Buch
Taschenbuch (383 Seiten)
Sprache: Deutsch
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Knallharter sozialer Realismus
Armut, Missbrauch und eine alkoholabhängige Mutter. Nick und sein jüngerer Bruder sind in schlimmen Verhältnissen aufgewachsen, bis eine Tragödie die Familie auseinanderriss. Nun wird Nick aus dem Gefängnis entlassen. Er ist ein Mann, der weiß, was er will: hart trainieren, hart trinken und hart werden gegen die ganze Welt.
| Verkaufsrang: | 47.462 |
|---|---|
| ISBN-10: | 3-453-67595-9 |
| EAN: | 9783453675957 |
| Originaltitel: | Submarino |
| Erschienen: | 11.10.2010 |
| Verlag: | Heyne Taschenbuch |
| Einband: | Taschenbuch |
| Sprache(n): | Deutsch |
| Seitenzahl: | 383 |
| Länge/Breite: | 187mm/118mm |
| Gewicht: | 317 g |
| Übersetzer: | Günther Frauenlob |
| Reihe: | Heyne-Bücher Allgemeine Reihe |
Jonas T. Bengtsson, geboren 1976, lebt in Kopenhagen.
von StraßenPrinzessin, am 31.10.2012
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von StraßenPrinzessin1, am 31.10.2012
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von StraßenPrinzessin2, am 31.10.2012
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Als wir heute aufwachten, war er ganz still. Als wir heute aufwachten, war er ganz still.
Als wir alle heute wach wurden und Mutter aus dem Zimmer kam, in
dem sie die ganze Nacht geschlafen hatte,
lag er einfach nur still da.
In seinem Kinderwagen, im Flur.
Total weiß.
Mutter hatte die ganze Nacht geschlafen, aber sie hatte nichts gehört.
Es gab ja auch nichts zu hören.
Er war vollkommen still.
Mutter bekam einen Schock, als sie ihn fand.
Saß vollkommen still da und hatte einen Schock.
Viele Stunden lang.
Dann riefen wir an. Mutter konnte nicht. Aber das muss man. Man muss doch anrufen.
Mutter saß da und versuchte, ihm die Brust zu geben, obwohl er ganz still war.
Mutter hatte ja einen Schock.
Wir sitzen im Zug. Der Mann heißt John. Wir könnten Vater und Sohn sein, Freunde. Aber die, die an uns vorbeigehen, halten uns bestimmt für zwei Fremde, die sich gegenübersitzen. Vor dem Einsteigen hat John zu mir gesagt:
»Du machst doch keinen Scheiß. Du machst doch keinen Scheiß, oder?«
Ich habe ihm zugenickt. Meine Zigarette ausgedrückt.
Dann sind wir eingestiegen. Seitdem haben wir die Klappe gehalten.
John ist um die fünfzig, hat einen Vollbart mit grauen Strähnen. John
arbeitet.
Ich sehe in die Zeitung, die neben mir liegt. John sieht aus dem Fenster.
Beobachtet mich aus den Augenwinkeln.
John ist schuld daran, dass ich hier bin. Er hat die Papiere gefunden.
Ich bin mir fast sicher.
Aber gesagt hat er nichts davon.
Am Hauptbahnhof steigen wir aus. John geht neben mir. Ganz dicht. Wir warten auf den Bus. Stehen nebeneinander. Beim Einsteigen stempelt John beide Fahrkarten. Wieder sitzen wir uns gegenüber. Es hat geregnet.
Wir gehen durch das Friedhofstor. An den Gräberreihen entlang. Ein paar neue, viele alte. Aus einem Betonsockel neben einer Metallgießkanne ragt ein Wasserhahn empor. Daneben steht ein kleiner Rechen.
Wir gehen zu den Gemeinschaftsgräbern. Ein grünes Viereck, umrahmt von niedrigen Büschen. »Und hier liegt er?«, fragt John. Ich nicke.
Das Gras ist ungepflegt, an ein paar Stellen vergilbt. Ich schließe die Augen, versuche mich zu erinnern, wo sie ihn beerdigt haben. Ich war seit damals nicht mehr hier. Hab nicht einmal mehr an ihn gedacht. Nicht oft. Richtig kennengelernt habe ich ihn nie. Das antwortete ich jedenfalls auf die Fragen des Gefängnispfarrers. Als sie die Papiere gefunden hatten. Als sie mich einen Lügner genannt hatten, der sich Freigang verschaffen wollte. Als sie mir ein bisschen, ein ganz klein bisschen verziehen hatten.
Ich dachte nicht oft an ihn. Sah sein Gesicht vor mir, wenn ich sehr müde war. Sonst nicht. Sonst nie. Vor dem Loch.
Das Loch. So nennen sie es. Draußen heißt es Isolationszelle. Da sitzt man, wenn man auf seinen Prozess wartet und wenn man verurteilt wurde und Scheiße gebaut hat. Drogen oder Gewalt. Eines von beiden. Es war mein zweites Mal dort. In Schuhen ohne Schnürsenkel und mit einem Fenster so hoch oben, dass ich es nicht erreichen konnte. Die Sonne schien jeden Tag eine halbe Stunde lang in die Zelle, wenn sie auf der anderen Seite des Hofes über der Mauer stand. Ich glaube, es war eine halbe Stunde. Schätzungsweise. Vielleicht war es auch länger. Eine Uhr hatte ich da drin ja nicht. Zu viele Leute haben versucht, sich mit dem kleinen Metalldorn des Verschlusses die Pulsadern aufzukratzen.
Morgens um acht wurde ich geweckt. Frühstück auf einem Tablett. Um zwölf kam die Wache wieder. Mittagessen auf einem Tablett und um sechs Abendbrot, wieder auf einem Tablett. Den Rest der Zeit schätzte ich. Ich hätte den Alarm drücken können. Meinen Finger auf dem Knopf lassen und nach der Uhrzeit fragen. Ich hätte es tun können.
Doch dann hätten sie das Abendbrot vergessen. Das haben sie mir klargemacht, bevor ich ins Loch gesteckt wurde. Das Loch. Zuerst Ana. Tagsüber und nachts. Ihr Gesicht. Dann mein Bruder. Von der Decke.
Ich muss nicht mehr schlafen, um ihn zu sehen. So klein. So klein.
Ich habe zwei Brüder. Einen mit einem Namen, den ich nicht mehr in den Mund nehme.
Und einen, der nie einen Namen bekommen hat.
»Liegt er hier?«, fragt John. Ich spüre seinen Blick auf mir. Wühle in meinen Taschen, suche nach einer Zigarette. Das kleine gräserne Viereck vor mir ist uneben. Ist viele Male aufgegraben worden. Rechts, ein paar Meter vom Rand. Dann erinnere ich mich. Suche die Streichhölzer, bis John mir ein Feuerzeug entgegenstreckt. Ich nehme einen tiefen Zug von der Zigarette.
Erst spüre ich die Feuchtigkeit des Bodens durch meine Hose, dann den Baumstamm an meinem Rücken. Ich öffne die Augen. Um mich herum ist es grün, mein Mund schmeckt nach Erde. John hockt neben mir.
»Du ^ du bist einfach umgefallen.«
Ich komme langsam auf die Beine. John reicht mir seine Hand. Ich nehme sie nicht.
Wir gehen zum Ausgang. Das Schloss gibt einen metallischen Laut von sich, als sich das Tor hinter uns schließt.
Im Bus spricht keiner von uns ein Wort und am Bahnhof sieht John auf seine Uhr. Sagt, dass es blöd sei, vor der Zeit zurückzufahren.
Wir sitzen in einem Café am Bahnhof und trinken Kaffee. Die Leute um uns herum stopfen schnell ein Sandwich in sich hinein. Oder lesen Zeitung. Zwei ältere Damen essen Sahnetorte. »Ich gehe nur kurz zum Tresen.« John sieht mich an. Dann nickt er.
Ich frage das Mädchen hinter dem Tresen, ob sie ein Telefonbuch hat. Ein neues. Sie nimmt ein Stück Quiche aus dem kleinen Ofen, der in die Wand eingelassen ist, klatscht einen Löffel Crème fraîche daneben und stellt den Teller auf den Tresen, dann sieht sie mich an. Ich frage noch einmal. Nachdem sie eine Weile unter dem Tresen herumgekramt hat, reicht sie mir ein Telefonbuch. Es ist von diesem Jahr, auf der Titelseite ist Ketchup. »Ich bringe es gleich zurück.« Ich setze mich neben John und beginne zu blättern. »Sieht gut aus, diese Quiche«, sagt er. »Möchtest du ein Stück?« Ana. Nicht Anna. Der Nachname ist ausländisch. Keiner, der in der Menge verschwindet. Ich fahre die Spalte entlang nach unten. »Ich glaube, ich hole mir ein Stück. Willst du auch?« Vielleicht habe ich den Namen falsch in Erinnerung. Irre mich bei einem Buchstaben des Nachnamens. Einem einzigen. Ich weiß genau, dass es sinnlos ist, blättere aber trotzdem zur nächsten Seite. »Du solltest auch eins essen.«
Als John mit zwei Stücken Quiche zurückkommt, habe ich das Telefonbuch zur Seite gelegt. Ich habe nach ihr gesucht, nach ihrer Mutter, ihrem kleinen Bruder Ivan. Habe niemanden gefunden. Niemanden mit ihrem Namen.
John sitzt mir gegenüber im Abteil. Kratzt sich am Knie. Entspannter jetzt.
Sieht, dass ich nicht weglaufen will. Keinen Ort habe, an den ich gehen könnte.
»Wenn du reden möchtest Er beugt sich vor, spricht leise. John ist
in Ordnung, sagen sie. Er ist einer der Aufseher, der am längsten da ist. John macht die Razzien, die er machen muss, aber nicht mehr und nicht immer bei den gleichen Häftlingen, nur weil er sie nicht leiden kann. John hält sich an die Regeln. Er legt sie nicht für oder gegen dich aus. John spricht anständig mit dir.
Trotzdem habe ich ihn nie so menschlich erlebt wie jetzt, mit zu mir vorgebeugtem Oberkörper und einem Blick, der dazu einlädt, sich zu öffnen. Ich sehe in eine Landschaft, die schnell an uns vorbeizieht. Bäume, Büsche, Industriebauten aus rotem Backstein. Keine Städte, eine Häuserreihe, die gleich wieder verschwindet.
IVAN
1
Das Fitnesscenter liegt im ersten Stock eines alten Fabrikgebäudes. Die Tür geht auf, er kommt die Treppe herunter und sieht sich mit abwesendem Blick um. Nichts auf der Welt kann diesen Mann jemals aus der Ruhe bringen.
Er ist groß, hat dicke Muskeln und sehr wenig Fett. Durch sein weißes Netzhemd sieht man die Tätowierung, die fast seinen ganzen Oberkörper bedeckt. Ein Spinnennetz, das sich am Hals bis in seine kurzen blonden Haare emporzieht.
Er kratzt sich die Tätowierung im Nacken, bleibt neben mir stehen und blickt zu Boden. »Was?«, fragt er.
Nicht, wo oder wie sollen wir es erledigen, sondern bloß: was. Er blickt nicht auf. Beim Stoff gibt es nur die Welt der Dealer. Und die führen sich auf, wie sie wollen. Er ist Dealer, ich bin Kunde. Verschwunden ist die Höflichkeit von vorhin, als wir im Umkleideraum Kontakt aufgenommen haben. Jetzt zählt nur noch, dass er das hat, was ich haben will. Ich deute mit der Hand an, dass er mir folgen soll. Er geht hinter mir und ich höre, wie er auf den Boden spuckt. Wir gehen um das Gebäude herum. Die Tür der Fabrikhalle steht offen. Das Licht fällt durch die dreckigen Fenster. Auf dem Boden stehen die großen verdreckten Maschinen, die zurückgelassen worden sind, und rostiges Eisen. »Willst du jetzt was kaufen?«
Dann entdeckt er Kamal hinter der Tür. Neben Kamal steht einer der Ringer aus dem Center oben. Der Typ mit der Tätowierung wirft mir
einen Blick zu. Dann richtet er seine Aufmerksamkeit auf Kamal. Will etwas sagen, als Kamal das Wort ergreift. »Bei mir wird nichts verkauft.«
Der Tätowierte nickt langsam und fährt mit der Hand in seine Sporttasche. Kamal macht einen Schritt nach vorn und tritt ihm in den Bauch. Der Typ klappt zusammen und geht zu Boden. Kamal hebt die Tasche auf und wirft sie dem Ringer zu. Sammi, auch so ein muskulöser Typ, der sich mit Steroiden auskennt. Er sieht furchteinflößend aus, aber ich weiß, dass er nur für die Optik dabei ist. Kamal war nordischer Meister im Thaiboxen. Er hat seinen Titel ein paar Jahre lang verteidigt und dann den Spaß an der Sache verloren. Ich kenne niemanden, der so schnell ist. Kamal ist wieder total ruhig.
»Du sollst hier nicht dealen, ist das klar? So einfach ist das.« Er spricht, als frage er jemanden nach Zucker für seinen Kaffee. Kamal weiß ganz genau, dass in seinem Studio Steroide genommen werden. Man sieht das den Leuten an, ihren Muskeln und manchmal auch ihren Augen, wenn sie sie nicht mehr unter Kontrolle haben. Es wurden schon Leute rausgeschmissen, die wegen nichts und wieder nichts Amok gelaufen sind. Weil sie nicht sofort ihre Gewichte kriegten, stand ihnen plötzlich Schaum vor dem Mund. Kamal weiß, wer etwas nimmt, wer etwas verkauft und was. Er muss es irgendwann akzeptieren, so ist das einfach. Schließlich kriegt er sogar etwas Provision, weil er die Räumlichkeiten zur Verfügung stellt. Aber das heißt noch lange nicht, dass er dem ganzen Markt Tür und Tor öffnet. Der Tätowierte erhebt sich vom Betonboden. Er nickt langsam, hat verstanden.
»Dann sehen wir dich hier nicht mehr?« »Nein, ist in Ordnung, nein
Der Typ kratzt sich über die kurzen Stoppeln und streichelt die Spinne in seinem Nacken. »Kann ich jetzt gehen?«
»Nein.« »Nein?«
»Ich muss sicher sein, dass du das wirklich kapiert hast.« Kamal geht langsam auf den Mann zu. Der Ringer rührt sich nicht, sondern bleibt neben der Tür stehen. Ich nicke ihm im Vorbeigehen zu.
»Wir sehen uns.«
Das Sonnenlicht sticht. Ich durchwühle meine Taschen und krame eine zerkratzte Sonnenbrille heraus.
Ich kann die ersten Schläge aus der Fabrikhalle hören. Das dumpfe Klatschen, das von den Wänden des leeren Raums zurückhallt.
Ich gehe in den Supermarkt an der Hochbahn, gebe die leeren Flaschen zurück und schlendere dann nach hinten zum Bier. Ich nehme fünf Flaschen. Nach dem Bezahlen verschwinden sie in der Tasche, das Handtuch darüber, schön vorsichtig, damit nichts klirrt. In einem Imbiss kaufe ich zwei Schawarma. Hinter mir wird laut gelacht. Wo gehen wir hin? Was machen wir? Junge Leute in Trainingsanzügen und mit Silberketten, zu allem bereit. Sie bemerken mich nicht. Ich wohne schon so lange hier, dass ich keine Schatten mehr werfe.
Ich esse und blättere eine alte Zeitung durch. Ein junger Pakistani, frischgebackener Vater und Kioskbesitzer, ist in Amager Opfer eines Säureangriffs geworden. Ich kaufe mir noch ein Schawarma und würge es hinunter. Hunger habe ich selten, eigentlich fast nie. Dann gehe ich zurück in die Pension. Der Rückweg ist immer länger. Die Muskeln sind dann müde und schwer. Ein gutes Gefühl, als hätte ich etwas getan.
Jeden Tag sehe ich dieselben Menschen.
Die dicke Frau mit dem perfekten Make-up, die immer wirkt, als hätte sie gerade in diesem Moment eine Gehirnblutung bekommen,
starrt vor sich hin. Mit leeren Augen und einer selbstrauchenden Zigarette zwischen den Fingern oder im Mundwinkel. Manchmal begegne ich ihr, wenn sie in Bewegung ist und ihre vielen Kilos über die Straße schleppt. Doch heute steht sie.
Die Pension ist ein roter, rechteckiger Backsteinblock, schon von weitem erkennbar.
Eigentlich ist das gar keine Pension, sondern ein Wohnheim, ein Wohn-Asyl. Eine vorübergehende Bleibe für alle, die sonst nirgendwo hinkönnen. Ein Asyl. Eigentlich ein positives Wort. Ein Asyl zum Wohnen. Vorübergehend. Alles hier ist kurzlebig. Auch die Einrichtung. Kein Ort, um lange zu bleiben. Ausgelegt für eine möglichst geringe Anzahl Menschen auf dem Weg zu einem anderen Ort. Die Zimmer haben möglichst wenig Quadratmeter, die Betten möglichst wenig Komfort und die Küchen nur zwei Kochplatten und einen Kühlschrank.
Ich wohne jetzt seit anderthalb Jahren hier. Laufe die Treppe hoch und trage die Tasche mit ausgestrecktem Arm, damit die Flaschen nicht klirren. Schleiche über den Flur und schließe meine Tür auf. So leise ich kann.
Ich nehme das Bier aus der Tasche und eine Schachtel Zigaretten aus der Stange, die unter dem Bett liegt. Ich habe sie aus dem Kofferraum eines Autos gekauft. Kamal stand damals grinsend daneben; er hatte recht gehabt, der Verkäufer machte mir wirklich einen »special price«. Ein Däne, Mitte dreißig mit beginnender Glatze. Ein kleiner, gedrungener Kerl, der gut in eine Bar gepasst hätte. Sein Wagen stand auf dem Kiesplatz vor dem Studio, mit laufendem Motor, den Kofferraum voller polnischer Zigaretten.
Ich sitze im Fensterrahmen und trinke lauwarmes Bier. Habe elf rote Autos gezählt, sieben Alkoholiker, vier Junkies und zwei Fahrräder mit Kindersitz. Dann kommt er, der Höhepunkt des Abends.
Mit seinem Kinderwagen. Ein lächerlicher Anblick.
In engen Leopardenleggings und einer Jacke aus falschem Pelz.
So lächerlich, dass man erst zu lachen aufhört, wenn er hinten im
Garten bei den Mülltonnen ein Kind gefickt hat.
Aber er ist doch harmlos.
Ein Weihnachtsmann, ein Maskottchen.
Er tut nichts, lasst ihn in Frieden.
Keiner von uns ist harmlos. Einige haben nur nicht mehr die Chance, anderen zu schaden.
Dafür braucht es Vertrauen. Dafür braucht es Antrieb. Dafür braucht es Möglichkeiten.
Und so wie er jetzt da draußen rumläuft, alt und verwirrt wie ein abgehalfterter Zirkusclown, sind seine Möglichkeiten zweifellos begrenzt. Er ist ein Obdachloser mit einem Obdach, einer jener Glücklichen, die einen Platz zugewiesen bekamen, als die Stadt noch etwas zuweisen konnte. Er sammelt Müll. Manchmal ist er nur zwanzig Minuten weg, manchmal viele Stunden, das hängt davon ab, wie weit er laufen muss, um einen guten Fang zu machen. Ich habe ihn schon mit zerbeulten Vogelkäfigen gesehen, mit Gartenzwergen ohne Kopf, Sonnenschirmen, Regenschirmen, Schuhen, alten Zeitungen und ausgestopften Tieren, denen die Füllung aus dem Bauch hing. Ich habe Lust, ihm etwas nachzubrüllen, weil er so verrückt aussieht, weil es Grenzen gibt, wie verrückt man sich anstellen darf, und sogar Rennpferde erschossen werden, wenn sie sich die Beine gebrochen haben. Doch unser Zirkusclown versucht gerade, eine kaputte Kloschüssel in seinem Kinderwagen wegzuschaffen. Das weiße Porzellan ist herausgebrochen worden und an den Rändern klebt noch alter Zement. Die Klobrille fehlt und das Wasser aus dem Becken ist über die Seite des Kinderwagens gelaufen. Er verschwindet nach drinnen.
Als ich verurteilt wurde, kam es mir vor, als wäre ich gerade irgendwie aufgewacht. Ich wusste genau, was geschehen war, aber es fühlte sich an, als hätte es nichts mit mir zu tun.
Der Typ, den ich in die Mangel genommen hatte, hieß Jon. Das habe ich während des Verfahrens gehört. Er war ein paar Jahre jünger als ich. Sie wollten wissen, warum ich ihn geschlagen hätte. Ob er mich angemotzt und irgendwie herausgefordert habe. Wie meine Version des Tathergangs laute. Ich sagte ihnen, ich könne mich nicht erinnern.
Als die Polizei mich holte, lehnte ich an einem Baum und schlief. Dann saß ich mit schmerzenden Fingerknöcheln im Streifenwagen, bis ich in der Zelle weiterschlief. Gut.
Ana hatte Schluss gemacht.
Eine ganze Woche lange schmeckte ich kein Salz. Was ich auch aß, überall fehlte Salz. Total. Als würde man Watte oder Sägemehl essen. Ich trank viel, damals. Manchmal allein, dann schrie ich mich selbst an. Manchmal in der Stadt.
Sie zeigten mir Bilder von Jon. Bilder davon, was ich mit ihm gemacht hatte. Ein junger Mann mit überraschend wenig Zähnen im Gesicht und überall Blut. Während des Verfahrens redete er leise, er brachte kaum einen Laut aus seinem mit Stahldraht zusammengehaltenen Kiefer. Er sagte, dass er bis jetzt nur Suppe essen könne und dafür den Kopf in den Nacken legen und alles einschlürfen müsse. Sein Auge zuckte, wenn er mich ansah. Als ich schuldig gesprochen wurde, lächelte er mit seinen neuen, weißen Zähnen, doch als er hörte, dass ich bloß 18 Monate bekam, wurde das Zucken an seinem Auge stärker.
Ich wache früh auf, weil draußen auf dem Flur eine Tür schlägt. Liege auf dem Rücken und beobachte, wie das Licht ins Zimmer fällt, wie es die Decke erhellt, sehe die kleinen Risse, die sie wie Striche durchziehen. Das Haus muss gearbeitet haben. Ich habe das bis jetzt nicht bemerkt. Habe gedacht, dass ich auf alles geachtet hätte. Dieses Zimmer ist so klein, so unendlich winzig. Geht man hinein, fühlt es sich an, als würde man einen Mantel überstreifen. Wenn ich im Halbschlaf hier liege, kann ich seinem Gesicht kaum ausweichen. Seinem winzigen Kopf, den Augen, die sich umsehen und die meinen suchen.
Ein kleines Gesicht mit großen Augen. Die blaue Decke in der Wiege.
Und es ist fast unmöglich, nicht auch sie zu sehen.
Einen halben Schritt vor mir auf der Straße. Das Klackern ihrer
Absätze.
Sie dreht sich zu mir um. Lächelt sie? Ja, das ist ganz sicher ein Lächeln.
Ich lege die leeren Flaschen oben auf das Handtuch in meiner Sporttasche, decke sie mit der Trainingshose ab und ziehe den Reißverschluss zu. Schließe meine Zimmertür ab.
Die Wände des Flurs sind hellgrün und fleckig, auf dem Boden liegt dunkelgrüner Nadelfilz. Aus einem der anderen Zimmer höre ich einen Fernseher, lautes, künstliches Lachen.
Ich bin dicht bei der Treppe, als Tove die Tür mit dem Fuß aufdrückt. Sie sieht mich an und hustet in ihre Hand. Es ist Toves Asyl. Es gehört ihr nicht, sie verwaltet es nur. Trotzdem lässt sie keinen Zweifel daran aufkommen, wer hier das Sagen hat. Sie ist Mitte 60. Die roten Flecken auf ihrem Gesicht könnten ein kräftiges Ekzem sein, doch wer hier wohnt, weiß, dass es Krebs ist.