeth Porter geführt. Diese ist von ihrem neuen Stallmeister schwer beeindruckt, vermutet aber aufgrund seines Benehmens und Auftretens mehr in ihm als einen einfachen Stallmeister. Nach und nach bringt der Major in Erfahrung welches Verbrechen ihm zur Last gelegt wird und, schlimmer kann es nicht kommen, es handelt sich um Mord.
Als Elizabeth und ihre Mutter die Wahrheit erfahren, beschließen sie Frederick ihr Vertrauen zu schenken und ihm bei der Aufklärung der Tat zu helfen. Kurzentschlossen beschließt Lady Portland Earl Digmore einen Besuch abzustatten. Gemeinsam mit ihrer Tochter hält sie prunkvoll Einzug auf Digmore Park. Die Damen werden äußerst freundlich von Edward, Fredericks undurchsichtigem Cousin und dessen Frau empfangen. Die Ereignisse in Fredericks Elternhaus überschlagen sich, ein Geheimnis knüpft sich an das andere.
Neben Frederick und Elizabeth gibt es eine ganze Reihe von Nebenfiguren. Zofen, Stallburschen, Butler, Köchinnen, Haushälterinnen und Kammerdiener nehmen ihren Platz in der Geschichte ein und verleihen dem Buch das typisch englische Flair. Neben den vielen dienstbaren Geistern gibt es noch einen couragierten Pfarrer, einen undurchsichtigen Lord und den Friedensrichter der Gegend. Besonders gut gefällt mir Lady Portland, eine ganz reizende Dame, die ganz begeistert ist von diesem Abenteuer und ohne mit der Wimper zu zucken die entscheidenden Fragen stellt. Sie legt dabei eine Kaltblütigkeit zutage, die ihre Gegenspieler mit Naivität verwechseln.
Gekonnt vermittelt Sophia Farago einen Eindruck vom Leben der englischen Oberschicht. Die hohe Kunst der Konversation wird ebenso erläutert, wie auch das Ritual gegenseitiger Besuche in der näheren und weiteren Nachbarschaft.
Alles in allem ein sehr spannendes Buch, das durch seine äußerst sympathischen und lebendigen Figuren ungemein an Tiefe gewinnt. Die Auflösung des Falles ist kompliziert und es gibt mehr als eine dramatische Wendung. Nichtsdestotrotz gibt es für mehr als nur eine Person ein Happy End. -
Zuviel ist ZuvielRezension vom 20.02.2013Gleich zu Beginn dieser Rezension möchte ich anmerken, dass ich mit diesem Buch so meine Probleme hatte und habe.
Was mir sehr gut gefallen hat, ist die Geschichte, die diesem Buch zugrunde liegt; dafür habe ich auch 2 Sterne vergeben. Khaled Hosseini erzählt von Amir und Hassan, zwei Jungen, die in Kabul unbeschwert, ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Stellung gemäß, aufwachsen. Hassans Vater ist der Diener von Amirs Vater; die beiden Jungen wachsen gemeinsam auf und sind, auch wenn Amir einige nicht sehr liebenswerte Charakterzüge hat, enge Freunde.
Erzählt wird von einem Afghanistan, das in den heutigen Nachrichten nicht mehr existiert: Afghanistan vor den Mudschaheddin, Taliban, Russen und Amerikanern. Khaled Hosseini gewährt einen Einblick in eine reiche Kultur und Geschichte, von der heute vieles nicht mehr existiert.
Was mir aber die Freude am Lesen sehr geschmälert hat, ist die Tendenz des Autors alles zu dramatisieren und das Schicksal zu sehr zu bemühen. In keinem noch so verpönten Liebesroman wird es eine derartige Häufung von schweren Schicksalsschlägen geben.
Besonders stören mich dabei folgende Punkte des Romans:
Ali, der Diener, gehört nicht nur einer gesellschaftlich nicht geachteten Volksgruppe an, er wird auch von seiner Ehefrau mehrfach betrogen, leidet an einer Gesichtslähmung und hat ein verwachsenes Bein.
Ein Angehöriger der amerikanischen Botschaft, der nur auf wenigen Seiten auftritt und für die Handlung praktisch ohne Belang ist, hat eine Tochter, die Selbstmord begangen hat.
Amirs spätere Ehefrau ist unfruchtbar.
Der Taliban, mit dem es Amir als Erwachsener zu tun bekommt, ist nicht nur ein Mörder und brutaler Anführer, sondern auch ein Kinderschänder.
Besonders schwer trifft es Suhrab, Hassans Sohn, der miterleben muss wie seine Eltern ermordet werden und danach in ein heruntergekommenes Waisenhaus gesteckt wird; von dort wird er von einem Taliban weggeholt, der ihn missbraucht und letztendlich unternimmt der Junge einen Selbstmordversuch als Amir sein Wort nicht hält.
Die gesamte Handlung wird praktisch von solchen schweren Schicksalsschlägen begleitet, was ich insofern sehr schade finde, da es absolut nicht notwendig wäre. Ein Land wie Afghanistan, das eine so wechselvolle und schmerzliche Geschichte hat, bietet genug Stoff zum Erzählen. Aber so habe ich das Buch immer wieder weggelegt und mit großen Pausen gelesen. Ganz schlimm wird es im letzten Viertel des Buches, als sich die Ereignisse auf eine Art überschlagen, die beinahe schon lächerlich ist.
Schade um eine wirklich große Geschichte. -
Abschied von CeylonRezension vom 11.02.2013Zu Beginn der fünfziger Jahre verlässt Michael, genannt Mynah, Ceylon und damit auch seine unbeschwerte Kindheit. Seine Mutter ist bereits einige Jahre vor ihm nach England aufgebrochen und eben dorthin folgt er ihr nun. Der gerade mal zehnjährige Junge ist bei dieser Reise auf sich gestellt. Enge Reisegefährten werden die fast gleichaltrigen Jungen Ramadhin und Cassius. Gemeinsam entdecken sie während der gut dreiwöchigen Reise das Schiff und forschen die anderen Reisenden aus. Ihre Mahlzeiten nehmen sie am sogenannten Katzentisch ein; jenem Tisch, an dem die Personen platziert werden, die von geringem gesellschaftlichem Stand sind. Doch unter jenen Passagieren sind einige durchaus faszinierende Persönlichkeiten: Mr. Sage, ein Herr, der Schiffe abwrackt, Mr. Daniels, der hochgiftige Pflanzen tief im Schiffsbauch mit sich führt, Max Mazappa, ein Berufsmusiker und Miss Lasqueti, alte Jungfer und potentielle Spionin.
Besonders fasziniert sind die drei Jungen natürlich von den Passagieren der Ersten Klasse, wo ein verfluchter Millionär ihr besonderes Interesse weckt.
Die Reise ist durchaus abwechslungsreich, eine Artistengruppe, ein Juwelendieb, unglückliche Liebe, ein Gefangener, der nur Nachts an Deck darf, ein schwerer Sturm verbunden mit einem Beinaheunglück lassen die Tage auf See rasch vorbeiziehen. In Ausblicken erzählt Michael von seinem Leben als Erwachsener, das ihn schon bald von Ramadhin und Cassius trennt.
Trotz einer ganzen Reihe von starken Persönlichkeiten und einer spannenden Zukunft, fehlt etwas. Meiner Meinung nach gelingt es Michael Ondaatje in diesem Buch nicht, die einzelnen Handlungsstränge zu einer starken Handlung zu verweben. Die Handlung erinnert ein wenig an das ewige Auf und Ab der Wellen. Durchaus schön und für eine Weile ganz unterhaltsam, aber irgendwann nicht ausreichend. Am meisten Eindruck hinterließen bei mir die ersten Seiten des Buches, als Michael sich bei Nacht dem Schiff nähert. Es sind die einzigen Seiten des Buches, die in der dritten Person geschrieben sind und die vielleicht gerade dadurch ihre starke Intensität gewinnen. -
Ogottogott mit FruchtkompottRezension vom 26.01.2013Ach gäbe es doch mehr Menschen wie Audrey Flowers!
Audrey Flowers ist erfrischend anders. Sie ist naiv im besten Sinne des Wortes, aufrichtig, zauberhaft und quirlig. Alles an ihr ist besonders: Sie wurde an einem 29. Februar geboren, ist Kanadierin, genau genommen aus St. John's, Neufundland, wuchs bei ihrem Vater, einem Forscher, und Onkel Thoby, dessen linker Arm um gut 30 Zentimeter länger ist als der rechte Arm, aber dafür ohne Mutter auf. Ihre Haustiere sind Wedge, eine ehemalige Labormaus, die das biblische Alter von 20 Jahren erreicht hat und noch immer quietschvergnügt ist und Winnifred, eine Schildkröte, die Autofahrten auf dem Armaturenbrett liebt. Audrey bastelt schon mal ein Schloss für ihre Schildkröte und trägt bei einem Besuch in London einen roten Fallschirm. Sie hat panische Angst vor Flugzeugen, entwaffnet aber dennoch einen langsamen Air Marshal. Und bleibt praktisch in jeder Drehtür stecken.
Als ihr Vater kurz vor Weihnachten bei einem tragischen Unfall stirbt, kehrt Audrey von einer längeren Reise nach Hause zurück und muss sich einigen verstörenden Tatsachen stellen.
Doch Audrey wäre nicht Audrey, wenn sie nicht auf ihre ganz eigene Art mit diesem Todesfall, einem untreuen Liebhaber, einem verschwundenen Onkel und einem Experten für Weihnachtsbeleuchtung umgehen würde.
Jessica Grant hat eine Heldin erschaffen, die auf den ersten Blick vielleicht einfältig und traurig wirkt, in Wahrheit aber ein tieffühlender, optimistischer und treuer Mensch ist.
Auf den ersten zwanzig Seiten ist die Erzählweise noch spröde, aber dann ist man ganz plötzlich in der Geschichte drinnen und die Seiten fliegen nur so dahin. Gemeinsam mit Audrey trifft man eine Reihe unglaublich sympathischer Figuren, die ohne großes Aufhebens da sind wenn man sie braucht und Audrey und ihre schräge Familie so nehmen wie sie nun einmal sind.
Der Nordwestschubs und Clint's Cabs sind weitere Erfindungen von Jessica Grant, die etwas ganz besonderes sind.
Jeder, der einen warmherzigen aber absolut nicht alltäglichen Roman lesen möchte, zieht mit diesem Buch das ganz große Los.
Zum allerersten Mal habe ich auch ein Buch gelesen, in dem sich die Interpunktion auf Beistrich und Punkt beschränkt. Erstaunlicherweise fehlen aber Anführungszeichen, Fragezeichen und Rufzeichen absolut nicht. Selbst diese Zeichensetzung ist in diesem Roman durch und durch stimmig. -
Querbeet USARezension vom 14.01.2013Schon nach wenigen Seiten entpuppten sich "Die fliegenden Trautmans" als absoluter Glückstreffer und Miriam Toews als begnadete Erzählerin. Noch bevor ich dieses Buch beendet hatte, war mir klar, dass ich noch weitere Bücher dieser Autorin lesen werde.
In den "Fliegenden Trautmans" wird Hattie, die sich als Boheme in Paris versucht, durch einen Anruf ihrer Nichte ins heimatliche Kanada zurückgeholt. Hatties ältere Schwester Min, seit Jahren schwer depressiv, hat erneut einen schweren Schub erlitten und ihren beiden Kindern, dem fünfzehnjährigen Logan und der elfjährigen Thebes ist klar, dass sie dringend Hilfe brauchen. Zurück in Kanada bringt Hattie ihre Schwester in einer Klinik unter und stellt sich auf ein Leben als Ersatzmutter ein. Rasch wird ihr klar, dass dies alles andere als einfach ist, denn Logan fliegt von der Schule und treibt sich bis spät nachts herum, Thebes ist zwar hochintelligent, wäscht sich aber nicht, hat lila gefärbte Haare und redet ohne Punkt und Komma.
Hattie entscheidet, dass sie dringend die Unterstützung des Vaters der Kinder braucht, den Min vor Jahren vertrieben hatte. In einem ramponierten Van, der gerade noch fahrtauglich ist, machen sich die drei auf die Suche, mit nicht viel mehr als einer vagen Ahnung wo Cherkis sein könnte. Es folgt eine Fahrt quer durch die Vereinigten Staaten von Amerika. Endlose Highways, billige Motels, Tankstellen, Supermärkte und Basketballplätze ziehen an ihnen vorbei. Langsam öffnet sich Logan, während Thebes wie manisch bastelt. Obwohl die Fahrt nicht ohne Schwierigkeiten verläuft, kommen sich Hattie und die Kinder doch immer näher. Polizisten drücken schon mal ein Auge zu, wenn sie es mit dem chaotischen Trio zu tun bekommen und Joint rauchende Wanderarbeiter backen zum Trost Auflauf.
Miriam Toews hält perfekt die Balance, es gibt tieftraurige Momente, gefolgt von komischen Situationen. Wenn Thebes ihre Geschenkgutscheine bastelt oder Logan nachts bei Flutlicht Basketball spielt, fühlt und hadert man mit ihnen. Hattie zweifelt mehr als einmal an ihren Fähigkeiten als Ersatzmutter und verhält sich dann doch eher wie die unbeschwerte jüngere Tante.
All dies erzählt Miriam Toews locker und unverkrampft. Ihr Zugang auf Mins schwere Depressionen ist unkompliziert und durch all das hat sie ein durch und durch mitreißendes Buch geschrieben. -
Ein heißer Sommer im alten EnglandRezension vom 07.01.2013Katherine Webb lässt ihren zweiten Roman "Das Haus der vergessenen Träume" wie schon "Das geheime Vermächtnis" auf zwei Zeitebenen spielen. Jener Teil der Handlung, der in der Gegenwart stattfindet, stellt dabei nur eine Rahmenhandlung zu den Geschehnissen im Jahre 1911 dar.
Die Journalistin Leah Hickson erhält von der Britischen Kriegsgräberfürsorge den Auftrag, die Identität eines britischen Soldaten aus dem 1.Weltkrieg festzustellen, dessen Leichnam soeben in Belgien gefunden wurde. Einziger Hinweis auf seine Identität sind zwei Briefe, die er in einer luftdicht verschlossenen Box bei sich trug. Diese Briefe wurden im Pfarrhaus von Cold Ash Holt geschrieben und bilden nun den Ausgangspunkt für Leahs Suche.
Bei dieser Suche taucht Leah tief ins Jahr 1911 ein und lernt bei ihren Nachforschungen die Bewohner von Cold Ash Holt besser und besser kennen. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Pfarrer Albert Canning, seine Frau Hester, das Dienstmädchen Cat und der Theosoph Robin Durrant. Cat Morley kommt im Sommer 1911 von London ins Pfarrhaus von Cold Ash Holt, nachdem sie in London im Gefängnis gesessen hatte. Als überzeugte Suffragette nimmt sie ihre Überzeugungen auch ins Pfarrhaus mit und ist vom ersten Tag an dort unglücklich. Robin Durrant ist sowohl charmant, freundlich, gutaussehend als auch berechnend, eiskalt und skrupellos. Sein einziges Ziel ist es, der Theosoph seiner Zeit schlechthin zu werden und als der Mann in die Geschichte einzugehen, der einen unwiderlegbaren Beweis für die Existenz von Elementarwesen vorgelegt hat. Während seines Aufenthaltes im Pfarrhaus verfällt ihm der Pfarrer vollkommen und verliert jeden Bezug zur Realität. Misstrauen, Lügen und Täuschungen halten Einzug in Cold Ash Holt und gipfeln in einem Mord, der gut 100 Jahre ungesühnt bleibt.
Katherine Webb hat mich mit dem "Haus der vergessenen Träume" komplett überzeugt. Die Handlung des Romans ist hervorragend entwickelt, während des Lesens stellt man natürlich Vermutungen an, doch es gelingt Katherine Webb immer wieder, den Lauf der Geschichte in eine andere Richtung zu lenken und somit eine unglaubliche Spannung aufzubauen. Ihre Hauptfiguren sind ungemein plastisch gestaltet und man sieht sie beim Lesen praktisch vor sich. Ich kann "Das Haus der vergessenen Träume" jedem empfehlen, der einen guten historischen Roman zu schätzen weiß und ganz nebenbei noch die elementaren Grundzüge der Theosophie kennenlernen möchte. -
Kontrollierter WahnsinnRezension vom 02.01.2013Adolf Muschg baut seinen Roman "Sax" aus Elementen der verschiedensten Literaturrichtungen auf. Den Deckmantel bildet das Genre Roman, doch werden auch Krimi und historischer Roman bemüht, und manche Kapitel umweht ein Hauch von Science Fiction.
Hauptfiguren des Buches sind das Spukhaus "Zum Eisernen Zeit" in Münsterburg, Schweiz oder jene drei jungen Anwälte, die 1970 als Trockenwohner dort einziehen und mehr oder weniger bis September 2013, dem Ende des Romans, dort wohnen bleiben.
Jacques Schinz, Hubert Achermann und Moritz Asser sind jene drei Anwälte, die den Dreh- und Angelpunkt der Handlung bilden. In den ersten Kapiteln kommt diese Rolle noch Peter Leu, dem Besitzer des Spukhauses zu, doch dient er den drei Freunden nur als Wegbereiter in einen Roman, der reich an handelnden Personen und überlappenden Handlungen ist. Die Anwälte sind 1970 naive Idealisten, die an ihre Überzeugungen glauben und davon ausgehen, dass sie die Welt verändern können. Nichtsdestotrotz sind sie beruflich so erfolgreich, dass sie zu einer festen Konstante in der internationalen Finanzwirtschaft werden und beträchtlichen Reichtum anhäufen, der auch diverse Krisen überdauert. Parallel zum beruflichen Aufstieg sind sie auf der Suche nach Glück und Liebe und scheitern dabei kolossal. Die Frauen, die über Jahrzehnte in ihrem Leben eine Rolle spielen, verfolgen eigene Ziele, haben ihre eigenen Geschichten und sind samt und sonders rätselhafte Wesen. Eltern, Nachbarn, Klienten und Freunde kommen und gehen, erfüllen ähnlich dem echten Leben den ihnen zugedachten Part der Geschichte und verschwinden wieder.
Nachhaltiger sind da schon die Auswirkungen der Geister, die das Spukhaus immer wieder heimsuchen. Beginnend mit dem Freiherrn von Sax und einer gestohlenen historischen Handschrift bis hin zu einem Forscher des 19. Jahrhunderts, werden die Bewohner des Spukhauses von jenen in den Wahnsinn und ins Unglück getrieben.
Betrug, Inzest, eine Geschlechtsumwandlung, fremdenfeindliche Schweizer Politik und erotische Phantasien kommen durch die reale Welt noch hinzu.
Schwierig sind die letzten rund 100 Seiten des Buches, denn dort greift der blanke Wahnsinn so richtig um sich. Die Welten der Lebenden und der Toten sind nicht mehr klar voneinander getrennt, die Zeitalter lösen sich auf und werden eines, Menschen verschwinden, Personen handeln gemeinsam, obwohl es keine Veranlassung dazu gibt und jedwede Handlung löst sich auf.
Das Ende eines Buches muss keineswegs zu hundert Prozent durchbuchstabiert werden, doch kann ich mit diesem Ende zu wenig anfangen, zu seltsam verhalten sich die darin agierenden Personen. Einige Szenen sind abartig und widerwärtig und haben mir dadurch ein durchaus einzigartiges Buch ziemlich vergällt. -
Post Box SanaaRezension vom 17.12.2012Im Jahr 2008, noch vor den großen Veränderungen und Unruhen in der arabischen Welt, veröffentlichten die beiden deutschen Journalisten Susanne Sporrer und Klaus Heymach ihr Buch über den Jemen. Für gut 1 1/2 Jahre lebten sie in Sanaa, der alten Hauptstadt des Nordjemens und seit 1990 Hauptstadt des gesamten Jemens. In der Altstadt von Sanaa, die sogar von modernen Jemeniten meist gemieden wird, beziehen sie eines der alten Turmhäuser, die nicht nur auf sie wie Gebäude aus einem alten Märchen wirken.
Beide tauchen bereitwillig in eines der traditionellsten arabischen Länder ein. Von ihren Nachbarn schlägt ihnen große Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft entgegen. Immer kennt irgendwer irgendjemanden, der gewünschte Ware liefern oder der die notwendige Auskunft geben kann. Susanne Sporrer und Klaus Heymach lernen, dass die tägliche Zeit für das Kauen von qat, aufputschende Blätter, immer zur Verfügung steht, während Renovierungsarbeiten am Haus gerne mehrmals verschoben werden. Sie treffen Kaffeebauern, Feministinnen, den allwissenden Vorsteher ihres Stadtviertels, Händler und offizielle jemenitische Vertreter, die auf Pepsi schwören, aber dafür Cola meiden.
Klaus Heymach besucht eine der traditionellsten Koranschulen der arabischen Welt, wo sich die Studierenden für mindestens 2 Jahre verpflichten müssen. Doch weder dort, noch sonst wo im Land, versucht man ihn gewaltsam zu bekehren.
Die Königin von Saba und die Insel Soqotra dürfen auf ihren Reisen durch den Jemen genauso wenig fehlen wie ein Einblick in die komplizierte Stammesstruktur des Landes. Ähnlich wie bei der Wiedervereinigung von BRD und DDR kämpft auch der Jemen noch immer mit großen Nord-Süd-Problemen, die kurz nach der Wiedervereinigung Nord- und Südjemens beseitigt schienen, aber heute mehr denn je für viele Jemeniten, besonders im Süden, ein großes Problem darstellen. Und so kommen viele Jemeniten zum Schluss, dass es ihnen noch am besten unter den Briten ging.
Susanne Sporrer und Klaus Heymach gelingt es auf hervorragende Weise die Besonderheiten dieses Landes herauszuarbeiten. Allah, Ehre und Hilfsbereitschaft sind keine leeren Worte, sondern täglicher Bestandteil im Leben der Jemeniten. Der Leser trifft auf ein ungemein freundliches Volk, das aber für einen Europäer nur schwer zu verstehen ist. Ich war von diesem Buch aber dennoch sehr beeindruckt, da es die Türen zu einem Land öffnet, das, wenn überhaupt, nur mit negativen Schlagzeilen bei uns wahrgenommen wird. Susanne Sporrer und Klaus Heymach zeigen dem Leser eine arabische Welt, in der Glaube, Freude und Gastfreundschaft die zentralen Lebensschwerpunkte sind und die das Bild des Jemens aus Zeitungen und Nachrichtensendungen hervorragend ergänzen und erweitern.
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Grenzenlose EinsamkeitRezension vom 15.12.2012Mit "Der Regen bevor er fällt" wurde Jonathan Coe einer meiner Lieblingsautoren. Mit Maxwell Sim hat er diese Position gefestigt und bestätigt. Maxwell Sim ist, wie schon der Titel sagt, einsam und zwar wirklich einsam. Ihm wurde praktisch der Boden unter den Füßen weggezogen. Seine Frau hat ihn mit der gemeinsamen Tochter verlassen, sein Vater lebt in Australien und spricht nicht mit ihm, seinen Job hat er verloren und auch der Kontakt zu seinen Freunden wird immer spärlicher. Grund genug, dass er monatelang in einer Depression versinkt und sich sogar, als es ihm wieder etwas besser geht, über das Gespräch mit einem Straßenräuber freut.
Sein Leben ändert sich erst drastisch, als ihm einer seiner wenigen verbliebenen Freunde einen Job als Vertreter für Zahnbürsten anbietet. Erste Aufgabe: eine Fahrt auf die äußersten Shetland-Inseln, in die abgelegene Stadt Unst.
Wie nicht anders zu erwarten, scheitert er auf ganzer Linie, aber sein Leben bekommt doch eine neue Richtung, gerät wieder in Schwung und die schottische Katastrophe hilft ihm, vieles klarer zu sehen.
Ein Punkt in diesem Buch hat mich besonders berührt. Maxwell Sim ist trotz Handy, Anrufbeantworter, Emailkonto und Facebook einsam; er wünscht sich nichts mehr als einen Menschen zum Reden, einen Menschen, der sich freut, wenn er von ihm hört.
Leider kann ich hier das Ende des Buches nicht verraten, aber was auf den letzten paar Seiten passiert, ist derart genial, dass es einfach jeder gelesen haben muss! So ein Ende kommt einem sicher nicht oft unter. Also: Lesen!
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In der Ruhe liegt die KraftRezension vom 15.12.2012Alex Capus ist ein Garant für hervorragende Unterhaltung. Beinahe ein ganzes Jahrhundert folgt man Leon und Louise, erlebt zwei Weltkriege, Liebe, Leid, Trauer und Tod. Obwohl Leon und Luise füreinander bestimmt sind, daran lässt Alex Capus, ohne es je zu erwähnen, keinen Zweifel, entscheidet die Weltgeschichte doch anders. Die beiden werden getrennt und verlieren sich vollkommen aus den Augen. Das Leben geht für beide einen durchaus normalen Weg, bis sie sich Jahre später in der Pariser Metro wieder begegnen. Obwohl die alten Gefühle sofort wieder aufleben, gibt es keine dramatischen Entscheidungen, kein tränenreiches Happy End. Leon und Louise setzen ihr Leben fort, vernünftig und wohl überlegt, realistisch und bodenständig. Und gerade durch diese Unaufgeregtheit. diese Ruhe, fesselt Alex Capus den Leser an seine Figuren. Genau dadurch werden sie lebensecht und man könnte sich vorstellen, Entscheidungen wie sie zu treffen.
Während des 2. Weltkrieges verschlägt es Louise nach Afrika. Und hier beweist Alex Capus wieder einmal, dass er DER Spezialist für skurrile Begebenheiten in der afrikanischen Kolonialgeschichte ist.
Wie das Buch doch noch ein Happy End für sich findet, wie man allen beteiligten Personen ihr Glück vergönnt und warum die Männer der Familie la Galle besonders empfehlenswerte Ehemänner sind, das alles sollte jeder Leser für sich entdecken.
Für mich ist Alex Capus einer der großen Geschichtenerzähler unserer Zeit.
















