Buch
Taschenbuch (557 Seiten)
Sprache: Deutsch
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von Claude Cueni
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Im Jahre 58 v. Chr. flieht der siebzehnjährige, verwaiste Kelte Korisios, der sich zum Druiden berufen fühlt, gemeinsam mit seiner germanischen Sklavin und Geliebten Wanda nach Westen. Ihr Weg führt sie durch das Land der Helvetier, wo Korisios dem machthungrigen Cäsar begegnet. Die zwiespaltige Persönlichkeit des Prokonsuls aus Rom zieht ihn in Bann, und er tritt als Schreiber in Cäsars Dienst ein. Doch als Wanda an Fremde verkauft wird, wechselt der verzweifelte Korisios das Lager und schließt sich dem gewaltigen keltischen Heereszug gegen Cäsar an.
| Verkaufsrang: | 56.984 |
|---|---|
| ISBN-10: | 3-453-81154-2 |
| EAN: | 9783453811546 |
| Erschienen: | 02.01.2008 |
| Verlag: | Heyne Taschenbuch |
| Einband: | Taschenbuch |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 557 |
| Gewicht: | 390 g |
| Reihe: | Heyne-Bücher Allgemeine Reihe |
Claude Cueni wurde 1956 in Basel geboren. Nach Lehr- und Wanderjahren durch Europa erschien 1980 sein erster Roman. Seither veröffentlichte er Kriminalromane, Hörspiele, Theaterstücke und schrieb über 50 Filmdrehbücher (u. a. für Tatort, Peter Strohm, Der Clown, Alarm für Cobra 11, Eurocops). 1998 gelang ihm mit dem Historienroman "Cäsars Druide" (im Heyne Verlag erschienen) ein internationaler Erfolg. Cueni lebt mit seiner Familie in Binningen bei Basel.
von einer Kundin/einem Kunden, am 28.10.2008
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I.
März, 695 nach römischer Zeitrechnung.
Für einen kurzen Augenblick hatte ich geglaubt, am anderen Ende der Talsohle drei Reiter zu erkennen. Germanische Reiter. Aber ich mußte mich getäuscht haben. Jetzt war nichts mehr zu sehen.
Ich lag bäuchlings auf dem flachen Felsvorsprung, hoch über dem Tal, und blinzelte in die Frühlingssonne. Ich dankte den Göttern, daß sie mich als raurikischen Kelten wiedergeboren hatten. Zufrieden schloß ich die Augen und versuchte die dampfende Minze eines knusprig gebratenen Schweinerückens zu riechen, gerösteten Kümmel und Pinienkerne, in Honig eingelegte Mandeln und Thymian, frisch gemahlenen Pfeffer und Selleriesamen, und ich stellte mir vor, wie eine nubische Sklavin mir dazu Fisch und griechischen Harzwein servierte. In meinem Handelshaus in Massilia fehlte es mir an nichts. Denn es existierte nur in meiner Phantasie.
Ich träumte oft in den Tag hinein. Der Druide Santonix hatte mir gesagt, daß ein Wunsch in Erfüllung geht, wenn man ihn sich nur oft genug in allen Einzelheiten vor Augen führt. Alle Sinne würden sich danach richten, und man würde mit der Zeit instinktiv das Richtige tun. Damit der Wunsch in Erfüllung geht.
Aber heute wollte mir nichts gelingen. Meine nubische Sklavin erstarrte zu einem römischen Mosaik und zerfiel wie ein altes Gebiß. In meiner Nähe stank es fürchterlich nach verfaultem Fisch. Schuld daran war Lucia. Sie lag wie eine schwarze Sphinx neben mir, die weißen Vorderbeine nach vorne gestreckt, den edlen, schmalen Kopf hoch aufgerichtet, als habe sie irgend etwas gesehen oder gerochen. Sie hatte feines, weißes Kurzhaar mit großen, tiefschwarzen Platten und über den Augen und an den Wangen rote Feuerflecken. Dreifarbige Hunde wie Lucia galten bei den Römern als mißraten. Deshalb hatte Kretos, ein griechischer Weinhändler aus Massilia, der sich römischer als ein Römer benahm, Lucia auf unserem Hof zurückgelassen. Das hatte ihm die Mühe erspart, sie zu ersäufen. Kretos kam einmal im Jahr in den Norden. In sechzig Tagen brachte er seine Weinamphoren über den Rhodanus, Arar und Dubis hinauf und machte in Vesontio, der Hauptstadt der keltischen Sequaner, halt. Hier verkaufte er den Großteil seines Weines und kaufte mit dem Erlös roten Wollstoff, Eisenwerkzeuge und Goldschmuck. Auf dem Landweg zog er dann weiter den Rhenus entlang. Während die meisten Bediensteten und Sklaven mit der Ware auf dem Wasserweg wieder südwärts fuhren, füllte Kretos den restlichen Wein in keltische Fässer und verkaufte ihn flußauf, flußab. Ja, sogar ins sagenumwobene wilde Germanien. Wie es die Römer nennen. Kretos war das alles egal. Für ihn gab es nur Käufer und Nichtkäufer. Und Ariovist, der germanische Suebenkönig, der sich kürzlich westlich des Rhenus niedergelassen hatte, war ein guter Käufer. Er verfügte über Unmengen Raubgold. Kretos' Handelsreise endete jeweils im Oppidum der raurikischen Kelten am Knie des Rhenus. Von hier aus zog er wieder Richtung Westen, Richtung Arar. Dort warteten seine Sklaven mit ihren vollbeladenen Schiffen auf ihn. Und auf diesem Weg kam er an unserem Hof vorbei. Seine chronischen Zahnschmerzen trieben ihn dazu. Kretos war überzeugt, daß nur der beschränkt haltbare Kräutersud des Druiden Santonix ihm Linderung verschaffen konnte. Onkel Celtillus hatte stets einen Schlauch bereit und tauschte diesen jeweils gegen ein Faß unverdünnten Weins, meistens vierjährigen Sabiner. Wir alle mochten Kretos. Kretos, das bedeutete brandneue Nachrichten, die nicht älter als ein halbes Jahr waren. Vorletzten Sommer war Kretos bereits in den frühen Morgenstunden wieder abgereist, weil er einen Umweg über Genava hatte machen wollen. In der Nacht hatte seine Hündin einen dreifarbigen Welpen geworfen. Kretos hatte ihn in unserem Dorf zurückgelassen. Aber wer in unserem Dorf einen Welpen seinem Schicksal überläßt, überläßt ihn mir. Denn wo ich bin, das hat sich mittlerweile unter den zahlreichen Hunden unserer Siedlung herumgesprochen, gibt es meistens etwas zu futtern. Ich habe den Welpen also »Lucia« genannt und ihn mit Ziegenmilch hochgepäppelt. Seitdem ist Lucia nicht mehr von meiner Seite gewichen, und mittlerweile haben auch die anderen Hunde akzeptiert, daß Lucia stets den ersten Bissen kriegt. Ich weiß, kein Welpe überlebt ohne Mutter. Es sei denn, die Götter überlegen es sich anders.
Jetzt riß Lucia bereits zum zweiten Mal ihr kräftiges Scherengebiß gähnend auseinander, und der Fischgestank, der ihrem Maul entströmte, war ziemlich römisch. Ich vergrub den Kopf zwischen den Armen und versuchte erneut einzuschlafen. Ich wollte im Traum nach Massilia zurück. Doch Lucia ließ mir keine Ruhe. Sie drückte ihre nasse Nase unter meine Hände, leckte meine Stirn und knabberte an meinem Nacken. Es roch, als hätte ich in einer mit spanischer Fischsauce gefüllten Amphore gebadet. So lösten sich auch die letzten nubischen Sklavinnen wie Rauchfäden im Wind auf.
»Die Druiden kommen!« Ich schreckte hoch und schaute von meinem Felsen ins Tal hinunter, zu unserem Gehöft, das am Ufer eines Baches lag. Es war kälter geworden. Der Nebel hatte sich gelichtet. Jetzt sah ich die drei Reiter, die in scharfem Galopp zum Bach hinunter ritten. Lucia reckte stolz den Kopf und richtete ihre Nackenhaare auf. So sah sie fast wie ein Kelte aus, der seine Haare mit Kalkwasser dornenartig gestärkt hatte. Aber es waren nicht die Druiden, die sie beunruhigten. Sie roch irgend etwas. Und bei Epona, es war nicht Fisch. In der Ferne, dort wo der Rhenus das Land der Kelten vom Land der Germanen trennt, braute sich eine riesige schwarzgraue Wolke zusammen.
Als ich die Augen zusammenkniff, sah ich, daß es Rauch war. Es kam aus Arialbinnum, dem Oppidum der Rauriker.
Etwas umständlich ließ ich mich von der Felsplatte gleiten und humpelte zu unserem Hof hinunter. Lucia stolzierte mit gestrecktem Rücken neben mir her und schaute immer wieder prüfend zu mir hoch. Sie hatte sich längst an meinen langsamen Schritt gewöhnt und auch daran, daß selbst ein Räuspern von mir eine Bedeutung hatte.
Unser Gehöft bestand aus acht strohbedeckten Langhäusern. Eine einfache, aber stabile Pfostenkonstruktion stützte die Gebäude. Die Wände waren aus lehmbeworfenem Flechtwerk, die Dächer aus Stroh. Obwohl unsere Kornspeicher und Vorratsgruben zum Bersten voll waren, hatten wir weder einen schützenden Erdwall mit Graben noch Palisaden. Seit wir vor zwei Generationen hierhergezogen waren, lebten wir in Frieden mit unseren Nachbarn. Bei großer Gefahr hätten wir uns in das Oppidum der Rauriker am Knie des Rhenus begeben. Das Oppidum lag bloß einen halben Tagesritt von hier - und jetzt stand es in Flammen.
Vor dem ersten Langhaus wurden die Druiden mit frischem Wasser empfangen. Es waren würdevolle Männer in langärmeligen, weißen Tuniken. Darüber trugen sie schwarze Wollumhänge mit Kapuze. Sie wurden wie Götter empfangen. Keltische Druiden waren nicht nur Priester, nein, keltische Druiden waren auch Lehrer, Richter, politische Berater, Astronomen, Erzähler, Mathematiker und Ärzte in einer Person, ja, sie waren das Tor zum Universum des Wissens. Sie waren die lebendigen Bücher der Kelten. Die Schrift war für uns etwas Unreines. Heiliges Wissen durfte nicht schriftlich festgehalten werden. Nur Kaufleute schrieben etwas auf, und zwar auf griechisch, weil die griechische Handelskolonie Massilia das Zentrum unserer Handelswelt war. Hier kaufte der Adel ein, oder Leute, die
gerne dazugehört hätten. Ich muß wohl nicht erwähnen, daß ich nicht in Massilia einkaufte.
Ich war damals siebzehn und seit einigen Jahren in der Obhut des Druiden Santonix, der mich die Geschichte unseres Volkes lehrte. Ich hatte sie in Versform auswendig zu lernen. Aber selbst wenn ich eines Tages alles im Schlaf würde vortragen können, so konnte ich noch lange nicht sicher sein, einmal Druide zu werden. Das würde sich erst viel später entscheiden. Daß ich nicht adliger Abstammung war, erschwerte natürlich die Sache. Gut, es war kein grundsätzliches Hindernis. Behaupteten die Adligen. Aber ich kenne keinen Druiden, der nicht adliger Abstammung ist. Wie auch immer: Im schlimmsten Fall konnte ich immer noch Barde werden. Auch Barden waren Gelehrte und großartige Geschichtenerzähler, aber unsere Druiden waren natürlich mehr. Sie waren Mittler zwischen Himmel und Erde, zwischen Leben und Tod, zwischen Göttern und Menschen.
Die Druiden waren heute gekommen, um uns die letzten Anweisungen für unseren langen Marsch an die atlantische Küste zu geben. Es waren drei Druiden, denn die Zahl »3« ist uns Kelten heilig. Doch ich kannte nur meinen alten Lehrmeister, den Druiden Santonix. Seine beiden Begleiter hatte ich noch nie gesehen. Santonix war ein gütiger und weiser Mann. Er war fast schon vierzig und ein begnadeter Lehrer. Obwohl ich unser Gehöft nie verlassen hatte, glaubte ich mit ihm schon das ganze Universum bereist zu haben. Er fand immer die richtigen Worte, um mir unaufdringlich den Weg zu neuen Einsichten zu weisen. Und im nachhinein hatte ich stets den Eindruck, ich sei von selbst darauf gekommen. Dann war ich stolz auf mich und fühlte mich gut. So wünschte ich mir sehnlichst, daß er mir heute mitteilen würde, er würde mich im nächsten Jahr auf die Insel Mona mitnehmen. Dort befand sich das große Druidenzentrum der Kelten, die einzige Druidenschule überhaupt, verborgen in einem dunklen Wald. Nur auserwählte Schüler wurden dorthin mitgenommen.
Santonix hob stumm die Hand und suchte den Himmel nach Zeichen ab. Seine beiden Begleiter senkten den Kopf und murmelten heilige Verse. Ihre schweren Roben waren mit farbigen Kordeln geschnürt. Das bedeutete, daß sie noch in der Ausbildung waren. Die Art und Weise, wie sie jetzt den Kopf hoben und den Umstehenden furchtlos in die Augen schauten, entlarvte sie als Söhne von Adligen, die ihren Status ihrer Geburt und nicht ihrer Leistung oder ihrem Können verdankten. Möglicherweise stand mir heute ein massiver Rückschlag bevor. Die beiden stolzen Pfauen in ihren Roben würden mir allemal vorgezogen werden. Ich hätte Santonix gerne darauf angesprochen, aber das wäre sehr unhöflich gewesen. Etwas auf den Punkt zu bringen ist nicht Sache der Kelten. Wir brauchen die Sprache zur Verständigung nicht. Nur zum Streiten. Abgesehen davon hätte ich heute ziemlich Mühe gehabt, Santonix zu sprechen. Alle drängten nach vorn und bestürmten ihn mit Fragen. Ich wurde von allen Seiten angerempelt, gestoßen, gehalten, geschubst, und wenn ich mich nicht an der jungen Sklavin Wanda hätte festhalten können, wäre ich bestimmt gestürzt. Denn ich hatte ein Problem mit meinen Beinen.
»Druide! Drängt Ariovist in den Süden?«
Heute wünschte man sich nicht Rechtsprechung in irgendeinem nachbarlichen Streit und auch keine Kräutermischung gegen blutigen Husten, nein, heute betrafen alle Fragen Ariovist, den germanischen Suebenführer, den die einen Fürst oder Herzog, die andern König nannten. Die Antwort sollten alle gemeinsam erhalten.
»Druide! Was bedeutet der Rauch über Arialbinnum?«
Die Leute auf unserem Hof waren sichtlich nervös. Jetzt, wo wir uns entschlossen hatten, den südwärts drängenden Germanen zu weichen und uns dem Zug der keltischen Helvetier an die atlantische Küste anzuschließen, wollten wir nicht noch in sinnlose Kämpfe verwickelt werden. Wir waren ja bereit, das Land zu räumen.
Santonix gab Postulus, unserem Dorfältesten, die Milchschale zurück und hob den Arm. Stille. Demütig senkten wir unsere Köpfe, als wollten wir vermeiden, den Druiden in die Augen zu sehen. Wenn sie eine Ansprache hielten, sprachen durch sie die Götter. Irgendwie war unser stürmischer Empfang eines Druiden unwürdig gewesen. Santonix stieg auf den erhöhten Fußboden des Getreidespeichers, der stets zum Schutz vor Ratten und Mäusen vier Fuß über der Erde eingezogen wurde, und begann mit lauter, sonorer Stimme eindringlich zu sprechen:
»Rauriker! Im Konsulatsjahr des Marcus Messala und Marcus Piso haben die keltischen Helvetier beschlossen, ihr Land zu verlassen und ins fruchtbare Land der Santonen an die atlantische Küste zu ziehen. Ihr, das Volk der keltischen Rauriker, habt euch entschlossen, es den keltischen Helvetiern gleichzutun und euch ihnen anzuschließen. So wie sich auch die keltischen Stämme der Tiguriner, der Latobriger und der Bojer den Helvetiern angeschlossen haben. Denn wir alle sind Kelten und opfern denselben Göttern. Unsere Vorratsgruben und Speicher sind voll. Jeder ausreisewillige Kelte hat genügend Mehl für drei Monate. Die Götter haben uns deshalb ein Zeichen gegeben, uns Ende März am Ufer des Rhodanus mit den anderen ausreisewilligen keltischen Stämmen zu vereinen. Von dort aus wird uns der große und ruhmreiche Fürst Divico an die atlantische Küste führen. Wir werden durch das Land der keltischen Allobroger ziehen, ohne Verwüstungen anzurichten. Das Stammesgebiet der Allobroger ist heute römische Provinz. Die Römer werden uns aber nicht daran hindern, ihre Provinz zu durchqueren, denn sie wissen, daß wir genügend Nahrungsmittel und den Atlanticus zum Ziel haben. Wir werden Gold und Geiseln stellen, um unsere friedlichen Absichten zu bekräftigen.«
Santonix hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort: »Heute früh hat Ariovist mit seinen Reitern das Oppidum der tapferen Rauriker in Brand gesteckt. Wartet deshalb nicht, bis er euren Hof erreicht hat. Brennt bereits morgen alles nieder, was ihr nicht mitnehmen könnt. Zieht gen Süden. Wartet am Ufer des Rhodanus auf die Ankunft der anderen Stämme. Wenn morgen früh die Sonne aufgeht, müßt ihr euren Hof verlassen haben. Hier können euch selbst die Götter nicht mehr beschützen. Im Norden naht bereits Verstärkung für Ariovist. Zehntausend hungrige germanische Reiter. Aus dem Osten nahen die Daker unter ihrem König Barebista, und von Süden her breitet sich Rom wie ein bösartiger Eiterherd aus. Wollen unsere Stämme überleben, müssen sie noch diesen Sommer den Atlanticus erreichen. Die Santonen werden uns wie Brüder empfangen. Denn das fruchtbare Land, das sie uns abgetreten haben, ist bereits bezahlt. In Gold.«
Der Druide Santonix schaute in die Runde, als wolle er die Wirkung seiner Worte prüfen. Dann fuhr er fort: »Rauriker, heute nacht werden wir hier ein letztes Mal die Mistel schneiden und die Götter um Schutz bitten. Lug beschütze uns.« »Lug beschütze uns«, wiederholten wir alle im Chor.
Ich hatte eigentlich erwartet, daß alle wieder wild durcheinanderreden würden. Doch niemand rührte sich von der Stelle oder erhob die Stimme. Wir hörten nur noch das Gackern der Hühner und das Grunzen der Schweine, die nach Abfällen suchten. Ihnen war es einerlei, wer ihnen den Bauch aufschlitzte. Die Bewohner unseres Gehöfts schwiegen betreten. Bedeutungsvolle Blicke wurden gewechselt. Ein paar suchten mit skeptischem Blick den Himmel ab. Aber es gab keine Amsel, deren Flug man in irgendeiner Weise hätte deuten können. Fast lautlos wichen wir zur Seite und bildeten eine Gasse, damit die Druiden zum Langhaus konnten, das Onkel Celtillus zusammen mit mir und den Familien seiner Geschwister und Kinder bewohnte. Als die Druiden im Langhaus waren, steckten die Leute die Köpfe zusammen und tauschten vage Andeutungen aus, nickten oder lächelten stumm, als hätten sie soeben eine Eingebung der Götter erhalten. Nüchterne Kelten sind eben schwer verständlich.
Die ersten Ochsenkarren wurden vor die Getreidegruben geschoben. Ein paar junge Reiter ritten hinaus, um die Weidetiere zu holen. Alles war seit langem bis ins kleinste vorbereitet worden. Jeder wußte, was er zu tun hatte, welche Werkzeuge auf welchen Karren kamen, welche Lasttiere womit beladen wurden, wer wofür die Verantwortung trug und in welcher Reihenfolge die Ochsenkarren unseren Hof zu verlassen hatten. Ich setzte mich nachdenklich unter die dicke Eiche, unter der ich fast meine ganze Kindheit verbracht hatte, und legte meinen Arm auf Lucia, die sich eng an mich schmiegte und seufzend die Schnauze auf ihre Vorderläufe gleiten ließ.
Onkel Celtillus trat aus der Hütte und veranlaßte, daß man den Druiden frisches Obst und Milch brachte. Druiden aßen kein Fleisch und tranken keinen Wein. Ersteres war durchaus akzeptabel, aber letzteres war eher ein Argument, das gegen den Druidenberuf sprach und mich ein bißchen trösten würde, falls mir wegen meiner niedrigen Abstammung die Türen der Druidenschule auf der Insel Mona verschlossen blieben. Ich war hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, in Massilia ein großer Händler zu werden, und dem Wunsch, als lebendiges Buch zwischen Himmel und Erde herumzustolzieren. Für Griechen und Römer wäre das kein Problem gewesen. Sie machen aus ihrem Wissen kein Geheimnis. Aber bei uns Kelten hüten die Druiden selbst den Kalender wie ihren Augapfel.
Onkel Celtillus befahl zwei erfahrenen Reitern vorauszureiten, um die Wege auszukundschaften. Vor zwei Tagen hatte es heftig geregnet. Möglicherweise waren Flüsse über die Ufer getreten und hatten einzelne Wege in schlammige Gruben verwandelt, in denen unsere schwerbeladenen Ochsenkarren steckenbleiben würden. Mein Onkel schien sich Sorgen zu machen.
»Celtillus?« rief ich zu ihm rüber. Er war es gar nicht mehr gewohnt, daß ich unter der alten Eiche lag. Ihre Äste waren so angeordnet, daß sie sich schützend und gleichmäßig wie ein Dach aus Flechtwerk nach allen Richtungen streckten. Ja, seit ich einigermaßen laufen konnte, war ich nur noch selten unter der Eiche.
Celtillus kam eilig zu mir herüber und machte ein richtiges Ziegenmilchgesicht: »Korisios, der Wagen steht für dich bereit«, sagte er knapp. Und seine Augen schienen zu sagen: »Mach dir bloß keine Sorgen, wir bringen dich schon zur Küste.« Aber er sagte bloß, daß der Wagen bereitstünde, was ich unschwer selber erkennen konnte, da meine Nahsicht vorzüglich war. Aber Onkel Celtillus legte mit einer beinahe dramatischen Bewegung seine Hand auf die hintere Holzplanke des Wagens und wiederholte, daß der Wagen bereitstünde. Dabei machte ich mir überhaupt keine Sorgen. Ich war nämlich überzeugt, daß sich die Götter - ähnlich wie die Senatoren in Rom - zu einem Rudel zusammengeschlossen hatten, um mich, Korisios, am Leben zu erhalten. Ich weiß wirklich nicht, wieso ich das dachte. Aber ich dachte es nicht nur, ich war felsenfest davon überzeugt. Sorgen waren nicht meine Spezialität. Na ja, es bekümmerte mich ein bißchen, daß ich an meinem Waffengurt nur noch zwei freie Löcher hatte. Denn wenn ein Kelte so dick wurde, daß der Gurt zu kurz war, mußte er eine Geldstrafe zahlen. Und ich hatte kein einziges Stück Keltengold mehr im Beutel.
von Martin Suter
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